Tommy Hilfiger
© Clément Pascal

The Maker

  • TEXT ULF LIPPITZ
  • FOTOS CLÉMENT PASCAL

Seit über 30 Jahren setzt Tommy Hilfiger den amerikanischen Traum in Mode um – ein New Yorker Treffen mit dem ewigen Sonnyboy der Branche.

Er kommt ganz lässig ins Büro, schlendernd, nicht stürmisch: Tommy Hilfiger, 67 Jahre, Gründer der gleichnamigen Modemarke. Dunkler Anzug, schmale Krawatte, schwarze Schuhe, er kommt herein wie ein Mann, der nichts mehr beweisen muss. Sein Gang hat wenig mit dem ganzen Trubel um ihn herum zu tun, mit den ner­vösen Mitarbeitern, die Terminpläne zurechtstutzen, an Aufzugsknöpfen drücken und besorgte Gesichter zur Schau stellen. Vor dem Gebäude an der Madison Avenue weht eine Flagge mit dem Logo der Marke – blau, weiß, rot. Doch wie sieht er das Land selbst? Was macht Amerika aus für jemanden, der die US-Nationalfarben für sein Modelabel übernommen hat?

Mister Hilfiger, von Ihnen stammt der Satz: „Ich bin dankbar dafür, ein amerikanischer Träumer zu sein.“ An welche Werte denken Sie dabei?

Ich denke weniger an Werte als an die Möglichkeit, einen Traum ohne Hindernisse leben zu können. In vielen Ländern ist das nicht möglich. Bei uns schon, wenn man über unerschütterliche Tatkraft verfügt. Ein Amerikaner zu sein hat mir die Freiheit gegeben, das zu tun, woran ich glaube.

Das klingt reichlich patriotisch …

Die amerikanische Flagge ist für mich das wichtigste Symbol. Ich bin so erzogen worden. Jeden Morgen in der Schule schworen wir den Fahneneid. Und ich stellte mir dabei immer vor, wie die Stars and Stripes stolz im Wind flattern.

Bekommen Sie Tränen in den Augen, wenn Sie die Nationalhymne beim Superbowl hören?

Dafür müsste ich sie erst einmal hören. Im Stadion gibt es doch zu viel Lärm im Hintergrund.

Wir treffen uns in Ihrem Büro an der Madison Avenue, und hier verweisen auch Ihre Sofas auf eine amerikanische Erfolgsstory: Jeansstoff. Reiner Zufall?

Nein. Das sind alte zusammengenähte Jeans, die wir für zwei riesige Sofas verwendet haben. Ein Pariser Möbelbauer hat zwei Jahre dafür gebraucht.

 

Amerikanische Ikonen: Hilfiger sitzt auf einem Sofa aus Jeansstoff

Amerikanische Ikonen: Hilfiger sitzt auf einem Sofa aus Jeansstoff

© Clément Pascal
Den Lounge-Bereich des New Yorker Büros schmücken ein opulenter Bildband, der zum 25. Firmenjubiläum erschien, ...

Den Lounge-Bereich des New Yorker Büros schmücken ein opulenter Bildband, der zum 25. Firmenjubiläum erschien, ...

© Clément Pascal
... und frische Ranunkeln

... und frische Ranunkeln

© Clément Pascal

Sind auch Hilfiger-Jeans dafür verarbeitet worden?

Ich bitte Sie! Wir haben keine Restbestände.

Jetzt schmunzelt er. Das war natürlich ein Seitenhieb gegen die Konkurrenz: Schaut her, wie gut wir sind. Der Umsatz lag 2017 bei 7,4 Milliarden US-Dollar. Nach einer langen Hängepartie in den Nuller-Jahren geht es der Marke wieder blendend. Gerade hat sie eine Koopera­tion mit Formel-1-Star Lewis Hamilton verkündet, im Herbst soll eine Kollektion unter seinem Namen in die Läden kommen. Der Autofan Hilfiger ist entzückt.

