Ein Tourist stärkt sich mit Whisky
© Sascha Montag

Pol der Extreme

  • TEXT TIM CAPPELMANN
  • FOTOS SASCHA MONTAG

Jedes Frühjahr überrennen zahlungskräftige Touristen ein russisches Forschungscamp am Nordpol – dann dreht sich alles um ­Rekorde, Abenteuer und Selfies im Eis.

Der Fotograf Montag und ich treiben auf einer Eisscholle über das Polarmeer und machen die nächste Dose russisches Bier auf. Die vierte, die ­fünfte? Wir haben aufgehört zu zählen, gehören aber immer noch zu den Nüchterneren hier, zumindest gefühlt. Die meisten anderen trinken ­Champagner, den guten von Bollinger, oder sehr alten und sehr teuren Scotch oder einfach nur sehr teuren ­Cognac. Im beheizten Kantinenzelt mieft es nach Schweiß, was an den 50 Marathonläufern liegt, die sich alle dort ­hineingequetscht haben und nun ihren Zieleinlauf feiern und kiloweise Gummibärchen essen und sich gegenseitig erzählen, wie schwer es war. Spaßeshalber bin ich vorhin mal zehn Kilometer mitgelaufen, und ja, es war schwer, weil Laufen immer anstrengend ist, vor allem in Winterstiefeln und auf Schnee. Aber abgesehen davon war die Luft erfrischend kühl und klar, und wer mal an einem ­sonnigen Sonntagnachmittag an der Hamburger Alster joggen war, weiß, was wirklich schwer ist – nämlich Spaziergängern in Viererreihen auszuweichen, ohne mit Rennrädern zu kollidieren.

Wir sitzen am 89. Breitengrad, in der Arktisstation Camp Barneo. Der letzte Außenposten der Zivilisation. Rund 100 Kilometer weiter liegt der Nordpol, die Spitze der Welt. Dutzende Generatio­nen und unzählige Expeditionen vor uns haben sich schon dorthin gesehnt. Abenteurer, Forscher. Der Amerikaner Robert Edwin Peary will zuerst am Pol gewesen sein, im Jahr 1909, Frederick Cook angeblich sogar ein Jahr früher. Der Wettlauf wird heute in Form des North Pole Marathon ausgetragen, jedes Jahr im April. Eine der entlegensten und lebensfeindlichsten Regionen unseres Planeten ist mittlerweile zugänglich für jeden. Auch für uns. Reiseveranstalter wie der russische Special ­Travel Club bringen einen hin und zurück, in bloß drei ­Tagen, wenn das Wetter mitspielt, ab 16 900 Euro. Schnell noch eine Evakuierungs-Police unterschrieben, dann geht es von Hamburg über Kopenhagen, ­­Oslo und Longyearbyen ins Camp Barneo.

Ein Transportflieger am Nordpol

Unerlässlich bei jeder Expedition zum Pol: Transportflieger ...

© Sascha Montag
Stromgeneratoren am Pol

... und Stromgeneratoren

© Sascha Montag

  Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, die Sonne geht nie unter, es ist immer hell. Die Uhren ticken nach Moskauer Zeit, um uns herum gibt es nichts außer Eisbären und Eiswüste. Doch der einzige Eisbär, den wir gesehen haben, stand über dem Eingang vom Supermarkt in Longyearbyen auf Spitzbergen und war eindeutig ausgestopft. Ich glaube auch nicht, dass sich ein Eisbär dem Camp freiwillig nähern würde. Das erzählen sie den Besuchern gern. Wahrscheinlich nur, damit man das Camp nicht verlässt und in eine Eisspalte rutscht. Eisspalten sind viel gefährlicher als Eisbären.

