Über allen Gipfeln ist Glück:
© Meiko Herrmann

Über allen Gipfeln ist Glück

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Bhutan garantiert seinen Bürgern ein Anrecht auf Zufriedenheit. So wurde das kleine Königreich zu einem Shangri-La für westliche Sinnsucher. Doch Billigtourismus und Geopolitik bedrohen das Idyll.

Die Reise ins Glück beginnt mit einem Ritt auf dem Drachen. Links, rechts, Nase runter. Links, rechts, weiter runter. Der A319 der ­Drukair, so heißt die staatliche Luftfahrtgesellschaft des Königreichs von Bhutan, tanzt um die Bergkuppen des Himalaja. Gerade noch glänzte der ­Gipfel des Mount Everest in der Sonne, jetzt blicke ich von meinem Fensterplatz auf Felswände. Der Berg ruft, etwas zu laut. Häuser tauchen auf, Bäume, eine Ziegenherde. Dann setzen wir auf. Die Passagiere klatschen. Glück gehabt, jetzt schon.

Nur eine Handvoll Piloten hat die Lizenz, auf dem Flughafen von Paro zu landen. Die Piste schneidet auf 2236 Meter Höhe in einen engen Talkessel, geflogen wird auf Sicht und nach Gefühl. Manchmal kreisen die Drachen – „Druk“ bedeutet in der Landessprache genau das – lange in der Luft, um sich schließlich durch einen Riss in der Wolkendecke zu zwängen. Nach Bhutan zu gelangen ist ein Abenteuer. Immer noch.

Lange hatte das Land, etwa so groß wie die Schweiz, aber nur 800 000 Einwohner, kein Interesse daran, dass jemand hierherkommt. Eingeklemmt zwischen den Platzhirschen Indien und China, fürchteten die Macht­haber aus Adel und Klerus, zum Spielball geopolitischer Interessen zu werden. Die erste Straße wurde Anfang der 1960er-Jahre geteert. Das Staatsfernsehen ging 1999 auf Sendung, das Internet kam vier Jahre später. In der Hauptstadt Thimphu regelt bis heute keine einzige Ampel den Verkehr: easy going am Himalaja.

Gut 100 000 Menschen leben in Thimphu. Die Straßen sind sauber, die stabilen Häuser mit den Giebeldächern erinnern an Österreich und die Schweiz. Mit beiden Ländern pflegt Bhutan gute Beziehungen: Die Österreicher haben eine Hotelfachschule eröffnet, die Schweizer bauen Brücken. Nicht so gut läuft es mit China: In der Grenzregion hat der rote Riese eine Straße ins Landes­innere gebaut. Einfach so, ungefragt, offiziell ist die Grenze geschlossen. Bhutans Schutzmacht Indien schickte Truppen. Daraufhin rupften und rissen sich die Soldaten zweier Supermächte an den Jacken, auch ein paar Steine flogen. Videos des absurden Zwischenfalls wurden im vergangenen Sommer zum YouTube-Hit. In Thimphu fand das keiner lustig. Stattdessen reifte bei den Menschen die Erkenntnis: Nicht immer ist das kleine Königreich des eigenen Glückes Schmied.

Über allen Gipfeln ist Glück: Spitzensport vor Heimatfilm-Idyll: Bogenschützin Karma reiste 2016 für Bhutan zu den Olympischen Sommerspielen in Rio

Spitzensport vor Heimatfilm-Idyll: Bogenschützin Karma reiste 2016 für Bhutan zu den Olympischen Sommerspielen in Rio

© Meiko Herrmann

  Genau dafür ist Bhutan im Westen bekannt: für das Glück seiner Einwohner. Das Recht darauf hat Verfassungsrang. „Wenn die Regierung die Menschen nicht glücklich machen kann, hat sie keine Existenzberechtigung“, steht dort geschrieben. Aber wie soll das gehen, alle Bewohner eines Landes im Glück zu vereinen? Verdammt ein solcher Anspruch nicht jede Regierung zum Scheitern? Wie glücklich ist das Volk in Bhutan wirklich?

In Deutschland ist das Glück kein Thema fürs Kanzleramt. Sondern eher ein Wirtschaftszweig: Coaches beraten Manager auf der Suche danach. Die Manager kündigen dann und schreiben Bestseller darüber. Glück kommt per App oder als Tee zu uns, als Ergebnis einer Yogastunde oder als dampfende Schüssel bei einem veganen Kochkurs. Magazine wie Landlust, Flow oder Hygge sind papiergewordene Glücksversprechen, die Millionen von Lesern finden. Glück ist bei uns konsumierbar, es kostet Geld. Aber es definiert sich immer weniger darüber. Früher war Glück ein hoher Konto­stand, heute ist es oft ein hoher Endorphinspiegel.