Die Jeans gehört zu den ikonischen Kleidungsstücken Amerikas. Wird es in Zukunft noch wichtig sein, ob ein Trend aus den Vereinigten Staaten kommt?

Amerika ist ein Nährboden für Popkultur. Mode, Kunst, Musik und die Unterhaltungsindustrie beeinflussen die Welt. Sehen Sie sich die Streetwear-Revolution der vergangenen Jahre an. Sie begann in den USA. Ich bin stolz darauf, dass wir ein Teil davon sind.

Mitte der 1980er-Jahre begann Ihr Unternehmen, den lässigen „Preppy Look“ zu etablieren – wie hat die Branche reagiert?

Damals hat man auf uns herabgeschaut, weil wir uns als Marke für alle definiert haben, nicht nur für ein paar vermögende Kunden. Und das tun wir heute noch. Wir wollen ein Premium-Produkt liefern, das qualitativ hochwertig ist, aber zu einem fairen Preis. Die Elite wollte damit nichts zu tun haben.

Sie meinen High-Fashion-Häuser, die bis vor Kurzem gewohnt waren, die Mode zu diktieren?

Heute sehen wir, dass sich das Phänomen umkehrt. Um neue Impulse zu bekommen, schaut die Haute Couture auf die Freizeitmode. Die ist der Katalysator für Wachstum in diesen Häusern.

So kooperiert Louis Vuitton nun mit dem New Yorker Skater-Label Supreme …

… und sie haben gerade Virgil Abloh unter Vertrag genommen, der das Label Off-White gegründet hat. Er wird Streetwear auf Luxusniveau neu erfinden. Daran sehen wir, dass wir in einer Zeit ohne wirkliche Stilregeln leben. Die Menschen können tragen, was sie möchten. Das schafft eine größtmögliche Individualität. Virgil wird seine Anregungen von dort erhalten, wo auch wir sie beobachten: vom Film, aus der Welt der Prominenten, von Idolen aus der Popkultur. Menschen wollen ihr Aussehen verbessern, das ist ein grundsätzliches Bedürfnis. Kleidung ist ein Katalysator, ihnen dabei zu helfen.

Es klingt ein wenig wie ein seit Jahren propagiertes Motto, wenn er das sagt. Routiniert, höflich, korrekt. Hilfiger lässt kaum Kanten zu. Vielleicht hat ihn die Vergangenheit etwas Vorsicht gelehrt. In den 1980er-Jahren wurde er mit einer Werbeanzeige auf dem Times Square populär, als sich der noch recht unbekannte Modeschöpfer frech mit den Großen seiner Zunft verglich: Calvin Klein, Ralph Lauren und Perry Ellis. Die Presse zerriss ihn, die „Kollegen“ straften ihn mit Nichtachtung. Doch Mode-Interessierte faszinierte die Marke, die dieses erfrischende Lebensgefühl ausstrahlte.

 

Schwungvoll: Glückwunschschreiben an eine Freundin

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© Clément Pascal
Wichtige Artikel und Modefotos lässt sich Hilfiger einrahmen

Wichtige Artikel und Modefotos lässt sich Hilfiger einrahmen

© Clément Pascal

Was kaufen sich Kunden – damals und heute –, wenn sie sich für Hilfiger-Mode entscheiden?

Authentizität. Es ist kein erfundener Name, es ist kein Label, das nur dafür gegründet wurde, Klamotten auf den Markt zu bringen. Tommy Hilfiger hat eine starke Glaubwürdigkeit, die Marke gelangte über die Straßen in den Mainstream.

Ihre Mode wurde 1994 schlagartig berühmt, als der Rapper Snoop Dogg in der TV-Show „Saturday Night Live“ in einem Rugbyshirt auftrat, auf dem groß Ihr Name prangte. Wie fühlten Sie sich in dem Moment?

