LHE: zugefrorener Assiniboine River
© Ackerman + Gruber

Spaß im Gefrierschrank

  • TEXT MARCO TRIPMAKER
  • FOTOS ACKERMAN + GRUBER

Auf bis zu minus 40 Grad sinken die Temperaturen im kanadischen Winnipeg, meterhoch türmt sich der Schnee. Doch die Bewohner jammern nicht, ganz im Gegenteil – sie lieben den Winter.

Mitten in der flachen Einöde türmt sich das Monstrum auf: 20 Fußballfelder groß, 25 Meter hoch – ein weiß-braun-grauer Berg aus Eis und Schnee. Was der Winterhimmel über der kanadischen Stadt Winnipeg ausschüttet, hier wird es gesammelt. Die Sommer können heiß werden in Winnipeg, aber die eisigen Stürme, die über die Prärie der Provinz Manitoba fegen, macht die 700 000-Einwohner-Metropole in den dunklen Monaten zu einer der kältesten Großstädte der Welt: Auf bis zu minus 40 Grad sinken die Temperaturen. Damit der Verkehr nicht zusammenbricht, wird von November bis März gebaggert, gekehrt und freigeschaufelt. Hunderttausende Lastwagenladungen Schnee werden jährlich zu den drei gigantischen Halden vor der Stadt gekarrt.

„Nehmen Sie am besten ein Taxi“, hat die Rezep­tionistin des Fort Garry geraten, einem Grand­hotel mitten in Downtown Winnipeg. Ihren Rat begleitete ein skeptischer Blick, nach dem Weg zum Snow Dump wird sie nicht oft gefragt. „Und bitten Sie den Fahrer zu warten! Sonst kommen Sie da nicht lebend wieder weg.“ Ich lasse mich vom Taxifahrer vier Kilo­meter vor der Stadt an der Schneehalde absetzen, einem Ungetüm aus Dreck, Schnee und Eis. Sofort bereue ich meinen Leichtsinn. Fußgänger sehe ich hier nicht. In einiger Entfernung brettern Lastwagen heran und kippen frische Fracht ab, ein kleines Raupenfahrzeug erklimmt den Berg, um ihn hier und da in Form zu schieben.

Auf den Snow Dumps, den Halden außerhalb von Winnipeg, laden Lastwagen die Schneemassen ab

Auf den Snow Dumps, den Halden außerhalb von Winnipeg, laden Lastwagen die Schneemassen ab

© Ackerman + Gruner

  Es ist ein milder Tag heute, und doch kriecht die Kälte durch drei Schichten Kleidung, im Gesicht tut sie einfach nur weh. Der Wind, der über die Ebene rund um die Schneehalde pfeift, lässt die Augen tränen und die Hände in den Handschuhen steif werden. Ein milder Tag, das bedeutet im winterlichen Winnipeg immer noch minus 20 Grad. Es ist kälter als in einem Gefrierschrank. Ich würde mich nicht wundern, tauchte gleich ein Eisbär im Schneegestöber auf. Stattdessen fährt ein Kleinwagen vor, ihm entsteigt meine Verabredung – und auch meine Rettung. Jim Berezowsky lässt die Scheibe herunter. „Was turnen Sie da in der Kälte herum? Kommen Sie ins Warme!“ Selten habe ich mich so über ein gut geheiztes Auto gefreut.

Berezowsky ist Straßenmanager von Beruf. Wenn jemand etwas von Schnee und Eis versteht, dann dieser Mann: 52 Jahre alt, kräftig, braun gebrannt, Igelfrisur. Man sieht ihm an, dass er die meiste Zeit im Freien verbringt. Nicht nur in Winnipeg, auch in Montreal und Toronto wurden Straßenmanager wie Berezowsky angestellt, um das Schneeräumen professionell zu organisieren. Erklärtes Ziel ist, dass auch bei einem Meter Neuschnee über Nacht die wichtigsten Strecken am nächsten Tag wieder frei sind. Bis zu tausend Helfer sind dann gleichzeitig im Einsatz, um mit schwerem Gerät die Straßen, Parkplätze und Einfahrten zu räumen.

