Stück vom Glück: Aufmacher
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Stück vom Glück

  • TEXT MARKUS ALBERS

Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet die als melancholisch geltenden Finnen stehen auf Platz eins des „World Happiness Report“ – eine kleine Spurensuche im glücklichsten Land der Welt.

Vielleicht war es der Moment, als ich nach zwei Tagen auf einer menschenleeren Insel im Licht der Mitternachtssonne das Trinkwasser aus der Zisterne zu unserer Hütte trug. Vielleicht war es, als es mir zum ersten Mal gelang, im Saunaofen ein Feuer zu entfachen, nur mit trockenem Gras und Birkenrinde. Oder war es der Nachmittag in Helsinki, als ich im Allas Sea Pool, dem wohl demokratischsten und schönsten innerstädtischen Freibad, neben Einheimischen jeden Alters saß? Mit einem Lapin-Kulta-Bier in der Hand schauten wir über das glitzernde Wasser des Hafenbeckens, und es schien, als hätten wir alle Zeit der Welt, keine Pflichten, bis auf die Burger, die gleich noch bestellt werden mussten.

Wahrscheinlich waren es all diese Momente zusammen und viele ähnliche, die mir nach zehn Tagen in Finnland das Gefühl gaben, endlich zu verstehen, wa­rum dieses nordische Land das glücklichste der Welt sein soll. Trotz der langen, dunklen Winter und der vermeintlich melancholischen Einstellung seiner Bewohner. Mein Auftrag war es herauszufinden, wie die Finnen das machen. Mein Wunsch war es zu entdecken, was ich mit nach Hause nehmen, was ich hier lernen könnte.

Finnland landete 2018 erstmals auf Platz eins im „World Happiness Report“ der UNO. Das Ranking hat in 156 Ländern neben Pro-Kopf-Einkommen, Gesundheit und Lebenserwartung auch Kriterien wie Freiheitsgefühl, gesellschaftliche Großherzigkeit, Ächtung der Korruption und Vertrauen untersucht. Wie Norwegen, Dänemark, Island und die Schweiz, die auf den nächsten Rängen folgen, lege Finnland großen Wert auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, so ein Erklärungsversuch der Autoren für die Spitzenposition: „Diese Länder sind von der Überzeugung geprägt, dass das Glück der Menschen auf einem soliden System sozialer Unterstützung beruht sowie auf guten öffentlichen Dienstleistungen, auch wenn dafür ziemlich hohe Steuern zu zahlen sind.“ Alle skandinavischen Staaten schafften es in die Top Ten der Glückstabelle, die 2012 zum ersten Mal erschien; Deutschland liegt auf Platz 15.

Stück vom Glück: Mann
© Achim Multhaupt/laif
Stück vom Glück: Schwäne
© Juuso Westerlund/Moment/INSTITUTE

 „Ja, ich habe in der Zeitung gelesen, dass wir da auf Platz eins sind“, sagt Reija Nikander, eine muskulöse kurzhaarige Frau, die als Adventure Guide im Eco Camp des Nuuksio-Nationalparks arbeitet. Danach muss sie lange überlegen, woran das liegen könnte. 45 Minuten nordwestlich der finnischen Hauptstadt haben wir zwischen Bäumen unsere Zelte aufgespannt, auch das Feuer werden wir später selbst entfachen. „Die Einsamkeit“, sagt Reija schließlich. Allein, in den endlosen Wäldern, da sei sie glücklich. Wir reisen weiter zu den Åland-Inseln, in der Ostsee zwischen Finnland und Schweden gelegen. Spätestens dort, nach einem abendlichen Bad im See, spüren auch wir die beruhigende Wirkung der ständigen Präsenz der Natur. Wie sie alles angenehm verlangsamt und den Blick weitet. Das gilt nicht nur für Besucher wie uns, auch die Einheimischen wirken durchgehend sehr entschleunigt. Nach der interessierten Beobachtung unserer finnischen Nachbarn im Käringsunder mökki, dem typischen finnischen Ferienhaus, wage ich ein paar – gewiss unzulässige – Verallgemeinerungen: Der Finne ist schon auf dem Weg zur Zufriedenheit, wenn er mit einem Bier in der Hand vor der Sauna sitzt. Oder mit den Kindern Minigolf spielt. Oder im Schritttempo mit seinem chromblitzenden Ami-Straßenkreuzer spazieren fährt. Stress sieht anders aus.