Ich war ungeheuer stolz darauf, dass ich Teil dieser damals gerade entstehenden Jugendkultur wurde. Ich hatte aufmerksam verfolgt, wie sie sich aus dem Under­ground entwickelte, doch ich hätte nie geahnt, welche tief greifenden Folgen sie haben würde, nie geahnt, dass Hip-Hop einmal alle anderen Trends überstrahlt.

Im Büro hängen gerahmte Bilder von Hip-Hop-Stars an den Wänden, aber noch mehr von Ikonen aus den 1970er- und 1980er-Jahren: David Bowie, Mick ­Jagger, allesamt Wegbegleiter und Vorbilder des Modedesi­gners. Als Teenager in Upstate New York erwarb Tommy Hilfiger seine Coolness über seinen Musikgeschmack. Er war Legastheniker, kein Ass in der Football-Mannschaft. Aber er wusste, welche Platten man unbedingt hören musste.

Sie wollten damals Rockstar werden. Wie wurde aus der Leidenschaft für Musik eine fürs Design?

In den späten 1960er-Jahren kamen viele Rockmusiker zum ersten Mal nach New York: Jimi Hendrix, die Rolling Stones, Led Zeppelin. Sie strömten aus allen möglichen Himmelsrichtungen in die Stadt, Hendrix aus Seattle, Janis Joplin aus San Francisco, die Stones aus London. Zusammen formten sie eine Kulturrevolution, die meine Welt veränderte, die eines Jugendlichen, der in einer Kleinstadt vier Stunden außerhalb von Manhattan aufwuchs. In New York trugen die Menschen Fransen, Schlaghosen, Blumenhemden. Das war ein cooler Vibe, den ich begeistert aufsog.

Tommy Hilfiger bei der Arbeit

Tommy Hilfiger bei der Arbeit

© Clément Pascal
Der Designer ist Stammgast im Viand am Broadway, bekannt für hervorragende Omeletts

Der Designer ist Stammgast im Viand am Broadway, bekannt für hervorragende Omeletts

© Clément Pascal
Vom Büro ist es nicht weit bis zum MoMA – Hilfigers Lieblingsort in New York (Skulptur „Floral Nude“, Jean/Hans Arp, 1957)

Vom Büro ist es nicht weit bis zum MoMA – Hilfigers Lieblingsort in New York (Skulptur „Floral Nude“, Jean/Hans Arp, 1957)

© VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Nur ein Instrument konnten Sie nicht spielen …

Mir gefielen die Klamotten. Meine Heimatstadt Elmira war völlig unmodisch. Also eröffnete ich einen kleinen Laden, „People’s Place“, und vertrieb dort mit zwei Freunden Glockenjeans aus dem East Village, dazu Räucherstäbchen, Schmuck, Kerzen. Wir waren im Umkreis von 100 Kilometern die Einzigen, die diesen neuen Lebensstil verkauften.

Was war das Versprechen dieser Revolution?

Sie stand für das Anti-Establishment und damit gegen alles, was mein bisheriges Leben ausgemacht hatte: die Durchschnittswelt amerikanischer Fernseh-Sitcoms, in der alles perfekt war. Dagegen rebellierte ich. Ich wollte etwas Gefährlicheres und Aufregenderes erleben.

Und, hat es geklappt?

Schauen Sie sich um.

Zur selben Zeit erlebten Sie die erste „Beziehungskrise“ mit Ihrem Heimatland. Der Vietnamkrieg tobte, Sie beschlossen, nach Kanada auszuwandern, sollten Sie einberufen werden. Haben Ihre Eltern Sie als unpatriotisch beschimpft?

Mein Vater fand, ich würde dem Land in den Rücken fallen. Für ihn hatte die gesamte Hippie-Revolution nichts mit dem American Way of Life gemein. Ich habe über solche Konzepte gar nicht nachgedacht, sondern war genug damit beschäftigt, mir nach der Schule etwas Eigenes aufzubauen. Ich wusste nur, ich will auf kein College gehen, ich will Teil dieser Kultur bleiben.

