Tätowiermeister Ajarn Neng weiht eine Anwärterin mit Wasser
© Cedric Arnold

Heilige Tinte

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS CEDRIC ARNOLD

Vom Freibad bis zum Fußballstadion: Im Westen sind Tattoos Populärkultur. Anders in Thailand: Ein Sak Yant ist ein Kunstwerk, das nur wahre Meister stechen können – und für das ihre Jünger jeden Schmerz in Kauf nehmen.

Es geht in dieser Geschichte um heilige Tattoos, aber sie beginnt wie ein schlechter Witz: Sitzen zwei Deutsche, ein Franzose und ein japanischer Teenie unter einem Wellblechdach … Phatthanaphon Village, ein Viertel im Osten Bangkoks. Staubige Straßen, Garküchen, kläffende Streuner. Die vier Ausländer warten im Wirbel eines Ventilators darauf, ins Haus gelassen zu werden. Sie warten auf die Schmerzen, sie warten auf das Glück. Aber Ajarn Neng hat keine Eile.

Ajarn Neng heißt der Tätowierer hinter der Tür, wobei Ajarn kein Name ist, sondern ein Titel, eine Ehrenwürde, die Lehrer oder Meister bedeutet. Ein Meister legt seinen Nachnamen ab, als Herrscher über Nadel und Tinte braucht er ihn nicht mehr. Ajarn Neng trägt Feinripp über Pluderhose, Mister-Miyagi-Bart, Brille. Der Raum ist bis unter die Decke mit Büsten und Buddhastatuen zugestapelt. Die Klimaanlage kämpft gegen die Räucherstäbchen. In einem Käfig döst ein Kakadu. Der Meister deutet auf den Boden, man möge sich setzen. Die Helfer rufen den japanischen Jungen. Der hat Angst, man sieht es in seinen Augen. Noch ahne ich nicht, dass es mir am Ende dieser Geschichte ebenso gehen wird.

Ein Tätowiermeister arbeitet an dem Sak Yant auf dem Rücken eines Mannes

Die Körperkunst soll vor Unglück und bösen Geistern schützen

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Blumen und Räucherstäbchen als heilige Gabe an einen Sak Yant Meister

Bevor es losgeht, wird ihm eine Gabe erbracht

© Cedric Arnold
Assistenten eines Sak Yant Meisters halten einen jungen Mann, der tätowiert wird

Mehrere Assistenten unterstützen den Meister bei der Arbeit

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BKK

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  Sak Yant, heilige Tattoos, werden in Südostasien seit Jahrhunderten gestochen. Es wird vermutet, dass sie um 200 bis 400 nach Christus durch den Seehandel zwischen Indien und China aufkamen. Die Krieger des Khmerischen Imperiums sollen tätowiert gewesen sein, um im Kampf gegen Cham und Siamesen zu bestehen. Bis heute hat der Glaube, dass Yants vor Krankheit, Unglück oder Tod schützen, nichts von seiner Kraft verloren – nicht in Singapur, Kambodscha, Laos, erst recht nicht in Thailand. Während sich Tattoos im Westen über die Sub- und die Populärkultur zum Massenphänomen entwickelt haben und heute von Profifußballern armfüllend ausgestellt werden, ist die Kunst des Tätowierens in Thailand mystisch geblieben, aufgeladen mit Geschichte und Glaube. Wer darauf achtet, sieht die Yants überall. Auf dem Dach der Taxis, die sie schützen sollen, und in den Praxen der Ärzte, die die Kräfte für ihre Medizin nutzen wollen. Zwar ist auch Thailand globalisiert worden, doch im Kern ist das Land tief traditionell geblieben. Politiker beauftragen Okkultisten, Nebenbuhler verwünschen zu lassen, Militärs ziehen Wahrsager zurate, Geschäftsleute tragen heilige Amulette um den Hals oder wenigstens in der Anzuginnentasche. Je schneller sich Thailand entwickelt, desto stärker scheint die Macht der Yants. Sie sind ein Anker im Chaos des Fortschritts. Deshalb wird auch ein kleines Studio wie das von Ajarn Neng belagert.

