Kolumne: Der Kongowels im Kaffeehaus
© Tim Möller-Kaya

Der Kongowels im Kaffeehaus

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Der rückenschwimmende Kongowels ist der hässlichste Fisch, den ich je gesehen habe. Dass er sich trotzdem seit 17 Jahren schon am Miniriff des Café Sperlhof aufhalten darf, liegt am Geist des Lokals. Hier muss niemand schön sein, reich oder cool. Hier muss auch niemand hässliche Fische lieben, dafür ist das Aquarium zu unauffällig. Wirklich mächtig sind hier nur die Türme der mehr als 1100 Brettspiele. Sie stapeln sich bis zu 2,50 Meter hoch, Klassiker, wie Mensch ärgere dich nicht, Schach und Monopoly, aber die meisten kennt man nicht. Wer hat schon jemals von einem Brettspiel namens „Bakschisch“ gehört, von „Bazaar“ oder „Therapie“? Hier schiebt man kleine Psychiatercouches über Felder, auf denen „Hysterie“ steht, „Albträume“ oder „Phobie“.

Wir sind also in Wien. In dieser Stadt ist die Zeit generell ein bisschen langsamer unterwegs, aber im Café Sperlhof scheint sie seit Jahrzehnten komplett stillzustehen. Es gibt kein Internet, aber einen Bücherberg, den man vergrößern oder verkleinern kann. Die Gäste lassen ihre Romane da, oder sie nehmen welche mit, kostenlos, aber mit Rückgaberecht. Kreditkarten werden nicht akzeptiert, dafür kann man noch mit Schilling zahlen, wenn die Euros ausgegangen sind. Bevor ich es vergesse: sechs Billardtische, zweimal Tischfußball, eine Pingpong-Platte stehen im Labyrinth der Neben- und Hinterräume. Aus irgendeinem Eck erklingt Livemusik. Bass, Klarinette, Gitarre, ein Tasteninstrument. Sie spielen gut, aber sind nicht fest engagiert. Es sind nur die Nachbarn, die zu Haus nicht üben können, weil es da schnell zu laut wird. Aber den rückenschwimmenden Kongowels interessiert das alles nicht.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com