Von schrill bis mysteriös: ­Partyvolk im House of Yes
© Christaan Felber

Nachts in New York

  • TEXT CHRISTINA FELSCHEN
  • FOTOS CHRISTAAN FELBER

Die Stadt, die niemals schläft, war lange auch die Stadt, die leider nicht tanzen darf – bis der Bürgermeister ein Verbot von 1926 kippte. Ein Besuch bei den Nacht­schwärmern in ihrem ersten Sommer der Freiheit.

Der blauhaarige Mann schaut mir tief in die Augen: „Hier können eure wildesten Fantasien wahr werden.“ Hinter ihm johlen ein Dutzend seiner Freunde, die sich mit uns in diesen bauwagengroßen Raum gequetscht haben. An den Wänden hängen Kisten mit teils verwirrenden, teils lockenden Aufschriften: „Langweiligste Schlüpfer“, „Dunkles Glitzerzeug“, „Irisierende Sammlung“. Seine wildeste Fantasie heute Abend? Er zieht eine grüne Maske hervor: „Dinosaurierköpfige Tänzerinnen im Bikini! Ihr werdet schon sehen!“

Anya Sapozhnikova zieht uns weiter, tiefer ins House of Yes hinein. Uns empfängt die schwüle Wärme, die entsteht, wenn 600 Menschen tanzen. Anya kommt nicht weit: Jeder kennt die zierliche Brünette, jeder will sie umarmen. Der Club ist ihr Zuhause. Die 32-Jährige ist Mitgründerin und -besitzerin, sie bucht Acts, schneidert Kostüme und tritt als Luftakrobatin auf. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem alles möglich ist – so entstand der Name“, erzählt sie hinter den Kulissen, wo es ruhiger ist und man noch erkennen kann, dass der Avantgarde-Tempel einst als Waschsalon diente. Das erste House of Yes brannte ab, aus dem zweiten mussten sie ausziehen, als der Besitzer die Miete verdoppelte. Die dritte Version gibt es nun seit zweieinhalb Jahren im attraktiven Brooklyner Viertel Bushwick. „New York ist ein verdammt hartes Pflaster, deshalb kamen uns die vielen Umzüge immer normal vor“, berichtet Anya, „alles Großartige geht hier irgendwann kaputt.“ Sie nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und stürzt sich zurück in die Menge.

Bissiger Humor: Partygäste im House of Yes

Bissiger Humor: Partygäste im House of Yes

© Christaan Felber
Club­besitzerin Anya Sapozhni­kova im House of Yes

Club­besitzerin Anya Sapozhni­kova im House of Yes

© Christaan Felber
Das Outfit sitzt: mit der U-Bahn ins Nachtleben

Das Outfit sitzt: mit der U-Bahn ins Nachtleben

© Christaan Felber
Schulterblick und Schleiertanz: ...

Schulterblick und ...

© Christaan Felber
... Jeder, der will, hat im House of Yes seinen Spaß und seinen großen Auftritt

... Schleiertanz: Jeder, der will, hat im House of Yes seinen Spaß und seinen großen Auftritt

© Christaan Felber

  Das House of Yes ist so frei, kreativ und sexy, wie ganz New York es gern wäre. Wenn es dürfte. Ausgerechnet die Stadt, die behauptet, niemals zu schlafen, machte ihren Clubs und Bars das Leben lange mit komplizierten Lizenzverfahren äußerst schwer. Mehr als 80 Läden mussten im vergangenen Jahrzehnt schließen, darunter Institutionen wie das Glasslands und das Shea Stadium in Williamsburg, zuletzt das Silent Barn, ebenfalls in Brooklyn. Die härtesten Folgen hatte das 1926 erlassene sogenannte Kabarettgesetz, das Tanzen nur mit einer Sonderlizenz erlaubte. Kosten: rund 100 000 Dollar. Das konnten sich nicht einmal 100 der mehr als 22 000 Bars und Clubs der Stadt leisten, den übrigen blieb nur die Illegalität.

