Als die Streifen noch harte Kanten hatten: Scully vor Werken aus den SiebzigernLebenslinien:
© David Fischer

Lebenslinien

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS DAVID FISCHER

Sean Scully gilt als einer der wichtigsten abstrakten Maler unserer Zeit: In seinen wuchtigen Bildern versöhnt er die Strenge des Minimalismus mit der Eingebung des Poeten. Eine Begegnung mit dem irisch-amerikanischen Künstler in seinem Studio in Berlin

Auf einmal ist er da. Schnellen Schrittes geht er zwischen Gemälden hin und her, prüft den Zustand, moniert eine kleine Delle. Eine imposante Erscheinung: hochgewachsen, der Blick scharf und anhaltend, als könnte er Dinge damit bewegen. Sean Scully ist ein bisschen zum Fürchten. Wie ein alter irischer Hooligan, innerlich geballt.

Scully ist nicht aufgebracht, er tritt immer so auf, auch mit 72 Jahren erfüllt von rigoroser Kraft. Gut aufgelegt streckt er mir sein Smartphone entgegen und wischt durch die Fotos: seine Frau Liliane Tomasko, ebenfalls Malerin („Sie heiratete mich meiner Schönheit wegen“), ein neues Gemälde („Ist das nicht toll? Ich habe die Sprühpistole wiederentdeckt …“), politische Kritzeleien („Trump Pizza!“), die Geburtstagsfeier seines achtjährigen Sohnes Oisin („Wir haben Vogelspinnen gestreichelt“). Er vergöttert den Rotschopf.
Aber: Bloß nicht einlullen lassen von Scullys Plauderton! Der Ex-Boxer und Karate-Meister (schwarzer Gürtel) provoziert gern und ohne Vorwarnung. Seine Augen blitzen dann auf, doch die Stimme bleibt so ruhig, dass man jedes Mal denkt: Hat er das gerade wirklich gesagt? „You like that?“, fragt er, halb herausfordernd, halb belustigt, wenn ihm ein Bonmot gelingt. Aber wehe, man versucht mitzuhalten und stellt sich blöd dabei an – Banalitäten werden kalt vernichtet. Der Mann hat ein Herz, aber keine Zeit für Geplänkel.

Mr. Scully, Sie hatten eine schwere Kindheit, Ihre Familie war sehr arm. Wann wussten Sie, ich werde Künstler?

Wir lebten teils auf der Straße, oft gab es dreimal am Tag gebratenes Brot. Mein Vater zog als Barbier von Tür zu Tür – nach dem Krieg, als Ire in London! Er hätte genauso gut umhergehen und sich laufend ins Gesicht schlagen können … Zu unserer Familie gehörten verrückte, theatralische Leute. Das Vaudeville-Theater mit seinen Sängern, Jongleuren und Transvestiten hat uns damals völlig begeistert. Da war ich sieben Jahre alt.

Waren Sie auch eine theatralische Person?

Natürlich. Vor allem aber gefiel mir, dass man aus dem Nichts etwas entstehen lässt – etwas, das zwar ausgedacht ist, dem man aber trotzdem Glauben schenkt. In der Kunst ist das nicht anders: Meine Gemälde bestehen ja eigentlich auch nur aus Streifen. Aber wir geben ihnen Bedeutung.

Als Teenager zogen Sie zunächst mit gewalttätigen Gangs durch die Straßen …

Wir kämpften um unsere Territorien wie in „Herr der Fliegen“. Ich war kriminell und wurde oft verhaftet. Gleichzeitig ging ich zur Abendschule. Die anderen aus der Gang fanden das zwar seltsam, akzeptierten mich aber, weil ich so gut kämpfen konnte.

Wie kamen Sie da wieder raus?

Ich machte einen Schritt zurück, zurück zu dem sieben-jährigen Jungen. Die Nähe zur Kunst war ja immer in mir. Wir Iren lieben die Poesie, die Musik, das Erzählen. Es ist wie eine Harnwegsinfektion: Man wird es einfach nicht los.

