Mond süchtig
© Matthew Johnson

Vor 50 Jahren, am 21. Juli 1969 um 3.56 Uhr MEZ, betrat mit Neil Armstrong der erste Mensch den Mond. Ein besonderer Ort, das Jubiläum zu feiern, ist das Kennedy Space Center in Florida – so etwas wie ein Disneyland für Raumfahrt-Fans.

Zaghaft streichelt Audrey den Mond. Ihre Hand windet sich durch die Öffnung der Vitrine, in der die dunkelbraune Mondprobe 70215.287 ausgestellt ist. Audrey ist sechs, das Mondgestein vor ihr 3,7 Milliarden Jahre alt. Es ist nur so groß wie eine Streichholzschachtel. Audreys Finger gleiten über die Oberfläche, die zahllose Hände berührt und speckig geschliffen haben. „So glatt“, sagt sie, „so cool!“ Hinter Audrey stehen sieben weitere Erdlinge, die einmal im Leben den Mond anfassen wollen. Und sei es auch nur hier, in der großen Ausstellungshalle des Kennedy Space Center (KSC), des legendären Weltraumbahnhofs der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa.

Vor genau 50 Jahren, am 21. Juli 1969, betrat erstmals ein Mensch den Mond. Was sich heute so lapidar liest, war damals  eine Sensation. Ein Triumph. Ein schier unfassbares Ereignis. Für die meisten, die in jener Sommernacht die körnigen Schwarz-Weiß-Bilder in sich aufsaugen, ist es das bedeutsamste TV-Erlebnis, das sie jemals erleben werden. Um 3.56 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit berührt der 38-jährige US-Astronaut Neil Armstrong mit seinem linken Fuß den Mondboden und spricht einen jener wenigen Sätze, die noch Jahrzehnte später im kollektiven Gedächtnis nachhallen: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Bis heute ist der Mond der einzige Himmelskörper außer der Erde, den Menschen je besucht haben.

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Himmelsstürmerin: Astro­nautin Wendy Lawrence berichtet im Kennedy Space Center von ihren vier Raumflügen

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Countdown läuft

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Startklar: Der zehnjährige Tomas Loland aus Norwegen liebt alles, was mit Raumfahrt zu tun hat. Den Overall hat er im Kennedy Space Center gekauft

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 Auch Raymond Burrell bemüht den legendären Satz: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen …“, sagt der Tourist aus North Carolina theatralisch, als er im KSC über die Schwelle des Geschenke-Shops stakst. „Das wird teuer“, murmelt er dann, denn seine Frau und die beiden Töchter begutachten bereits Plüsch-Space-Shuttles (19,99 Dollar), Raumanzüge (69,99 Dollar) und „Astronauten-Eiscreme mit Schoko-Vanille-Geschmack“ (4,99 Dollar). Schließlich ist das 567 Quadrat­kilometer große Areal des Kennedy Space Center an der Ostküste Floridas eine Art Wallfahrtsort für Raumfahrt-Fans – auch wenn nur der „Visitor Complex“ für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Von 1968 bis 2011 hoben vom vorgelagerten Cape Canaveral alle bemannten Raumflüge der USA ab. Heute führen Bustouren zu den Startrampen, von denen nach wie vor Raketen ins All gejagt werden. 20 Satelliten sollen sie in diesem Jahr in die Erdumlaufbahn befördern, 60 im nächsten. Insgesamt 17 000 Menschen arbeiten auf dem Gelände.

Auch die drei Apollo-11-Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins starteten im Juli 1969 von hier aus zu ihrer Mission. Auf dem Mond hinterließen sie eine Plakette mit der Aufschrift „Wir kamen in Frieden für die gesamte Menschheit“, doch letztlich war es vor allem ein süßer Sieg für die Amerikaner beim Wettlauf ins All, dem „Space Race“. Mehr als 400 000 Menschen arbeiteten in den Sechzigern während des Kalten Kriegs in den USA daran, die Sowjetunion bei der Eroberung des Weltraums zu überflügeln. Schließlich hatten die Sowjets die westliche Welt zweimal schwer geschockt: 1957, als sie mit dem „Sputnik 1“ den ersten Satelliten ins All schossen. Und noch einmal 1961, als sie mit Juri Gagarin den ersten Menschen in den Weltraum schickten. 1966 gaben die USA insgesamt 4,4 Prozent des Staatshaushalts für die Nasa aus. Zum Vergleich: Heute sind es 0,47 Prozent. Das Rennen zum Mond war ein nationaler Kraftakt.