Ruhe und Natur allein können das Phänomen aber nicht erklären. Schließlich betonen die UN-Forscher ja gerade den sozialen Zusammenhalt. Reija denkt noch mal nach. „Eigentlich ist es beides“, sagt sie, „wenn mich die Menschen nerven, kann ich in die Natur. Aber dann freue ich mich auch wieder auf meine Freunde.“ Der soziale Zusammenhalt sei vermutlich auch deshalb stark, weil Städte und Gemeinden in der Regel klein sind: „Wir kennen einander.“ Das bestätigt auch Frank Martela, der an der Universität Helsinki zur Psychologie und Philosophie des Glücks forscht: „Finnen vertrauen einander und ihrer Regierung, das demokratische System funktioniert. Wir wissen, dass dies Hauptfaktoren für hohe Lebenszufriedenheit sind.“ Besuchern empfiehlt er, nahezu klassisch, einen Besuch in der Sauna, dem „Fenster in die finnische Seele“. Die Nacktheit reduziere soziale Unterschiede und Hierarchien, sagt er, „Stille wird hier nicht nur toleriert, sie ist gewollt.“ Glücklich zu sein wie ein Finne bedeute nicht demonstrativ zur Schau gestellte Freude, sondern ruhige Zufriedenheit damit, wie sich das eigene Leben entwickelt.

Stück vom Glück: Junge
© Juho Kuva

 Es ist wohl dieser in freundliche Ergänzungen mündende Gegensatz, der das finnische Glücksparadox erklärt: Einsamkeit und Soziales. Natur und Hightech. Entspanntheit und Effizienz, Gleichmut und Ehrgeiz. In den Restaurants steht Hausmannskost auf der Karte, aber stets regional und in Bio-Qualität. Finnland ist wie eine Mischung aus Zürich und Sydney: Die Infrastruktur funktioniert beängstigend perfekt, Internet ist immer da und immer schnell, selbst auf der einsamen Insel gibt es 5G. Auf den exzellent ausgebauten Straßen fahren große, neue Autos, aber nie schneller als 120 Stundenkilometer. Im Feriendorf patrouillieren schon morgens Jugendliche die Gehwege entlang und sammeln mit Greifern noch das kleinste Kaugummipapier ein. Selbst die Autobahnraststätte wird zum Wohlfühlort, mit beruhigender Musik, blitzblank geputzt, an der Wand eine hintergrund­beleuchtete Fototapete mit Birken.

So viel Sorgfalt könnte einschüchternd und seelenlos wirken, wären da nicht die Finnen. Sie ähneln – man verzeihe das Klischee – weniger korrekten Schweizern, mehr lockeren Australiern. Oft tätowiert, die Männer gern bärtig und bierbäuchig, zurückhaltend zunächst, doch später oft ungeheuer herzlich und hilfsbereit, genießen sie die schön schnurrende Maschinerie ihres Heimatlandes mit robuster Selbstverständlichkeit. Und hinter dem Naturburschen-Look verbergen sich oft Weltläufigkeit und ein ausgeprägter Geschäftssinn. So verwaltet Johan Mörn nicht nur mehrere Mini-Inseln, auf deren kleinster, Sviskär, wir übernachten, in der tatsächlich einzigen Hütte des Eilandes, mit nur vier Betten und Plumpsklo. Zugleich hatte er die clevere Idee, dieses Naturerlebnis als „neuen Luxus“ zu vermarkten, inklusive Catering, das uns Teilzeit-Robinsons per Boot angeliefert wird, und einer Kooperation mit einem französischen Champagnerhersteller. Dieser testet im tiefen Wasser vor den Inseln, ob sein Produkt auf dem Meeresgrund besser altert als im Weinkeller. Johan, ein bäriger und wettergegerbter Typ, erzählt von Events, bei denen internationale Weinkritiker zur Verkostung vorbeischauen – was auch die runden Einbuchtungen in den hölzernen Gartentischen auf der Hauptinsel Silverskär erklärt: Sie haben exakt den Durchmesser einer Champagnerflasche. So viel Originalität und Chuzpe gedeiht nur, wenn man sich über viele andere Dinge keine Gedanken mehr machen muss, weil sie einfach funktionieren. Weil man im politisch stabilsten und sichersten Land der Welt lebt, mit hoher Lebensqualität und sauberer Natur. Einem Land, dessen Einwohner das EU-weit größte Vertrauen in ihre Mitbürger haben.