Helles Licht fällt in Scullys Berliner Atelier, einst eine Waffenfabrik aus der Gründerzeit: zwei große Hallen, verbunden durch einen kurzen, mit einem schweren Metalltor verriegelten Gang. Dutzende Kisten mit Gemälden lagern heute darin, jedes mindestens eine halbe Million Euro wert. Sean Scully unterhält Ateliers auch bei München und in New York. Den 2016 gefassten Entschluss, ganz nach Berlin zu kommen, nahm er wieder zurück, als er den Menschen hier begegnete: Schlechtes Benehmen, sagt Scully, könne er nur noch in Manhattan tolerieren.

Im Saal auf der anderen Seite des Gangs lehnt ein drei Meter hohes Gemälde an der Wand. Es ist eines von vier Panels, die zusammen das monumentale „Four Days“ (2015) ergeben. Gleich wird Scully es auf der Rückseite signieren. „Du musst Gelegenheiten ergreifen“, belehrt er unseren Fotografen, als der ihn zu lenken versucht, „nicht Befehle geben.“ Die breiten Streifen aus kräftigen Blau- und leuchtenden Ockertönen sind typisch für seinen über die Jahre entwickelten Stil: wuchtig und abstrakt, aber doch auch kapriziös.

Wenn er in New York ist, bringt Scully jeden Morgen seinen Sohn zur Schule, dann erzählen sie sich Geschichten von ­Plogo, einem erfundenen Androiden. Danach fährt er zu seinem Studio, auf dem Weg dorthin macht Scully erste Pläne: Habe ich Kraft für ein Großformat? Oder erst mal was Kleines? Rot oder Schwarz? Oder doch eine Skulptur? Im Studio angekommen, wird aber erst Zeit verschwendet: ein Telefonat, ein paar E-Mails. Auch die Apfelbäume und Orchideen im Garten bräuchten mal wieder Aufmerksamkeit … „Ich gehe nicht systematisch vor, sondern lasse meiner Intuition freien Lauf. Meine Arbeiten sind ja schon determiniert genug. Die Großzügigkeit gegenüber mir selbst hält sie lebendig.“

Lebenslinien: Die monumentalen Gemälde aus der Reihe „Doric“ zitieren den Aufbau antiker griechischer Tempel; sie gehören zu Scullys begehrtesten Werken

Die monumentalen Gemälde aus der Reihe „Doric“ zitieren den Aufbau antiker griechischer Tempel; sie gehören zu Scullys begehrtesten Werken

© David Fischer

Wenn Sie ein Werk beginnen, wissen Sie da schon, welche Farben es haben soll?

Oh, nein, ich habe nie eine genaue Vorstellung! Es kommt vor, dass ich einen Eimer des schönsten Rot anmische, dann aber doch etwas anderes verwende, das schon herumstand. Die Farbe finde ich bei der Arbeit. Sie ist meine Begabung – wie die Stimme, die einem Sänger gegeben wurde.

Klingt so, als bräuchten Sie Raster und Repetitionen, um frei singen zu können …

So ist es. Ich lege ein philosophisches Konstrukt zugrunde, eine strukturelle Idee, die es mir erlaubt, diesen anderen, poetischen Teil von mir auszuleben. Heute geschieht das intuitiv, aber ich musste es mir erarbeiten.

Was macht Wiederholung für Sie so interessant?

Sie ist überall! Bäume, Tische, Wolkenkratzer … Nichts auf der Welt könnte ohne Wiederholungen entstehen. Meine Werke handeln davon, wie die Dinge zusammengesetzt sind, deshalb gibt es Störungen und Einschübe. Das Besondere ist: Gemälde sind keine Maschinen, sie sind nur zum Anschauen da.

Hätten Sie nicht auch mal Lust, Kreise zu malen?

Es wäre ganz leicht, meine Sprache zu ändern. Aber ich kann damit alles sagen, was ich will, und sie bringt immer wieder neue Resultate hervor. Ich kann mich gut daran erinnern, als Bob Dylan mit „Blood on the Tracks“ zu seinen Folk-Wurzeln mit Akustikgitarre zurückkehrte. Es war eine Rückkehr zu sich selbst. Und genau das will ich von ihm auch hören – nicht Dylan beim Herumspielen, sondern die Quintessenz.

Ist das nicht ziemlich konservativ?

Die Frage ist doch eher: Warum sollte man nicht das tun, was man am besten kann?