Sammlung an mystischen Masken, die von den Tattoomeistern getragen werden

Will der Meister die durch ihn fließende Kraft verstärken, trägt er eine Maske

© Cedric Arnold

  Der Meister greift nach dem Khem Sak, einem Metallstab, und setzt eine neue Nadel ein. Der Stab ist einen halben Meter lang. Das hintere Ende ruht auf der Schulter des Meisters. Der Teenager kauert vor ihm, den Oberkörper frei, die Arme gefaltet, ein Kissen unterm Kinn. Die Helfer haben seinen Rücken gesalbt, nachdem er bezahlt hat – 8200 Baht, umgerechnet etwa 210 Euro, für ein Yant Sua, ein Tiger-Tattoo, in diesem Fall zwei Raubkatzen, die mit gestreckten Klauen springend einen Kreis bilden. In den Yants vermengen sich Natur und Kultur, Sage und Gebet, Aberglaube und Geschichte, weltliche Wünsche und Religion. Auf der Haut werden Elemente von Buddhismus, Hinduismus, Brahmanismus und Animismus miteinander kombiniert. Verse aus dem Ramayana, der wichtigsten Epik der Hindus, in der alten Schrift der Khmer wiedergegeben. Die Helfer spannen die Haut am Rücken des jungen Japaners. Widerstandslos fährt die Nadel hinein, einige Millimeter tief, taucht wieder auf, hoch und runter in atemraubendem Rhythmus, präzise wie eine Maschine, aber von Hand geführt. Der Junge stöhnt. Wie groß sind seine Schmerzen? Will ich das wirklich wissen? Ajarn Neng führt den Stab zwischen Zeigefinger und Daumen. Es sieht aus, als würde er versuchen, eine Ameise zu erlegen. Sechs Stiche in der Sekunde, 360 Stiche pro Minute.

Bevor Neng zum Ajarn wurde, war er von Beruf Möbeldesigner. Er ließ sich Tattoos machen, erst eins, dann zwei, er wollte auffallen und wurde süchtig. „Ich erkannte, dass ich dazu bestimmt bin, selbst Yants zu stechen. Ich wollte mein altes Leben loswerden“, erzählt er und schmaucht dabei eine gebogene Pfeife. Er ging bei vielen Meistern in die Lehre, bis er selbst einer wurde. Es gibt auf diesem Weg keine Abkürzung. Man muss sich würdig erweisen, denn die Verantwortung ist groß. Die Tätowierung für sich allein ist nur ein Bild aus Tinte, das noch keinen Zauber birgt. Der wird erst durch die Einflüsterungen des Meisters aktiviert. Ajarns sind Seher, die sich mit der Seele des Menschen verbinden. Sie lesen darin wie in einem Buch. Der Japaner wimmert mittlerweile. „Umarme den Schmerz. Das Leben ist auch schmerzhaft. Also ist Sak Yant wie das Leben“, murmelt Neng aus einer Kräuterwolke.

Über dem Treiben wacht die Statue von Luang Pho Pern

Über dem Treiben wacht die Statue von Luang Pho Pern, dem Abt...

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Dunkelgelber Stoff auf dem Wai Khru Festival

... der Wat Bang Phra einst zur Pilgerstätte für Sak Yant machte

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Publikum auf dem Wai Khru Festival beobachtet einen tätowierten Mann in Trance

Auf dem Wai Khru, dem Festival zu Ehren der Meister laden viele Menschen ihre Tätowierungen wieder auf

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Mann in Trance auf dem Wai Khru, dem Festival zu Ehren der Meister

Etliche fallen dabei in Trance

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Männer auf dem Wai Khru, dem Festival zu Ehren der Meister

Wer heilige Tattoos trägt, muss die fünf Sittlichkeitsregeln des Buddhismus befolgen...