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Raumfahrt zum Anfassen: Vater und Sohn vor der ­Atlantis

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 2019. Ein Frühsommertag, 8.58 Uhr, schwülwarme 28 Grad, bedeckter Himmel. Etwa 200 Menschen warten vor den Einlassschleusen des KSC. Als aus großen Lautsprechern die National­hymne erklingt, legen sie die rechte Hand aufs Herz und richten den Blick auf ein gewaltiges Sternenbanner, das schlaff von einem Mast herabhängt. Ein mit weißem Raumanzug und Kugelhelm als Astronaut verkleideter Mitarbeiter dreht sich zur Fahne und salutiert. Die Hymne endet, die Tore öffnen sich, die Menschen strömen hinein.

Tausende Touristen pilgern täglich durch das Raumfahrt-Disneyland – zu einer 110 Meter hohen Saturn-V-Rakete und zu Computersimulatoren, mit denen man das Andocken an Raumstationen üben kann oder das sanfte Aufsetzen eines Landefahrzeugs auf dem Mond. Besonders Wagemutige lassen sich für die „Shuttle Launch Experience“ in Astronautensitze gurten und gehörig durchschütteln; dazu läuft ein Film, in dem laut dröhnend eine Raumfähre abhebt „Stell dir vor, du sitzt auf der Spitze einer Dynamitstange“, sagt der Kommentator, „und dann kommt jemand mit dem Feuerzeug.“ Kinder posieren für 30 Dollar in Raumanzügen für Fotos – und werden am Computer in Mond- oder Marslandschaften montiert.

In einer kathedralenartigen Halle hängt die ausgemusterte Raumfähre Atlantis an Drahtseilen von der Decke, effektvoll von Strahlern in Szene gesetzt. Die Inszenierung verfehlt ihren Zweck nicht. Es geht hier um die Glorifizierung einer goldenen Epoche. Und deren Helden waren nicht nur überaus mutig, sondern auch Symbole für Amerikas „Can do“-Mentalität. Der unbedingte Wille zum Erfolg, der Pioniergeist der Astronauten –sie wurden in diesem Museum für die Nachwelt konserviert. Hier, auf einer lang ­gezogenen Insel vor der Küste Floridas, kämpft die Nasa zwischen Sümpfen voller Alligatoren, Mangroven- und Säge­palmenwäldern ihren wichtigsten Kampf: den um die Herzen der Menschen.

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Landeplatz für Apollo-Fans: Motel in Cocoa

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Stehen auf die Nasa: Joey und Olly James aus Wales

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Eine fremde Lebensform? Im Kennedy Space Center begrüßt ein als Astronaut kostümierter Mitarbeiter eine junge Besucherin

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Triebwerk der Saturn-­V-Mondrakete

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Für die Ewigkeit: Edwin Aldrin ­betritt als zweiter Mensch den Mond – nach Neil Armstrong, der ihn ­fotografiert

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Und die Erde geht auf: Das berühmte „Earthrise“-Bild schoss 1968 die Crew von Apollo 8 mit Zeiss-Objektiven aus Deutschland

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Raumfahrergruß am Space Center

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Wir brauchen Apollo-11-Momente für die heutige Jugend


 

 Denn die stolze US-Weltraumbehörde hat viel Glanz eingebüßt. Etatkürzungen, interne Richtungskämpfe und immer wieder „politische“ Entscheidungen, die wirtschaftlich schwer nachvollziehbar sind, haben ihr arg zugesetzt. Seit acht Jahren schickt die Nasa keine eigenen Raumfähren mehr ins All. Dafür mieten sich private Raumfahrtfirmen auf dem Gelände ein und nutzen die Infrastruktur des KSC für Zwecke der kommerziellen Raumfahrt: SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk zählt dazu, Blue Origin von Amazon-Boss Jeff Bezos und Virgin Galactic des britischen Unternehmers Richard Branson. Dienst­herr Donald Trump setzt seiner Behörde zwar ambitionierte Ziele – Mondlandung bis 2024! Später weiter zum Mars! –, lobt aber die private Konkurrenz: Sie arbeite günstiger und effektiver als die Nasa.

Kein einfacher Job für Marshall Smith. Als Direktor für Monderkundungsprogramme bei der Nasa ist er für ihre Zukunft zuständig. Und damit für neue bemannte Mondmissionen, knapp 50 Jahre nachdem der letzte der zwölf Menschen, dieje auf dem Mond waren, den Erdtrabanten wieder verlassen hat. Smith war fünf, als Neil Armstrong auf dem Mond spazierte. „Das zu sehen gab meinem Leben die grundlegende Richtung“, erinnert sich der 55-Jährige, „ohne diesen Moment wäre ich nicht hier.“ Sein Auftrag ist klar: „Im nächsten Jahrzehnt werden wir zunächst eine dauerhafte menschliche Präsenz im Orbit des Mondes schaffen, eine Art Zwischenstation, ,Gateway‘ genannt. Das ist entscheidend, um Mondlandungen und Marsmissionen vorzubereiten.“ In den 2030er-Jahren sollen sich Astronauten dann auf die sechs bis acht Monate lange Reise zum roten Planeten machen. Die größte Herausforderung sei allerdings nicht die Technik, sondern die Motivation des fliegenden Personals. „Junge Menschen haben nicht die monumentale Erfahrung von Apollo 11“, sagt Smith. „Wir brauchen Apollo-11-Momente für die heutige Jugend.“

