© Claudia Ziegler

Große weiße Runde

  • TEXT STÉPHANIE SOURON
  • FOTOS CLAUDIA ZIEGLER

18 000 Höhenmeter und 85 Kilometer Abfahrt, alles an einem Tag? Auf dem Arlberg in Österreich können Skifahrer diese Riesentour ausprobieren.

Die Nacht hat den Winter an den Arlberg gebracht. Zehn Zentimeter Neuschnee sind am westlichen Zipfel Österreichs gefallen. Eine weiße Decke liegt auf den Hängen, die Schneekristalle glitzern in der Sonne. Unter den Skifahrern und Snowboardern herrscht „Powder Stress“, freudig aufgeregt drängeln sie sich vor dem Eingang zur Galzigbahn. Als die Gondel die ersten von ihnen den Berg hinaufschaufelt, schießt Adrenalin durch die Adern: Das Revier ist eröffnet! Auch ich bin froh, dass es losgeht. Denn heute zählt jede Minute: Wir wollen den Run of Fame fahren, ein spektakuläres, 85 Kilometer langes Gleiten durch das gesamte Arlberg-Skigebiet. Die Route führt über 18 000 Höhenmeter, vorbei an den Dörfern Zürs, Zug, Warth und Lech. Start und Ziel ist St. Anton, ein kleiner Ort in Tirol, Skifahrern und Freeridern in der ganzen Welt bekannt als Einstieg zu einem der schönsten Gebiete der Alpen. Die Rundtour sei auch für Otto-Normalskifahrer an einem Tag zu schaffen, hatte die Frau im Tourismusbüro versichert. „Man sollte aber nicht trödeln.“ Um kurz nach vier schließt der letzte Lift. Dann muss ich zurück sein in St. Anton.

Abfahrt vom Berg Kapall mit Blick auf den Galzig

Abfahrt vom Berg Kapall mit Blick auf den Galzig

© Claudia Ziegler

  Als ich um 9.20 Uhr aus der Gondel steige, ist keine Wolke am Himmel zu sehen. Die ersten Schwünge sind ein Traum. Der Schnee ist griffig und das Gebiet so weitläufig, dass sich die ersten Skifahrer an diesem Morgen schnell verteilen. In großen Schleifen fliegen wir hinunter. „Dein größter Gegner heute ist der Neuschnee“, sagt Maris Vagners, mein Ski-Guide, als wir im beheizten Sessellift den nächsten Berg hochschweben. „Gibt es zu viel, kommen sie mit dem Präparieren nicht hinterher“, erklärt er, „dann öffnen manche Lifte später.“ Vagners, 45 Jahre alt, sportlicher Schwung, charmantes Lachen, ist Amerikaner. Vor 27 Jahren ist er am Arlberg gestrandet, er kennt das Gebiet wie die Taschen seiner grasgrünen Skihose. Er soll mich durch das Gewirr aus Pisten lotsen, verhindern, dass ich mich heillos verfahre. Denn das gesamte Gebiet erstreckt sich über 305 Pistenkilometer, und die Beschilderung ist, nun ja, ausbaufähig.

Die neue Skirunde ist ein Denkmal für die Größen des Arlbergs: Marianne Jahn, Egon Zimmermann, Mario Matt – sie alle sind hier aufgewachsen und haben später internationale Skirennen gewonnen. Mein eigenes Rennen geht eher zäh voran. Vagners hatte recht: Der nächste Lift, die Flexenbahn, hat noch geschlossen. „Drehen wir eben noch eine Extrarunde“, sagt mein Guide und stößt sich ab. Ich folge ihm, die Abfahrten sind wunderschön. Aber die Zeit drängt, und so bin ich erleichtert, als der Lift endlich zur Weiterfahrt freigegeben wird.

Die Flexenbahn schließt seit der vergangenen Saison den Kreis am Arlberg und macht die Region dadurch zum größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs. Früher musste man für diese Strecke in den Skibus steigen – es wurde gedrängelt und geschubst, es roch nach Schweiß und Sonnencreme, manchmal auch nach Schnaps. Jetzt fahren aufgeräumte Zehnergondeln fast lautlos aus einer verglasten Talstation auf den Berg, auf den Felsen unter uns sonnen sich Gemsen und Steinböcke. 45 Millionen Euro hat das Projekt gekostet; zusätzlich wurden drei weitere Seilbahnen im Revier modernisiert.

Grosse weisse Runde: Maris Vangers

Das Ziel immer im Blick: Ski-Guide Maris Vagners...

© Claudia Ziegler
Große weiße Runde: Wegweiser

...Wegweiser des Run of Fame...