Beeindruckender ist da schon der Arzt der Polstation. Er heißt Stanislav Boyarsky, hat doppelt so große Hände wie ich und einen Bauch, den er vor sich auf die Tischplatte legen kann. Boyarsky hat immer eine Thermoskanne mit selbstgebrühtem Tee dabei, „with lots of fire vodka“, er bietet mir sofort einen Becher an. Er stammt aus einer berühmten russischen Polarforscher-Familie und ist schon seit den Anfängen 2002 Arzt im Camp Barneo. Wenn er nicht am Nordpol ist, näht er als Chirurg in einer Klinik in einem St. Petersburger Vorort Motorradunfallopfer zusammen. Wenn man mit ihm ­redet, ist er sehr nett, sanft s­ogar. Und seine einzige Behandlung, die ich sah, verlief gut: Er klebte ein Pflaster auf die Blase von einem Marathonläuferfuß.

Draußen frieren sich drei Wissenschaftler bei dem Versuch, ein Loch ins Eis zu bohren, die Hände ab. Das Loch sei wichtig für die Klimaforschung, erklären sie. Sie wollen eine Sonde hinablassen, um unterm Eis den Salzgehalt, die Strömung und die Temperatur zu messen. Auf einem Schneehügel daneben posiert Diana, in Bikini und Fellstiefeln. Sie kommt aus Phoenix, Arizona, und zeigte schon im Flugzeug den Drang, vor den anderen Passagieren ihren Pulli zu lüften. Sie kann es sich leisten, körperlich wie finanziell, ihr Freund macht Fotos und grinst. Er ist 20 Jahre älter als sie, und vielleicht ist er es, der sich dies und jenes leisten kann. Die Forscherin guckt sich das Ganze kurz an und schüttelt den Kopf. Nicht weil sie es seltsam findet, dass Diana bei minus 23 Grad blank zieht, sagt sie, sondern weil sie nicht versteht, wofür manche ­Leute ihr Geld ausgeben.

Männergruppe im Nordpol-Camp

Einer geht noch? Und allen, die trotz der guten Stimmung plötzlich das Heimweh überkommt, helfen die Wegweiser bei der Orientierung

© Sascha Montag

  Auch tschetschenische Fallschirmjäger wohnen im Camp. Die meiste Zeit sitzen sie in ihrem Zelt, nur manchmal kommen sie rausmarschiert, in Tarnuniform und mit polartauglichen Maschinengewehren, und reihen sich zehn Meter neben dem Zelt auf. Stillgestanden. Dann gehen sie wieder rein. Nur eine Übung, der Nordpol gehört niemandem, jeder kann seine Truppen hinschicken. Weil am Nordpol Milliarden Tonnen Erdöl und Gas liegen, beanspruchen alle möglichen Länder die Region oder Teile davon für sich. Die USA, Norwegen, Kanada, Dänemark, alle wollen sie ein Stück vom Kuchen. Aber außer den Tschetschenen habe ich keine Soldaten getroffen. 2007 soll ein russisches Mini-U-Boot 4261 Meter unter uns am Meeresgrund eine Nationalflagge in einer Titankapsel ausgesetzt ­haben, um schon mal das Revier zu markieren. Kann natürlich keiner sehen.

Als Gerüchte kursierten, dass die tschetschenischen Soldaten als Touristen verkleidet über Norwegen eingereist waren, sah der Independent Barents Observer die nationale Sicherheit in Gefahr: „Kubakrise am Pol!“ Und als der tschetsche­nische Präsident Ramsan Kadyrow, ein Diktator und Folterer, dann auf Instagram seinen „Helden einen triumphalen Empfang“ ankündigte und ihr „unendliches Potenzial“ lobte, war es vorbei mit der Ruhe am Pol. Flüge wurden gestrichen, verschoben, nicht genehmigt. Deshalb hat es so lange gedauert, bis wir endlich herfliegen konnten. Jeden Tag hieß es, wir ­fliegen, dann doch nicht. Immer war ein großer Riss in der Eislandebahn schuld. Wer an den Nordpol will, muss sehr geduldig sein, dachte ich. Jetzt glaube ich, dass es vor allem an den Tschetschenen lag.

