Wasser, Wind und Wein:
© Alberto Bernasconi

Wasser, Wind und Wein

  • TEXT ULF LIPPITZ
  • FOTOS ALBERTO BERNASCONI

Der Schaumwein prickelt im Glas, die Füße planschen im Wasser … Die oberitalienische Region Franciacorta bietet beides – und viel mehr. Eine Entdeckungsreise rund um den Iseosee

Padre Antonio Santini schaut schon sein ganzes Leben lang nach Mailand. Von der Terrasse des Klosters San Annunciata blickt der 68-Jährige über endlose Maisfelder, Sonnenblumen und Industrieanlagen der Po-Ebene, die wie gebügelt daliegt. Aber Mailand, die elegante und kapriziöse Signora, hat nie zurückgeschaut, sie ignorierte hartnäckig ihr Hinterland. Denn Padre Antonios Wirkungskreis, die Franciacorta, ist das etwas andere Italien. Sie gehört nicht zu diesen jahrtausendealten Kulturlandschaften, in denen Reisende sinnliche Erfahrungen mit Ausflügen in die Geschichte verknüpfen, wo sie römische Ruinen und mittelalterliche Weingüter besichtigen. Gäbe es eine Liste mit den unterschätztesten, ja unbekanntesten Regionen Italiens, dieser Zipfel im Norden stünde wohl weit oben. Keine nennenswerten Altertümer, keine Traditionsdelikatessen, dafür Autobahnen zum Hindurchrasen.

Wasser, Wind und Wein: Inmitten von Reben: Padre Antonio (rechts) wacht über das Kloster ­Annunciata

Inmitten von Reben: Padre Antonio wacht über das Kloster ­Annunciata

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Wasser, Wind und Wein: Schon im Mittelalter ­bauten Mönche hier Wein an. ­Mittlerweile haben die ­Winzer übernommen – und begeistern sogar die ­verwöhnten Mailänder

Schon im Mittelalter ­bauten Mönche hier Wein an. ­Mittlerweile haben die ­Winzer übernommen – und begeistern sogar die ­verwöhnten Mailänder

© Alberto Bernasconi

  Seit einiger Zeit aber schauen die Milanesi doch auf die Franciacorta. Sie fahren nicht mehr nur nordwärts, um sich am noblen Comer See zu erfrischen, sondern erforschen gezielt die Terra incognita zwischen dem Kloster und dem Iseosee, ­immerhin viertgrößter der oberitalienischen Seen. Denn nun will ganz Mailand wissen, wo der Schaumwein herkommt, der einfach Franciacorta heißt, der in der Mailänder Scala und auf der Fa­shion Week langsam, aber sicher den Champagner verdrängt.

Auf der Fashion Week in Mailand hat der Schaumwein der Franciacorta den Champagner verdrängt

Wer in die Franciacorta will, kommt an Padre Antonios Abtei vorbei, einer 500 Jahre alten Trutzburg, die sich, von Weinbergen umgeben, hoch über der Kleinstadt Rovato an einen Hügel schmiegt. Bereits im Mittelalter bauten die Klosterbrüder hier Wein an, man brauchte ihn ja für die Messe. Und schon 1570 publizierte Girolamo Conforti, ein Arzt aus dem nahen Brescia, eine „Abhandlung zum schäumenden Wein“, wobei er den örtlichen Rebensaft als „bissig“ geißelte, weil er die „Zunge nicht weich macht wie süße Weine“. Noch während der 1960er-Jahre, berichtet der Padre, beackerten vier Mönche und 17 Novizen den Südhang des Klosters, schnitten Reben und ernteten Trauben. Heute wachen neben Antonio nur zwei weitere Brüder, auch sie um die 70 Jahre alt, über die Abtei. Die Anziehungskraft des Klosterlebens hat stark nachgelassen, die Weinberge sind längst an örtliche Winzer verpachtet.

Gebückt, doch forschen Schrittes steigt Padre Antonio eine enge Treppe hinunter, er huscht vorbei an einem Marienfresko aus dem 15. Jahrhundert, hinein ins Refektorium aus dem 16. Jahrhundert. Für 20 Personen ist hier gedeckt, obwohl an diesem Abend nur der Padre und die Haushälterin essen werden. Die Macht der Gewohnheit – und wer weiß schon, wer sich heute noch hierher verirrt. Die Mailänder finden nur selten den Weg hinauf zum Kloster, dabei könnte ihnen Padre Antonio ­einiges über die Region erzählen. Lange bekämpften sich Frankreich und die einstige Großmacht Venedig auf den fruchtbaren Böden der Franciacorta, auch deshalb wurde die Ge­gend in ihrer Entwicklung immer wieder zurückgeworfen. Noch heute zeugen die typischen Zinnentürme, die im Mittelalter das Grenzgebiet sichern sollten, von jenen unruhigen Zeiten.

