© Stefan Mosebach

Kannste knicken

  • TEXT LASLO SEYDA
  • ILLUSTRATION STEFAN MOSEBACH

Am 26. Mai wird in den USA der „Tag des Papierfliegers“ gefeiert. Weltrekordler John Collins präsentiert seine schönsten Entwürfe und verrät, was es für den perfekten Faltflieger braucht

 

Der Zwilling Der „Twin Jet“ ist angelehnt an reale Flieger, deren Triebwerke eng zwischen Flügeln und Rumpf hängen.

Der Zwilling
Der „Twin Jet“ ist angelehnt an reale Flieger, deren Triebwerke eng zwischen Flügeln und Rumpf hängen.

© Stefan Mosebach
Der Verrückte An keinem Flieger lassen sich Schwerpunkt, Richtungswechsel und Gravitation besser erklären als am „Tube“.

Der Verrückte
An keinem Flieger lassen sich Schwerpunkt, Richtungswechsel und Gravitation besser erklären als am „Tube“.

© Stefan Mosebach
der Sternjäger Die sechsfach geknickten Hexagon-Flügel des „Starfighter“, abgeguckt bei „Star Wars“, eignen sich für weite Würfe.

Der Sternjäger
Die sechsfach geknickten Hexagon-Flügel des „Starfighter“, abgeguckt bei „Star Wars“, eignen sich für weite Würfe.

© Stefan Mosebach
Der Verlässliche Die vorderen Flügel des „Super Canard“ drücken die Nase nach unten – das stabilisiert die hinteren Flügel.

Der Verlässliche
Die vorderen Flügel des „Super Canard“ drücken die Nase nach unten – das stabilisiert die hinteren Flügel.

© Stefan Mosebach
Der Schöne Die Origami-Kniffe des „Pelican“, die die Luft am Bug hochschnellen lassen, wirken sich kaum auf die Aerodynamik aus.

Der Schöne
Die Origami-Kniffe des „Pelican“, die die Luft am Bug hochschnellen lassen, wirken sich kaum auf die Aerodynamik aus.

© Stefan Mosebach
Der Gleiter Wenig Luftwiderstand und eine große Spannweite sorgen beim Typ „Max Lock“ für sanfte, lange Gleitphasen.

Der Gleiter
Wenig Luftwiderstand und eine große Spannweite sorgen beim Typ „Max Lock“ für sanfte, lange Gleitphasen.

© Stefan Mosebach
Das Flugwunder „Ring Thing“ ist ein Design­versuch mit runder Nase, der beim Bau selbst John Collins verzweifeln ließ. Aber es fliegt!

Das Flugwunder
„Ring Thing“ ist ein Design­versuch mit runder Nase, der beim Bau selbst John Collins verzweifeln ließ. Aber es fliegt!

© Stefan Mosebach
Der Doppeldecker Das „Biplane“ besteht aus zwei Papierfliegern, die per „Sink fold“-Technik verbunden sind.

Der Doppeldecker
Das „Biplane“ besteht aus zwei Papierfliegern, die per „Sink fold“-Technik verbunden sind.

© Stefan Mosebach
Der Flattermann Das Design des „Batplane“ sorgt oft für Strömungsabrisse. Das sieht dann so aus, als schlage das Flugobjekt mit den Flügeln.

Der Flattermann
Das Design des „Batplane“ sorgt oft für Strömungsabrisse. Das sieht dann so aus, als schlage das Flugobjekt mit den Flügeln.

© Stefan Mosebach

Ein kurzer Anlauf, zwei, drei Schritte, den Unterarm nach vorn drücken, schon steigt der weiße Pfeil in die Luft. Er segelt erst geradeaus, steigt steiler und steiler, senkt die Nase, verliert an Höhe, macht doch noch mal die Biege und gleitet weiter. Ein Stückchen noch, dann landet er – nach knapp zehn Sekunden – bei 69 Metern und 14 Zentimetern. Urheber dieses Kunststücks ist John Collins, „The Paper Airplane Guy“, der zusammen mit Ex-Quarterback Joe Ayoob am 26. Februar 2012 in der McClellan Air Force Base in Sacramento, Kalifornien, den Weltrekord für den weitesten Papierflieger-Wurf aufgestellt hat – der bis heute hält.

Der 57-jährige Collins hat sich schon sehr früh für die Gesetze der Schwerkraft begeistert, und dafür, wie die Natur sie außer Kraft setzt: „Fische, die über das Wasser segeln, in der Luft tanzende Ahornsamen oder die Aerodynamik von Hummeln: Fliegende Objekte üben noch immer eine Magie aus, die kaum zu fassen ist“, schwärmt er. Nachdem er begriffen hatte, dass man schon aus einem einfachen Stück Papier eine kleine Flugmaschine bauen kann, gab es kein Halten mehr.