Die Jagd nach dem Glück elektrisiert auch die Wissenschaft. Mit dem „Happy Planet Index“ wagt eine britische Denkfabrik den Ländervergleich: Indikatoren wie wirtschaftliches Wachstum und persönliches Wohlbefinden münden in ein Ranking der Nationen. Ganz vorn liegen Costa Rica, Mexiko und Kolumbien. Deutschland erreicht Platz 49, auf Rang 56 erst findet sich Bhutan. Egal, sagen die Glücksbeamten des jungen Königs Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, 37. Wir haben unser eigenes Konzept, das Bruttonationalglück, seit 1979 schon, und seit 2008 auch die passende Erhebung dazu. Zuletzt ergab sie den Wert 0,756. Aber was sagt diese Zahl aus?

Auf dem Trainingsplatz der Archery Federation of Bhutan surrt ein Pfeil durch die Luft. Tock, Bullseye. Die Züge von Karma, 27, entspannen sich. Sie greift in den Köcher, neuer Pfeil, den 2000-Dollar-Bogen aus Kohlefaser spannen, zielen, loslassen. Tock. Bogenschießen ist ein stiller Sport, ein System der ewigen Wieder­holung. Bogenschießen ist auch der Nationalsport von Bhutan. Und Karma, so heißt sie wirklich, denn viele Menschen in Bhutan haben nur einen Namen, ist eine Nationalheldin. 2016 vertrat sie als eine von zwei Olympioniken ihr Land bei den Wettkämpfen in Rio.

„Ich bin keine Heldin“, sagt Karma in einer Trainingspause, „ich bin nur eine Frau, die gut mit dem Bogen schießt.“ Sie lächelt verlegen, zwei Zöpfe wippen links und rechts am Kopf. Sie spannt einen Sonnenschirm auf und läuft durch die Mittagshitze zur Zielscheibe. Ein Gebirgsbach rauscht in der Ferne, der Nadelwald grünt, Berggipfel deckeln die Szenerie. Bhutan sieht aus wie die Kulisse für einen Heidi-Film. Als Karma zurückkommt, Pfeile aus Fiberglas in der Hand, frage ich sie, was das Wort Glück für sie bedeutet. „Hier zu sein. Meinen Sport ausüben zu können, mit dieser tollen Aussicht. Ich liebe mein Land.“ In Rio durfte sie beim Einmarsch der Nationen die Flagge tragen. Auf den Fernsehbildern sah sie sehr glücklich aus.

Über allen Gipfeln ist Glück: Der Himalaja-Staat ist vom Buddhismus geprägt. Hier plaudern Mönche und Pilger an einem Wallfahrtsort nahe der Hauptstadt Thimphu

Der Himalaja-Staat ist vom Buddhismus geprägt. Hier plaudern Mönche und Pilger an einem Wallfahrtsort nahe der Hauptstadt Thimphu

© Meiko Herrmann

  Wir fahren von Thimphu nach Punakha. Vorbei an der höchsten Buddha-Statue der Welt, 52 Meter hoch leuchtet der Religionsstifter golden ins Tal. Bezahlt wurde die Pilgerstätte in XXL von einem Geschäftsmann aus Hongkong. Die Chinesen bauen hier nicht nur Straßen, sondern auch Heiligtümer. Dann kraxelt unser Geländewagen auf 3100 Meter Höhe über den Dochula-­Pass. Nebel nimmt uns die Sicht. Wo er aufbricht, ragen Klippen aus dem flaschengrünen Dschungel. Zwischen die Felsspitzen haben Gläubige Gebetsfahnen gehängt. Bunte Zahnseide im Maul eines Riesen.

Ein Languren-Affe kaut Blätter am Wegesrand, Kühe lümmeln quer zur Fahrbahn. Sie haben nichts zu befürchten, denn Buddhisten machen keine Wurst. Bhutan ist ein gigantischer Freilichtzoo: Im Norden fliegt der Schwarzhalskranich über den Himalaja, im Süden streift der Indische Elefant durch die Wälder. Die verschiedenen Klimazonen werden von Tigern und Schneeleoparden, Yaks und Roten Pandas bevölkert. Damit das so bleibt, meint Innenpolitik hier vor allem Umweltschutz. Das Gesetz schreibt vor, dass 70 Prozent des Landes von Wald bedeckt sein müssen.