Wasser, Wind und Wein: Blick auf die Weinberge bei Erbusco

Blick auf die Weinberge bei Erbusco

© Alberto Bernasconi

  Nördlich des Klosters wellt sich die Erde. Wo vor Jahrtausenden schmelzende Gletscher reichlich Geröll zurückließen, bilden Hügelketten ein etwa 20 mal 20 Kilometer großes hufeisenförmiges Becken. Über die Moränenlandschaft mit ihren mineralhaltigen Böden – ideal für Chardonnay-, Weißburgunder- und Pinot-noir-Trauben – scheint ein himmlischer Spieler menschliche Ansiedlungen gewürfelt zu haben: mittelalterlich anmutende Dörfer mit strengen Kirchen, prächtige Familiensitze hinter Feldsteinmauern. Dazwischen immer wieder Weinberge und -güter, darunter auch das von Camilla Alberti. Das an einen Berg geschmiegte Weingut Castelveder, etwa 15 Kilometer ­östlich des Klosters, gehört ihrer Familie seit knapp 50 Jahren. Die 43-Jährige erzählt von den Sorgen der Franciacorta-Winzer: dass der Markt einerseits mit Prosecco und anderer Billig- Prickelware überschwemmt, andererseits vom Champagner mit seinem Luxus-Image blockiert wird; dass das Anbaugebiet winzig ist im Vergleich zu dem der französischen Konkurrenz: Die rund 2500 Hektar der Franciacorta entsprechen nicht einmal zehn Prozent der Flächen in der Champagne. Dass der italienische Schaumwein dem französischen dennoch ebenbürtig sei, betont Alberti, schließlich werde er nach der gleichen Methode hergestellt. Das heißt, der Wein gärt zunächst im Fass und muss mindestens 18 Monate reifen, bevor ihm Hefe und Zucker für die zweite, die Flaschengärung zugesetzt werden. Erst während dieser zweiten Fermentation entstehen die bollicine, die Blasen, die so schön kribbeln.

Camilla Alberti steigt den Hang hinauf, um nach ihren Chardonnay-Trauben zu sehen. Vor den Reben blühen Rosen. Die Blumen im Weinberg sind kein Schmuck, sondern biologische Frühwarnanlagen: Sind Schädlinge im Boden, befallen sie zuerst die Rosen und lösen so Alarm aus. Camilla Alberti erzählt, dass die Familie ihr Geld ursprünglich mit dem Bau thermo­hydraulischer Anlagen verdiente. Typisch für den Fran­cia­corta: Er wird vor allem von Quereinsteigern angebaut, die dann aus ihrem Faible einen neuen Beruf machten. Erst 1995 erhielt die Region den DOCG-Status für eine kontrollierte und garantier­te Herkunftsbezeichnung. Bis dahin war der Schaumwein ein teures Hobby für die Weinbauern – und ein preiswertes Vergnügen für die Konsumenten.

Unten im Tal ducken sich die Häuser von Monticelli Brusati um die Kirche, als wollten sie sich vor einem aufziehenden Gewitter verstecken. Ihre Großeltern, erzählt Camilla Alberti, hätten vor Unwettern noch geweihte Olivenzweige verbrannt, um die Naturgewalten zu besänftigen. Die Gegend galt als rückständig, in den Schulbüchern der kleinen Camilla war sie keine Erwähnung wert. Kürzlich aber konnte sie in einem Buch ihres Sohnes über die Heimat lesen, sie sei „bekannt für ihre Weine, die nach klassischen Methoden hergestellt werden“. Kein Zweifel, heute kennt man die Region in ganz Italien.

Wasser, Wind und Wein: bei Bellini Nautica

Bei Bellini Nautica ...

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Wasser, Wind und Wein: werden Riva-Boote restauriert

