Frankfurt: Ein Kiez von Welt
© Evelyn Dragan

Ein Kiez von Welt

  • TEXT MARTIN THEIS
  • FOTOS EVELYN DRAGAN

Frankfurt am Main ist Banken-Kapitale, und Kunst-Metropole. Das Herz der Stadt schlägt im Bahnhofsviertel – ein Bummel durch ein Quartier, das sich immer wieder aufrappelt.

Waldpilzravioli mit Butterschaum, gebratenes Zanderfilet mit geräuchertem Kartoffelstampf und Estragon: Die „gute alte Zeit“ will das „Laube Liebe Hoffnung“ mit seinen Menüs neu interpretieren, an langen Tischen, in einem Holzhaus auf der grünen Wiese. Dabei war’s hier in der Wirklichkeit wohl nie so idyllisch – und die Zukunft beginnt direkt vor der Eingangstür des Trendrestaurants. Denn auf dem Gelände des einstigen Hauptgüterbahnhofs in Frankfurt, auf dem bis 1996 Züge rangierten, wächst unaufhaltsam das Europaviertel, eines der größten Stadtentwicklungsprojekte zwischen Hamburg und München. Immer mehr Wohn- und Bürogebäude streben in die Höhe, 14 000 Menschen sollen am Rand der westlichen City einmal leben. Das Quartier entstand am Reißbrett, prompt nennen es ein paar Traditionalisten „seelenlos“. Zumal die Wohnungen, moderner Standard, teuer sind. Doch die Lage gilt als attraktiv und ist begehrt. Es gibt Supermärkte, ein Kino, von der Dachterrasse eines Fitnesscenters mit Spa hat man die typische Skyline mit ihren Wolkenkratzern gut im Blick. Ein eigener U-Bahnhof ist geplant, die Wege ins Zen­trum sind so kurz, dass man mit dem Fahrrad fahren kann.

Nur die mehrspurige Mainzer Landstraße trennt Frankfurts neuestes Viertel vom Hauptbahnhof und einem der traditionsreichsten der Stadt: das Bahnhofsviertel, ein kleines Sonderuniversum ganz anderer Sorte. Bevölkert ist es von Gastronomen und Geschäftemachern, Hipstern und Halbweltlern, Visionären und Freaks. Hier prallen Welten aufeinander. Rund 4000 Menschen aus 180 Nationen leben dicht gedrängt auf einem Karree von jeweils wenigen hundert Meter Kantenlänge. Je nachdem, wen man fragt, ist dieser Ort Sodom und Gomorra – oder das nächste große Ding. Auf jeden Fall schlägt hier, zwischen Gründerzeitbauten und Wolkenkratzern, das wilde Herz der Mainmetropole. Die Anekdoten der Bewohner handeln vom früheren Glanz des Rotlichtviertels, von höflichen Rockern und friedlicher Koexistenz der Bürgerlichen und des Milieus. Heute, argwöhnen sie, kommen die Luxusmigranten nach Frankfurt, und Investoren, die nur Rendite interessiert.

Bauboom in "Mainhattan"

Typisch Frankfurt: Bauboom in "Mainhattan"

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Leben am Fluss, auch ohne Liegestuhl

Leben am Fluss, auch ohne Liegestuhl

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Dekoration im Restaurant IMA Pop-up

Dekoration im Restaurant IMA Pop-up

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 Jeden Tag nutzen mehr als 350 000 Menschen den Hauptbahnhof. Mit der S-Bahn sind es bloß zehn Minuten zum Flughafen, nur zwei Stationen zur Hauptwache und zur Shoppingmeile Zeil. Damit ist das Bahnhofsviertel zwischen Main, Finanzdistrikt und dem gehobenen Westend für viele Reisende das Tor in die Stadt. Aber auch als Wohngebiet wird es immer beliebter: 2006 lebten hier rund 2400 Menschen, bald werden es wohl doppelt so viele sein. Ganz Frankfurt wächst ­statistisch gesehen jeden Monat um rund 1100 Einwohner, Neugeborene inbegriffen. Das erhöht den Druck auf die Einheimischen, Mieten und Immobilienpreise steigen in absurde Höhen. Als Antwort auf die chronische Enge will die Stadt die Errichtung von rund 20 neuen Wohnhochhäusern genehmigen, einige davon werden bereits gebaut.