„Dieses Jahr haben wir nicht viel zu tun“, sagt er, „vor vier Jahren war unser Schneeberg 40 Meter hoch – der war im August immer noch nicht weggetaut.“ In solch harten Wintern streuen Berezowsky und seine Leute über 100 000 Tonnen Salz und Sand. Bis zu 60 Millionen Dollar kostet das die Stadt pro Saison. Dazu kommen Frostschäden an Straßen, Brücken, Plätzen, die immer wieder repariert werden müssen. Der Winter made in Winnipeg macht Arbeit, kostet Geld, versperrt die Straßen. Monatelang. Autobatterien müssen am Stromnetz warm gehalten werden, damit sie wieder anspringen. Viele Parkplätze sind deshalb mit Stromanschlüssen ausgestattet, Bushaltestellen müssen beheizt werden, damit überhaupt jemand bereit ist, auf einen Bus zu warten.

YWG

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Schnee ist unsere Leidenschaft

Jim Berezowsky, Straßenmanager

Ziemlich frustrierende Zeit, der Winter, oder? „Wieso das denn?“, fragt Berezowsky zurück, er meint es wirklich ernst. Dann erzählt er von seinem Hobby, Eishockey. „Die Leute hier lieben die kalte Jahreszeit, und sie sind begeistert, wie gut unsere Schneeräumung funktioniert – Schnee ist unsere Leidenschaft“, sagt er schmunzelnd. Die Bewohner Winnipegs sind bestens auf Schneestürme vorbereitet: In jedem Kofferraum liegen Schaufel, Besen und Streusalz bereit. Outdoor-Shops ver­kaufen Thermo­stiefel und Handschuhe, die auch noch bei minus 50 Grad wärmen sollen.

Stilecht: Familie Reese, zu ­Besuch aus Ontario

Stilecht: Familie Reese, zu ­Besuch aus Ontario

© Ackerman + Gruner
Radler auf extrabreiten Reifen

Radler auf extrabreiten Reifen

© Ackerman + Gruner
Schau-Tipi im Südwesten der Stadt

Schau-Tipi im Südwesten der Stadt

© Ackerman + Gruner
Eishockeyspieler im Stadtteil The Forks

Eishockeyspieler im Stadtteil The Forks

© Ackerman + Gruner

  Ein Volk, das den Winter über alles liebt? Mal Skifahren in den Alpen, okay. Und Schlittschuhlaufen fand ich als Kind großartig. Aber vier Monate eingefroren und eingeschneit sein – und es auch noch gut finden? Nicht nur ich habe lange, dunkle Winter bisher eher mit negativen Gefühlen in Verbindung gebracht. „SAD“ kürzen Psychologen den wissenschaftlich verbrieften Winterblues ab, „Seasonal Affective Disorder“. Im Winter steigt die Zahl der depressiven Erkrankungen, im Blut fehlen Serotonin und Melatonin, viele Menschen werden müde und antriebslos. Wie passt das zu Berezowskys Winter­euphorie? Es kommt eben drauf an, was man draus macht, sagen – etwas vereinfacht – die Psychologen: rausgehen, Freunde treffen, Sport treiben. So übersteht man den Winter nicht nur unbeschadet, so kann man ihn sich sogar zum Freund machen.

In Winnipeg haben sie das Anti-Depressions-Programm verinnerlicht wie sonst nirgendwo. Kilometerlang ziehen sich die zugefrorenen Flussläufe durch die Stadt, am Morgen gleichen sie Rennstrecken. In Mützen, Schals und Handschuhe eingepackt gleiten die Menschen erstaunlich elegant auf Schlittschuhen zur Arbeit. „Etwas Schöneres gibt’s doch gar nicht“, sagt Elizabeth Shearer, eine junge Umweltschützerin, „so kommt man morgens gleich in Bewegung.“ Die Spuren hält ein städtischer Eismeister in Schuss, während sich am Ufer 30 Zentimeter dicke Schollen auftürmen. Manche Firmen in Winnipeg haben eigene Umkleideräume, in denen Schlittschuhe, Schneemasken und eingeschneite Mäntel den Arbeitstag über abtropfen und trocknen können. Wer nicht auf dem Weg ist oder arbeitet, scheint Eishockey zu spielen. Nahezu jeder Hinterhof in Winnipeg ist für den Nationalsport präpariert, dazu unzählige Felder auf dem zugefrorenen Red ­River, dem Hauptfluss der Stadt.

