Max Küng: Meine rasende Leidenschaft
© Daniel Egnéus

Meine rasende Leidenschaft

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Immerhin verspielt unser Kolumnist nicht beim Roulette die Sparbücher der Kinder – aber eine peinliche Sucht plagt ihn doch.

Ein jeder Mensch hat sein Geheimnis, ein jeder sein Laster, seine Dunkelzone. Und das ist gut so, denn der Mensch ist ja bekanntlich bloß ein Mensch, so hat auch der Stärkste seine Schwäche.

Meine Frau weiß nicht alles über mich. Sie weiß vieles, ja. Sie weiß, dass ich einen signifikant hohen Essiggurken-Konsum habe; sie weiß, dass mich der Sockenkauf schier in den Wahnsinn treibt, da ich mich nie entscheiden kann, ob ich Socken in der Größe 39–42 oder 43–46 kaufen soll, weil meine Schuhgröße die 42,5 ist; sie weiß, dass ich unter einer Tausendfüßler-Phobie leide und laut aufschreie, sobald ich einen sehe. Sie weiß also einiges, alles jedoch nicht. Ich habe da nämlich ein Geheimnis. Nun ist mein Geheimnis lediglich kleiner Natur. Ich habe weder – was recht kompliziert zu verheimlichen wäre – eine Affäre mit einer weltberühmten Schauspielerin noch ein Techtelmechtel mit einem unbekannten Marionettenspieler. Ich bin kein Casinogänger und rauche kein Crack. Es scheint, als sei ich ein recht langweiliger Mensch, Vater und Mann. Eines gibt es aber doch: Ich spiele. Nein, nicht in Zockerhöhlen oder Poker im Internet, das nicht. Ich kenne durchaus solche Männer: Sie gehen mit der Frau zu Bett, löschen das Licht, sagen „Gute Nacht, Mausi“ oder etwas Ähnliches. Und dann warten sie, bis der Atem der Liebsten regelmäßiger geht oder sie ein Schnarchen hören, sie fragen leise nach: „Mausi? Schläfst du?“ Hören sie nichts, so schlüpfen sie leise hervor und hinaus, schleichen wie ein Agent in einem Schwarz-Weiß-Film in der Dunkelheit aus dem Schlafzimmer – umdann für Stunden vor dem farbig erleuchteten Computerschirm zu hocken, bis der Morgen graut. Sie zocken, spielen, pokern, was auch immer, Einsatz um Einsatz, bis sie müde sind und um Tausende Euro ärmer.

Ein solches Doppelleben führe ich nicht, viel zu anstrengend. Bei mir ist alles weitaus harmloser und der Kostenrahmen überschaubar: Ich habe eine Schwäche für Videospiele. Besser gesagt für eines bloß. Es heißt Gran Turismo und ist ein ziemlich genialer Fahrsimulator für Straßen- und Rennautos. 1998 erschien in Europa die erste Version, heuer nun bereits der siebte Teil. Danach bin ich süchtig, ich bekenne, es ist heraus.

  Es hat wohl damit zu tun, dass ich ein Kind gewesen bin ­und noch immer ein Kind bin, zu einem großen, schönen Teil. Als Kind war nicht nur das Spielen wichtig, sondern auch das Auto. Ich war ein Autonarr. Heute bin ich, was das angeht, etwas des­illusioniert, fahre einen unglamourösen Kombi, der in allen Testberichten für sein Preis-Leistungs-Verhältnis gelobt wird. Heute habe ich selbst Kinder, da will man keinen Lamborghini, weil: unpraktisch! Passt ja nichts rein in den Kofferraum. Und die Sicht nach hinten? Ehrlich? Miserabel.

Das Videospiel kostet weniger als 100 Euro, und dafür kann man all die Autos fahren, von denen man als kleiner Knirps geträumt hat. In der eben erschienenen Version Gran Turismo Sport sind es nicht weniger als 150 Modelle. Das ist eine hübsche Garage. Und ich kann sie alle fahren, ohne dabei die Umwelt zu verschmutzen oder die Straßen mitzuverstopfen. Außerdem klemmt nie ein Strafzettel unter dem Scheibenwischer.

So gehe ich zurzeit morgens in mein kleines Büro, früh und gut gelaunt – was meine Frau nicht wenig erstaunt, denn ich bin ihr eher als Morgenmuffel bekannt. Aber statt den Computer anzuwerfen und zu arbeiten, schalte ich die Videospielkonsole ein, hocke mich vor die Kiste, steige mit Wonnen in die Kindheit hinab, fahre computergenerierte Autos, schnell und immer schneller, bis die Feierabendzeit kommt, dann rufe ich meine Frau an: „Schatz, es wird heute etwas später.“

Zugeben würde ich dies allerdings nie. Ist ja echt viel zu peinlich! Ein Erwachsener, der ein Autorennspiel spielt, statt zu arbeiten, der Zeit verschwendet, wertvolle Zeit, in der er etwas Sinnvolles erschaffen könnte, das ist doch einfach nur total kindisch. Niemals würde ich dieses Geheimnis preisgeben. Die Frau wird nichts erfahren. Es ist klein, aber es ist meins, so soll es sein für immerdar, mein Geheimnis. Und los!


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.