„Viele Rollen kann ich einfach nicht ablehnen”

Woody Harrelson

Interview

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Hollywoods Arbeitstier Woody Harrelson spricht über seine Lust am Drehen, sein Engagement in politisch turbulenten Zeiten – und wie seine Töchter ihn erden

Sie sind in einer Tour mit neuen Filmen präsent. Nach „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ kam „Solo: A Star War’s Story“, im Herbst steht offenbar der Marvel-Film „Venom“ an. Ein bisschen viel, finden Sie nicht?

Das können Sie aber laut sagen. Ich bin echt überarbeitet. Es sollte ein vorgeschriebenes Limit für die Zahl von Filmen geben, die man als Schauspieler dreht. Denn irgendwann nähert man sich der Erschöpfung – und das Publikum ja auch, das will einen dann nicht mehr sehen.

Es gibt Kollegen, denen das in ihrem Arbeitseifer nichts auszumachen scheint …

Das habe ich auch schon bemerkt, aber ich könnte das nicht. Zuerst mal haben meine Kinder ein Anrecht auf mich, auf meine Zeit. Und zweitens bin ich von meiner Natur her ein Faulpelz. Ich würde am liebsten bis ein Uhr mittags im Bett liegen, dann langsam in den Garten gehen, mir eine Mango pflücken und meinen Nachbarn besuchen, den Country-Star Willie Nelson.

Liegen Sie manchmal wirklich den ganzen Vormittag im Bett?

Nein, ich stehe mit der Morgendämmerung auf, wenn ich nicht gerade mit Willie die ganze Nacht Poker gespielt habe. Mein Dilemma ist, dass viele dieser Filmangebote einfach so gut sind, dass ich sie nicht ablehnen kann. Aber in diesem Jahr mache ich nun endlich eine richtige Pause.

Facetten eines Vielseitigen: Harrelson in „Natural Born Killers“ (1994)

Facetten eines Vielseitigen: Harrelson in „Natural Born Killers“ (1994)

© ddp

Wie kann man sich diese Pause vorstellen?

Ich werde eine „Freundschaftstour“ machen, also viele meiner guten Kumpel besuchen. Dann möchte ich mit meiner Familie Europa bereisen, vor allem will ich mehr Zeit in Italien verbringen. Ich würde zu gern Italienisch können! Ein weiteres Ziel ist, ein paar Instrumente zu lernen, ich brauche nur noch gute Lehrer für Klavier und Gitarre. Abgesehen davon muss ich mich wieder mehr politisch engagieren. Ich bin ein entschiedener Fracking-Gegner – mal schauen, wie ich da helfen kann.

Sie waren früher ein richtiger Aktivist, behielten zum Beispiel eine Zeitlang Steuern ein und kletterten sogar bei einer Protestaktion auf die Golden Gate Bridge …

Ich würde gern mehr tun, doch wegen meiner Nonstop-Dreh­arbeiten war das in letzter Zeit nicht möglich. Außerdem: Wann immer ich mich engagiert habe, hat mich das ein Vermögen gekostet. Man muss aufpassen, dass man nicht ein bisschen zynisch wird.

Halten Sie sich für gefährdet?

Ich kämpfe dagegen an. Wem es so gut geht wie mir, der hat kein Recht auf Zynismus. Zum Glück habe ich meine Familie – die hilft mir, mich nach meinem Herzen zu richten. Und es gibt ja noch die junge Generation, die hat eine völlig unabhängige und unverstellte Perspektive. Diese Kids lassen mich hoffen, dass sich die Dinge doch noch zum Guten wenden.

Was hilft Ihnen sonst noch gegen Zynismus?

Angst zu haben ist gut. Deshalb mache ich immer wieder mal was Gewagtes.

„The Messenger“ (2009)

„The Messenger“ (2009)

© action press
Mit Frances McDormand in „Three Billboards Outside ­Ebbing, Missouri“

Mit Frances McDormand in „Three Billboards Outside ­Ebbing, Missouri“ (2017)

© 2017 Twentieth Century Fox

Was zum Beispiel?

