Skytalk: Isabelle Huppert
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Isabelle Huppert ist eine Wanderin zwischen Hollywood, europäischem und US-Arthouse-Kino – ein Interview über Monster, Kinder und Romy Schneider.

Madame Huppert, in Ihrem letzten Film „Happy End“ haben Sie Ihrem Filmsohn den Finger gebrochen, in Ihrem neuen Film „Greta“, der in Deutschland am 16. Mai startet, spielen Sie noch viel gewalttätiger auf. Lieben Sie Biester?

Es war nicht das erste Mal, dass ich ein Monster spiele, aber Greta ist wirklich böse. Doch sie ist auch einsam und melancholisch. Trotzdem gibt es ihre Liebe zur Musik, zu ihrem Hund – Details, die sie menschlicher machen und zugleich verrückter erscheinen lassen. Greta gehört in die geschlossene Psychiatrie, das ist sicher!

Wie stellen Sie es an, zum Monster zu werden?

Während der Dreharbeiten habe ich in Dublin ganz allein in einem Haus gelebt, so konnte ich mich gut in die Einsamkeit meiner Figur versetzen. Okay, ich lief nicht mordend durch die Straßen, aber ich habe mich Greta sehr nahe gefühlt.

Neigen Sie sonst zum Einsiedlertum?

Nein! Ich bin auch in der Dubliner Zeit viel ausgegangen, vor allem mit meiner jungen Kollegin Chloë Grace Moretz, wir waren in Bars, wir haben etwas getrunken und getanzt.

Sind Sie eine leidenschaftliche Reisende?

Ja, total – ich könnte nicht leben, ohne zu reisen. Das liebe ich auch an meinem Beruf, dass ich so exzessiv unterwegs sein darf. Gerade war ich wieder für drei Monate in New York, wo ich Theater gespielt habe. Wenn ich Paris je dauerhaft verlasse – was ich aber nie tun würde! –, könnte ich sofort nach New York ziehen. Ich wohne mit Vorliebe jeweils in einer anderen Ecke Manhattans und genieße es, zu Fuß meine neue Nachbarschaft zu erkunden. Dieses Mal war es das West Village, ganz in der Nähe des Theaters.

Fühlen Sie sich hin- und hergerissen zwischen Hollywood- und französischen Filmen?

Ach, ich bin nicht so erpicht darauf, vor der Kamera Englisch zu sprechen. Das ist ein Hindernis, wie eine Maske, die mich etwas behindert. Aber Englisch ist das Esperanto der Welt, das muss man halt sprechen, gerade wenn man so gern im Ausland dreht.

Skytalk: Isabelle Huppert

Legendär: als Marie Latour in Claude Chabrols "Eine Frauensache" (1988)

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Vor zwei Jahren hatten Sie mit „Elle“ die Chance auf einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Ich hatte großen Spaß. Für mich kam das alles sehr unerwartet, immerhin war „Elle“ ein gewagter, unkonventioneller Film, nicht der Stoff, für den die Menschen in Scharen ins Kino strömen. Aber dank der vielen Auszeichnungen wurde es dann doch ein respektabler Kassenhit.

In Paris sah man zu dieser Zeit häufig Buttons mit der Aufschrift „I love Isabelle Huppert“. Sind Sie zur Pop-Ikone geworden?

Keine Ahnung, aber es war schmeichelhaft, einfach toll!

Sie gelten als sehr fleißig. Können Sie auch mal innehalten und den Erfolg genießen?

Schwierig, ganz schwierig. Für mich ist es nicht selbstverständlich, Arbeit zu haben und dafür so viel Anerkennung zu bekommen. Ich hatte früher auch mal Durststrecken, jeder Film ist immer noch wie ein kleines Wunder für mich.

Das älteste Ihrer drei Kinder, Lolita Chammah, ist ebenfalls Schauspielerin geworden, dreimal standen Sie schon gemeinsam vor der Kamera. Wie ist es mit der Tochter als Kollegin?

Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie sie als Schauspielerin wächst. Lolita kennt alle Seiten des Berufs, die schönen und die schwierigen. Ich habe ihr nie Ratschläge gegeben oder sie gewarnt. Sie hat aus dem, was sie sah, ihre eigenen Schlüsse gezogen.

Skytalk: Isabelle Huppert

Riskante Annäherung: mit Chloë Grace Moretz in "Greta"

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Momentan erlebt Hollywood einen Aufbruch der Frauen. Glauben Sie, dass diese Sensibilisierung zu langfristigen Veränderungen führt?

Ich glaube nicht, dass sich die derzeitige Stimmung auf Filme auswirkt. Aber es ändert sich viel für die Frauen in der Film­industrie! Sie werden endlich fair und gerecht bezahlt, das ist seit Jahren überfällig.

Gehen Sie selbst noch oft ins Kino?

Sehr gern sogar, natürlich. Ich habe in Paris ein altes Filmtheater gekauft, mein Sohn Lorenzo stellt das Programm zusammen. Das „Christine 21“ ist sehr bekannt in der Stadt, es liegt im 6. Arrondissement, zwischen Saint-Germain und dem Quartier Latin. Wir spielen vor allem Klassiker wie „Charade“, „Doktor Schiwago“ oder „Die Reifeprüfung“, zuletzt gab es eine John-Ford-Retrospektive.

Als sehr junge Anfängerin haben Sie mit Romy Schneider gespielt, in „César und Rosalie“, das war 1972. Wie haben Sie sie in Erinnerung?

Romy nahm mich unter ihre Fittiche, sie war ungeheuer freundlich zu mir. Ich war erst 19, völlig unerfahren, und spielte ihre kleine Schwester. Sie war ein ganz wunderbarer Mensch und eine große Schauspielerin – beides zusammen ist selten.

Welches weitere Talent hätten Sie sich gewünscht?

Ich würde gern singen können. Als ich in der Komödie „8 Frauen“ mal ein Lied sang oder als ich in Cannes zum Festivaljubiläum ein Ständchen gab, war das sehr spaßig.

In „Greta“ sind Sie es, die Gänsehaut erzeugt. Gibt es etwas, vor dem Sie sich fürchten?

Ich habe Angst vor Aufzügen – total unpraktisch in New York. Ich nehme immer ein Hotelzimmer in den unteren Etagen, nicht höher als die fünfte, und steige die Treppen rauf und runter.