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1 Orlando
2 Kennedy Space center
3 Space X, Virgin Galactic,
Blue Origin
4 Cape Canaveral, Startrampen
5 Naturschutzgebiet/Wildlife
Management Area Upper St. Johns River Marsh

 Gut 50 Zuhörer sind zum „Lunch mit einem Astronauten“ in einen Nebenraum des Besucherzentrums gekommen. Es gibt Reis, Hühnchen, Donuts und die Anekdoten von Wendy Law­rence. Die 60-Jährige trägt ihren Einsatzoverall und erzählt, wie das so war im Erd-Orbit. Zwischen 1995 und 2005 hat sie an vier Missionen teilgenommen und insgesamt 51 Tage, drei Stunden und 56 Minuten in Space Shuttles verbracht. Haareschneiden, Sport, Experimente, Übelkeit und Toilettengang – nichts ist tabu. In der Fragerunde danach baut sich der zehn Jahre Vivaan Tholasi aus dem indischen Bangalore voller Ernst vor der Astro­nautin auf und liest ihr 21 Fragen vor. „Wie kalt ist es im All? Macht es Spaß, in der Schwerelosigkeit zu schweben? Hattest du Angst da oben?“ Wendy grinst und fragt, ob er mal Astronaut werden wolle? „Nein, ich werde nicht voreilig entscheiden, nur weil mich etwas momentan fasziniert“, antwortet der Junge ein wenig altklug. Die einstige Raumfähren-Kommandantin guckt verblüfft und sagt: „Dann hast du das Zeug zum Astronauten!“ 

Später, auf dem Weg zu ihrem kleinen, fensterlosen Büro, wird Lawrence ernster. „Die Nasa hat so gut wie keine Kontrolle über das, was sie macht, denn sie hängt vom Präsidenten ab und vom Parlament. Einmal gibt es Geld, dann wird ein Programm eingestellt, dann kommt ein shutdown, der alle Einrichtungen monatelang lähmt, dann werden Termine aus politischen Gründen verschoben.“ Lawrence kann Klartext reden, sie ist nicht mehr bei der Nasa angestellt. Es brauche eine Vision, sagt sie, und einen langen Atem. „Um den Weltraum erforschen zu können, muss man jahrzehntelang fokussiert arbeiten, und die privaten Raumfahrtfirmen können verlässlicher planen.“ Jeder wisse, dass es Rückschläge gebe. „Aber nur, wenn man aus Fehlern lernt und weitermacht, wird man Erfolg haben.“

Kurz nach 19 Uhr, Mitarbeiter des Kennedy Space Center haben die letzten Besucher zum Ausgang getrieben. Trenton Weyant, 16, und seine gleichaltrige Cousine Sierra Fogal aus Altoona im Bundesstaat Pennsylvania laufen zum Parkplatz, wo ihre Eltern auf sie warten. Zehn Stunden waren sie auf dem Gelände unterwegs. Trenton jobbt in einem Supermarkt und will Astrophysik studieren, um in der Raumfahrtindustrie zu arbeiten. „Wir wissen so viel übers Universum“, sagt er, kneift die Augen zusammen und drückt Daumen und Zeigefinger aufeinander. Dann breitet er die Arme aus: „Den ganzen unglaub­lichen Rest können wir entdecken. Wir! Aus unserer Generation wird der erste Mensch kommen, der den Mars betritt.“


Der Weg ins All

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Der russische „Sputnik 1“ ist der erste Satellit im All

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Der russische Kosmonaut Juri Gagarin fliegt als erster Mensch in den Weltraum

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21. Juli: Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin betreten als erste Menschen den Mond

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Apollo 17 ist die letzte von sechs Missionen, die auf dem Mond landen

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Erste sowjetisch-amerikanische Raummission

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DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn fliegt an Bord der Raumkapsel Sojus 31 als erster Deutscher in den Weltraum

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Erster Start des amerikanischen Space Shuttle

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Die Internationale Raumstation (ISS) nimmt die Arbeit auf; bis Juli 2019 waren 236 Menschen an Bord

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Geplante Rückkehr des Menschen auf den Mond

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Die ersten Menschen sollen zum Mars unterwegs sein –mit Zwischenstopp in einem Raumschiff im Mond-Orbit


Zum Ziel

Lufthansa fliegt im Juli täglich von Frankfurt (FRA) nach Orlando (MCO). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app