Destination Zukunft: Aufmacher
© Thomas Pirot

Destination Zukunft

  • TEXT LASLO SEYDA
  • FOTOS THOMAS PIROT

Willkommen zum Fortschritts-Flug: Aus Anlass des Kreativfestivals SXSW in Austin startete die Lufthansa einen FlyingLab, auf dem Experten über Digitalisierung und neue Technologien diskutierten.

Flug LH448 ist deutlich vor seiner Zeit – und das nicht nur, soweit es den Flugplan betrifft. Wer an diesem Morgen im März 2019 am Gate Z50 im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens wartet, wird Zeuge ungewöhnlicher Vorgänge: Über große Flat­screens wabern und zickzacken Amplituden in allen Farben. Ein paar Meter weiter ist eine quadratische Fläche mit mehreren kleinen Kameras abgesteckt. Sie zeichnen einen jungen Mann mit einer klobigen schwarzen Brille auf der Nase auf, der sich langsam über den Granitboden schiebt und dabei um sich ins Leere greift – er ist offensichtlich in einem virtuellen Raum unterwegs. Und auf einer kleinen Bühne neben dem Boarding-Counter steht eine blonde Frau mit Kleid, Hose und Stiefeln in Astronautensilber, die sich ins Mikro ihres Headsets räuspert – Soundcheck. Statt des üblichen „Test – Test – Test“ aber intoniert sie „In – sta – gram“. Alles ebenso verwunderlich wie irritierend.

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Über den Wolken: Impressionen aus dem FlyingLab-Airbus auf dem Flug nach Austin

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 Aber der Airbus A330-300, dessen Passagiere gleich an Bord gehen sollen, startet auch nicht zu einem normalen Linienflug. Der steht vielmehr unter dem Motto: „Open New Horizons“ – neue Horizonte öffnen. Und das gilt gleich mehrfach. Zum einen ist es der erste Lufthansa Direktflug von Frankfurt in die texanische Hauptstadt Austin, die ab Mai 2019 zu den Destinationen der Airline gehört. Zum anderen findet auf diesem Flug – koordiniert mit dem Start von Austins Innovationsfestival South by Southwest, kurz SXSW – ein „Lufthansa FlyingLab“ statt. Auf diesen Flügen bietet Lufthansa Entwicklern und Start-up-Gründern, Kreativen und Visionären ein Forum, um sich im Mikrokosmos eines Passagierflugzeugs über Digitalisierung, Zukunfts­technologien und gesellschaftliche Trends auszutauschen – gefilmt und übertragen in alle Ecken der Kabine. Kurz gesagt: eine Zukunftskonferenz über den Wolken. Und der heutige Flug soll den Mitreisenden einen Vorgeschmack geben auf das, was die Besucher des SXSW erwartet.

Noch vor dem Abflug legt Chagall, die Sängerin in Silber, ihren ersten Auftritt hin. Die Niederländerin singt zu elektronischen Klängen und trägt dazu Handschuhe mit kleinen LEDs, die rot, lila und blau blinken. Während ihres Vortrags ballt Chagall ihre Fäuste, spreizt die Finger, dreht die Handgelenke, macht Wellenbewegungen mit ihren Armen. Mit ihren großen Posen und kleinen Gesten steuert die Performerin Höhen, Bässe und Rhythmus, sie verändert die Tonhöhe, verlangsamt den Tune des Songs – ein Synthesizer auf zwei Beinen.

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Astro-Pop: die niederländische Musikerin Chagall in Aktion ...

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... und bei der Vorbereitung ihres Auftritts

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Der Gig wird fürs Web dokumentiert

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Typisch fürs FlyingLab: Kreativszene trifft Business

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 Beim anschließenden Boarding reihen sich erstaunlich viele Passagiere mit Strickmützen, Nickelbrillen und übergroßen Cardigans in die Schlange ein. Jeder hat ein Smartphone in der Hand oder sogar zwei, sie knipsen, filmen, twittern und instagrammen, was das Zeug hält, manche laden ihre Lieblingssongs in die offene ortsbasierte Spotify-Playlist, die mit der App HRMNZR eigens für diesen Flug eingerichtet wurde.

