50 Kilometer Landebahn: Aufmacher
© Fabian Weiss

Am Comer See liegt Europas größte Flotte ziviler Wasserflugzeuge – und die älteste Wasserflugschule der Welt. Enthusiasten erhalten in den Alpen eine Fliegertradition aufrecht, die man eher mit Kanada oder der Südsee verbindet.

Ruhig, fast spiegelglatt ist der See, als die Schwimmer der Cessna auf dem Wasser aufsetzen. Doch ein Rütteln und Schütteln lässt die Insassen spüren, dass die Maschine nicht parallel zum Wasser aufkommt. „Vai!“, ruft Francesco Cereda im Kopilotensitz, und Barbara Correngia startet noch mal durch. Die Pilotin nimmt an diesem klaren Morgen eine Flugstunde bei Cereda, einem der beiden hauptberuf­lichen Fluglehrer des Aero Club Como. Ein Wasserflugzeug hat seine Eigenheiten. Die Flughöhe beim Landen: schwierig abzuschätzen. Das Wasser reflektiert die Umgebung. Wann genau muss man die Maschine hochziehen? Vier-, fünfmal setzt Correngia in der Mitte des Sees auf, mal sanft, dann wieder mit Gerüttel, sie hebt erneut ab, nächster Versuch. Alles nicht so einfach – aber hier, auf dem Comer See, kann man das perfekt trainieren.

Der Aero Club Como wurde 1930 gegründet und ist laut Guinness-Buch der Rekorde die älteste Wasserflugschule der Welt. Die Fliegerei auf dem See hat sogar eine noch längere Tradition: 1913 fand am Comer See ein Wasserflugzeug-Rennen statt. Heute starten die einheimischen Piloten vor allem für Rundflüge mit Touristen. Und das ganze Jahr über kommen viele der rund 200 Clubmitglieder aus ganz Europa an den See, um mit einem Fluglehrer oder solo Runden zu drehen.

Im Hangar des Clubs parkt Europas größte Flotte an zivilen Wasserflugzeugen: sieben Cessnas, zwei Pipers und eine italienische Macchi MB 308. In einer Ecke steht eine Caproni CA 100, Baujahr 1935, vollständig restauriert. Es ist das älteste noch fliegende Wasserflugzeug der Welt – wenn es fliegt. Zurzeit ist der Motor leider zur Reparatur in Großbritannien. Der ganze Stolz des Clubs ist eine Republic RC-3 von 1946, genannt „Seabee“, weil sie wegen ihres bauchigen Cockpits und des schmalen Rumpfs einer Biene ähnelt. Der Aero Club hat sie vor fünfeinhalb Jahren gekauft, weitere drei dauerte es bis zur Restaurierung. Seit ein paar Monaten können die Piloten sie nun in den Himmel über Como steigen lassen.

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Platz genug: Die Piloten dürfen fast überall auf dem See landen

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 Barbara Correngia traut sich an die Biene noch nicht heran. Die 52-Jährige besitzt zwar eine Wasserpilotenlizenz, das heißt: Sie hat den Flugschein für Privatpiloten und zusätzlich mindestens acht Wasserflugstunden auf dem See absolviert. Doch das ist über ein Jahr her, deswegen die Auffrischung mit einem Fluglehrer. Die Pilotin lässt die Cessna auf 1500 Fuß steigen, fliegt vorbei an den villengesäumten Hängen. Die Sonne kriecht über die Bergflanken, unten zieht ein einzelnes Schiff über den See. In der Ferne blitzen die schneebedeckten Gipfel der Alpen auf. Correngia steuert die kleine Maschine über die Altstadt von Como, passiert den Dom, überfliegt den Hangar und setzt dann auf dem Wasser auf. „Nicht so nah an die Bojen ran“, warnt Fluglehrer Cereda sie. Der 65-Jährige spricht in ruhigem Ton, abwechselnd italienisch und englisch, der Sprache der Luftfahrt.

Francesco Cereda flog lange für eine Frachtfirma durch ganz Europa, als sie pleite ging, schulte er zum Fluglehrer um. Seine Leidenschaft für Wasserflugzeuge erwachte, als er in den Achtzigern während eines Malediven-Urlaubs eine solche Maschine über den Inseln kreisen sah. Daraufhin spazierte er eines Tages in das kleine Büro des Aero Club Como neben dem Hangar und fragte: Kann ich das hier lernen? Seitdem ist er dabei. Viele der örtlichen Mitglieder erzählen ähnliche Geschichten.

An schönen Tagen hebt Cereda vier- oder fünfmal mit Flugschülern ab. Die jüngsten beginnen mit 16 – die würden sich gleich alles merken, erzählt er. Aber sie hätten auch schon einen 84-jährigen Nachwuchspiloten trainiert, der nach 50 Flugstunden zu seinem ersten Soloflug abhob. Die Wasserfliegerei sei eine Kunst für sich: Der Wind und der Wellengang, die Tiefe des Sees, der Bootsverkehr – all das gelte es zu bedenken. „Du musst Pilot und Bootskapitän zugleich sein“, bringt Cereda seine Rolle auf den Punkt. Von seinem Bürofenster aus sieht er den See funkeln und die Flieger im Wasser schaukeln. Mittags hebt er oft ab, um an einem der Stege der vielen guten Restaurants am See anzudocken – und nach einem guten Essen zum Büro zurück zufliegen.