Über die Jahre experimentiert Collins, er verwendet Papiere mit Rillen und Beschichtungen, versucht sich an Würfen mit viel oder wenig Schwung, beobachtet und misst den Einfluss von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Dazu knicken, wenden, falten, fliegen – immer wieder. Schon bald erkennt er die Mängel des Standardmodells, das überall auf der Welt gebaut wird, schnell und einfach: die umgeschlagenen Ecken und Kanten, die sich im Flug öffnen; die dünne Nase, die beim Aufprall leicht zerknittert; die viel zu geringe Spannweite. „Ein schreckliches Design“, stöhnt der Experte, „aber diese Konstruktionsfehler haben mich erst darauf gebracht, es anders zu machen.“

Es ist schließlich das Studium des Origami, der uralten japanischen Kunst des Papierfaltens, das aus Collins’ Flattermännern echte Rekordgleiter werden lässt. Fortan baut Collins Fledermäuse, Pelikane und Möwen aus Papier nach – oder reale Vorbilder aus der Luft- und Raumfahrt, mit Nasen, Fahrwerken und Gondeln. Die Tausenden Papierknöllchen im Wohnzimmer treiben Ehefrau Suzanne fast in den Wahnsinn. Collins entwirft Modelle, die weit gleiten, die in Schleifen oder wie auf Wellen aus Luft fliegen oder wie ein Bumerang zu einem zurückkehren. Er erfindet den kreisrunden „Tube“, der ganz ohne Flügel durch den Raum schwebt. Bei seinen Auftritten staunen die Leute, selbst die Studenten der School of Design an der Universität Harvard, wo er schon Seminare gab.

Was ist nun John Collins’ Geheimnis? „Scharfes Falten, genaues Falten, Gesamtsymmetrie“, sagt er. Ein guter Papierflieger sei gar nicht so kompliziert. „Es braucht nur ein wenig Technik – und ein wenig Zeit.“ Für sein Rekordmodell benötigte er drei Jahre. Sein Zehn-Sekunden-Flug ist für die Ewigkeit.

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Der Rekordflieger

Keiner flog weiter als John Collins’ Modell „Suzanne“ – eine Anleitung für Titelanwärter

1. Die beiden oberen Ecken zu den jeweils gegenüberliegenden Seiten ziehen, bündig zur Kante falten und wieder aufklappen.

1. Die beiden oberen Ecken zu den jeweils gegenüberliegenden Seiten ziehen, bündig zur Kante falten und wieder aufklappen.

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2. Die linke und rechte Ecke zur Mitte schlagen und bündig zu den vorher entstandenen diagonalen Knicken falten (siehe Bild).

2. Die linke und rechte Ecke zur Mitte schlagen und bündig zu den vorher entstandenen diagonalen Knicken falten (siehe Bild).

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3. Die Nase zurückklappen und bei der markierten Linie knicken. Die Falte liegt auf der Höhe, wo sich die vorherigen Knicke treffen.

3. Die Nase zurückklappen und bei der markierten Linie knicken. Die Falte liegt auf der Höhe, wo sich die vorherigen Knicke treffen.

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4. Die Seitenränder entlang der bereits vorhandenen diagonalen Falten umschlagen, sodass eine spitze Nase entsteht.

4. Die Seitenränder entlang der bereits vorhandenen diagonalen Falten umschlagen, sodass eine spitze Nase entsteht.

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5. Das Papier einmal entlang der Mittelachse nach außen falten – beginnen Sie mit der Spitze.

5. Das Papier einmal entlang der Mittelachse nach außen falten – beginnen Sie mit der Spitze.

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6. Zwischencheck: Die flachen Seiten liegen aneinander, der Rumpf steht. Es folgen: die Flügel.

6. Zwischencheck: Die flachen Seiten liegen aneinander, der Rumpf steht. Es folgen: die Flügel.

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7. Den ersten Flügel umschlagen. Achtung: Die Knickfalte ein Stück oberhalb der Spitze ansetzen, das verbessert die Aerodynamik.

7. Den ersten Flügel umschlagen. Achtung: Die Knickfalte ein Stück oberhalb der Spitze ansetzen, das verbessert die Aerodynamik.

© Stefan Mosebach
8. Die Knickfalte des Flügels glatt ziehen, danach den Flieger umdrehen. Die Punkte 7 und 8 für den anderen Flügel wiederholen.

8. Die Knickfalte des Flügels glatt ziehen, danach den Flieger umdrehen. Die Punkte 7 und 8 für den anderen Flügel wiederholen.

© Stefan Mosebach
9. Nicht verzweifeln: Selbst bei einem Profi wie John Collins sind Tausende Flieger im Papierkorb gelandet. Ganz wichtig beim Falten: die Symmetrie.

9. Nicht verzweifeln: Selbst bei einem Profi wie John Collins sind Tausende Flieger im Papierkorb gelandet. Ganz wichtig beim Falten: die Symmetrie.

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10. Jetzt den Papierflieger auf den Rücken legen und die Unterseiten der Flügel mit je zwei Klebestreifen befestigen (siehe Bild).

10. Jetzt den Papierflieger auf den Rücken legen und die Unterseiten der Flügel mit je zwei Klebestreifen befestigen (siehe Bild).

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11. Auch Heck und Nase fixieren. Der Streifen an der Nase sollte schmaler als sechs Millimeter sein, sonst ändert sich der Luftstrom.

11. Auch Heck und Nase fixieren. Der Streifen an der Nase sollte schmaler als sechs Millimeter sein, sonst ändert sich der Luftstrom.

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12. Eine V-Stellung der Flügel sorgt für mehr Stabilität. Collins empfiehlt einen Winkel von 155 Grad. Schwung holen, loslassen!

12. Eine V-Stellung der Flügel sorgt für mehr Stabilität. Collins empfiehlt einen Winkel von 155 Grad. Schwung holen, loslassen!

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