Lebenslinien: Einschübe wie jener in „Winter Days“ von 1990 brechen die Raster seiner Werke auf

Einschübe wie jener in „Winter Days“ von 1990 brechen die Raster seiner Werke auf

© David Fischer
Lebenslinien:Inzwischen fransen die Flächen aus und offenbaren die Farbschichten darunter: eines von vier Panels aus „Four Days“ 2015

Inzwischen fransen die Flächen aus und offenbaren die Farbschichten darunter: eines von vier Panels aus „Four Days“ 2015

© David Fischer

Sean Scully war selbst mal Leadsänger einer Rockband. „Boom boom boom boom“, sagt er gerne, wenn er will, dass es vorangeht – nach dem berühmten Song von John Lee Hooker. Aber wie ist es beim Malen? Bringt Scully sich mit Musik in Stimmung? Wieder streckt er mir sein iPhone entgegen: Florence and the Machine, Rihanna, Leonard Cohen finden sich auf seiner Playlist, ein Cello-Stück des Komponisten Zoltán Kodály, natürlich auch U2, Scully und Bono sind Freunde. „Kennst du auch Disturbed? Eine fantastische Heavy-Metal-Band!“ Er stellt die Musik laut, seine Augen blitzen: „Sound Of Silence“, ein grimmiges Simon & Garfunkel-Cover.

1969 war Scully zum ersten Mal nach Marokko gereist, „die Idee, über repetitive geometrische Strukturen zu einer spirituellen Wahrheit zu gelangen, faszinierte mich.“ Seither malt er seine Streifen, Bänder, Linien. Die Bedeutung von Musik aber hat er selbst lange unterschätzt. „Ich komponiere musikalisch“, sagt er, nachdem „Sound of Silence“ verklungen ist. „Meine Bilder sind Rhythmus. Deshalb wirken sie anders als die der anderen geometrischen Maler.“ Scullys Geometrien scheinen in Bewegung zu sein, sie atmen, leben und stehen für sich, nicht für ein übergreifendes Prinzip. Scully hauchte dem Minimalismus das Menschliche ein: Jedes seiner Bilder hat eine eigene Persönlichkeit.

Lebenslinien: Im Herbst 2016 bezog Scully eine ehemalige Waffenfabrik in Berlin: Er suchte die Nähe seines Freundes Michael Kewenig. Ein Jahr später starb der renommierte Galerist

Im Herbst 2016 bezog Scully eine ehemalige Waffenfabrik in Berlin: Er suchte die Nähe seines Freundes Michael Kewenig. Ein Jahr später starb der renommierte Galerist

© David Fischer
Lebenslinien:Jetzt nutzt Scully den Klinkerbau als Ausstellungs- und Lagerfläche

Jetzt nutzt Scully den Klinkerbau als Ausstellungs- und Lagerfläche

© David Fischer

Sehen Sie sich selbst als humanistischen Künstler?

Wahrscheinlich ist das mein Beitrag zur Kunst: Ich mache Dinge, die rigoros sind, abstrakt, manchmal fast überwältigend. Aber doch humanistisch. Es hat lange gedauert, bis das verstanden wurde.

Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Gar nicht! Ich wurde ausgewählt. Zu meinen Studenten sage ich immer: Willst du eine Blume sein oder eine Biene? Als Künstler bist du die Blume. Du musst warten. Machen und warten. Und irgendwann wirst du erwählt.

Viele warten wahrscheinlich vergebens …

Dann müssen sie schöner werden. Oder besser.

Was ist das Geheimnis?

Ich habe keine Ahnung. Alles, was du erschaffst, ist geprägt von deiner Geschichte, deiner Seele – aber auch von deiner Gesundheit und Umwelt. Es ist nicht alles free choice! Und der Mangel an Möglichkeiten schlägt Wunden, wenn man jung ist. Also muss man entschlossen sein und darf nicht auf Anerkennung hoffen. Überhaupt, die Hoffnung, sie lenkt nur ab.

Künstler sind also Blumen ohne Hoffnung …

Ja! Ich habe natürlich Ambitionen – das macht das Leben erst interessant. Aber Hoffnung? Mache ich mir keine.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

Cover LHE 03_2018