© Claudia Ziegler
Große weiße Runde: Andrang am frühen Morgen vor der Mähderbahn

...Andrang am frühen Morgen vor der Mähderbahn

© Claudia Ziegler

  Der Protest der Naturschützer fiel überraschend milde aus – zum einen, weil durch die Flexenbahn täglich 120 Busse weniger auf der Passstraße unterwegs sind. Zum anderen, weil keine neuen Pisten erschlossen wurden. Doch auch ohne eine einzige neue Abfahrt hat die Bahn das Skigebiet in neue Sphären getragen. „Superlative sind heutzutage enorm wichtig“, weiß auch Philipp Zangerl. Der Chef der Zürser Bergbahnen, ein besonnener Typ, kann von seinem Büro aus auf die Pisten blicken. Fünf Jahre hat er an der neuen Bahn gearbeitet. Nun spricht er über „Hauptknackpunkte“ und „Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetze“, man ahnt, dass ihm dieses Projekt einige graue Haare beschert hat. Aber er sagt: „Wenn man die Chance hat, etwas wie die Flexenbahn zu bauen, dann muss man es auch machen.“

Der Arlberg hat die neue Seilbahn gebraucht, um nicht von der Konkurrenz überflügelt zu werden

Philipp Zangerl

Seilbahnen sind ja längst keine reinen Beförderungsmittel mehr, sie transportieren auch eine Botschaft: Wir können größer, höher, weiter. „Der Arlberg hat diese Bahn gebraucht“, sagt Zangerl, um nicht von den anderen Skigebieten abgehängt zu werden. Denn auch die Konkurrenten rüsten auf, modernisieren und verbinden sich. „Ein bisschen Winter geht eben nicht“, sagt Zangerl, „entweder man macht es ganz, oder man lässt es bleiben.“ Das Problem am Winter ist ja, dass man sich auf ihn nicht mehr verlassen kann. Früher kam der erste Schnee im November, türmte sich im Januar auf den Pisten und vor den Hütten, dann hielt er sich bis April. Heute kommt oft erst Ende Januar der erste gute Schnee – und schmilzt dann Anfang März schon wieder weg. Viele kleinere Gebiete in Österreich, Deutschland und der Schweiz haben ihre Lifte deshalb schon abmontiert.

  Die Großen versuchen die Saison mit künstlicher Beschneiung zu verlängern, doch auch dafür braucht es Minusgrade, mit denen nicht mehr zuverlässig zu rechnen ist.
Heute aber zeigt der Winter, dass er es noch richtig kann. Wir steigen in den Lift zum Seekopf, das erste Drittel der Tour liegt hinter uns. Oben lockt ein Restaurant mit Bilderbuchausblick und Käsespätzle. Hunger habe ich schon, aber keine Zeit. Es ist schon weit nach elf Uhr, und das Örtchen Warth, unsere Kehrtwende, liegt noch in weiter Ferne.

Statt einer Rast gibt es also Schinkenstullen und Schokolade auf dem Lift zum anspruchsvollsten Stück der Runde: zu einer Piste, die gesichert, aber nicht präpariert ist. Schon auf dem ersten Steilhang türmen sich stattliche Schneehaufen. Ich fahre Ski, seit ich laufen kann, aber die unregelmäßigen Hügel fordern meine Beine und meine volle Konzentration, während Vagners mühelos bergab gleitet. Hinter dem Steilhang wird die Route zum Hochgenuss. Weitab der Lifte höre ich noch das Geräusch meiner eigenen Skier im Schnee, ansonsten ist es still. Gerne wäre ich gleich noch mal runtergefahren, aber die Zeit, die Zeit … Mit zackigen Schwüngen geht es über die breiten Hänge und Pisten von Lech. Erst als wir nach Warth hinübergondeln, kann ich kurz verschnaufen.

Große weiße Runde: Ski-Pionier Hannes Schneider, Freeriderin Lorraine Huber, Schauspielerin Renée Zellweger – wer sich am Arlberg einen Namen gemacht hat, wird im Skimuseum Hall of Fame verewigt

Ski-Pionier Hannes Schneider, Freeriderin Lorraine Huber, Schauspielerin Renée Zellweger – wer sich am Arlberg einen Namen gemacht hat, wird im Skimuseum Hall of Fame verewigt

© Claudia Ziegler
Große weiße Runde: Sportlicher Schwung: Maris Vagners bei der Abfahrt, die Fotografin fuhr, die Kamera zwischen die Füße geklemmt, vorweg

Sportlicher Schwung: Maris Vagners bei der Abfahrt, die Fotografin fuhr, die Kamera zwischen die Füße geklemmt, vorweg

© Claudia Ziegler
Große weiße Runde: Kaum serviert, sind die Gläser schon wieder leer: Beim Mooserwirt,

Kaum serviert, sind die Gläser schon wieder leer: Beim Mooserwirt...

