Skytalk: Willem Dafoe
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„Ich suche nicht nach Skandalen“

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Oft war er der geheimnisvolle Schurke, jetzt brilliert Willem Dafoe als Vincent van Gogh. Im Interview spricht er über Arles im Winter, New York und eine Kindheit als Quatschkopf.

Mr. Dafoe, Sie haben Dreharbeiten mal mit Abenteuern verglichen. Wie abenteuerlich ging es bei Ihrem neuen Film „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ zu?

Wir drehten vor Ort im französischen Arles, wo sich van Gogh einst ein gutes Jahr lang aufhielt. Der Dreh fand allerdings im November statt, bei eisigem Wind. Wir drehten eine Szene, in der ich in der freien Natur sitze und male, als mich eine Gruppe von Kindern behelligt. Die armen Knirpse waren irgendwann blau angelaufen, so kalt war es. Mit dem sommerlichen Arles, in das die Touristen strömen, hatte das nichts zu tun. Die meisten Restaurants waren zu, es fühlte sich fast an wie in einer Geisterstadt. Aber für den Dreh war es toll, wir hatten den Ort ganz für uns.

Was interessierte Sie an van Gogh, was hat Sie überrascht?

Ich habe viel über ihn gelernt, auch viel Neues, es gibt ja eine Fülle an Material, von seinen Briefen über Biografien bis hin zu den Bildern. Erstaunt war ich darüber, wie sehr seine Existenz von seinem Vater, einem Pfarrer, geprägt war. Sein Leben lang hat er wohl mit dem Spirituellen gerungen, mit dem Gefühl, etwas beitragen zu können, zu sollen. Ohnehin war er ein sehr mitfühlender Mensch. Sehr schwierig und im Umgang mit anderen ein ziemlicher Trampel, aber was er über die Arbeiter geschrieben hat, über Armut, Natur oder Gott, das ist wunderschön und empathisch.

Sie spielten bereits 1996 in „Basquiat“ mit, dem ersten Film des Malers Julian Schnabel. Wie hat er sich seither verändert?

Schon „Basquiat“ war ein großartiger Film, fast eine Art künstlerisches Märchen, zu dem ich einen besonderen Bezug hatte, weil er von einer Zeit in New York erzählte, die ich selbst miterlebt hatte. Aber der Van-Gogh-Film ist noch mal ganz anders: größer, viel erwachsener – und definitiv Julians bisher mutigster Film.

Apropos Mut: Sie sagten mal, Sie könnten sich nichts Mutigeres vorstellen, als in einer großen Hollywood-Produktion mitzu­spie­len, die Sie im Grunde Ihres Herzens hassen. Haben Sie sich je an eine solche Mutprobe gewagt?

Nein, ich könnte das einfach nicht. Es ginge mir gar nicht um Gewissensgründe, es würde mir einfach so gar keinen Spaß machen. Es gibt nicht genug Geld oder Kaviar oder sonst etwas, das mir die Arbeit an einem solchen Projekt versüßen könnte. Ich bin verwöhnt, ich muss Freude an der Arbeit haben.

Skytalk: Willem Dafoe

Biss zum Ruhm: mit Catherine McCormack in "Shadow of the Vampire" (2000)

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In der Auswahl Ihrer Rollen könnten Sie kaum vielfältiger sein. Ist das Kalkül oder mehr Zufall?

Etwas Absicht steckt schon dahinter, doch Schauspieler sind davon abhängig, was man ihnen anbietet. Ich kenne niemanden, der absolute Kontrolle über seine Karriere besitzt. Ich hatte viel Glück, dass die Auswahl mit den Jahren immer größer wurde.

Sie haben ein unverwechselbares Gesicht und in vielen populären Filmen mitgespielt. Auf welche Rollen werden Sie am häufigsten angesprochen?

Das variiert. Es ist spannend zu sehen, wer welchen Film erwähnt, denn daran kann ich ablesen, wie lange es her ist, dass diese Person viel ins Kino gegangen ist. Oft ist das ja in einer Lebens­phase, in der man noch Single ist, keine Kinder hat, noch nicht auf dem Land wohnt, wo das nächste Kino weit weg ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Fast täglich ruft mir jemand „Hey, Goblin“ hinterher –die „Spider-Man“-Filme waren nun mal sehr, sehr erfolgreich.

Häufig haben Sie auch in Filmen mitgespielt, die kontrovers diskutiert wurden. Mögen Sie solche „Aufreger“?

Ich suche nicht nach Skandalen, wirklich nicht. Mich interessieren Herausforderungen, auch solche, vor denen ich mich ein wenig fürchte. Oft stellen gerade diese Rollen auch eine Herausforderung für das Publikum dar. Bei „Antichrist“ war mir klar, dass das ein harter Film sein würde. Doch ich fand ihn wunderschön und dachte nicht, dass er jemanden verstören könnte, und an „Die letzte Versuchung Christi“ bin ich ähnlich naiv herangegangen.

Skytalk: Willem Dafoe

Willem Dafoe in "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit"

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  Ich kenne niemanden, der absolute Kontrolle über seine Karriere besitzt

Willem Dafoe, Schauspieler

Wie kamen Sie zur Schauspielerei? War sie auch ein Mittel, als eines von acht Kindern elterliche Aufmerksamkeit zu erregen?

Würde ich mich auf die Psychiatercouch legen, wäre das wohl der Knackpunkt: Ich wurde zu wenig beachtet. Wächst man als Teil eines großen Stammes auf, muss man möglichst schnell seinen Platz, seine Identität finden. So wurde ich als Kind zu „Quatschkopf-Billy“, zum Spaßvogel. Das brachte mir mit elf Jahren eine Rolle beim Theater der Kirchengemeinde ein. Ein Regisseur aus New York war gekommen, die Rolle eines Kindes mit großer Klappe musste besetzt werden. Der Freund meiner Schwester schlug mich vor, weil ich sowieso jedem auf die Nerven ging.

Hat sich in all den Jahren als Schauspieler Ihre Einstellung zum Beruf sehr verändert?

Und wie! Ich bin heute entspannter, nicht mehr so ehrgeizig und getrieben. Ich mache mir nicht mehr so viele Sorgen um die geschäftliche Seite des Jobs. Der größte Unterschied zu früher ist, dass die Menschen, die Filme finanzieren, meist nichts mehr mit Filmen zu tun haben. Die kommen aus der Wirtschaft und können mit Zahlen umgehen, aber wie man Kino macht, wissen sie nicht.

Auch eine Bewegung wie #MeToo verändert die Filmwelt, oder?

Wissen Sie, ich habe 27 Jahre lang mit einer Regisseurin gelebt und gearbeitet, heute bin ich mit einer jungen italienischen Filme­macherin verheiratet. So habe ich mitbekommen, mit welchen Hindernissen und Ungerechtigkeiten Frauen zu kämpfen haben. Es ist gut, dass wir hinterfragen, was lange als normal galt. Mir wurde jüngst eine Rolle in einem Actionfilm angeboten, mit ­einem männlichen Helden, der die Frauen reihenweise verführt. Früher hätte niemand mit der Wimper gezuckt, jetzt merkt man sofort, dass das nicht mehr geht – ich habe rasch abgesagt.