Ökologe Anthony Ambrose in einer Baumkrone
© Bligh Gillies 2016/Novus Select

Kronen der Schöpfung

In Kalifornien stehen jahrtausendealte Mammutbäume, so riesig, dass sich jeder Mensch winzig vorkommt – doch die Dürre bedroht die Giganten.

Die Riesen rauben den Besuchern die Sprache. Schweigend gehen die Menschen über den federnden Waldboden. Das Licht ihrer Stirnlampen fällt auf mächtige rote Säulen. Kathedralenstimmung. Jedes Wort, jedes Geräusch würde die ehrfürchtige Stille zerreißen. Ein heiliger Ort. Wendy ­Baxter blickt auf ihre handgemalte Karte, dann auf die mächtigen Baumstämme, die sich oben in der ­Dunkelheit verlieren. „Das muss er sein“, sagt sie leise und zeigt auf einen der Riesen, „Nummer 233“. Sie lässt ihren Rucksack mit dem Klettergurt vorsichtig auf den Boden gleiten.

Der „Wald der Giganten“ in Kaliforniens Sequoia-Nationalpark beherbergt die mächtigsten Bäume der Erde. Tausende Riesenmammutbäume wachsen hier, darunter der Rekordhalter, der „General Sherman Tree“, mit knapp 84 Meter Höhe und einem Stamm von rund 31 Meter Umfang der nach Volumen größte Baum der Welt. Wollten sie ihn umarmen, müssten 17 Erwachsene mit ausgestreckten Armen zusammenstehen. Um ihn herum recken sich vier weitere der zehn größten Bäume in den Himmel. Der älteste von ihnen war vermutlich schon 700 Jahre alt, als die Griechen mit dem Bau des Parthenon begannen. Hier in der Sierra Nevada stehen auf etwa 150 Quadratkilometern die letzten natürlichen Bestände des sequoiadendron giganteum.

Baumforscherin Wendy Baxter sammelt Proben in der Krone eines Mammutbaums

Wendy Baxter sammelt Proben

© Lincoln Else 2016/Novus Select

  Die anhaltende Dürre lässt Kalifornien langsam vertrocknen. Auch wenn der vergangene Winter mehr Niederschläge brachte als in den Jahren zuvor, gibt es seit fast sechs Jahren zu wenig Schnee und Regen. Gleichzeitig verbrauchen die 40 Millio­nen Kalifornier große Mengen an Wasser. Im Jahr 2016 starben im Küstenstaat nach Angaben der US-Forstbehörde 62 Millionen Bäume. Mehr als 102 Millionen Bäume sind in der seit 2011 herrschenden Dürrephase verdurstet, Millionen weitere dem Tod geweiht. Zunächst verendeten nur die Bäume in den Ebenen, die Kiefern, Tannen und Eichen, dann kroch der Tod die Berge hoch. Nun sind die Mammutbäume in 1500 bis 2200 Meter Höhe bedroht. Bäume, die Stürmen, Waldbränden und ­Krankheiten getrotzt haben, zeigen Anzeichen von Stress: braune Blätter, absterbende Zweige. Im Januar fiel ein „Tunnel Tree“ um, ein mächtiger, mehr als 2000 Jahre alter Sequoia-Baum, in den Holzfäller in den 1880er-Jahren einen Tunnel geschlagen hatten, groß und hoch genug, dass ein Mann auf einem Pferd hindurch reiten konnte.

Es ist kurz vor vier Uhr am Morgen. Vor andert­halb Stunden hat der penetrante iPhone-Klingelton die Baumforscherin Wendy Baxter, 37, und ihren Kollegen Anthony Ambrose, 49, aus den Schlafsäcken getrieben. Sie haben sich Bagels mit Frischkäse beschmiert und im Pick-up-Truck einen flott gebrauten Kaffee getrunken. Auf 2000 Meter Höhe ist es kalt. Die Wissenschaftler frösteln, als sie aus dem Truck steigen, aber nach einer halben Stunde Fußmarsch sind sie aufgewärmt. Baum 233 ist 72 Meter hoch, Durchmesser: knapp fünf Meter. „Ein kräftiger Bursche“, meint Ambrose. Vergangene Woche haben sie Dutzende Bäume ausgewählt und mit Armbrüsten Nylonschnüre über abstehende Äste geschossen, dann schwerere Schnüre hochgezogen, schließlich ihre Kletterseile in Position gebracht. Nun ist Nr. 233 „rigged“, bereit.