Mehr als 90 Jahre lang war Tanzen nur in Clubs mit teurer Sonderlizenz erlaubt.

„Wir haben beharrlich von uns abgelenkt“, sagt John ­Barclay ein paar Straßen weiter in seinem Kellerbüro mit Pal­men-Fototapete, während über ihm die Bässe seines Bossa ­Nova Civic Club wummern. Ab und zu ist das Donnern der vorbeifahrenden U-Bahn zu hören. „Auf unseren Flyern haben wir für Partys bei ‚OMG Pizza‘ geworben.“ In dem heruntergekommenen Imbiss einen Block weiter will ganz bestimmt niemand feiern. Aber die Gäste verstanden den Code, die Tarnung hielt erstaunlich lange – bis vor wenigen Jahren. „Es war gegen Mitternacht und laut und rappelvoll wie immer.“ Der 36-Jährige schaut auf die Monitore an der Wand, als befürchte er wieder ungebetenen Besuch. „Ein Dutzend Beamte stürmten in den Club, allesamt mit Stirnlampen ausgestattet, und befahlen, sofort das Licht an- und die Musik auszuschalten.“ Offiziell war es eine klare Angelegenheit: Sie hatten 150 junge Menschen auf frischer Tat ertappt – beim Tanzen.

Während der Prohibition im frühen 20. Jahrhundert durfte in den USA kein Alkohol verkauft werden – doch nur New York führte per „Cabaret Law“ gleich noch ein Tanzverbot ein. Die Stadtverwaltung wandte es an, um Neues und Fremdes unter Kontrolle zu bringen: die Jazzclubs im Harlem der 1930er, in denen sich Schwarze und Weiße gemeinsam vergnügten; Veranstaltungen von Schwulen und Lesben, die sich in den 1970ern organisierten. Von 1940 bis 1967 mussten sich Künstler für eine „Cabaret Card“ registrieren lassen – allen, die bereits polizeilich aufgefallen waren, wurde sie verweigert. In den 1990ern traf es gleich alle Clubs, die aus Sicht des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani „die Lebensqualität beeinträchtigten“. Auch heute haben die städtischen Behörden noch das Recht, Strafen wegen zu lauter Musik, Alkohol­ausschank ohne Lizenz oder anderer „Verletzungen der Lebensqualität“ zu verhängen.

Manhattan Bridge in der Dämmerung

Manhattan Bridge in der Dämmerung

© Luca Campigotto/GalleryStock
Im Bossa Nova Civic Club

Im Bossa Nova Civic Club

© Christaan Felber
Sohn der Jazz-Legende Thelonious Monk, im Minton’s Playhouse

Sohn der Jazz-Legende Thelonious Monk, im Minton’s Playhouse

© Christaan Felber

  „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, glaubt Thelonious Sphere „T. S.“ Monk. Er stößt die Eisentür zum Minton’s Playhouse auf und schaut sich in der Jazzbar um. Er ist drahtig, Ende sechzig und sieht selbst mit Basecap und Karohemd elegant aus. Seine Hand streift locker über die Schwarz-Weiß-Bilder an der Wand: „Dizzy, Charlie, Teddy, Billie, Miles. Als ich Kind war, gingen sie bei uns ein und aus.“ Vor dem Bild eines jungen Mannes, der sein Sohn sein könnte, bleibt er stehen: „Der Anzug ist super, oder? Hat meine Mutter genäht. Wir hatten kein Geld, aber mein Vater wusste, was gut ankommt.“ Dieser Vater, der legendäre Thelonious Monk, ist an jeder Wand des Minton’s verewigt. Hier erfand der 1982 verstorbene Pianist in den 1940er-Jahren den Bebop und revolutionierte quasi nebenbei die Jazzmusik. „Jazz war damals alles andere als Hintergrundmusik“, erinnert sich T. S. Monk, „das war Musik für die Massen, hier wurde wild getanzt – wie heute zu Hip-Hop und Beyoncé.“ Den Behörden war das ein Dorn im Auge. Sie nutzten das Kabarettgesetz, um die Auftritte berühmter Musiker zu verhindern. Als Thelonious Monk und ein Freund in eine Kontrolle gerieten, fanden Polizisten Drogen im Auto des Freundes. Sie konnten Monk nichts nachweisen, doch sie steckten ihn ins Gefängnis und konfiszierten seine Auftrittserlaubnis.