... werden Riva-Boote restauriert

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  Der Trip durch die Franciacorta führt uns nordwärts und damit an ihre natürliche Grenze, den Iseosee. In Clusane bilden dicke Hausmauern das Seeufer, Fischerboote dümpeln an den Stegen. Hier betreibt die Familie Bellini ein besonderes Handwerk: Ihr Unternehmen ist auf den An- und Verkauf sowie die Res­taurierung klassischer Motorboote spezialisiert. Großvater Bellini, der die Firma 1960 gründete, baute die edlen Holzflitzer noch selbst. Doch auf dem Sterbebett verbat er seinem Sohn, dieses Geschäft fortzuführen: zu hart, mein Junge, zu viel Konkurrenz. Der letzte Rat: Der Erbe möge die Leidenschaft für hölzerne Boote auf deren Aufarbeitung verwenden. Wer würde einem Patriarchen schon den letzten Wunsch abschlagen? ­Battista Bellini, der Enkel des Gründers, ist folgsam wie sein Vater. „Neun Monate brauchen wir für die Runderneuerung eines solchen Klassikers“, sagt Bellini, 29 Jahre, Prada-Sonnenbrille und maßgeschneidertes Hemd. Seinem Smartphone hat er eine Hülle verpasst, die das Holz der Boote simuliert. Mit seiner ­jüngeren Schwester Martina steigt er in ein Riva-Boot, Modell Aquarama, Baujahr 1972, zwei Motoren mit jeweils 320 PS, ein Traum in Mahagoni. Riva gibt es noch, das Unternehmen hat seinen Sitz am anderen Seeufer. Doch seit vor einigen Jahren ­Chinesen die Mehrheit an der Traditionsmarke übernommen haben, baut sie keine Holzboote mehr. Wer sich für die Klassiker interessiert, muss zu den Bellinis kommen.

Martina Bellini startet den Motor, erst faucht er wie ein Löwe, dann schnurrt er wie eine Katze. Behutsam steuert die 23-Jährige die Riva aus der firmeneigenen Marina, vorbei an modernen rot und schwarz lackierten Flitzern, die hier darauf warten, von ihren Besitzern aus Italien, Deutschland oder der Schweiz über den See gejagt zu werden. „Che bello“, seufzt Battista, während ihm der Fahrtwind die Frisur verwuschelt. Die Haubentaucher flüchten, sobald das Boot mit 20 Knoten Geschwindigkeit heranrauscht. Der Iseosee ist tief, und seine Ufer sind steinig, deshalb sieht man auch an heißen Tagen nur wenige Schwimmer. Der Blick schweift zu den Ausläufern der Alpen, die sich am Nordufer bis zu 2000 Meter hoch auftürmen. Dagegen wirkt der Felssporn der Monte Isola – der Insel mitten im See – fast zierlich, obwohl auch er gut 400 Meter aufragt. Rund um die Insel baute der Installationskünstler Christo vor zwei Jahren seine „Floating Piers“, einen drei Kilometer langen Steg in knalligem Gelborange, der den Spaziergängern das Gefühl gab, übers Wasser zu wandeln. Fast 1,3 Millionen Menschen strömten zum See – und brachten den Verkehr in der Region fast zum Kollaps. Nun aber befürchten die Insulaner, der Christo-Effekt könnte allzu schnell verpuffen: „Remember the Piers“ steht in großen Lettern auf den Fotos von der Kunstaktion, die den Fähranleger der Insel zieren.

Zurück in Clusane, führt uns Martina Bellini in ein Lagerhaus abseits des Ortskerns. Zu ebener Erde betreibt die Familie eine Bootswerkstatt, im Obergeschoss präsentiert sie ihre private Riva-Kollektion: 16 Modelle aus allen Epochen, von den 1920ern bis zum Ende der 1990er-Jahre. Während sich die Besucher an den Linien und Rundungen der Bootsklassiker erfreuen, deren Eleganz und Perfektion bestaunen, öffnet Martina Bellini eine Flasche. Natürlich einen Franciacorta.

Wasser, Wind und Wein: Mahagoni macht ­glücklich: Das Familienunternehmen von ­Martina ­Bellini restau­riert die ­legendären Boote der Luxusmarke Riva

Das Familienunternehmen von ­Martina ­Bellini restau­riert die ­legendären Boote der Luxusmarke Riva

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Wasser, Wind und Wein: Flüssige Schätze: Im Restaurant Due Colombe können Gäste die Spezialitäten der Region genießen

Flüssige Schätze: Im Restaurant Due Colombe können Gäste die Spezialitäten der Region genießen

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Wasser, Wind und Wein: das Ufer des Iseosees lässt sich auch per Rad erkunde

Das Ufer des Iseosees lässt sich auch per Rad erkunden

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MXP

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Rund um den Iseosee

Wasser, Wind und Wein: Karte des Lake Iseo
© Cristóbal Schmal

Radeln

Eine geführte Tour zu den spitzen Felsen bei Marone lohnt den Schweiß.

iseobike.com

Essen

Das Due Colombe in Borgonato lockt mit einem Michelin-Stern.

duecolombe.com

Bestaunen

Die Werft Bellini Nautica zeigt die berühmten Riva-Boote.

bellininautica.it

Übernachten

Im L’Albereta genießen Gäste den Blick über den See.

albereta.it


Zum Ziel

Lufthansa fliegt bis zu sechsmal täglich von Frankfurt (FRA) nach Mailand-Linate (LIN) sowie von Frankfurt (FRA) und München (MUC) nach Mailand-Malpensa (MXP). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App: Download unter
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