  Dorij Pelden, 35, sitzt vor seinem Haus und schnitzt einen riesigen Phallus, ein Fruchtbarkeitssymbol aus Pinienholz. „Wenn es gut läuft, schaffe ich drei davon am Tag“, sagt der Künstler, sehr Hipster-like in Holzfällerhemd und Lederslipper gekleidet. Die Erzeugnisse der letzten Wochen stehen aufgereiht im Schaufenster seines kleinen Ladengeschäfts, eine Armee der Fruchtbarkeit. Folgt man der Schlammpiste den Hügel hinauf, kommt man zum Tempel des „Divine Madman“, des göttlichen Verrückten. Jener Säufer und Frauenheld soll im Bhutan des 15. Jahrhunderts Dämonen erledigt haben. Mit dem Geschlechtsteil natürlich, deshalb schnitzt Pelden, was er schnitzt.

Pärchen besuchen den Tempel des göttlichen Verrückten, wenn Kinder gewünscht werden, aber trotz zahlreicher Zeugungsversuche auf sich warten lassen. Die Liebenden spenden Geld, lassen sich von den Mönchen segnen – und nehmen einen hölzernen Talisman mit. „Dieser Ort hat ungeheure Energie“, zeigt sich Pelden überzeugt. Seine Frau Sarita, 22, gesellt sich zu uns, ein Kind auf dem Arm. „Drei Monate nachdem wir den Tempel besucht haben, wurde meine Frau schwanger.“ Kinley heißt die Kleine, benannt nach einem der Tempelmönche. Kinley schreit, das Glück hat Hunger.

Bhutan will nicht wie der Nachbar Nepal enden: Müllberge und ­Billighostels sollen draußen bleiben

Die Geschäfte rund um den Tempel gehen gut. Denn nicht nur einheimische Paare kommen, sondern auch immer mehr Touristen. Reisten vor zehn Jahren nur 21  700 Menschen nach Bhutan, waren es 2017 schon 150 000. Dabei ist Bhutan sehr teuer: Besucher müssen 250 Dollar pro Tag berappen. Dazu kommen eine Art Eintrittsgebühr sowie die hohen Flugkosten. Alles muss im Voraus geplant und gebucht werden, Touren auf eigene Faust sind verboten. Der Grund für die vermeint­liche Exklusivität: Bhutan will nicht wie Nepal enden, Müllberge und Billighostels sollen draußen bleiben. Doch das System hat einen Haken. Für Gäste aus Indien gelten die Regeln nicht, die Schutzmacht soll nicht vergrätzt werden. Also schwillt der Besucherstrom aus dem Süden an. Leider bringt er mehr Abfall als Devisen.

Über allen Gipfeln ist Glück: Dorij Pelden schnitzt einen Glücksbringer, seine Frau Sarita und Tochter Kinley warten auf Kunden, die den benachbarten „Tempel des göttlichen Verrückten“ besuchen

Dorij Pelden schnitzt einen Glücksbringer, seine Frau Sarita und Tochter Kinley warten auf Kunden, die den benachbarten „Tempel des göttlichen Verrückten“ besuchen

© Meiko Herrmann
Über allen Gipfeln ist Glück: Anblick des Himalaja beim Anflug auf Paro

Anblick des Himalaja beim Anflug auf Paro

© Meiko Herrmann
Über allen Gipfeln ist Glück: Buddhistischer Tempel nahe der Stadt Punakha

Buddhistischer Tempel nahe der Stadt Punakha

© Meiko Herrmann
Über allen Gipfeln ist Glück: Gebetskette in der Hand eines alten Mannes

Gebetskette in der Hand eines alten Mannes

© Meiko Herrmann

  In Punakha dient ein altes Farmhaus als Luxus­herberge. Um es zu erreichen, queren wir den reißenden Mo Chhu River über eine Hängebrücke. Die Lodge ist einer von fünf Standorten, den die Hotelgruppe Aman Resorts in Bhutan betreibt. Nur acht Zimmer gibt es hier. Architektur und Umgebung werden eins, bodentiefe Fenster lassen auf Wälder, Gipfel und Reisterrassen blicken. Tourismus, wie er dem König gefallen dürfte. In der blitzblanken Küche schwingt Viknesh Victor, 27, den Kochlöffel. Der Chef sieht zehn Jahre jünger aus, die Kastenbrille macht ihn zum Nerd. „Morgen früh gehen wir auf Expedition“, raunt er geheimnisvoll.

