Konkreter Poet
© Ansgar Sollmann

Mit der James-Simon-Galerie setzt der Brite David Chipperfield ein Ausrufezeichen auf der Berliner Museumsinsel. Anlässlich der Eröffnung stand uns der Architekt Rede und Antwort.

Am 12. Juli wird David Chipperfields James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel eröffnet. Das Gebäude ist der neue zentrale Eingang für fünf bedeutende Museen. Der britische Star-Architekt griff dafür mit Kolonnaden und Freitreppen auf Elemente klassischer Baukunst zurück, interpretierte sie jedoch zeitgenössisch, klar und erhaben. Seine Ideen, sagt er im Interview, entstünden aber nicht „nachts mit einer Flasche Whisky am Tisch“, sondern im Dialog, im Teamwork und in komplexen Prozessen. Ein Gespräch vor Ort über Architektur, die Lebensqualität Berlins und das Organisationstalent junger Eltern.

Sir David, was ist das Besondere an der James-Simon-Galerie?

Zunächst einmal war es eine Herausforderung, die richtige architektonische Sprache für ein Gebäude zu finden, das sich in ein so bedeutendes historisches Umfeld integriert. Und dann dient es ja nicht nur als Eingangsgebäude, sondern auch als verbindendes Element zwischen den Einzelmuseen – und als zusätzlicher Veranstaltungsort auf der Museumsinsel.

Planung und Bau der Galerie haben zwei Jahrzehnte gedauert, und Ihr Berliner Büro hat im vergangenen Jahr sein 20-jähriges ­Bestehen gefeiert. Welche Rolle spielt Zeit für Sie?

Es stimmt, dass die Zeit in der Architektur zuweilen stehen bleibt. Die Prozesse sind immer langwierig. Man muss lernen, damit umzugehen und dies für sich zu nutzen. Architektur ist nicht wie Malerei, wo eine augenblickliche Dynamik zwischen Gedanken und Leinwand entsteht. Wobei es letztlich vielleicht sogar weniger um Zeit als um Prozesse geht: Genehmigungen, Freigaben, Abstimmungen mit Auftraggebern, Bauunternehmen, Lieferanten – diese Mechanismen, von der Idee bis zum fertigen Gebäude, machen Architektur als Aufgabe einzigartig.

Wegen Ihrer Büros in aller Welt und Ihrer vielen Projekte sind Sie ständig unterwegs. Wie viel reisen Sie in der Regel?

Ich wechsle bestimmt zweimal in der Woche den Standort und bin selten länger als drei Tage irgendwo vor Ort.

Was brauchen Sie, um gut zu reisen?

Routine. Reisen ist einfacher, wenn man seine Wege kennt, immer wieder dieselben Flughäfen nutzt. Es geht viel um Gewohnheiten. Ich suche mir zum Beispiel, wenn ich unterwegs bin, immer denselben Ort zum Kaffeetrinken, esse immer denselben Salat am Züricher Flughafen. Man entwickelt so seine Gewohnheiten. Ich mag es nicht, wenn ich mich beeilen muss. Ganz anders liegt der Fall, wenn ich mit meiner Familie ins Flugzeug steige: Das macht gleich viel mehr Spaß.

Konkreter Poet
© Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Konkreter Poet
© Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Konkreter Poet

Wege zur Kunst: das obere Foyer in der James-Simon-Galerie

© Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Wird die Wohnungsfrage in den Metropolen oder auf dem Land beantwortet werden?

Wir haben die Peripherie mit Sicherheit eine Weile vernachlässigt, uns zu sehr auf das Urbane konzentriert. Dass die jungen Leute aus den ländlichen Regionen abwandern, ist ein europäisches Problem, dem wir uns widmen müssen. Und es wird wahrscheinlich keine Lösung, die alle zufriedenstellt. Es wird wichtig sein, sich mehr auf ein Thema wie Lebensqualität zu konzentrieren und dabei den Zeitraum der nächsten 30 Jahre im Auge zu haben. Ich denke, die nächsten Generationen werden sich weniger über ihre Arbeitswelt definieren und viel flexibler sein.

Was bedeutet Lebensqualität für Sie?