Ist in der heutigen US-Gesellschaft denn noch etwas spürbar von dieser bunten Hippie-Zeit, ist etwas davon geblieben?

Natürlich. Im Moment erleben wir wieder, wie Menschen sich in Graswurzelbewegungen zusammenschließen. Das entspricht dem Geist jener Jahre. Sie organisieren Demonstrationen, protestieren gegen die Regierung.

Die Assistentin von Hilfiger rutscht nervös auf ihrem -Sessel hin und her. Hat der Chef gerade ein Statement zur aktuellen Politik abgegeben? Das mag man nicht im Hilfiger–Konzern, wo der Designer zwar noch den kreativen Prozess überwacht, ihm das Geschäft jedoch nicht mehr gehört. Eigentümer ist die US-amerikanische Phillips-Van Heusen Corporation, die auch Calvin Klein besitzt. Besser also: keine Politik, keine Meinung, niemanden ärgern.

 

Auch nach einem langen Arbeitstag sitzt der Anzug tadellos: Hilfiger in der Firmen-Cafeteria

Auch nach einem langen Arbeitstag sitzt der Anzug tadellos: Hilfiger in der Firmen-Cafeteria

© Clément Pascal
Tommy Hilfiger setzt in seiner Mode den amerikanischen Traum um

Tommy Hilfiger setzt in seiner Mode den amerikanischen Traum um

© Clément Pascal

Der soziale Zusammenhalt ist Ihnen ein Anliegen. Sehen Sie ihn gefährdet oder gestärkt, wenn die Leute sich zu Protesten zusammenschließen?

Ehrlich gesagt sehe ich einen größeren Zusammenhalt in der heutigen Gesellschaft als in den 1950er- oder 1960er- Jahren. Die Menschen akzeptieren problemlos Minderheiten, das war in meiner Jugend undenkbar. Die Homo-Ehe, die Gleichstellung von Menschen unterschiedlicher Hautfarben: Gerade Jugendliche erlebe ich in dieser Beziehung als völlig farbenblind, im guten Sinne. Das halte ich für eine wesentliche Verbesserung gegenüber früher.

Sie wollen die Modeindustrie nicht politisieren. Doch ist das überhaupt möglich angesichts der Lage, die Sie selbst geschildert haben?

Wir sind eine demokratische Marke …

Ist das politisch gemeint?

Nein. Sagen wir lieber, wir sind integrativ. Ich möchte jeden einkleiden, ganz egal, welche Hautfarbe, welche sexuelle Orientierung, welche Partei, welche Körpergröße, welches Alter und so weiter. Das ist mein Statement für die Welt.

Ertappen Sie sich manchmal bei dem Gedanken, um wie viel leichter das Leben in den 1970er-Jahren war, ohne diese gigantische Informationsflut?

Damals waren mir viele Dinge einfach egal, ich habe sie gar nicht mitbekommen. Mit der Allgegenwart von Nachrichten ist das heutzutage nur noch schwer vorstellbar. Aber das Rad können wir nicht zurückdrehen. Das sehen wir auch in der Mode.

Woran denken Sie da?

Die Millennials interessieren sich nicht mehr für Modenschauen, wie es sie früher gab. Ich finde sie inzwischen auch langweilig. In kurzer Zeit laufen mehrere Models mit neuen Hosen oder Hemden an mir vorbei, na toll! Die junge Zielgruppe sucht nach einer Erfahrung, die sie mit anderen Menschen über Social Media teilt. Sie will alles im selben Moment kaufen und am nächsten Tag tragen, nicht erst sechs Monate warten, bis die Entwürfe im Laden ankommen. Deshalb inszenieren wir unsere Shows als Events, sei es ein Konzertereignis in London oder ein zweitägiger Straßenkarneval in New York. Anders kommen wir nur schwer an die jungen Menschen heran.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihrem jüngeren Selbst einen Rat geben – welcher wäre es?

Stay focused – konzentriere dich auf deinen Traum.

 


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Juli 2018