Mag es kalt: ein Karibu im Assiniboine Park Zoo

Mag es kalt: ein Karibu im Assiniboine Park Zoo

© Ackerman + Gruner
Aufwärmprogramm: eine von 15 beheizten Hütten auf dem Red River; jede Hütte sieht anders aus, alljährlich wird die schönste prämiert

Aufwärmprogramm: eine von 15 beheizten Hütten auf dem Red River; jede Hütte sieht anders aus, alljährlich wird die schönste prämiert

© Ackerman + Gruner

  Den überzeugendsten Beweis für die Winterliebe der Bürger Winnipegs erhalte ich in der folgenden Nacht, als Rauch in den klaren, dunklen Himmel aufsteigt und die Luft über dem Fluss nach Wachs und Petroleum zu riechen beginnt. Das zehntägige Festival du Voyageur hat begonnen, das alljährliche „Fest des Reisenden“, eines der größten Winterspektakel Kanadas. Es erinnert an indigene Stämme wie die Cree und die Assiniboine, die noch vor 200 Jahren am Zusammenfluss von Assiniboine und Red River siedelten, unweit der Stelle, wo heute der Hauptbahnhof steht. Die Stammesgebiete der Indigenen reichten weit in das Gebiet der heutigen USA hinein. Mit Kanus gingen die Männer auf die Jagd. Sie brachten Biber-, Bisam- und Fuchsfelle mit, die sie an europäische Händler verkauften.

Vor dem futuristischen Bau des Museum of Human Rights haben sich Vertreter der indigenen Stämme Manitobas versammelt, nun beginnt ihre Prozession. Mit Fackeln in den Händen überqueren sie die Fußgängerbrücke Esplanade Riel, die den Red River überspannt und zum französisch geprägten Stadtteil Saint-Boniface führt. Dort treffen sie auf Männer in Flanellkaro, die mit Motorsägen aus dicken Baumstämmen verblüffend filigrane Holzskulpturen sägen, gern auch in Bärenform. Andere sind damit beschäftigt, aus einem Haufen Schnee ein riesiges Kanu zu formen. Ein paar Meter weiter sind echte Profis am Werk, die Eisschnitzer Damon Dowback und Walter Kuch. Sie kommen aus dem benachbarten Ontario, reisen von Winterfest zu Winterfest, schnitzen Skulpturen und nehmen an Wettbewerben teil. „Zu warm“, grummelt Dowback, kneift die Augen zusammen, schaut zur Sonne. Dann fährt er fort, mit einem Beitel an einem zwei Meter hohen glitzernden Eisblock herumzukratzen. „The Musi­cians“ heißt das Gemeinschaftswerk. Wenn es fertig ist, wird es ein Duo samt Instrumenten zeigen.

Diese Wärmehütte in The Forks trägt den Namen „The Lantern“

Hoffnungsvolles Leuchten in dunkler Nacht: Diese Wärmehütte in The Forks trägt den Namen „The Lantern“

© Ackerman + Gruber

  Zur Stärkung gibt es Erbsensuppe und Bisonfleisch im Brötchen. Jemand drückt mir einen Becher mit Caribou in die Hand, ein fürchterlich süßer Mix aus Rotwein, Whisky und Ahornsirup. Es ist das winterliche Nationalgetränk, wie ich noch erfahre, bevor mir die Mischung aus Zucker und Alkohol unmittelbar in den Kopf schießt. Später lande ich in einem der Festzelte, die Böden sind mit Heu ausgelegt. Es läuft Countrymusik, die Leute tanzen, bis die Brillen beschlagen. Der Winter, er kann ganz schön heiß werden in Winnipeg.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.