Als Architekt würde ich sagen: die Qualität eines Ortes. Berlin ist dafür eine Art Metapher. Denn es ist doch überraschend, dass Berlin, das ziemlich hässlich sein kann, so populär ist. Seine Popularität fußt nicht auf Wohlstand, einer prosperierenden Wirtschaft oder guten Jobaussichten, sondern auf der besonderen Lebensqualität – auch wenn gerade alle fürchten, die zu verlieren, weil Berlin immer beliebter wird. Wir müssen noch besser verstehen lernen, dass die Bedeutung von Freizeit größer wird. Anders als die des Konsums – der muss sinken. Wir können nicht weiter auf demselben Level konsumieren wie bisher. Es gibt eine Lebensqualität jenseits materieller Dinge.

Was brauchen Sie, um sich zu Hause zu fühlen?

Meine Familie, meine gewohnten Dinge des Alltags … (überlegt) Mit dem Zuhause ist es etwas schwierig. Wir sind oft für längere Zeit in Berlin, aber auch in London. Dann haben wir seit 25 Jahren noch ein Haus an der spanischen Küste. Vermutlich fühle ich mich dort am meisten zu Hause – weil alles sehr einfach und unkompliziert ist.

Arbeiten Sie dort ebenfalls?

Ja, es gibt auch da ein Studio, und wir arbeiten seit Langem mit der Kommune an Umweltschutzprojekten. Was mir dort vor allem gefällt: Das Wertesystem ist klarer. Lebensqualität hängt dort weniger von komplexen Dingen ab. Freunde, die uns dort besuchen, aber auch meine Familie und ich – wir fühlen uns von der Einfachheit im Zusammenleben inspiriert.

Konkreter Poet
© Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Konkreter Poet

Eleganz in Schichtbeton: Chipperfields skulpturales Hepworth Museum im englischen Wakefield (2011)

© Simon Menges
Konkreter Poet

Die Erweiterung der Royal Academy in London (2018)

© Simon Menges

Um ehrlich zu sein: Ich kann mit Kritik überhaupt nicht gut umgehen

David Chipperfield, Architekt

Wie arbeitet David Chipperfield am besten?

Ich brauche Zeit, einen ruhigen Ort, vielleicht etwas Musik. Es ist gut, wenn ich noch ein paar Stunden Zeit habe, um nachzudenken. Aber Architektur ist Teamwork. Man sitzt nicht nachts mit einer Flasche Whisky am Tisch und entwirft ein Gebäude. Das ist unmöglich. Man kann allein vielleicht ein Problem lösen oder ein Konzept skizzieren. Alles andere entsteht im Dialog.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Um ehrlich zu sein: überhaupt nicht gut. Ich versuche, sie nicht zu persönlich zu nehmen, aber es fällt mir schwer. Mit durchdachter, professioneller Kritik kann man umgehen. Aber die Kritik in den sozialen Medien … Manchmal mache ich den Fehler, nicht nur einen Artikel über unsere Arbeit, sondern auch die Kommentare dazu zu lesen: so gehässig! Social Media scheint die Menschen zu ermuntern, Verletzendes zu äußern. Man kann das ignorieren. Aber es kann auch sehr schmerzhaft sein.

Haben Sie einen Architekten als Vorbild?

Der Berufsstand des Architekten teilt sich in zwei Fraktionen: Es gibt den „Studioarchitekten“, der mit wenigen Mitarbeitern sehr fein und künstlerisch arbeitet, wie Álvaro Siza, den ich sehr bewundere. Und es gibt Architekten wie Renzo Piano, die sich mit großen Teams großen Aufgaben stellen. Beide haben sehr unterschiedliche Maßstäbe und dafür ihre jeweiligen Qualitäten. Wir versuchen, in unseren Büros eine kreative Studio-Atmosphäre zu schaffen, aber dennoch in großen Maßstäben denken und arbeiten zu können.

Wie stehen Sie zur aktuellen Feminismus-Debatte?

Ich bin überzeugt, dass der Augenblick gekommen ist, die Art, wie die Dinge oft aus einer westeuropäisch männlichen Per­spek­tive gesehen werden, zu korrigieren. Frauen sind keine bes­seren, aber auch keine schlechteren Architekten als Männer. In unserem Berliner Büro arbeiten Eltern, einige davon in Teilzeit. Sie sind fantastisch organisiert und nutzen ihre Zeit oft besser als andere. Unser Büro profitiert davon.

Sie haben selbst vier Kinder – was haben Sie von ihnen gelernt?

(schmunzelt) Sie sorgen dafür, dass ich normal bleibe.