Nur für Kletterkünstler mit Kondition: die Weinberge am Mittelrhein
© VDP.Die Prädikatsweingüter

Retter der Reben

  • TEXT PATRICK HEMMINGER
  • FOTOS JENS GÖRLICH

An den Steilhängen des Mittelrheins ­wachsen einige der edelsten Weinsorten Deutschlands – Helikopter helfen beim Schutz der kostbaren Pflanzen.

Hoch über dem Rhein stehen zwei Männer und fluchen. Es ist sechs Uhr am Morgen, graue Wolken hängen tief über gewaltigen Hängen. Feiner Nieselregen lässt die Schieferdächer von Oberwesel dunkel glänzen. Ein Schiff hinter dem anderen kämpft sich die graubraunen Fluten des Flusses hinauf, immer wieder donnern Güterzüge durch das Tal. Einer der beiden Männer zückt sein Smartphone: Regenradar checken. Aber Nebel und der feine Nieselregen versperren ihm die Sicht. „Herrgott! So eine Hundsgemeinheit, diese Waschküche!“, schimpft er. Wolfgang Folger, 67 Jahre alt, schmutzige Arbeitshose, offene, ausgelatschte Turnschuhe, schwarzes T-Shirt, helles Basecap, graues Pferdeschwänzchen und Bart, ist der wichtigste Mann des Tages: der Pilot. Sein Arbeitsgerät, ein zweisitziger Helikopter, Typ Hiller UH12E, knattert im Standgas, missmutig schaltet Folger ihn ab. Schnell verfliegt der Geruch von Abgas und Kraftstoff. Zwangspause.

Bei dem Wetter braucht er gar nicht abzuheben. Wenn es nass ist, bleibt das Pflanzenschutzmittel nicht an den Reben haften. Aber Folger wird nach Hektar bezahlt, nicht nach Stunden. Die Weinberge am Mittelrhein zwischen Bingen und Bonn zählen zu den steilsten in Deutschland. Viele sind so schwer zu erreichen, dass Pflanzenschutz mithilfe von Hubschraubern aufgetragen werden muss. Für den Piloten kann das gefährlich werden, für den Winzer ist es teuer. Ohne den Helikopter wäre die Existenz der uralten steilen Kulturlandschaften bedroht.

Letzte Vor­bereitungen: Wolfgang Folger kurz vor dem Start

Letzte Vor­bereitungen: Wolfgang Folger kurz vor dem Start

© Jens Görlich
Vorsorge gegen den Pilzbefall: Pflanzenschutz auf den Weinblättern

Vorsorge gegen den Pilzbefall: Pflanzenschutz auf den Weinblättern

© Jens Görlich

  Der zweite Mann, Andreas Mollink, trotz der frischen Morgenluft nur in Shirt und dünner Weste, schiebt den Gehörschutz von den Ohren. „Jetzt warten wir“, sagt er. Mollink ist der Mann am Boden, Ansprechpartner für alle, die interessiert, was hier vor sich geht. Damit ist er gut beschäftigt. Der Hubschrauber hat einige Imageprobleme. Der Lärm stört, und wie präzise der Pilot auch fliegt, es landet immer ein wenig Spritzmittel abseits der Reben. „Nachdem wir da waren, sind auf den Blättern weiße Flecken, und die Leute denken, wir spritzen Gift“, sagt Mollink. Dabei lassen die klaren Bestimmungen für den Hubschrauber keinen Zweifel. „Es sind nur Pflanzenschutzmittel“, sagt Mollink, etwa gegen Pilzkrankheiten. Heute wird Netzschwefel ausgebracht, ein Mittel, das sogar für Bio-Wein zugelassen ist und selbst für Bienen unschädlich ist. Bekommt man davon etwas ab, riecht man bis zur nächsten Dusche etwas streng, gefährlich ist es aber nicht.