An Bord trifft man außer den vielen Techies aber auch ein paar Flugzeug-Enthusiasten. Zwei von ihnen sitzen in Reihe 35, sie haben einen GPS-Empfänger ans Kabinenfenster geheftet, um die Positionsdaten des Flugzeugs zu tracken und mit dem Tablet aufzuzeichnen. Rein interessehalber, erklären sie auf Nachfrage, sie seien selbst Hobbypiloten. „Mit einem zwei­strahligen Jet über den Atlantik zu fliegen – das hätte doch vor wenigen Jahrzehnten niemand zu träumen gewagt“, sagt einer der beiden, während sich sein Sitznachbar ins WLAN einloggt, das für das FlyingLab mit mehreren Routern aufgebaut wird.

Was generell sofort auffällt: wie ungemein offen und kommunikativ die Stimmung an Bord ist. Überall munterer Small Talk, Fachsimpeleien, angeregte Diskussionen auch über die Sitzreihen hinweg. Als die Maschine die Reiseflughöhe erreicht hat, springen die Ersten auf, klappen ihre Notebooks auf, erläutern einander im Gang stehend gegenseitig ihre Projekte, vernetzen sich – digital wie analog. Es geht zu wie bei einem Treffen des Chaos Computer Clubs. Mittendrin sitzen Passagiere, die vorher gar nicht wussten, dass sie in einer fliegenden Tech-Konferenz gelandet sind. Manche sind zunächst perplex, viele aber auch neugierig, was bis Texas wohl noch passiert.

Während der folgenden fünf Stunden gibt sich ein Dutzend Redner das Mikro in die Hand. Sie referieren über bargeldloses Zahlen, Künstliche Intelligenz, Markenkooperationen, über digitale Aus- und Fortbildungsmethoden und die Neuerfindung von Business-Events. Immer wieder ziehen Techniker durch die Kabine, um Strippen zu verlegen, Lautsprecher anzuschließen oder das Video-Equipment für weitere Interviews und Präsentationen einzustellen.

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Hip-Hop in extremer Höhenlage: Der Gig des Rappers Kelvyn Colt

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 Schließlich wird vorn in der Kabine ein Misch­pult aufgebaut – es ist Zeit fürs Entertainment. Anschnallzeichen aus, Auftritt des Rappers Kelvyn Colt, Hip-Hop live in 10 000 Meter Höhe. Colt – blondierte Haare, Siegelring, Camouflage-­Jacke – springt zu seinen Beats auf und ab, gestikuliert wild in die Kameras, die ihn durch die Kabine begleiten. Zum Schluss gibt’s Fistbumps für die Business Class. Kabinen-Coolness. Oder um im Rap-Jargon zu bleiben: pretty fly!

Dann, kurz vor der Landung in Austin, ist es Zeit für einen entspannenden Ausklang mit den Performancekünstlern The Waldorf Project. Für die Passagiere heißt das: Armlehnen hoch, Sitze in Liegeposition bringen, Fensterblenden runter und alle Lichter aus. Eine halbe Stunde lang streifen zwei Frauen in leuchtenden Kimonos, von Meditationsmusik geleitet, durch die Gänge des abgedunkelten Flugzeugs. Sie streichen hier einem Passagier zart übers Gesicht, legen dort einem Fluggast die Hand auf, ziehen die Menschen mit durchdringenden Blicken in ­ihren Bann – und scheinen dabei wie schwerelos zu schweben. Das ist anmutig, abgehoben, außerirdisch, auf jeden Fall ­außergewöhnlich. Und ein passender Schlusspunkt dieses FlyingLab-Flugs.

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Zwischen allen Stühlen: eine der Performancekünstlerinnnen von The Waldorf Project

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ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im Mai fünfmal wöchentlich von Frankfurt (FRA) nach Austin (AUS). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app