St. Petersburg: Grandioses Gotteshaus: Auferstehungskirche bei Nacht
© Malte Jäger

Unter allen Kuppeln ist Kunst

  • TEXT LENA GORELIK
  • FOTOS MALTE JÄGER

Hinter den prunkvollen Fassaden von Sankt Petersburg regt sich eine alternative Szene. Mit Mut und Schaffensdrang verändern Musiker und Künstler das Image der zweit­größten Stadt Russlands.

Sankt Petersburg ist eine Stadt, die schön ist, so einfach ist das. „Venedig des Nordens“, sagt man, wegen ihrer vielen Flüsse und Kanäle, zugleich nennt man aber die Palastanlage Peterhof das „Versailles von Sankt Petersburg“, und so ist es, als hätte sich die Stadt all die Schönheiten Europas abgeguckt: das Spiel mit dem Wasser, die prächtigen Kirchen und Paläste, jede Seitenstraße eine Entdeckung, jedes Gebäude eine Geschichte über die Zeit. Was schön ist, aber auch überwältigend. Und so muss man manchmal hinter die Fassaden schauen, um zu entdecken, dass Sankt Petersburg auch eine andere Seite hat, eine, die mit klassischen Traditionen bricht, die neue Wahrheiten zeigt – und neue Kunst.

Die Künstler der Stadt befreien sich aus dem Schatten der geschichts- und bedeutungsträchtigen Institutionen wie der weltberühmten Eremitage, so etwa im Street Art Museum auf einem Fabrikgelände mitten im industriellen Osten der Stadt. Künstler aus der ganzen Welt bemalen, bekleben und verkleiden hier Mauern, Zäune, die Wände und sogar die Produktionshallen, in denen noch immer Kunststofffolien hergestellt werden. Da ist zum Beispiel eine riesige, als Eremitage-Fassade bemalte Wand, die jeder Besucher schon von der Straße aus zwischen Tank­stelle und Baumarkt hervorlugen sieht. Oder die aus einer Moskauer ­Me­trostation herausgebrochene Betonplatte, die einer der russischen Graffiti-Pioniere mit dem Kindergesicht-Symbol der so­wjetischen „Kinderschokolade“-Variante besprüht hat. „Dies ist ein lebendiges Museum“, erklärt Zoja Bukscha, 25 Jahre jung und Kunstvermittlerin. Weil sich die Werke wandeln und immer wieder übermalt werden. Und weil sich die Künstler mit den Strukturen einer Fabrik im laufenden Betrieb befassen, „indem sie auch mal Gespräche mit den Fabrikarbeitern in die entstehenden Werke einfließen lassen“. Im Sommer hat das Museum bis zu 1000 Besucher am Tag. „Immer mehr Menschen wollen Kunst im Alltag sehen“, sagt Bukscha, „sie wollen selbst Fragen stellen und eigene Antworten suchen.“

St. Petersburg: Goldig: die Türme der Wladimir-Kathedrale von Sankt Petersburg

Goldig: die Türme der Wladimir-Kathedrale von Sankt Petersburg

© Malte Jäger
Präziser Blick: Fotokünstlerin Jana ­Romanova

Präziser Blick: Fotokünstlerin Jana ­Romanova

© Malte Jäger
Bunte Vögel: Wandbild an der Fassade des Street Art Museum

Bunte Vögel: Wandbild an der Fassade des Street Art Museum

© Malte Jäger

  Wer Moskau schätzt, kann Sankt Petersburg nicht lieben, sagt man in Russland, und wer sich einen echten Sankt Peters­burger nennt, tituliert Moskau, obwohl es flächen- und bevölkerungsmäßig größer ist, gern mal als Dorf. So war Sankt Peters­burg schon immer bekannt für Künstler, Dichter und Musiker, die sich der Liebe zur Stadt widmeten, pathetisch formuliert: der Heimat, ihrem Sankt Petersburg, das sie liebevoll „Piter“ nannten. Literaturen und Lieder, die das Wunder und die Melancholie der Weißen Nächte priesen, die leise Schönheit der großen Straßen und der Kanäle, die sich durch die Stadt ziehen.