Das Tanzverbot würde wohl heute noch bestehen, gäbe es Andrew Muchmore nicht. Der Anwalt trägt navyblauen Anzug und Seitenscheitel, tagsüber verdient er das Geld, das er nachts einsetzt – für seinen Traum von einer Nachbarschaftskneipe im Stile seiner Heimat New Orleans. Als Muchmore einen Strafzettel für unerlaubtes Tanzen erhielt, fühlte er sich persönlich und professionell herausgefordert. Statt zu zahlen, focht er die Entscheidung an. „Ich konnte es gar nicht erwarten, den Polizisten, der mich vorgeladen hatte, ins Kreuzverhör zu nehmen“, sagt der 37-Jährige lächelnd. „‚Was haben Sie genau gesehen?‘, wollte ich ihn fragen. ‚War es ein Schwingen, ein Wippen? Haben die Gäste Jitterbug getanzt? Oder doch eher Funky Chicken? Führen Sie das doch bitte mal vor!‘“ Doch dazu kam es nicht. Das Gericht ließ die Anzeige fallen – angeblich war der Eintrag über die Strafe verloren gegangen.

Er will doch nur tanzen: Der Anwalt und Bar­besitzer Andrew Muchmore brachte das restriktive Kabarettgesetz von 1926 zu Fall

Er will doch nur tanzen: Der Anwalt und Bar­besitzer Andrew Muchmore brachte das restriktive Kabarettgesetz von 1926 zu Fall

© Christaan Felber
Voll konzentriert mit den „Golden Girls“ im Sinn: „Steve and the Not Steves“ auf der Bühne des Much­more’s in Brooklyn

Voll konzentriert mit den „Golden Girls“ im Sinn: „Steve and the Not Steves“ auf der Bühne des Much­more’s in Brooklyn

© Christaan Felber

NYC

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  Doch Muchmore ließ es nicht damit bewenden. 2014 führte er einen Musterprozess gegen die Stadt New York, weil das Kabarettgesetz gegen die Freiheit des Ausdrucks und damit gegen die US-Verfassung verstoße. Der Anwalt gewann. Getragen wurde seine Initiative von einer breiten Bürgerbewegung: Clubbesitzer John Barclay gründete mit Anya Sapozhnikova und Hunderten anderer Kreativer das Dance Liberation Network. Und sie fanden Unterstützung in der Lokalpolitik: Rafael Espinal, ein junger Abgeordneter, der zuletzt in die Schlagzeilen kam, als er durchsetzte, öffentliche Männertoiletten künftig auch mit Wickeltischen auszustatten, brachte einen Entwurf zur Abschaffung des Kabarettgesetzes in den Stadtrat ein. „Vielen Kollegen im Stadtrat ging ich zu weit“, erinnert er sich. Aber im November 2017 kippte Bürgermeister Bill de Blasio das Gesetz – und setzte eine Nachtbürgermeisterin ein, die zwischen Clubs, Anwohnern und der Stadt vermittelt.

Die Toilettenschlange im House of Yes zieht sich quer durch den Raum. Eine freundliche Dinosaurierdame massiert ihrem Vordermann die Schultern, den Wartenden werden Cocktails gereicht. Im Waschraum blinkt und funkelt es: Die Wände sind mit Pailletten, Spiegelmosaiken und Perlenketten beklebt, alles in Gold. Ein Mann, der kaum mehr als eine Federboa trägt, schminkt sich neben einem Einhorn und zwei Frauen mit Chrysanthemen im Haar. „Das waren die tropischsten Blumen, die wir finden konnten“, sagt eine von ihnen auf Deutsch. Sie kommt aus Leipzig, studiert Internationales Recht und wohnt nur ein paar Blöcke vom Club entfernt. Sie ist zum vierten Mal hier, „nicht zum letzten Mal“, bestimmt nicht: „In Deutschland kenne ich keinen Laden wie den hier.“ Ihre Freundin ergänzt: „In New York gibt es das auch kein zweites Mal!“