Die Hänge haben 80 Prozent Steigung, dort ist nur Handarbeit möglich

Doch die Schilder, die Mollink in aller Frühe aufstellt, „Zur Zeit Spritzung im Weinbergareal – ABDRIFTGEFAHR – Betreten verboten!“, klingen bedrohlich. Wenn dann noch der Hubschrauber in nur wenigen Meter Höhe über die Reben donnert, unter den Kufen Ausleger mit Spritzdüsen, zusammen 13 Meter lang, bleibt nicht jeder gelassen. Für Jörg Lanius bedeutet das Knattern der Rotoren dagegen Entspannung pur. „Ich kann morgens aufstehen, und die Arbeit ist gemacht“, sagt der Winzer zufrieden. Gemeinsam mit seiner Frau Anja betreibt er das Weingut Lanius-Knab. Die Region Mittelrhein ist mit rund 470 Hektar das zweitkleinste Weinbaugebiet Deutschlands. Vor allem wird dort Riesling kultiviert, Weine von Weltruf. Auch auf den neun Hektar von Lanius-Knab entstehen feinste Weine dieser Traube – an Abhängen mit Steigungen von bis zu 80 Prozent.

Wolfgang Folger fliegt im Helikopter über die Reben

Wolfgang Folger fliegt im Helikopter über die Reben

© Jens Görlich
Pflanzenschutz für den Oelsberg

Pflanzenschutz für den Oelsberg

© Jens Görlich

  Einer ihrer Weinberge ist der Oelsberg, wo die Reben zwischen Schieferbrocken stehen. Der Weg bergab zwischen senkrecht zum Tal verlaufenden Zeilen ist rutschig. Nach dem Rückweg den Berg hinauf brennen die Oberschenkel, das Herz hämmert. „Hier ist nur Handarbeit möglich“, sagt Lanius, der keinerlei Anzeichen von Ermüdung zeigt. Alles kann der Helikopter nicht erledigen, und auch Hilfsarbeiter kann Lanius dafür nicht schicken. Fürs Spritzen per Hand muss er hinauf, oder ausgebildetes Personal – das ist teuer. Aktuell verkauft er seinen besten Wein, den Riesling „Oberweseler Oelsberg ‚Großes Gewächs‘“, für 25,50 Euro. Würde er komplett auf den Hubschrauber verzichten, müsste der Wein das Doppelte kosten, schätzt Lanius.

Weine aus Steillagen sind renommiert, auch weil sie so mühsam zu erzeugen sind. Ein Vergleich: Um in einer Flachlage einen Spitzenwein zu produzieren, muss ein Winzer etwa 500 Stunden pro Jahr auf einem Hektar arbeiten. Mit dem Oelsberg verbringt Lanius bis zu 1300 Stunden pro Jahr. Hauptsächlich aber geht es um Qualität: Früher pflanzten Bauern Reben in die kargen Hänge, um die fruchtbaren Ebenen für Gemüse oder Getreide aufzusparen. Weinreben aber sind wie Unkraut, sie wachsen überall. So entstanden einzigartige Kulturlandschaften, etwa an der Mosel, am Neckar oder eben am Mittelrhein. Erst später stellte sich heraus, dass die Steillagen ideale Anbauflächen für den Wein bieten. Durch die Hangneigung erreichen die Sonnenstrahlen die Pflanzen besser, die Temperatur kann sich verlässlicher regulieren. Auch die kargen Böden sind von Vorteil: Sie zwingen die Reben, ihre Wurzeln tiefer wachsen zu lassen, das macht sie robuster gegen Trockenheit. Die Beeren bleiben klein, aber aromatisch. „Guter Wein muss leiden“ lautet ein altes Winzersprichwort. Trotz allem liegen immer häufiger Weinberge in ­Steil­lagen brach. Nur wenige Winzer wollen sich die Knochenarbeit noch antun. Die Weinbauern hier teilen sich den Hubschrauber. 250 bis 350 Euro kostet der Einsatz pro Hektar. In den Sommermonaten wird – abhängig vom Wetter – etwa alle zehn Tage gespritzt. Das macht neun kostspielige Überflüge pro Saison.