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Große weiße Runde: der bekanntesten Bar St. Antons, belohnt man sich nach dem Run of Fame mit Burgern und Bier

...der bekanntesten Bar
St. Antons, belohnt man sich nach dem Run of Fame mit Burgern und Bier

© Claudia Ziegler

  Der nächste Teil unserer Route führt über einfache blaue Hänge. Wehmütig lasse ich die verlockenden Steilwände links liegen, immerhin kommen wir so zügig voran. Um 12.50 Uhr schlage ich bei der Steffisalp an, die Hälfte ist geschafft.

Wir haben noch etwas mehr als drei Stunden bis zur letzten Gondel. Den Übriggebliebenen bleibt nur der Bus – was für eine Schmach! Taxifahren ginge natürlich auch, das ist aber etwa so teuer wie ein Besuch der Sonnenterrasse des Bergkristall in Oberlech, wo Pasta mit Trüffeln oder Hummer serviert wird, die Portion zu 40 Euro. Ja, der Arlberg kann Luxus. So haben die Normalbetuchten später zu Hause was zu erzählen – und die Promis fühlen sich hier pudelwohl, weil sie unter ihresgleichen nicht weiter auffallen.

Sie wohnen gerne in St. Christoph, einem winzigen Ort, der praktisch nur aus einem Hotel besteht: dem „Arlberg Hospiz“. 1901 gründeten hier sechs Freunde einen der ersten Skiclubs der Welt. Heute ist das Hotel ein Refugium mit Suiten ab 600 Euro pro Nacht. Dafür sitzt man neben dem Kamin an einem Tisch aus Hunderte Jahre altem Lärchenholz, kann in der hoteleigenen Galerie an fünf Meter hohen Gemälden entlangwandeln oder vor dem Diner dem Steinway-Flügel lauschen.

Ich trete den Rückweg an, gondele zurück nach Lech, dann hinauf auf den Rüfikopf. Wir gleiten auf breiten weißen Bändern dahin, die Nachmittagssonne taucht die Gipfel in milchiges Licht. Fast vergesse ich, dass wir ein Rennen fahren. Eine letzte große Abfahrt, dann lasse ich mich beim Mooserwirt zufrieden auf eine Holzbank in der Sonne fallen. Geschafft!

Drinnen dröhnt „The Final Countdown“, draußen fließt das Bier in Strömen. Der Mooserwirt ist eine berüchtigte Après-Ski-Bar in St. Anton. Vier Angestellte sind allein damit beschäftigt, die Bierfässer auszutauschen, damit der Nachschub niemals ausgeht. Weiter, immer weiter. Auch das nächste Bauprojekt am Arlberg ist bereits geplant: Das Skigebiet Kappl im Süden von St. Anton soll angeschlossen werden. Von da wäre es dann nur noch ein Katzensprung nach Ischgl, einem weiteren Superlativ der Alpen. Die Idee klingt leicht größenwahnsinnig. Oder vorausschauend, je nach Perspektive. Aber eine komplette Runde an einem einzigen Tag, die wäre dann nicht mehr drin.

FDH

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Wie der Ski in die Welt kam

~ 2500 v. Chr.: Früher Gleiter

Der älteste bestätigte Ski-Fund, der 110 cm lange „Ski von Hoting“, wird 1921 in einem Moor in Zentral­schweden entdeckt.

1796: Erste Sprünge

Soldaten einer norwegischen Skikompanie benutzen verschneite Haus- und Scheunendächer als Sprungschanzen.

1888: Querfeldein

Fridtjof Nansen durchquert Grönland per Ski von Osten nach Westen – was stark zu seinem Status als Norwegens Nationalheld beiträgt.

1908: Hoch hinaus

Am Bödele im österreichischen Vorarlberg eröffnet der Vorläufer des Skilifts: die erste motorbetriebene Aufstiegshilfe.

 

1936: Sieger-Bretter

In Garmisch-Parten­kirchen wird alpiner Skilauf olympisch, Goldmedaillen gehen an die Deutschen Franz Pfnür und Christl Cranz.

ab 1950: Alpen für alle

Capri oder Rimini? St. Moritz! Im Alpenraum werden vermehrt Lifte und Pisten gebaut – Ski entwickelt sich zum Massensport.


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