Die beiden Waldökologen der University of California in Berkeley untersuchen die Gesundheit der Riesenmammutbäume. Um herauszufinden, wie die Giganten mit den sich wandelnden Lebensbedingungen zurechtkommen, sammeln sie Proben. „Da müssen wir hoch“, sagt Baxter und starrt nach oben in die Dunkelheit. Man ahnt, dass sich das Schwarz des Himmels bald in ein tiefes Blau verwandeln wird. „Wir brauchen kleine Zweige von der Krone des Baums“, erklärt sie, „idealerweise eine Probe vor der Morgendämmerung, wenn die Bäume am entspanntesten sind, und eine in der Nachmittagshitze, wenn der Stoffwechsel auf Hochtouren läuft.“ Sie hakt ein paar Seilklemmen ein, in einer raupenartigen Bewegungsabfolge zieht sie sich selbst immer weiter nach oben. Bald sieht man nur noch ihr Helmlicht, nach ein paar Minuten ist auch das im Astwerk des Kolosses verschwunden.

Ökologin Wendy Baxter prüft mit einem Fernglas ein Kletterseil im Sequoia-Wald

Wendy Baxter prüft, ob auch das nächste Kletterseil sicher befestigt ist

© Marcus Yam/Los Angeles Times
Notizbuch einer Ökologin im Sequoia Nationalpark

Immer dabei: das Notizbuch

© Marcus Yam/Los Angeles Times
Der Waldökologe Nathan Stephenson entdeckte als Erster die Schäden an den Mammutbäumen

Der Waldökologe Nathan Stephenson entdeckte als Erster die Schäden an den Mammutbäumen

© Stefan Wagner
Wendy Baxter legt die Blätter für ein digitales Abbild auf einen Scanner

Wendy Baxter legt die Blätter für ein digitales Abbild auf einen Scanner

© Wendy Baxter

  Wie gigantische Strohhalme saugen die Riesenmammutbäume das Wasser aus dem Boden – Experten schätzen, dass ein einziges Exemplar bis zu drei Tonnen am Tag schaffen kann, mehr als jede andere Baumart. Über ihre Blätter geben sie die Feuchtigkeit an die Luft ab. Dieser Vorgang erzeugt Unterdruck in den Wasseradern des Baums. Je trockener die Atmosphäre ist und je weniger Grundwasser zur Verfügung steht, desto stärker wird die Spannung im Inneren des Baums. Unter Extrembedingungen kann der Wasserfluss abreißen wie ein überdehntes Gummiband. Dann bilden sich Gasblasen, welche die Kapillaren im Stamm verstopfen. Geschieht das häufiger, schließen sich die Poren der Blätter, die für den Wasser- und Gasaustausch zuständig sind. Damit verliert der Baum die Fähigkeit, Kohlendioxid aufzunehmen, eine wichtige Energiequelle. Eine Weile noch können Mammutbäume von ihren riesigen Kohlenstoffspeichern zehren. Doch bleiben die Poren zu lange verschlossen, verhungern die Pflanzen.

Anderthalb Stunden später. Baxter, nun völlig ausgepumpt, ist wieder am Boden angelangt. Sie nimmt ihren lila Helm ab, das Haar klebt verschwitzt am Kopf. Die Forscherin hat Plastikbeutel mit kleinen Zweigen mitgebracht – und eine großflächige Schürfwunde am Oberarm. Fünf Besteigungen liegen heute noch vor ihr, die Bäume 231 und 272, und natürlich noch mal Baum 233 am Nachmittag. Am Vergleich der Proben können die Forscher erkennen, wie viel „Stress“ der Wassermangel bereits verursacht hat.