Der Mann, der als Markenzeichen einen schwarzen Tom-Waits-Hut trägt, heißt Billy Novick und kennt nahezu jedes der Sankt Petersburg gewidmeten Gedichte. Der 43-Jährige, der sich das Gitarrespielen wie das Liederschreiben selbst beigebracht hat, ist Sänger und Bassist der inzwischen auch über Russland hinaus bekannten Billy’s Band. Sie machen, wie sie sagen, „romantischen Alco-Jazz“, ein Begriff, den sie selbst erfunden haben, weil sie keine Stilrichtung als Beschreibung für ihre Lieder passend fanden. Musik „wie betrunken sein ohne Alkohol“, ein Zustand eher als ein Klang. Billy’s Band begann 1998 in einem Keller, in dem Andrej Reznikow, der Gitarrist der Band, mit Freunden Jam Sessions und kleine Konzerte veranstaltete. Billy, der Mann mit dem absoluten Gehör, aber ohne jegliche musikalische Ausbildung, stolperte in diesen Keller und diese Welt hinein, weil er den Musikern eines Abends Bier lieferte. In einer Ecke lag eine Schallplatte von Tom Waits herum, den niemand von ihnen kannte, doch der einen alles verändernden Sog auf sie ausübte. Stundenlang lauschten Andrej und Billy der Platte, jeder mit einer Gitarre in der Hand, auf der sie die Songs nachzuspielen versuchten.

Ihre ersten richtigen Auftritte hatten die Jungs in Deutschland, auf dem Marienplatz in München, wohin sie auf Einladung eines Kulturvereins reisten. So gut kamen die Klänge beim Publikum an, dass sie in Sankt Petersburg einfach da weitermachten, wo sie in Deutschland aufgehört hatten. Mittlerweile gehen sie international auf Tour und treten bei Top-Events wie dem Toronto Jazz Festival auf, Zuhörer schwärmen von Billy Novicks Stimme und vergleichen sie mit der Louis Armstrongs.

Auch wenn die Band mit ihrer Mischung aus Dixieland, Polka, Jazz und Novicks sandiger Stimme eine sehr eigene musikalische Richtung einschlägt, stellt sie sich mit der Emotionalität ihrer Texte doch in die Tradition russischer Liedermacher: fein, tiefsinnig, poetisch. Die Werke der in ihre Stadt verliebten Künstler, darunter Joseph Brodsky und Sergei Dowlatow, fließen in die Songs ein. So eroberte die Indie-Band, die sich jedem Label- und Managervertrag seit Jahren verweigert, die Stadt: erst mit Konzerten in kleineren Clubs, später in großen Hallen. „Wir machen mehr als Musik“, erzählt Billy, „wir tun, was in sowjetischen Zeiten nicht möglich war: Wir reden mit dem Publikum.“ Früher wurde konsequent verfolgt, wer die Obrigkeit öffentlich kritisierte, heute redet Novick einfach drauflos, sagt „alles, was mir in den Kopf kommt“. Mal hält er Monologe, mal spricht er spontan Einzelne im Publikum an, um sich irgendwann wieder der Musik zuzuwenden.

Stolz auf den eigenwilligen Sound: Billy’s Band

Stolz auf den eigenwilligen Sound: Billy’s Band

© Malte Jäger
Barock­fassaden im milden Abendlicht

Barock­fassaden im milden Abendlicht

© Malte Jäger

LED

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  Zwischen die sowjetischen Jahre und die Zeit der neu gewonnenen „Freiheit des Worts“ fällt, was ein anderer Künstler das „Geburtstrauma einer Nation“ nennt: die Perestroika. Peter Belyj wurde 1971 in einer Stadt geboren, die Leningrad hieß. Das Ende des Sozialismus war für den Jugendlichen eine Zeit der Verwirrung, aber auch der enttäuschten Hoffnung. „Wir sind mit Werten groß geworden, die plötzlich nicht mehr galten“, erzählt der Künstler, „der Abschied von der sowjetischen Utopie war ein langer.“ Wie so viele ist auch er in dem Glauben aufgewachsen, der kommunistische Traum würde wahr werden, eines Tages würden gleichberechtigte Bürger in einem florierenden Land leben. Der Glaube an den unaufhaltsamen historischen Fortschritt zerbröselte an der Wirklichkeit, das Gefühl kam den Ereignissen nicht hinterher.

Belyj wurde mit Installationen bekannt, die sich aus dieser Tragödie speisen: Hochhäuser aus Gipskarton, die alle gleich aussehen, die er immer wieder baute und wieder zerstörte. „Gefahrenzone“ heißt eines seiner Werke, „Standardmausoleum“ ein anderes. Nicht nur in Russland sind seine Arbeiten zu sehen, sondern auch in den USA, in Mailand und im Londoner Victoria and Albert Museum. Sosehr sich der 47-Jährige in seiner Kunst mit Enttäuschungen der Vergangenheit befasst, so sehr blickt er in seiner Arbeit als Kurator nach vorn. In Sankt Petersburg gründete er eine Off-Galerie als Ausstellungsraum für junge Kunst. Mit einer Schar Gleichgesinnter platziert er Installationen im Stadtbild und organisiert Ausstellungen in Baucontainern. So etwa auf der Nowaja Gollandija, „Neu-Holland“, einer im 18. Jahrhundert künstlich angelegten Flussinsel, die heute Galerien, Modeboutiquen und Restaurants beherbergt. Solche Locations sind immens wichtig für eine Stadt, die bis heute kein staatliches Museum für moderne Kunst hat.

