Reiseziel Weltspitze
© Anthony Lanneretonne

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  • FOTOS ANTHONY LANNERETONNE
  • INTERVIEW FLORIAN STURM

Alexander Zverev ist der beste deutsche Tennisspieler und gilt als potenzieller Thronfolger von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. Ein Gespräch über Geschwindigkeit im Sport, Reisen um die Welt und sein Ziel, endlich ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Wir treffen Alexander Zverev, genannt „Sascha“, zwischen
zwei Turnieren in seiner Wahlheimat Monte Carlo. Trotz eines Dopingtests am Morgen, der seinen Tagesplan durcheinanderbrachte, erscheint er gut gelaunt zum Interview. Darin verrät er nicht zuletzt, warum er mit Rafael Nadal noch diverse Rechnungen begleichen muss.

Herr Zverev, muss man rastlos veranlagt sein, um Profisportler im globalisierten Entertainmentsystem zu sein?

Natürlich leben wir viel aus dem Koffer. Klar möchte auch ich mal einfach nur zu Hause sein und nichts tun. Aber ich weiß die Situation trotzdem zu schätzen. Ich versuche immer, die positiven Seiten zu sehen: Ich reise um die Welt, mache den Sport, den ich liebe, und verdiene damit ganz gutes Geld. Für mich gibt es kein besseres Leben.

Wie sieht Ihre Reisebilanz 2019 bislang aus?

Ich war nicht viel zu Hause. Anfang des Jahres spielte ich in Australien, danach war ich verletzt und habe bis März keine Turniere absolviert. Aber dann ging es richtig los: Acapulco, Frankfurt, Indian Wells, Miami, Marrakesch. Dann war ich für ein paar Tage hier in Monaco. Anschließend in Barcelona, München, Madrid, Rom, Genf, Paris, Stuttgart, Halle, London. Jetzt bin ich endlich wieder hier, seit zehn Tagen, fliege aber morgen schon wieder zum nächsten Turnier.

Sie reisen für den Tennissport jedes Jahr in dieselben Städte. Haben Sie Favoriten?

In Miami gefällt mir die lebendige Latino-Kultur. Wenn ich durch die Stadt laufe, kann ich diese Energie förmlich spüren. Rom ist wegen seiner Historie und Schönheit ein besonderer Ort. Du läufst die Straßen entlang und bist, egal welches Gebäude du betrittst, von der Kultur und Architektur überwältigt. Ein weiterer Lieblingsort ist definitiv Acapulco – die Strände, die Atmosphäre und das ganze Lebensgefühl sind wirklich fantastisch. Viele Menschen dort sind riesengroße Tennisfans, sie lieben es, wenn wir Spieler in der Stadt sind.

Seit 2015 leben Sie in Monaco. Was macht diese Stadt für Sie aus?

Inzwischen ist es wie Heimat für mich. Mein Bruder lebt hier schon sehr lange, das Wetter ist das gesamte Jahr über herrlich. Auch die Tennis-Infrastruktur ist fabelhaft. Viele der besten Spieler der Welt sind hier, wir können immer miteinander trainieren. Alles ist auf den Sport abgestimmt. Ich fühle mich hier unglaublich wohl.

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Gut serviert: Zverev beim ATP-Finale 2018 in London

© Glyn Kirk/AFP/Getty Images

Bereits Ihre Eltern waren professionelle Tennisspieler. Stand für Sie eine andere Karriere je zur Debatte?

Ich habe auch lange Hockey und Fußball gespielt. Irgendwie mochte ich aber Tennis immer am liebsten. Es war allein meine Entscheidung, es mit der Karriere im Profitennis zu versuchen. Meine Eltern haben oft gesagt, dass sie ein viel einfacheres und ruhigeres Leben gehabt hätten, wenn ich nicht Tennisprofi geworden wäre (lacht).

Was war bislang Ihr größter Erfolg?

Ganz klar die ATP Finals im letzten November in London gewinnen zu können. Selbst Rafael Nadal konnte das Turnier noch nie gewinnen. Und neben den Grand Slams ist es definitiv das wichtigste Turnier, das es gibt.

Und der Moment Ihrer größten Niederlage?

Es gibt da ein paar – alle gegen Nadal. 2016 habe ich in Indian Wells bei eigenem Matchball gegen ihn verloren. Ein Jahr später traf ich bei den Australian Open auf Rafa – für mich ein bitteres Match, das er in fünf Sätzen gewann. 2018 verlor ich gegen ihn in Rom. Ich lag im dritten Satz schon vorn, dann kam der Regen. Wegen dieser Matches möchte ich gegen Nadal noch ein paar Mal in meiner Karriere spielen.