Kein bisschen außer Atem: Jörg Lanius (links) zeigt seinen Weinberg

Kein bisschen außer Atem: Jörg Lanius (links) zeigt seinen Weinberg

© Jens Görlich
Edler Riesling im Weinkeller bei Lanius-Knab

Edler Riesling im Weinkeller bei Lanius-Knab

© Jens Görlich
Weinprobe im Probierzimmer

Weinprobe im Probierzimmer

© Jens Görlich

  Lanius braucht den Hubschrauber für zwei Hektar. Insgesamt nehmen luftige Einsätze aber ab. „Raupenfahrzeuge kommen inzwischen auch in die Steillagen“, sagt er. Das ist günstiger, auch für Lanius. Doch es gibt keinen befahrbaren Weg zu seinem Weinberg, deshalb muss der Helikopter ran. Drohnen sind noch keine echte Alternative. Experimentiert wird damit bereits, doch bislang reichen die fahrerlosen Fluggeräte nicht annähernd an die Leistung des Hubschraubers heran. Wenn es sein muss, spritzt Pilot Folger am Tag 150 Hektar, da kann keine Drohne mithalten. Dennoch ist Folgers Geschäft in den Weinbergen rückläufig: Vor drei Jahren besprühte er rund um Oberwesel 26 Hektar, jetzt sind es noch 19.

Zwei Stunden später hat der Nieselregen aufgehört. Die Reben sind nun trocken genug, Folger kann loslegen.

400 Liter Spritzmittel, verdünnt mit Wasser, sind in den Tanks. Er hebt ab, kommt 20 Minuten später zurück, tankt nach, hebt wieder ab. Folger ist schon lange Pilot, jede seiner Bewegungen wirkt lässig und präzise zugleich. Immer wieder fliegt er so dicht an die Reben heran, dass er mit den Fingerspitzen darüber streichen könnte, wenn er denn wollte. Neben der Arbeit in den Weinbergen bekämpft er aus der Luft auch die Stech­mücken am Ober­rhein, wenn Bedarf ist, oder macht Transport­flüge in den Alpen. Der Job ist hier wie dort nicht einfach. Schon ein erschrocken aufflatternder Vogel kann zum Problem werden. Zudem sind die Maschinen beim Start schwer beladen, sie fliegen tief. „Wenn was ist, hat man nicht viel Zeit zu reagieren“, sagt Folger, atmet tief durch, aber beim Spritzen sei ihm noch nie was passiert.

Schiefer ist der typische Boden der Region

Schiefer ist der typische Boden der Region

© Jens Görlich
Die Ausleger des Hubschraubers sind zusammen 13 Meter lang

Die Ausleger des Hubschraubers sind zusammen 13 Meter lang

© Jens Görlich
Nachtanken: 20 Minuten dauert eine Runde, dann ist der Pflanzenschutz verbraucht

Nachtanken: 20 Minuten dauert eine Runde, dann ist der Pflanzenschutz verbraucht

© Jens Görlich

  Sein Berufswunsch war aber ursprünglich ein ganz anderer: Grafiker wollte er werden. Doch sein Vater, ein Soldat, redete ihm das aus: zu künstlerisch, kein Beruf für Männer. Auch eine Kochlehre war tabu – Folger ging schließlich zur Bundeswehr. Das war 1971, seitdem fliegt er, vor 38 Jahren kaufte er seinen ersten eigenen Hubschrauber.

Gegen Mittag brechen die Wolken auf, ein paar schüchterne Sonnenstrahlen lassen die nassen Reben glänzen. Nun klingelt alle paar Minuten Mollinks Handy. Winzer wollen wissen, ob trotz des Regens alles geklappt hat. Er antwortet immer freundlich, seufzt aber nach dem Auflegen: „Wären wir sonst geflogen?“ Er schaut zum Helikopter. Folger hat für den Heimflug Kraftstoff aufgetankt. Er tippt an den Schirm seiner Base­cap, steigt ein, schnallt sich an und knattert über die Hänge des Mittel­rheins davon.