Die Elektrobeats in der Halle hämmern schneller, und plötzlich sind sie überall, weit über uns im Scheinwerferlicht: die Akrobatinnen und Go-go-Tänzer, für die das House of Yes berühmt ist. Sie winden sich in Gitterkäfigen, schwingen auf einer Schaukel über die Köpfe der Tanzenden hinweg und kriechen über ein Wandgerüst. Ein Go-go-Girl winkt kurz. Anya? Sie ist es. Barfuß, im neongelb getigerten Leotard mit pinkfarbenem Federschmuck, sie klemmt die Füße im Gerüst fest und biegt sich nach hinten, bis ihre Haare die Theke berühren.

Auf dem Heimweg fällt mir wieder ein, was Rafael Espinal gesagt hat: „Wenn das Nachtleben stirbt, verliert New York seine Seele.“ Jahrzehntelang haben er und seine Freunde zugesehen, wie Clubs schlossen, wie Künstler und Musiker wegzogen. „Die Stadt hat ihnen das Leben schwer gemacht – aber damit ist jetzt Schluss.“ Kurz vor der Morgendämmerung ist Midtown Manhattan fast menschenleer. Die wenigen Fahrgäste in der U-Bahn, späte Heimkehrer, frühe Pendler, sind vollständig vermummt, gegen Kälte, gegen abschätzige Blicke. Zu meinen Füßen liegt eine Feder. In Pink.

Legendäre Clubs

Auf der winzigen Bühne des CBGB (1973–2006) starteten Punkrock-Größen wie Debbie Harry und die Ramones ihre ­Karriere.

Auf der winzigen Bühne des CBGB (1973–2006) starteten Punkrock-Größen wie Debbie Harry und die Ramones ihre ­Karriere.

© Premium Archive/Getty Images
Das LIMELIGHT (1983–2001) wurde von Andy Warhol in einer ehema­ligen Kirche eröffnet.

Das LIMELIGHT (1983–2001) wurde von Andy Warhol in einer ehema­ligen Kirche eröffnet.

© Ron Galella/WireImage/Getty Images
Auf den rauschenden Partys im STUDIO 54 (1977–1986) begegnete man Liza Minnelli, John Travolta und Truman Capote.

Auf den rauschenden Partys im STUDIO 54 (1977–1986) begegnete man Liza Minnelli, John Travolta und Truman Capote.

© Sygma/Getty Imagesa
Der COTTON CLUB (1923–1940) machte viele Jazzmusiker groß.

Der COTTON CLUB (1923–1940) machte viele Jazzmusiker groß.

© AKG-Images/Science Source
In der DANCETERIA (1979–1986) ­gingen Künstler wie Madonna, Keith Haring und die Rolling Stones ein und aus.

In der DANCETERIA (1979–1986) ­gingen Künstler wie Madonna, Keith Haring und die Rolling Stones ein und aus.

© Allan Tannenbaum/Polaris/laif

Durch die Nacht in der Stadt des Monats

1 Einstimmen

Kein New-York-Besuch ohne Pizza! Eine der besten serviert das Familienlokal Di Fara.

difarany.com

2 Anstoßen

Intim, gemütlich und extrem populär ist Paul’s Cocktail Lounge im Roxy Hotel.

roxyhotelnyc.com

3 Wieder wach?

Eine Institution dank Omelettes, Sandwiches und Räucherfisch: das Deli Barney Greengrass.

barneygreengrass.com

4 Durchtanzen

Erst in Elektrobeats schwelgen, dann auf dem Dach dem Sonnenaufgang zuprosten.

elsewherebrooklyn.com

© Cristóbal Schmal

Weitertanzen


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