Man kann den Soldaten zugutehalten, dass die Eislandebahn tatsächlich schon viermal auseinandergebrochen ist und sie immer mithalfen, sie zu reparieren. Wahrscheinlich wollten sie auch einfach wieder schnell zurück nach Hause. Einmal wären wir beinahe in so einen Riss geflogen, das hätte uns und das Flugzeug zerlegt, kurz davor drehte der Pilot ab. Eine Marathonläuferin aus den USA teilte uns aufgeregt und ungefragt mit, Gott wolle uns etwas sagen, er würde uns anschreien: „Geht nicht dorthin!“, und ich hätte gerne zurückgeschrien, dass es wohl eher der Klimawandel ist, der uns etwas sagen will, zum Beispiel, dass zu viele Menschen in den USA ihre Pick-up-Trucks samt Aircon laufen lassen, während sie im Bio-Supermarkt einkaufen, damit es schön kühl ist, wenn sie in ihr Auto zurückplumpsen. Von wegen Gott.

Offiziell gehört der Nordpol niemandem, doch viele Länder spekulieren auf die Bodenschätze dort

  Die wahren Helden sind für mich die Fallschirmspringer, die das Ganze hier auf- und nach einem Monat wieder abbauen müssen. Sie we­rden mit Werkzeug, zwei Planierraupen und Proviant über der Eisscholle abgeworfen. Dann müssen sie alles einsammeln und mit Schaufeln und Pickeln tagelang das Eis platt hacken, so lange, bis die Planierraupen die Landebahn ebnen kö­nnen. Das kann schon mal eine Woche dauern und ist sehr anstrengend. Danach kommen die Piloten, fliegen hin und her, bringen den Rest des Camps und dann die Touristen. Mit denen wollen sie nichts weiter zu tun haben, deswegen wohnen sie auch in einem anderen Zeltlager, in sicherer Entfernung.

Jedes Mal, wenn wieder ein Flug kurzfristig abgesagt oder verschoben wird, erzählt einer was vom „starken Expeditionscharakter“ so einer Nordpolreise. Den stärksten Expeditionscharakter aber hat das Essen. Ich habe es nicht probiert, sondern­ mich ausschließlich von den Müsliriegeln und Gummibärchen der Marathonläufer ernährt, die sie auf den Tischen im Kantinenzelt liegen ließen, bevor sie draußen ihre acht Stunden im Kreis gerannt sind. Ich bewundere bis heute den Fotografen Montag für seinen Mut, als er in den beigen Fleischbrei biss. Unvergesslich sein Gesicht. Die meisten Besucher bleiben nur kurz. Nachdem sie den Pol bezwungen haben, fliegen sie zurück nach Longyearbyen und essen im Sheraton.

Die Kantine hier hätte auch Iwan Papanin ­verzweifeln lassen. Der Polar-Pionier war 1937 Kommandant der sowjetischen Station Nordpol-1, dem Vorläufer des Camp Barneo. „Wer am Nordpol überwintert, muss speisen wie in Moskaus besten Restaurants“, forderte er damals, nahm 450 Pfund Kaviar mit und scheiterte nur bei dem Versuch, ein lebendes Schwein in das überfüllte Flugzeug zu quetschen. Neun Monate forschte Papanin mit ­seiner dreiköpfigen Mannschaft und Hund „Happy“ auf der Station im Drifteis, bis sie ein Eisbrecher vor Grönland an Bord nahm. Obwohl es noch Proviant für ein halbes Jahr gab, war Papanin in der ­Kälte von 90 auf 60 Kilo abgemagert.

Eine ­Antonov AN-74 lädt Sportler aus: Die letzten Kilometer zum Nordpol wollen sie auf Skiern bewältigen

Schneeflug: Eine ­Antonov AN-74 lädt Sportler aus. Die letzten Kilometer zum Nordpol wollen sie auf Skiern bewältigen

© Sascha Montag
Expeditionsleiter Victor Serov koordiniert Skiwanderer und Eistaucher