Der Markt von Punakha ist eine Herausforderung. Laut, bunt, geruchsintensiv. Jeden Samstag kommen die Bauern und Händler aus dem Osten des Landes hierher, um Waren anzubieten. Pflaumen und Passionsfrüchte, Kürbisse und Papayas, getrocknete Forelle und grüner Spargel. Victor schlendert forschend von Stand zu Stand, ein Indiana Jones des guten Geschmacks. „Ah, aus diesen Gurken mach ich eine Gazpacho!“ Und: „Wow, diese Tomatenart habe ich noch nie gesehen!“ Victor stammt aus Malaysia, seine Mutter aus China, der Vater aus Indien. Gelernt hat er im Luxushotel Shangri-La in Kuala Lumpur, seine Meister dort waren Schüler bei Alain Ducasse und Ferran Adrià. Seit dem Frühjahr 2016 kocht er in Bhutan. Hier gibt es Sterne nur am Nachthimmel.

Die meisten Einwohner von ­Bhutan dürften noch nie einen aggressiven Menschen gesehen haben

Viknesh Victor

„Die Ruhe und die Abgeschiedenheit tun mir gut“, schwärmt er beim Dinner. „Ich komme aus einer harten Stadt. Alles dreht sich um Arbeit, Geld und Statussymbole. Hier ist das anders.“ Sieben Mitarbeiter habe er jetzt unter sich. Die meisten von ihnen hätten noch nie einen aggressiven Menschen erlebt. „Da musste ich mich sehr umstellen“, sagt Victor und lächelt. Früher seien bei ihm auch mal die Pfannen geflogen. Dann serviert er geschmortes Yak und Roten Reis. Kürbiscurry, gelbe Linsen und das Nationalgericht Ema Datse – grüne Chili mit Yak-Käse. Ganz Bhutan ist verrückt nach den scharfen Schoten.

Über allen Gipfeln ist Glück: Viele Hänge­brücken, wie hier bei Punakha, werden mit Schweizer Hilfe gebaut

Viele Hänge­brücken, wie hier bei Punakha, werden mit Schweizer Hilfe gebaut

© Meiko Herrmann
Über allen Gipfeln ist Glück: Das legendäre Takt­shang-Kloster wird „Tigernest“ genannt

Das legendäre Takt­shang-Kloster wird „Tigernest“ genannt

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  Schärfe, so sagen Wissenschaftler, ist eigentlich kein Geschmack. Sondern ein Schmerzreiz. Und dieser bewirkt die Ausschüttung von Glückshormonen im Gehirn. In Bhutan liegt das Glück also schon auf dem Teller. „Die Menschen wirken auf mich sehr zufrieden“, sagt Victor. Der Buddhismus sickere hier in jeden Stein, der Respekt vor Mensch, Tier und Natur sei allumfassend. Auch wenn viele Einwohner nach unseren Maßstäben bitterarm sind, besäßen sie doch sehr viel: „Ihre Familie. Eine starke Dorfgemeinschaft. Und eigene vier Wände mit einem Garten voller Obst und Gemüse.“

In puncto Bruttoinlandsprodukt liegt Bhutan derzeit auf Platz 130 der Weltrangliste, zwischen Vanuatu und Honduras. Aber im Land selbst ist das kein Maßstab. 2020 ziehen die Beamten des Königs wieder los, um das na­tionale Glück zu erheben. Der Index soll steigen, von 0,756 auf eine glatte Eins. 300 Fragen umfasst der Kata­log. „Wie sehr genießen Sie Ihr Leben?“, lautet eine davon. Was wäre denn Ihre Antwort?

Über allen Gipfeln ist Glück: Detektiv des guten Geschmacks: Koch Viknesh Victor beschnuppert Szechuan-Pfeffer

Detektiv des guten Geschmacks: Koch Viknesh Victor beschnuppert Szechuan-Pfeffer

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Über allen Gipfeln ist Glück: Bhutanische Tafel: Roter Reis, ­Ragout von wilden Pilzen und grüne Chili mit Yak-Käse

Bhutanische Tafel: Roter Reis, ­Ragout von wilden Pilzen und grüne Chili mit Yak-Käse

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Über allen Gipfeln ist Glück:Stilvoll von innen und außen

Stilvoll von innen und außen...

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Über allen Gipfeln ist Glück: Luxusherberge Amankora in Punakha

... die Luxusherberge Amankora in Punakha

© Meiko Herrmann

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.