„Ich mache das hier seit vier Jahren“, sagt sie, und ihre dunklen Augen blitzen, „aber es ist immer wieder eine irre Erfahrung, hochzuklettern. Wenn ich oben auf der Krone sitze, fühle ich mich jedes Mal wie eine Ameise.“ Wenn ihr Blick oben umherschweift, wirken die Mammutbäume wie riesige Ausrufezeichen, die aus dem Wald emporragen. „Man kann sie nicht verstehen, wenn man ihnen nicht aufs Dach gestiegen ist“, meint Baxter. Ursprünglich wollte sie Ärztin werden, während ihrer Collegezeit wechselte sie zur Ökologie. „Im Grunde bin ich jetzt auch eine Art Doktor“, sie grinst, „nur ist es hier ein wenig mühsamer, zur Diagnose zu kommen, als bei Menschen.“

Der älteste der Mammutbäume war wohl schon 700 Jahre alt, als das Parthenon in Athen gebaut wurde

Die Baumkolosse stehen seit Hunderttausenden von Jahren auf den Hängen der Sierra Nevada, sie gehören zu den widerstandsfähigsten Organismen der Erde. Niemand weiß, wie alt sie werden können. Das bislang älteste bekannte Exemplar war 3200 Jahre alt. Der Entdecker John Muir will im 19. Jahrhundert einen Stumpf mit 4000 Jahresringen gefunden haben. Haben Mammutbäume nach einigen Hundert Jahren ihr „Jugendalter“ erreicht, sind sie so gut wie unzerstörbar. Ihre bis zu einem Meter dicke Rinde ist weich und faserreich. Sie enthält nur wenig Harz, so kann sie über die Jahrzehnte immer wieder Waldbrände vom Inneren des Baums fernhalten. Die stark duftenden Tannine vertreiben Insekten. „Eine perfekte Konstruktion“, sagt Ambrose, „wenn sie 2000 oder 3000 Jahre alt geworden sind, müssten die eigentlich schon einige Dürreperioden überlebt haben.“

Anthony Ambrose klettert am Stamm eines Mammutbaums in die Höhe

Immer am Stamm lang: Um an die wichtigen Blattproben zu kommen, muss Anthony Ambrose Dutzende Meter in die Höhe klettern

© Marcus Yam/Los Angeles Times

  Doch genau das ist die Frage: Schädigt die herrschende Dürre die Mammutbäume mehr als alles, was zuvor geschah? Und welche Rolle spielt es, dass nur wenige Dutzend Kilometer westlich der Sequoia-Wälder das Central Valley liegt, die Gegend mit der schlimmsten Luftverschmutzung der USA, einem fatalen Gemisch aus Smog, dem Rauch von Waldbränden, aus Abgasen und Staub, aufgewirbelt durch intensive landwirtschaftliche Nutzung?

Später am Nachmittag stößt Nathan Stephenson zu den Kletterern. Der bärtige 60-jährige Waldökologe und Sequoia-Spezialist lebt seit 37 Jahren im Ort Three Rivers am Rande des Nationalparks. Er trägt grüne Hose, grünes Hemd, grüne Jacke, dazu eine grüne Baseballmütze. Er hat vor drei Jahren den Mammutbaum-Alarm ausgelöst. Er war im Giant Forest auf Händen und Knien herumgekrochen, um die Auswirkungen der Dürre auf die zentimetergroßen Jungpflanzen zu untersuchen, als er kurz nach oben blickte. „Ich konnte nicht glauben, was ich da sah: ein ausgewachsener Mammutbaum mit braunen Blättern. Dann fand ich noch einen anderen Sequoia-Baum, dessen Äste nah am Boden waren, tote Blätter rieselten herab.“ So etwas hatte er in mehr als 30 Jahren Baumforschung noch nicht gesehen.

Seine Fragen: War das die Dürre? Und: Was steht uns noch bevor, wenn diese Dürre eine Art ­Generalprobe für den globalen Klimawandel ist? Nachdem er noch Dutzende vertrocknende Mammutbäume gefunden hatte, informierte Nate Stephenson die Behörden. Schließlich sind die Sequoias auch ein Symbolbaum für die USA: groß, stark, einzigartig – und vermeintlich unzerstörbar. Eilig wurden Forscher abgestellt, um zu untersuchen, ob und wie sehr die Trockenheit die resistenten Riesen stresst. Mit einem Spezialflugzeug wurde die Struktur der Wälder und die Lichtreflexion der Blätter vermessen. In ihren Labors verknüpfen Baxter und Ambrose die Daten ihrer eigenen Messungen mit den Informationen aus der Luft. „Für das menschliche Auge sieht von oben betrachtet alles grün und gesund aus“, berichtet Baxter. Doch die Spektrometer, die den Wassergehalt der Baumkronen messen, zeichnen ein anderes Bild. Die Aufnahmen zeigen riesige rote, also trockene Bereiche. „Bei vielen Wäldern erkennen wir nur noch nicht, dass sie tot sind“, meint Baxter. Zum Glück zeigen die Bilder die meisten Sequoia-Haine in beruhigendem Blau. „Sie haben genug Wasser.“ Baxter macht eine Pause. „Noch!“

