Out of Germany
© Tim Möller-Kaya

Lauter Freunde in Havanna

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Zwei Jahre lang lebte ich in Havanna, 1998 aber ging mir das Geld aus. Am Tag meines Rückflugs nach Hamburg hatte ich noch 20 Dollar, zehn davon brauchte ich für das Taxi zum Flughafen. Beim Einchecken erfuhr ich zu meinem Schrecken, dass ich mich im Datum geirrt hatte. Mein Flieger ging erst drei Tage später. Und wie, bitte schön, sollte das gehen? Es war Abend, Busse fuhren nicht mehr, das Taxi zurück in die Stadt kostete mein gesamtes Restvermögen. Die Casa Particular, also meine private Unterkunft, gehörte einer gewissen Orphelia, und Orphelia sagte: No problem, klar wohnst du hier die drei Tage umsonst, und das Essen kriegst du auch umsonst und das Bier im Kühlschrank ebenso. Ich wusste nicht, wohin mit meinem Dank an sie und ging deshalb erst mal ins Café Monserrate, mein Stammlokal. Dort traf ich auf José. Er hatte mich zwei Jahre lang genervt, weil er immer etwas von mir wollte. Auch jetzt wieder. Ich erklärte ihm die Situation, und José sagte: Hör zu, ich geb dir jetzt zum ersten Mal einen Rum aus, und dann gehe ich um die Ecke und hol dir ein schönes Sandwich zum kubanischen Preis, und das zahle ich auch.

Weiter ging’s, in eines der großen Hotels, denn ich musste dringend ins Internet. Es kostete zehn Dollar die Stunde und fünf für die halbe, und ich fragte, was es mich für fünf Minuten kosten würde, denn ich bräuchte es nur für einen schnellen Hilfe­ruf, wg. Pleite. Und der Rezeptionist sagte: Keine Panik, Sie kriegen von mir 15 Minuten umsonst. Die nächste Überraschung hieß Tatjana. Ich hatte meiner kubanischen Freundin beim Abschied 50 Dollar dagelassen, was drei Monatsgehältern auf der Insel entspricht. Ich berichtete ihr, was geschehen war. Eine halbe Stunde später war sie da und gab mir das Geld zurück. Mein Glaube an die Menschheit war frisch gestärkt, und die 50 Dollar gaben wir zusammen gleich wieder aus.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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