Der Immobilienmanager Ulrich Höller überschaut den Bahnhofskiez aus seinem Büro im 14. Stock eines Wolkenkratzers im angrenzenden Bankendistrikt. Von hier oben erscheint das Viertel wie ein urbanes Dorf auf etwa einem halben Quadratkilometer. Doch die Kräne und Baugerüste, die es umgeben, stehen für rapiden Wandel. Höller treibt ihn als Vorstands­chef der German Estate Group durchaus mit voran. „Hoch zu bauen ist in Deutschland ziemlich teuer“, sagt er. Zu viele Vorschriften. „Doch wegen der dramatischen Mietsteigerungen der vergangenen Jahre lohnt es sich für Investoren wieder.“ Höller erwartet, dass die Nachfrage nach Wohn- und Gewerberäumen auch durch den Brexit weiter steigen wird. „Es vergeht ja kaum eine Woche, in der nicht eine internationale Bank verkündet, dass sie Flächen von London nach Frankfurt verlegen will.“ Die Landesbank Hessen-Thüringen geht davon aus, dass in ein paar Jahren schon mindestens 8000 Menschen mehr in den Bankentürmen arbeiten.

Die Münchener Straße ist eine der Hauptagenten des Quartiers

Die Münchener Straße ist eine der Hauptagenten des Quartiers

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Feine Küche im Hotel Roomers

Feine Küche im Hotel Roomers

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Szene-Koch James Ardinast

Szene-Koch James Ardinast

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Immobilienentwickler Ulrich Höller

Immobilienentwickler Ulrich Höller

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Bahnhofsviertel Frankfurt

Bloß ein paar Straßen längs, ein paar quer: Das Bild zeigt die Hälfte des Bahnhofsviertels

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 Frankfurt, Bankfurt, Mainhattan. Die Stadt trägt ihre Hochhäuser in den meist liebevoll gemeinten Spitz- und Beinamen. Aber auch den Fluss, der ihre Lebensader ist – mit immer mehr hochkarätiger Kunst, Kultur, Lifestyle und Gastronomie. Allein an der Südseite reihen sich rund zehn Museen, das zunehmend auch international bekannte Museumsufer feiert sich zweimal im Jahr selbst: mit einem großen Fest Ende August und der Nacht der Museen im Frühjahr. Neben dem Deutschen Film­museum und dem Deutschen Architekturmuseum liegt hier das Städelsche Kunstinstitut („Städel“), das seine denkmalgeschützte Fassade noch bis 2019 saniert – am Sockel soll der für die Stadt typische rote Sandstein wieder so kraftvoll leuchten wie im kürzlich fertig gestellten neuen Altstadtviertel auf der anderen Mainseite. Nahe der Kunsthalle Schirn bezieht hier im Oktober das Stoltze-Museum, das dem Frankfurter Schriftsteller und Mundartdichter Friedrich Stoltze gewidmet ist, neue Räume. Altstadt, Dom und Römerberg zu entdecken wird im nächsten Sommer noch attraktiver werden, wenn die Stadt erstmals das nördliche Mainufer beidseits der Fußgängerbrücke Eiserner Steg für den Autoverkehr sperrt. Zu den Beachclubs am Fluss kommen dann – zunächst für ein Jahr – neue Straßencafés. Hoffentlich haben diese lange geöffnet. Dann bleibt nach einer Vorstellung im nahen Schauspielhaus noch Zeit, bei einem Glas am Mainufer die Inszenierung zu besprechen. Besonders optimistische Lokalpatrioten wünschen sich als nächstes ein echtes Vorzeigeprojekt à la Hamburger Elbphilharmonie, träumen von einem europäischen Kulturfestival mit schwimmenden Bühnen und Pop-up-Restaurantschiffen auf dem Main, mit einem Sommer voller Klassik, Oper, Ballett und Variété.

Kunst im Städel, dann am Museumsufer flanieren

Kunst im Städel, dann am Museumsufer flanieren

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 Frankfurts Problem: Seine Flächen sind ausgeschöpft, Baugrund steht fast nur noch in den umliegenden Gemeinden zur Verfügung. Doch dort gibt es Widerstände, also heißt die Losung: Verdichtung innerhalb der Stadtgrenzen. Viele Alteingesessene befürchten, dass vor allem das Bahnhofsviertel als Zentrum der Umbrüche überentwickelt werden könnte.