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Männlicher Oberkörper über und über bedeckt mit heiligen Tattoos

... nicht töten, nicht stehlen, kein sexuelles Fehlverhalten, nicht lügen, keine Drogen

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  Es gibt in Thailand Tausende dieser Straßenstudios. Sie werden auch von Touristen frequentiert, von Backpackern, Hippies, Souvenirjägern. Bisweilen erregt das Unmut im Land. Thailands ehemaliger Kulturminister Niphit Intharasombat hat kritisiert, viele Ausländer sähen die Yants nur als Mode, das untergrabe den Respekt vor der Religion. Er befürchtet eine Verwässerung der Tradition, westliche Zustände. Will man nicht in diese Falle tappen, muss man raus aus Bangkok, in die Provinz Nakhon Pathom, eine Autostunde entfernt.

Der Wat Bang Phra ist von allen Tempeln in Thailand einer der berühmtesten, weil seine Mönche jeden Tag unzählige Yants stechen. Wir sprechen beim Abt vor und bekommen die Erlaubnis, uns auf dem riesigen Gelände umzutun. Kleine Zimmer, Neonlicht, lange Flure, überall murmelnde Mönche in Kutten, die Köpfe geschoren, in der Hand die Nadel und vor sich die Anwärter. Ein Wimmelbild.

Jedes Jahr im März findet hier Wai Khru statt, das Fest zu Ehren der Lehrer, bei dem die Tätowierten ihre Yants mit Kraft wieder aufladen. Sie pilgern aus dem ganzen Land hierher, füllen den Platz, die Sonne sticht vom Himmel. Von einer Bühne herab segnen Mönche die Massen, Helfer schießen mit Schläuchen geweihtes Wasser auf die Leiber. Viele Menschen fallen in Trance. Ihre Yants, heißt es, übernehmen die Kontrolle über sie. Man hört sie bellen, knurren, nach Luft schnappen: junge Burschen mit Schaum vor dem Mund. Greise, die sich am Boden wälzen, die Augäpfel nach innen verdreht. Männer, die schreiend Richtung Bühne rennen und von drei, vier Polizisten gehalten werden müssen. Wer Wai Khru einmal besucht hat, vergisst das nie.

Aber ein Mensch in Trance ist auch heute zu beobachten. Der 29-jährige Mit, Mechaniker aus dem Speckgürtel der Hauptstadt, sitzt vor Ajarn Tinnawaro. Seit zwei Jahren wird Mit nur von ihm tätowiert. Das ist so üblich. Man vertraut sich einem Lehrer an und bleibt mit ihm über die Yants untrennbar verbunden. Erst nach dem Tod des Ajarn darf man zu einem anderen Meister wechseln. Mit wirft seine Gaben in eine Schale – 50 Baht in Scheinen, eine Orchidee, eine Packung Kräuterzigaretten, Marke Sai Phon. Fast alle Mönche in Wat Bang Phra rauchen Menthol. Ajarn Tinnawaro zeichnet das Yant vor und salbt Mits Brust. Dann führt er die Nadel ins Fleisch, drei Stunden lang. Mit macht keinen Mucks, doch ganz am Ende passiert es: Der Ajarn beschwört Man­tren, die beiden Männer sitzen sich Stirn an Stirn gegenüber, als Mits Atem immer schneller geht und ein Zittern seinen Körper durchfährt. Er beißt sich die Lippe blutig, spuckt Luft, spreizt den linken Arm wie im Krampf ab, sein Kopf fliegt hin und her. Die Helfer stemmen sich gegen ihn, können ihn aber kaum bändigen. Mit ist woanders, an einem Ort, den wir nicht kennen. Es ist Khong khuen, der Zustand der Erweckung, wenn die Yants durch das Fleisch pulsieren. Als Ajarn Tinnawaro dreimal auf das Bild pustet und das Mantra damit in Mits Körper haucht, erwacht der junge Mann, als wäre nichts geschehen. Woran kann er sich erinnern? Was hat er gesehen?