Lichtgestalter: Künstler Peter Belyj

Lichtgestalter: Künstler Peter Belyj

© Malte Jäger
Süße Versuchungen in einem Delikatessengeschäft

Süße Versuchungen in einem Delikatessengeschäft

© Malte Jäger
Klassisches Souvenir: ­Ma­troschkas in Reih und Glied

Klassisches Souvenir: ­Ma­troschkas in Reih und Glied

© Malte Jäger

Wir sind mit Werten groß geworden, die plötzlich nicht mehr galten

Peter Belyj, Lichtgestalter

  Bis eben hat die 33-jährige Jana Romanova noch an der Kunstschule unterrichtet, nun sitzt die Foto- und Videokünstlerin in einem coolen Café nebenan: Backsteinwände, Lounge-­Couch, Holztische. „Ich will mich in Themen stürzen, die mich berühren“, erklärt sie. So treffend wie unaufgeregt wirft sie gesellschaftliche Fragen auf. So hat sie, auf einer Leiter stehend, schlafende Paare fotografiert, die auf die Geburt ihres Babys warten. Mal liegen sie unter weißer, mal unter bedruckter Bettwäsche, voneinander abgewandt oder einander umschlingend, mal schmiegen sich Kleinkinder an den Bauch ihrer hochschwangeren Mutter. Die Bilder zeigen Verletzlichkeit, sie mögen voyeuristisch scheinen, sind jedoch ohne jede Bosheit. Die Aufnahmen gingen um die Welt, wurden rasch über soziale Medien verbreitet. Das Buch „Waiting“, das Romanova aus dem Projekt machte, sorgte für große Aufmerksamkeit unter Kennern zeitgenössischer Fotografie.

„Gegenwartskunst wird in Russland inzwischen verstärkt wahrgenommen, auch von Kunsthistorikern, aber für Fotografie gibt es nur ein sehr geringes Interesse“, stellt Romanova fest. Um das zu ändern, veranstaltet sie auf Festivals und in Bibliotheken „Photo Book Clubs“: Abende, bei denen sie mit ihren Gästen Bilder betrachtet und überlegt, wie sich diese „lesen“ und „fühlen“ lassen. So will sie einem neuen, einem lebendigen Kunstverständnis helfen, sich zu verbreiten. Sie ist nicht allein, auch der Künstler Peter Belyi sagt stolz: „Sankt Petersburg ist schon lange mehr als die Eremitage und andere alte Bauten.“ Er will, dass die Kreativität, in den Köpfen der Sankt Peters­burger endlich sichtbarer wird. „Die Stadt soll ein modernes Kunstfestival sein“, wünscht er sich. Eines, das sich in die alte Schönheit drängt – und auch hineinpasst.

Die Mischung macht’s: DJ im Café Limonada

Die Mischung macht’s: DJ im Café Limonada

© Malte Jäger
Junge Szene im „Ziferblat“

Junge Szene im „Ziferblat“

© Malte Jäger
Das neue Sankt Peters­burg setzt auf Design

Das neue Sankt Peters­burg setzt auf Design

© Malte Jäger
Straßenkunst

Straßenkunst

© Malte Jäger

Weiße Nächte: Kunst, Kicker und Motoren

Großkonzert
Das Festival All Together Opera bespielt vom 12. bis 22. Juli gratis die Innenstadt.

musichallspb.ru

Kickertreff
Während der WM wird der zentrale Konyushennaya-Platz zur Fanmeile.

fifa.com/worldcup

Brückenzauber
Den ganzen Juli über „tanzen“ illuminierte Brücken ein raffiniertes Ballett.

visit-petersburg.ru

Lautstärke
Anfang August knattern Motorradfans bei den Harley Days durch die Stadt.

harleydays.ru/en


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im Juli dreimal täglich von Frankfurt (FRA) und zweimal täglich von München (MUC) nach Sankt Petersburg (LED). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App. Download unter: miles-and-more.com

Karte St. Petersburg
© Cristóbal Schmal

1
New Holland Island

2
Eremitage

3
The Hat Bar

4
Street Art Museum