James Ardinast, als Gastronom selbst Teil des Aufwertungsprozesses, sieht die Lage gelassen. „Im Bahnhofsviertel funktioniert alles etwas anders, sogar die Gentrifizierung“, sagt er. Solange sich Banker und Hipster das Quartier mit eher unbürgerlichen Milieus teilten, gebe es für die Entwicklung eine natürliche Grenze. Eine schöne Vorstellung: das Bahnhofsviertel als Ökosystem, das sich selbst reguliert. Ardinast empfängt in seinem Fine-Dining-Restaurant „Stanley Diamond“ in der Ottostraße. Das Interieur ist ein ­spielerischer Flirt mit den Gegensätzen: Marmorwände kontrastieren mit Flamingo- und Entenskulpturen, Kristallgläser mit zeitgenössischer Rapmusik. „Unser Küchenpersonal kommt aus Sterneküchen“, sagt Ardi­nast, „aber deren Art zu kochen, die wollen wir ihnen abgewöhnen.“ Stattdessen: gehobene Hausmannskost mit wenigen Komponenten, dafür höchste Qualität und viel Experimentierfreude. „Un­sere Crew soll etwas ganz Eigenes erschaffen.“ Wie zur Demonstration bringt ein Kellner eine Melonenkaltschale mit hausgemachtem Chiliöl und sautierter Garnele am Spieß.

Maishähnchen an Sommergemüse im "Stanley Diamond"

Maishähnchen an Sommergemüse im "Stanley Diamond"

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Mit Tretroller ist man in der City schneller unterwegs

Mit Tretroller ist man in der City schneller unterwegs

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Club-Hopper in der Weserstraße

Club-Hopper in der Weserstraße

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 Mit seinem Bruder David betreibt James Ardinast im Viertel noch zwei weitere Restaurants. „Die Frankfurter haben das Bahnhofsviertel lange gemieden, viele tun es noch immer“, sagt Ardinast. Doch die beiden Brüder lieben es seit ihrer Kindheit. Ihr Vater nahm sie oft mit in den multikulturellen Mikrokosmos am Bahnhof, wo man schon damals authentische Küche aus den entlegensten Ecken der Welt fand. „Hier konntest du schon immer der sein, der du bist, und niemanden hat es gejuckt“, sagt der Gastronom. Die Ardinasts haben ihren Catering-Service in eine Gastro-Event-Agentur umgewandelt. Zuletzt waren sie in Hongkong, um ein Dinner für einen Automobilkonzern zu organisieren – vom Kiez in die Welt.

Anders als früher sind viele Frankfurter heute stolz auf ihre Stadt, und auch internationale Lifestyle-Magazine interessieren sich plötzlich für die Gastro-Elite am Main. Von wegen nur Rippchen und Sauerkraut oder Grüne Soße: Zwar werden im traditionellen Ebbelwoi-Viertel in (Alt-)Sachsenhausen an langen Tischen zum Sauergespritzten (Apfelwein mit Mineralwasser) liebgewonnene Frankfurter Leibspeisen aufgetischt, längst aber ist die Gastroszene kosmopolitisch wie die Stadt: von ayur­vedischen und äthiopischen Gerichten über Koscheres bis zur Sterne-Küche etwa im „Carmelo Greco“, das zu den besten italienischen Restaurants in Deutschland zählt. Und auch die vielen exzellenten Bars der Stadt haben mit der „Bonechina“ noch einmal Zuwachs bekommen: In Wohnzimmer-Atmosphäre können Gäste ihrem Drink selbst mit aromatisierten Eiswürfeln den Geschmack von Sandelholz oder Süßgras geben.

Karte Frankfurt
© Cristóbal Schmal

1 Europaviertel

Restaurant Stanley Diamond

Hauptbahnhof

Hotel Roomers

Bankenviertel

Museumsufer

 Einer der ältesten Clubs der Stadt, berühmt für seine Mottopartys und seinen leicht ranzigen Charme, ist das Pik Dame in der Elbestraße. Das plüschige Etablissement hat die großen Metamorphosen des Quartiers allesamt miterlebt, all die Machtkämpfe diverser Clans, besonders friedlich war es lange nicht in dieser Gegend. Zurzeit hat das Pik Dame geschlossen, der Grund ist symbolisch: Die Besitzer des Clubs wollen das Haus aufstocken, denn sie brauchen Wohnraum für ihr Personal, das hier sonst nichts Bezahlbares mehr findet.