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Kurz vorm Abheben: Flugschülerin Barbara Correngia

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Pilotentraum: Wasserflieger des Aero Club über dem Comer See

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 Wasserflugzeuge sind Exoten im dicht besiedelten Europa. Man verbindet die „Seaplanes“ viel eher mit Nordamerika, mit den Weiten Alaskas und Kanadas und mit abgelegenen Ansiedlungen, die ohne die robusten De Havilland Otter und Beaver kaum zu erreichen wären. Ihre Piloten navigieren nach GPS-Koordinaten, damit sie sich in den unendlichen Wald- und Seenlandschaften überhaupt orientieren können. Ist das nicht die ganz große Freiheit für einen Flieger? „Stimmt schon, in Kanada darfst du als Pilot fast alles“, sagt Cesare Baj, der dort schon geflogen ist. „Dort gilt: Was nicht verboten ist, ist erlaubt.“ Besonders euphorisch aber klingt seine Stimme bei diesen Worten nicht.

Baj, 68 Jahre alt, ist in Como aufgewachsen und seit fast einem halben Jahrhundert Mitglied des Aero Club. Als Jugend­licher verfolgte er vom Seeufer aus die Starts und Landungen der Wasserflieger auf der 900 Meter langen Wasserpiste, die als internationaler Flughafen registriert ist. „Eigentlich ist unsere Landebahn sogar 50 Kilometer lang, denn aufsetzen darf man fast überall auf dem See.“ Nur an Land kommt man nicht überall: Lugano in der Schweiz, gerade 15 Flugminuten von Como entfernt, hat keinen Wasserflughafen ausgewiesen. Wenn die Clubmitglieder ins Nachbarland fliegen wollen, müssen sie den dortigen Flugplatz schnöde mit einem der beiden Amphibienflugzeuge des Clubs ansteuern – die haben ausfahrbare Räder.

Baj war viele Jahre Präsident des Aero Club Como und hat die Geschichte des Wasserfliegens am Comer See in zwei Bänden aufgeschrieben. Seinen ersten Soloflug hat er in den 1970er-Jahren absolviert, „nach nur sieben Flugstunden“. Die damaligen Fluglehrer waren ehemalige Militärpiloten, rustikale Typen, bei denen man schnell lernte. Baj ist seither in den kleinen Maschinen schon hinauf zum Nordkap geflogen, auch mal einen Monat kreuz und quer durch Europa. Im letzten Herbst zog es ihn nach Malta, einmal den italienischen Stiefel hinab, 1500 Kilometer mit nur einem Zwischenstopp. Seine Bibliothek umfasst Hunderte Bücher über Wasserflugzeuge; eines der Standardwerke zum Thema, „Seaplane Operations“: Cesare Baj hat es mit verfasst. Wer sich über das Wasserfliegen schlaumachen will, kommt zu ihm. Wie kürzlich die Chinesen.

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Alter Hase: Cesare Baj (rechts) ist der Grandseigneur der Wasserflieger in Como

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Oldtime-Optik: der Hangar des Aero Club

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Du musst in diesem Job Pilot und Bootskapitän zugleich sein

Francesco Cereda, Fluglehrer

 

 Die vier Besucher aus Peking, Mitglieder einer Pilotenvereinigung, erschienen an einem sonnigen Oktobermorgen in Como. Baj führte ihnen im Schulungsraum des Aero Club eine Fotoshow eigens mit chinesischen Untertiteln vor: Wasserflugzeuge auf tropischen Inseln, Cessnas im Hafen von Venedig und in romantischen skandinavischen Buchten. In China gebe es noch keine zivile Wasserfliegerei, sagt Baj. Aber er sieht dort gewaltiges Potenzial für seine Zunft: ein weites Land, unzählige Flüsse und Seen. Einen Wasserflughafen einzurichten erfordere wenig Aufwand und nur geringe Investitionen. „Die Zukunft liegt in China“, ist Baj überzeugt. Die zivile Wasserluftfahrt im Reich der Mitte mit aufzubauen, diese Aufgabe würde ihn reizen. Dreimal war er bereits dort.

Leuchtende Zukunft, profane Gegenwart: Am Nachmittag kommt Wind auf, und Wellen sind Gift für die Wasserflieger. Die Techniker des Aero Club schließen die Tore des Hangars, Cesare Baj schwingt sich auf seinen Motorroller und braust davon. Barbara Correngia trinkt noch einen Cappuccino im benachbarten Jachthafen, bevor sie in ihrem roten Fiat zurück nach Mailand fährt. Bei nächster Gelegenheit wird sie wieder starten, ein paar Runden drehen und auf der blauen Piste vor Como das Wassern trainieren. Platz ist auf der 50-Kilometer-Landebahn ja genug.


ZUM ZIEL

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