Kolumne: Die kleinen Verluste
© Tim Möller-Kaya

Die kleinen Verluste

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

 Ich vergesse immer etwas. Bei jeder Abreise bleibt was liegen. Ist es ein unbewusster Ritus, der mir hilft, das Loslassen zu üben? Oder muss ich mir Sorgen machen? Ich bevorzuge die positive Sichtweise. Außerdem dreht es sich meist um Kleinigkeiten. Pass, Cash, Kreditkarten, der Ring meines Vaters und mein Laptop bleiben nie zurück. Auch lasse ich nirgends meinen Koffer stehen, nicht mal in Berlin. Aber ich habe eine elektrische Zahnbürste in Athen, falls das Hotel sie für mich aufbewahrt, und einen Kopfhörer in London. Leider auch ein Notizbuch in Bukarest, je ein Ladekabel in Kapstadt, Paris und Istanbul, und meine Ray-Bans verteilten sich so lange über diesen Planeten, bis ich mir einen Ruck gab und keine mehr nachkaufte. Dabei liebe ich sie, vor allem die polarisierten, sie machen so ein schönes Hollywood-Licht, egal wo man ist, aber genug ist genug.


Gilt das auch für mein Mobiltelefon? Ich stellte mir diese Frage, nachdem ich die Bordkarte hatte, das Gepäck aufgegeben war und ich eine SMS nach Haus schicken wollte, was dann aber nicht mehr möglich war. Sollte ich das beklagen? Oder jubilieren? Kann ich den Sprung in die Freiheit wagen? Oder muss ich zur Wiederherstellung meiner ständigen Erreichbarkeit den Rückflug annullieren? Wie oft hat mich das Ding gerettet? Wie oft hat es mich genervt? Habe ich nicht eigentlich ständig während des Reisens auf Anrufe aus der Heimat wie auf die Werbe­unterbrechungen von spannenden Spielfilmen rea­giert? Lächelnd ging ich zur Sicherheitskontrolle. Und fast grinsend zur Passkontrolle. Das war vor drei Tagen, und was soll ich sagen? Ich bin gut drauf. Denn wann immer mich jemand anruft, klingelt es neuerdings 6800 Kilometer entfernt von mir.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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