Wie sieht ein normaler Trainingstag bei Ihnen aus?

Heute wurde ich überraschend um halb acht von einem Mitarbeiter der Welt-Anti-Doping-Agentur geweckt. Das war nicht so angenehm, ich hätte gern etwas länger geschlafen. Aber das gehört dazu. Wir werden bis zu 50-mal im Jahr getestet. Weil ich schon mal wach war, habe ich anschließend eine Stunde mit meinem Physio trainiert und mich danach 45 Minuten mit meinem Fitnesstrainer aufgewärmt. Von zwölf bis drei war ich auf dem Tennisplatz, habe schnell etwas gegessen und bin zu unserem Interview gekommen. Heute Abend gegen sieben werde ich noch mal ins Stadion gehen, um zwölf 400-Meter-­Läufe zu absolvieren. Danach folgen Dehnübungen und weitere 90 Minuten mit meinem Physio. So ein Trainingstag hat für mich schon sieben oder mehr Stunden. Wer denkt, wir stehen mal zwei Stunden auf dem Platz und schlagen ein paar Bälle, der liegt falsch.

Die Big Three – Federer, Nadal und Djokovic – dominieren den Sport seit Jahren. Selbst jetzt, mit über 30 Jahren. Sind das Ausnahmeathleten, oder erlaubt der Tennissport heute auch älteren Spielern, länger auf Topniveau zu spielen?

Nicht nur das Tennis an sich hat sich verändert, sondern grundsätzlich, wie man Sport auf professioneller Ebene angeht. Auch in anderen Disziplinen sind die Athleten viel länger aktiv. Der gesamte Kosmos um den eigentlichen Sport herum wird immer wichtiger.

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Im Konfetti-Regen: Zverev nach dem Gewinn der ATP Finals

© Fred Lee/ Getty Images

Meine Eltern hätten ein einfacheres und ruhigeres Leben gehabt, wenn ich nicht Tennisprofi geworden wäre

Alexander Zverev, Tennisprofi

Was hat sich speziell im Tennis verändert?

Etwa alle zwei Jahre merkst du, dass die Physis und die Geschwindigkeit eine immer größere Rolle spielen. Außerdem nimmt die Professionalisierung immer weiter zu. Darauf musst du dich einstellen, ansonsten kannst du mit der Weltspitze nicht mithalten. Federer beispielsweise spielt, wie ich finde, jetzt sein bestes Tennis – mit 38 Jahren.

Haben Sie das Gefühl, dass das Tennis durch Ihre Erfolge und die von Angelique Kerber in Deutschland wieder populärer wird?

Absolut. Das haben wir vor allem Angie zu verdanken, denn sie hat drei Grand Slams gewonnen. Mein Sieg in London im letzten Jahr und die Tatsache, dass Angie und ich beide in den Top Ten der Welt sind, hat auch dazu beigetragen, dass der Sport hierzulande ein Comeback erlebt.

Welche Ziele haben Sie sich zuletzt gesetzt?

Obwohl ich erst 22 bin, habe ich schon jede Turnierkategorie gewonnen – bis auf einen Grand Slam. Deswegen steht so ein Sieg für mich momentan ganz oben auf der Liste.

Welchen würden Sie gern als ersten gewinnen?

Jeder Grand Slam ist auf seine Weise etwas Besonderes: In Australien habe ich 2014 die Juniorenkonkurrenz gewonnen. Außerdem ist es aus meiner Sicht der schönste aller Grand Slams, denn die Betreuung für uns Spieler ist mit keinem anderen Turnier vergleichbar. Gleichzeitig sind die Bedingungen dort die schwersten, die wir haben. In Paris hat Nadal, der Sandplatzspezialist, schon zwölfmal gewonnen – dort zu triumphieren wäre außerordentlich. Die US Open in New York sind das größte Turnier, das wir haben. Und Wimbledon ist natürlich das prestigeträchtigste aller Turniere.

Stellen Sie sich vor, Sie würden jetzt nicht hier zum Interview sitzen, sondern am Tisch nebenan, und diese Situation mit Sascha Zverev im Gespräch beobachten. Was für eine Person sehen Sie da?

Hoffentlich einen Menschen, dem Tennis alles bedeutet und der bei jedem Spiel alles gibt. Die Emotionen, die diese Person auf dem Platz zeigt – ob man sie als Zuschauer nun mag oder nicht –, sind wirklich echt und nie gespielt. Alex Zverev ist ein ganz normaler 22-Jähriger, mit dem man immer ein paar Worte wechseln kann und der nicht die Bodenhaftung verloren hat.