Stück vom Glück: Baum
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Stück vom Glück: Tauben
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Das kleine Glück im Alltag: mal im Regen mit dem Fahrrad fahren, mal Pilze oder Beeren sammeln


 

 Katja Pantzar ist Finnin, wuchs aber in Kanada auf und kam erst als Erwachsene in ihr Heimatland zurück. Das hat ihren Blick für lokale Phänomene geschärft, weshalb die Autorin kürzlich in einem Buch den „Finnish Way“ erklärte, in Deutschland unter dem Titel „Sisu“. Dieser Begriff, mit „Zähigkeit“ oder „Ausdauer“ nur unzureichend übersetzt, markiert für Pantzar den Kern des Phänomens: „Bei Sisu geht es darum, Herausforderungen anzunehmen“, sagt sie, „es ist die Fähigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz seine Grenzen auszuloten.“ Konkret können das ganz kleine Dinge sein: mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren, auch wenn das Wetter schlecht ist. Mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Dort Pilze oder Beeren zu sammeln, statt alle Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen. Schon nach wenigen Tagen in Finnland hat sich gezeigt, dass Frauen hier mindestens genauso viel Sisu besitzen wie Männer, Gleichberechtigung ist hier ganz selbstverständlich. Als ich in Mariehamn, der Hauptstadt der autonomen Region Åland, den Fehler mache, eine Einheimische nach dem lokalen Regierungschef zu fragen, werde ich knapp korrigiert: „Der Regierungschef ist eine Frau.“ Als wir über ein örtliches Wikingerfest sprechen und ich vermute, dass es da wohl Spielzeugschwerter für die Jungs gebe, sagt die Finnin fassungslos: „Natürlich sind die Schwerter auch für Mädchen!“

Stück vom Glück: Mädchen
© Helen Korpak

 Als erstes Land Europas führte Finnland 1906 das Frauenwahlrecht ein, 12 Jahre vor Deutschland. Kitas wurden vor Jahrzehnten schon ausgebaut, in den Schulen gibt es seit den 1940er-Jahren kostenloses Mittagessen. Lehrer fühlen sich ausdrücklich für die Ergebnisse ihrer Schüler verantwortlich. Lernen findet in der Schule statt, nicht in der Hausaufgabenbetreuung durch Eltern. So bleibt allen mehr Zeit für Freizeitaktivitäten mit der Familie und Freunden, was wiederum Zusammenhalt und Vertrauen stärkt. „Jeder Finne hat mindestens ein Hobby, meist mehrere“, sagt Roope Musto, der für das Designhotel Katajanokka in Helsinki arbeitet, aber in London aufgewachsen ist. So blickt er freundlich, doch erstaunt auf manche Eigenheiten seiner Landsleute: „Nach der Arbeit oder Schule geht man in seinen Verein oder Club, so ist das hier eben.“ Wohin er nach unserem Gespräch fährt? Zum Fußball.

Wieder in Helsinki, schlendere ich noch einmal zum Allas Sea Pool. Es ist 17 Uhr, die Finnen kommen von der Arbeit. Ich laufe in ihrem Rhythmus mit. Badesachen in der Gruppenumkleide anziehen, dann ein Saunagang mit Aufguss, gefolgt von ein paar Bahnen im großen Schwimmbecken. Die Finnen haben als einziges Land der Welt ein Wort für die Aktivität, sich alleine zu Hause in Unterhosen zu betrinken, es heißt „Kalsarikännit“. Es klingt nach den wortkargen Antihelden aus den Filmen von Aki Kaurismäki, nach dunklen Nächten nach Einsamkeit. Auch so geht Gemütlichkeit auf Finnisch. Und die bleibt, egal ob die Finnen im Glücksranking 2019, das im März erscheint, wieder ganz oben stehen oder nicht. Hey, das Bier ist kalt, die Burger sind bestellt.