Einmal habe ich mit einem Kumpel auf einem Bus gesurft. Er stieg vor mir durch die Dachluke zurück, aber ich blieb noch kurz auf dem Dach. Nur weil er mir zurief, dass ich reinkommen sollte, sprang ich herunter. Und im gleichen Moment fuhr der Bus unter einer Brücke durch. Ein anderes Mal bin ich bei einem Autorennen von der Piste abgekommen – bei Tempo 170. Alle dachten, es hätte mich erwischt. Aber ich kriege immer noch irgendwie die Kurve.

Sie wirken jedenfalls nicht wie ein typischer, glatter Holly­woodstar.

Das hängt davon ab, welche Stars Sie meinen. Es gibt viele, die wohl ihre eigene Großmutter erwürgen würden, um Erfolg zu haben. Aber ich habe da auch viele phänomenal coole Menschen kennengelernt. Ich selbst fühlte mich aber nie als Teil der Hollywood-Szene, und mir fehlt auch das Bedürfnis, der größte Star der Welt zu sein. Eigentlich war ich immer eine Art Außenseiter. Auch wenn ich immer Freunde hatte, habe ich nie zu einer bestimmten Clique gehört – und jetzt lebe ich ohnehin ein paar Tausend Meilen entfernt von Hollywood auf Hawaii.

Hatten Sie eine besondere Motivation, Schauspieler werden zu wollen?

Das hing mit dem Tod von Elvis Presley zusammen. Ich habe mir damals seine Golden Oldies besorgt und die dann alle auswendig gelernt. Einmal begann ich in der Highschool-Bibliothek vor mich hinzusingen, und plötzlich hatte sich ein richtiger Kreis von Zuhörern um mich versammelt. Die klatschten und jubelten, ich sprang sogar auf den Tisch. Nach dem Song kam ein Mädchen namens Robin auf mich zu und meinte zu mir: „Steig doch mal runter und komm mit zu unserer Theatergruppe. Wir könnten jemand für unser Stück brauchen.“ Und weil sie sehr hübsch war, ließ ich mir das nicht zweimal sagen. So habe ich gemerkt, was das für ein toller Job ist. Besser wäre höchstens noch: Rockstar.

 Schauspieler ist ein toller Job. Besser wäre höchstens noch: Rockstar  

Woody Harrelson, Schauspieler

Sie machten dann aber Ende der 1990er-Jahre schon mal eine längere Pause. War der Grund Erschöpfung?

So ähnlich. Es fühlte sich für mich an, als würden die Filme nie enden. Wenn man pausenlos zwölf, 14 Stunden am Tag arbeitet, macht es irgendwann einfach keinen Spaß mehr. Ich war auch sehr frustriert von dem Rummel um „Larry Flynt“.

Die Rolle des „Pornokönigs“ brachte Ihnen immerhin eine Oscar-Nominierung ein.

Ja, aber es passierten seltsame Dinge, es gab eine Kampagne gegen den Film, die ihm sehr geschadet hat. Ich war froh, danach eine Auszeit nehmen zu können. Die hat dann länger gedauert als geplant, fünf, sechs Jahre, und am Schluss war es fast so, als müsste ich in der Branche neu anfangen. Aber mein Agent fand zum Glück ein paar Engagements für mich.

Haben Sie sich während Ihrer Auszeit keine Sorgen wegen des Geldes gemacht?

Darüber zerbreche ich mir nie den Kopf. Ich habe einmal einen Film wegen der Gage gedreht, und das habe ich bitter bereut. Erfolg macht einen nicht glücklich. Aber wer glücklich ist, kann sich als erfolgreich betrachten.

Und was macht Sie glücklich?

Mein Lebenshunger. Ich will spontan sein, im Moment leben können. Das ist das Gefühl eines Jungen, auch wenn ich natürlich reifer geworden bin. Wenn ich mich mies fühle, mache ich Sport. Ich meditiere auch, obwohl mir das nicht immer gelingt. Es gibt zu viele Ablenkungen in meinem Leben. Wobei diese Ablenkungen aber auch positive Gefühle hervorrufen – besonders durch meine drei Töchter.

Orientieren die sich an Ihnen?

Zum Glück nicht. Ich bin eher ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll. Aber sie sind stark und zäh, sie durchschauen Falschheit, und gleichzeitig haben sie sich ihre Offenheit und ihren Optimismus bewahrt.