Frankfurts buntestes Quartier ist aber nicht nur das Tor zur Stadt, es ist auch federführend für dessen Gastfreundschaft zuständig. Sind alle Hotelbetten im Bahnhofsviertel ausgebucht, kommen auf jeden Einwohner ungefähr zwei Übernachtungsgäste. Das kleine Karree zählt damit zu den Orten mit der höchsten Hoteldichte weltweit. Passenderweise kürte eine Branchenjury obendrein zwei Frankfurter zu Hoteliers des Jahres 2018: Micky Rosen und Alex Urseanu.

 

Kneipen-Institution im Bahnhofsviertel: das Moseleck

Kneipen-Institution im Bahnhofsviertel: das Moseleck

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Bankenfassade am Willy-Brandt-Platz

Bankenfassade am Willy-Brandt-Platz

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 Die Goldkinder der deutschen Hotelbranche bitten auf die Restaurantterrasse des Roomers, ihres Designhotels mit der gepflegten Fünf-Sterne-Frivolität: mattes Licht, schwarze Wände, lila Samt, goldfarbene Betthäupter. Die Gäste werden mit Wod­ka, Sekt und Süßigkeiten begrüßt. Vom Frankfurter Bahnhofsviertel aus hat das Duo ein Hotelimperium mit über 1000 Mitarbeitern aufgebaut, das sich bis Baden-Baden, München und Berlin erstreckt. Ihr Selbstbewusstsein reicht noch ein ganzes Stück weiter. Das Herz all ihrer Unternehmungen aber schlägt in Frankfurts Mitte. „Wir wollen nicht nur für unsere Hotelgäste da sein, sondern auch für die Menschen aus der Stadt“, sagt Rosen. Bis heute kommen 70 Prozent der Gäste in ihren Hotelbars und -restaurants aus der Mainmetropole, diesem Dorf mit Weltstadtflair, in dem jeder jeden zu kennen scheint. 2002 eröffneten Rosen und Urseanu das Hotel Bristol in der Nähe des Hauptbahnhofs, im Jahr darauf gaben sie mit den Ardi­nasts eine legendäre Party, aus der die Reihe „Nightcrawlers“ entstand, die noch immer läuft: Bankmenschen, Graffiti­sprüher und Kunststudenten kommen zum Feiern zusammen.

Diese Mischung zeichnet das Viertel bis heute aus, die einstigen No-Go-Areas sind zu Hotspots geworden. Sollen sie doch weiter herkommen, all die Studenten, die Einwanderer, die Hipster, in naher Zukunft auch gern die Brexit-Banker. Sie werden schon sehen: In Frankfurt wächst beharrlich zusammen, was anderswo nicht zusammengehört.

Genuss aller Art: der perfekte Tag in Frankfurt …
Köstlichkeiten
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Köstlichkeiten

Essen mit Flussblick: Das „Blaue Wasser“ empfiehlt sich an warmen Herbsttagen für eine Einkehr am Mainufer.

blaueswasser.net

Wandern
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Gassenläufer

Durchs Bankenviertel, auf den Maintower, zum Römer: Frankfurt bei verschiedenen Führungen zu Fuß entdecken.

 frankfurt-tourismus.de

Altstadt
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Neue Altstadt

Wie sich das Viertel am Dom verändert hat, zeigt das Deutsche Architekturmuseum bis 10. März 2019.

dam-online.de

Absacker
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Absacker

Der Südafrikaner Zachary Smith serviert im Brückenviertel Craftbeer und luftgetrocknetes Rindfleisch.

drinksmithbar.com

… oder ein Gang über die Buchmesse!

Zur 70. Frankfurter Buchmesse – für das Publikum am 13./14. Oktober geöffnet – kamen etwa 300 000 Besucher. Gastland war Georgien.

Frankfurter Buchmesse
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VON FRANKFURT IN DIE WELT

186 Ziele in 72 Ländern bedient Lufthansa ab Frankfurt – das macht 6584 Starts und Landungen wöchentlich an diesem Standort. lufthansa.com