Eine Handvoll Touristen hat sich am Baum versammelt. Misstrauisch beäugen sie die beiden wüsten Gestalten: Baxter und Ambrose sehen aus, als lebten sie seit Wochen in der Wildnis. An Ambroses Kleidern kleben Rindenstücke, dazu kommen Kratzer im Gesicht und ausgedehnte Schweißflecken. Baxters Gesicht und Oberkörper sind bedeckt mit Kohlespuren von einem verbrannten Stamm, an dem sie vorbeigeschrammt ist. „Ich sehe aus wie ein Dalmatiner“, lacht sie. Eine Touristin will die Polizei anrufen, um die „Funsportler“ zu melden, die da an den Bäumen herumkraxeln – kein Handyempfang. Stephenson wimmelt die Besucher ab, bittet sie, Abstand von den Kletterbäumen zu halten – es könnten Äste brechen und auf den Boden stürzen. Er erzählt von einem fallenden Zapfen, der einem Auto die Windschutzscheibe zerschmettert hat. Das wirkt. Zweifelnde Blicke nach oben, ein paar schnelle Smartphone-Bilder, weg sind sie.

Giganten ihrer Art

Der höchste Riesenmammutbaum im Vergleich

  „Wir wissen so wenig über die Sequoias“, seufzt Stephenson, der Mann, der die Bäume seit Jahrzehnten studiert, „wir wissen mehr über die Tiefsee als über sie.“ Seine Finger spielen mit einem Mammutbaumzapfen. „Das hier ist die Krönung der Pflanzenwelt – und wir kratzen nur an der Oberfläche.“ Jahrzehntelang flossen Forschungsgelder in Projekte, die sich mit den Folgen von Waldbränden auf die Baumriesen untersuchten. Doch jetzt geht es darum, ob Dürre und Klimawandel die Riesen existenziell bedrohen. Die Analyse der hölzernen Giganten ist schwierig, schon ihrer schieren Größe wegen. „Wir wissen nicht, wie tief die Wurzeln dieser Bäume reichen“, sagt Stephenson, streicht sich durch den grauen Bart und sagt mit breitem Grinsen: „Sie können ja keinen Baum ausgraben, um das zu untersuchen … viel Glück beim Buddeln!“ Fragen über Fragen: Gibt es einen tipping point für die Bäume, an dem der Hitzestress zu hoch wird und sie tötet? Werden in einer wärmeren Zukunft Krankheiten oder Insekten die Abwehrsysteme der Bäume leichter überwinden? Und vor allem: Wie ­lassen sich die Bäume schützen?

Ambrose sitzt auf dem Waldboden, der die tagsüber gespeicherte Sonnenwärme abstrahlt. Erschöpft stopft er sich Energieriegel mit Erdnussbutter und Schokolade in den Mund, dazu nimmt er große Schlucke aus der Wasserflasche. Stephenson und ein paar Helfer sammeln die in luftdichte Behälter verpackten Zweige ein. Es ist der letzte Baum für heute. Baxter ist noch oben auf der Baumspitze. Es ist spät geworden, wieder mal, am Boden wird es schon dämmrig, 30 Meter darüber glüht der rote Stamm in den Strahlen der untergehenden Sonne. „Alles okay?“, fragt Ambrose ins Walkie-Talkie. Er tritt zurück, legt den Kopf in den Nacken und sieht hoch. Lange Pause. Das Funkgerät krächzt. „Ja. Es ist nur …“ Ambrose weiß nicht, was los ist da oben. „Es ist nur … was?“, fragt er. Lange Pause. „Ach, nichts“, kommt es zurück, „es ist nur so unglaublich schön.“ Ambrose rollt mit den Augen, dann wird er ernst. „Ich weiß, was du meinst“, antwortet er leise.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.