Schweiß steht auf Mits Stirn. „Ich weiß es nicht mehr, und gleichzeitig weiß ich es doch. Mein Herz raste, ich hatte Schmerzen, die von einer großen Kraft weggeschoben wurden. Dann war das Licht, und dann wurde alles schwarz.“ Seine Brust bebt. Kein Tropfen Blut ist daran. Humbug, denkt der Westler in mir. Wahnsinn, sagt der Reporter.

Amulettmarkt in Bangkok

Zentren des Mystischen: Amulettmarkt in Bangkok

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Wat Bang Phra, der heilige Tempel der Sak-Yant-Mönche

Wat Bang Phra, der heilige Tempel der Sak-Yant-Mönche

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  Die Geschichte springt ein letztes Mal – diesmal an den Chao Phraya, den Fluss der Könige, der mitten durch Bangkok fließt. Das Siam ist ein Luxushotel am Ufer, hier buchen reiche Thais und Touristen, die ihren Urlaub unter einer Fangoschlammmaske verbringen. Stille auf Marmor, ein Ober bringt Limonade. Treppab hängen Masken an der Wand, hier geht es zum Reich von Ajarn Boo. Das Siam beschäftigt einen eigenen Sak-Yant-Meister, und auch darin drückt sich aus, wie tief Sak Yant die thailändische Gesellschaft durchdringt. Ajarn Boo war 19, als einer seiner Onkel starb, den der junge Mann sehr liebte. Er wusste nicht, wohin mit seinen Tränen, und ging in den Tempel, wie es viele Thais tun, wenn sie Trost suchen. Boo durfte in Wat Bang Phra für einen Ajarn die Schablonen vorbereiten. Jeden Tag beobachtete er den Meister durch die angelehnte Tür. Schließlich hatte Boo seine Trauer überwunden, im Tempel blieb er trotzdem. Und irgendwann habe er gewusst, wie man ein Yant sticht, ohne je eine Nadel in der Hand gehabt zu haben.

Stellt man sich diese Geschichte als Tattoo vor, nähern wir uns nun dessen Vollendung. Es fehlen nur die letzten ­Stiche. Sie werden mehr schmerzen als alle vorherigen – denn sie gelten mir, dem Reporter. Vorhin im Hof hat Ajarn Boo erklärt, dass er keinen Kunden mehr habe, ein Termin sei abgesagt worden. Er könne aber jemanden von uns stechen. Ich erinnere, wie der Fahrer zurückweicht, der Übersetzer lacht, der Fotograf schweigt. Ich erinnere, dass ich die Hand hebe. Neugierde? Leichtsinn? Ich bin nicht gläubig, nicht spirituell. Ich glaubte aber, Sak Yant selbst erfahren zu müssen, um es zu verstehen. Zuschauen ­genügt nicht mehr. Und so hocke ich – den Oberkörper entblößt, die Arme gefaltet, ein Kissen unterm Kinn – vor Ajarn Boo. Ich werde nicht schreien. Der Meister will mir Gao Yord stechen, die neun Spitzen, die den Berg Meru zeigen, die Mitte des Universums in der buddhistischen Kosmologie. Zuvor habe ich am Schrein gehuldigt. Ich habe eine Gabe niedergelegt, die mir, weil ich unvorbereitet gekommen war, vom Hotel gestellt wurde. Umarme den Schmerz. Lass dich fallen. Fang bloß nicht zu weinen an. Ich zittere. Ajarn Boo beugt sich zu mir.

Fürchtest du dich?
Nein, lüge ich. Ich huste.
Gut, flüstert er. Furcht gehört dazu.
Dann setzt er die Nadel an.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.