Second life
© @ricardomariachiachio

Zweites Leben

  • TEXT MIMI STAVE, AILEEN TIEDEMANN

Modisch und nachhaltig – geht das zusammen? Natürlich! Upcycling heißt der Trend, der immer mehr Designer fasziniert. Sie entwerfen Mode und Accessoires aus Stoffen und Materialien, die sonst entsorgt worden wären.

Für die Herstellung einer einzigen Jeans benötigt man 8000 Liter Wasser, und die Produktion eines T-Shirts setzt etwa so viel Treibhausgase frei wie eine 60 Kilometer lange Autofahrt in einem Mittelklasse­wagen. Warum also nicht Materialien weiterverwenden, aber zu neuen Zwecken? Dieser Idee verschreiben sich immer mehr Mode- und Produktdesigner. Upcycling lautet der Begriff, der Anfang der Neunziger aufkam, als Labels wie Patagonia Fleecejacken aus geschreddertem Plastikmüll fertigten und der Taschen­hersteller Freitag Lkw-Planen zu neuen Produkten umschneiderte. Das Wiederverwerten wird seitdem immer populärer, die Ideen kreativer: Aus Fischernetzen werden Stoffe, aus Fahrradreifen Gürtel, aus PET-Flaschen Turnschuhe. Selbst aus Materialien, die in Flugzeugen verwendet wurden, lässt sich mehr machen: Für die neue Lufthansa Upcycling Collection haben Designer aus Decken der Business Class und ledernen Kopfstützenbezügen Rucksäcke, Waschbeutel und andere Produkte entworfen, die nun im WorldShop von Miles & More zu haben sind.

Aus Alt mach Neu: Dieser Ansatz ist nachhaltig und ressourcenschonend. Kaufen, nutzen, wegwerfen, neu kaufen – das muss nicht sein, schließlich stehen in Zeiten von Fast Fashion ausreichend abgelegte Texti­lien zur Verfügung. Laut Greenpeace werden in Deutschland pro Jahr 1,3 Millionen Tonnen Kleidung entsorgt – theoretisch ein riesiger Fundus für Designer, die mit Grips gegen Verschwendung angehen. Die 26-jährige Priya Ahluwalia aus London zum Beispiel, die ihre Mode aus Secondhand-Kleidung auf der London Fashion Week selbstbewusst über den Laufsteg schickt. Ihr kunstvolles Patchwork-Design zeigt, dass Altkleider längst als Rohstoffe für High ­Fashion akzeptiert sind. Designer als Verwandlungskünstler: Kann das ein Beitrag sein gegen die Verschwendung von Ressourcen? Ja, findet Priya ­Ahluwalia. In einem Interview mit dem Magazin ID sagt sie, dass die Modeproduktion zu stoppen nicht die Lösung sei. „Stattdessen müssen wir die Abfälle in etwas Neues verwandeln.“

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© Laurence Ellis and Styling Riccardo Maria Chiacchio
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Priya Ahluwalia, Ahluwalia Studio

© Matiassauter.com

Priya Ahluwalias Mode steht für klare Schnitte, leuchtende Farben, Ex­perimentierfreude und Neunziger-Nostalgie. Mit ihren Entwürfen trifft die Londonerin mit indisch-nigerianischen Wurzeln aber nicht nur optisch den Zeitgeist. Die Stücke ihrer Kollektion bestehen aus gespendeten Secondhand-Stoffen – und beweisen, wie die Symbiose von High ­Fashion und Nachhaltigkeit mühelos gelingen kann. Inspirieren ließ sich ­Ahluwalia auf einer Indien-Reise, bei der sie Panipat nahe Delhi besuchte, das als ­Welthauptstadt des Textilrecyclings gilt.


 

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Bethany Williams

© gettyimages

Fast wäre Bethany Williams keine Designerin geworden, weil es sie schon immer gestört hat, wie viele Ressourcen in der Modebranche verschwendet werden. Doch dann fand sie einen Kompromiss: Alle ihre Entwürfe bestehen aus Recyclingmaterialien und werden in sozialen Einrichtungen hergestellt. Für ihr Engagement erhielt die 29-Jährige in diesem Jahr den Queen Elizabeth II. Award for British Design.

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© Ricardo Maria Chiacchio

 

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© Sina Görtz

Unschwer zu erkennen, was die Lieblings-Filmsaga des amerikanischen Künstlers Gabriel Dishaw ist. Für seine „Star Wars“-Skulpturen verwendet er Materialien, die sonst auf dem Müll gelandet wären: alte Schreibmaschinen, Laptops, Tastaturen, Computerchips – und ausrangierte Handtaschen. Seine Arbeiten sind nicht nur bestechend schöne Accessoires, sondern auch ein kreatives Statement gegen die Wegwerfkultur.


 

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© Baroquine, Katrin Artmann
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© Baroquine, Katrin Artmann

Für die Accessoires der Lufthansa Upcycling Collection dienen Utensilien aus Flugzeug­kabinen als Material. Der Waschbeutel besteht aus Teilen einer Business Class-Decke, eines Kopfstützenbezuges – und einer Safety Card.


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Hanna Charlotte Erhorn, Bridge & Tunnel

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Constanze Klotz, Bridge & Tunnel

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Eine gute Jeans hält ein Leben lang, heißt es. Dass man sie dafür nicht unbedingt als Hose tragen muss, zeigen die Label-Gründerinnen Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz. Ihr Unternehmen Bridge & Tunnel ver­arbeitet gebrauchte Denimstoffe zu stilvollen Heimtextilien wie Kissenbezügen, Tages­decken und Teppichen. Das Team besteht aus talentierten Näherinnen, denen damit der Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht wurde.


 

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Bei jedem Produkt der Lufthansa Upcycling Collection ist zu erkennen, was es zuvor war – und selbstverständlich taucht auch der berühmte Kranich als mittlerweile 100 Jahre alte Stilikone der Luftfahrt immer wieder in der Kollektion auf. Zum Beispiel auf den Kartenhaltern aus ledernen Kopfstützenbezügen der Business Class, die in Zusammenarbeit mit dem holländischen Lederwarenhersteller Secrid entstehen. Unter dem Leder schützt ein Card Protector bis zu sechs Karten vor unerwünschter Datenfreigabe.


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Er ist der Fischer unter den Upcycling-Designern: Der in ­Madrid lebende Javier Goyeneche hilft mit seinem Mode­label Ecoalf, die Meere von Müll zu befreien. Dafür sind pro Tag 250 Boote unterwegs, die 1,3 Tonnen Abfälle sammeln – von PET-Flaschen über Fischernetze bis zu Autoreifen. In mehre­ren Produktionsschritten gewinnt Goyeneches Team ­daraus hochwertige Gewebe, die zu stylischen Sneakers, Hosen, Shirts und Jacken verarbeitet werden. Der Labelname beziehtsich übrigens auf die Kurzform des Namens seines SohnesAlfredo, dem der Spanier eine bessere Welt hinterlassen will.