Expeditionsleiter Victor Serov koordiniert Skiwanderer und Eistaucher

© Sascha Montag
Ein Auftenthaltszelt am Nordpol

Das Aufenthaltszelt für das Flughafenpersonal

© Sascha Montag

  Mehr Angst als das Essen macht mir nur, dass die Arktis wegschmilzt. Das findet auch Viktor Serov bedenklich. Er ist einer der beiden Chefs der Station, und ihm nehme ich ab, dass er ein ernsthafter Polarforscher ist und es wirklich so meint, wenn er mit etwas Pathos sagt, der Nordpol sei unberechenbar, man wisse nie, was als Nächstes passiert. Dieses Jahr sei eine sehr schwierige Saison, erzählt er. Die ungewöhnlich warmen Temperaturen im Winter, die häufigen Risse in der Eislandebahn. Dann noch die tschetschenischen Fallschirmspringer und die geopolitischen Querelen, aber das sagt er natürlich nicht. Serov arbeitet als Expeditionsleiter für die Russische Geographische Gesellschaft, offizieller Betreiber von Barneo. Ein guter Job, er vermisst nur seine Frau. Urlaub würde er ­allerdings nicht hier machen, dann doch lieber an die französische Riviera, ins Warme.

William MacPherson aus London kommt mit seinen zwei Söhnen vorbei. Er findet das alles ganz schön surreal, erzählt er mir, weil ich zufällig im Weg stehe und auch wenig beschäftigt wirke. Drei Tage war er im Eis auf Skiern mit seinen Jungs unterwegs, dann stand er endlich am Pol und ­dachte, er wäre alleine dort. Fehlanzeige, es war ganz schön was los, weil zwei Briten mit einem Heißluftballon aufsteigen und irgendeinen Rekord aufstellen wollten. Im Camp sieht es jetzt auch nicht besser aus, zumindest joggt in diesem Moment Captain America vorbei, und das kann MacPherson auch nicht recht fassen. Der Comic-Held heißt eigentlich Douglas White und ist Sachbearbeiter in Tampa, Florida. Von ­wegen „stromlinienförmiges Kostüm“. Er braucht sechs Stunden und 25 Minuten bis ins Ziel, wird sogar noch Achter bei den Männern. Die ­wenigstens laufen verkleidet, aber fast alle für eine Charity-­Aktion: für die Krebsforschung, für Kriegsveteranen, für Minenopfer. Ein bisschen tragen sie das wie eine große Rechtfertigung vor sich her. Mein Verdacht: Sie wollen vor allem auf Facebook damit angeben. Machen sie dann auch. Nicht alle, aber viele.

Helikopter am Nordpol

Ein Helikopter bringt die Pol-Fans zum nördlichsten Punkt

© Sascha Montag

  Sechs Stunden und einige Dosen Bier ­später stehen der Fotograf Montag und ich dann tatsäch­lich auf dem geografischen Nordpol. Dort sieht die Eiswüste genauso aus wie im Zeltlager, nur ­ohne Zeltlager: weiß und flach. Wir sind mit dem Helikop­ter in 40 Minuten hergeflogen, ein kleines Mädchen hat die meiste Zeit geweint, weil sie schon seit Stunden müde ist und das alles ­einfach nur anstrengend und langweilig findet, sie ist auch das einzige Kind unter den Pol-Besuchern. Ihre Eltern gucken etwas betreten.

Wer nichts riskiert, trinkt keinen Champagner

Russisches Sprichwort

Am Nordpol tanzen die Menschen dann Ringel­piez. Ich kriege nichts davon mit, weil ich eine Grußbotschaft an die 7. Klasse eines Hamburger Gymnasiums in die Kamera sprechen muss. Erst später sehe ich im Video, wie hinter mir eine Funktionsjackenmenschenschlange um eine ­Eisenstange tanzt, die den Pol markiert. In wenigen Hüpfern um die Welt, durch alle Längengrade und 24 Zeitzonen, Lebenstraum erfüllt. Einer verstreut die Asche seines verstorbenen Vaters, die meisten stoßen an, mit Champagner und Flach­männern, ich tippe auf teuren Scotch. Die Spitze der Welt. Von hier aus geht es nur noch abwärts. Am nächsten Abend bin ich wieder in Hamburg, und es wird endlich dunkel.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive.
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Titel Lufthansa Exclusive Februar 2017