Sarajevo
© Anne Gabriel-Jürgens

Comeback der Kunst

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS ANNE GABRIEL-JÜRGENS

Lange Jahre litt Sarajevo unter den Folgen des Bosnienkriegs. Doch nun erwacht die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, angetrieben von einer kleinen, aber höchst engagierten Künstlerszene.

Da liegt es, am Ufer des Miljacka, das Beton-Ungetüm. Der flache Bau duckt sich auf einen rot gepflasterten Platz, aus seinen Seiten erwachsen mächtige Dachschrägen wie Flügel: Brutalismus in reinster sozialistischer Manier. Das Sport- und Einkaufszentrum Skenderija wurde 1984 erbaut, als im ehemaligen Jugoslawien die XIV. Olympischen Winterspiele stattfanden. Damals liefen hier Eiskunstläufer um Medaillen, heute wabert weißer Rauch aus einer Shisha-Bar durch die Gänge im Untergeschoss, vorbei an Cafés und leeren Ladenzeilen.

Hier im Stadtteil Grbavica, in einer abgelegenen Ecke der Stadt, betreibt Jusuf Hadžifejzović die Galerie Charlama Depot. Ganz in Schwarz gehüllt, mit balkenbreiter Sonnenbrille über einem mächtigen Karl-Marx-Gedächtnisbart, taucht der Galerist ab in sein 200 Quadratmeter großes Reich, seinen White Cube. Ein Sammelsurium zeitgenössischer Kunst zeigt sich unter hellem Neonlicht: Skulpturen, Gemälde, Videos und Fotografien.

Künstler, Macher, Anstifter: Jusuf Hadžifej­zović in seiner Galerie Charlama

Künstler, Macher, Anstifter: Jusuf Hadžifej­zović in seiner Galerie Charlama

© Anne Gabriel-Jürgens
„Baudrillard – Duchamp“, Kunstwerk des kroatischen Künstlers Vlado Martek

„Baudrillard – Duchamp“, Kunstwerk des kroatischen Künstlers Vlado Martek

© Anne Gabriel-Jürgens
Installation „Traces of war“ des Bosniers Edin Numankadic

Installation „Traces of war“ des Bosniers Edin Numankadic

© Anne Gabriel-Jürgens

Wir können nicht ein ganzes Leben im Krieg verbringen, wir müssen etwas Neues schaffen

Jusuf Hadžifejzović, Galerist

  Der 61-jährige Hadžifejzović hat die Kunstwelt in Sarajevo geprägt wie kein anderer. Im Sommer 1995, das Ende des Bosnienkriegs war noch nicht gewiss, kehrte er aus dem Exil zurück in seine Heimat. Seine Wohnung war geplündert, keine seiner Arbeiten war mehr da. Nur drei Bücher lagen da noch: über die Künstler Blinky Palermo und Joseph Beuys, eines über die Geschichte der Malerei in den USA. Das war alles. Andere hätte dieses Trio deprimiert, der Künstler Hadžifejzović nahm es als Zeichen. „Ich konnte die Katastrophe spüren, die hier ein paar Tage zuvor noch lauerte“, sagt Hadžifejzović über seine Rückkehr. Doch schnell richtete er den Blick nach vorn. „Wir Künstler können nicht ein ganzes Leben im Krieg verbringen“, proklamiert er, „wir müssen etwas Neues schaffen.“ Und Sarajevo sei der perfekte Ort dafür. „Die jungen Künstler aus Europa lieben die Stadt, für sie ist es hier besser als je zuvor.“ Wer von ihnen zu Hadžifejzović kommt, wird unweigerlich Teil seines riesigen Netzwerks.

SJJ

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  Heute, 22 Jahre nach dem Krieg, blickt der Galerist von seiner Wohnung auf Restaurants, deren Terrassen von der Sonne in honiggelbes Nachmittagslicht getaucht werden, und auf Cafés, die Espresso und Baklava servieren. Ein Bild des Friedens, auch wenn in den Wohnblöcken hinter den Terrassen immer noch Einschusslöcher klaffen. Doch Sarajevo ist mehr als ein Open-Air-Kriegsmuseum. Das Leben in der Stadt ist neu erwacht. Die Baščaršija, die osmanisch geprägte Altstadt mit ihren Minaretten und unzähligen Kebab-Restaurants, ist perfekt restauriert. Die Souvenirshops in den winzigen braunen Holzhütten sehen aus, als wären sie direkt aus Bayern herbeigeschafft worden. In der Einkaufsstraße Ferhadija wachsen moderne Shoppingmalls aus dem Boden, arabische Touristen treffen auf europäische Backpacker. Aus über 200 Moscheen rufen Muezzine zum Gebet, ein Geruchsgemisch von Cevapcici und Wasserpfeife liegt in der Luft.

Sarajevo: Altstadt

Die Altstadt von Sarajevo

© Anne Gabriel-Jürgens

  Die Kreativen kommen gern in die Stadt zu Füßen des Bjelašnica-Gebirges. Bosnische Rückkehrer lassen sich von der Geschichte des Ortes inspirieren, ihre Themen sind Grenzen, Identität und Fremdheit. Ihnen folgen europäische Künstler. Sie bringen neue Eindrücke mit, lassen die Szene internationaler werden. Zusammen schafft die kleine, eifrige und verschworene Gemeinschaft ein neues Bild von Sarajevo.

Hadžifejzović gehörte schon in der Tito-Zeit zur Avantgarde, weit entfernt von der braven, der alimentierten Staatskunst. Er ­organisierte ohne einen Cent Förderung die erste Landesausstellung Jugoslawiens für moderne Kunst, er studierte in Deutschland bei Joseph Beuys und Gerhard Richter und hatte eine große Karriere vor sich. Dann kam der Krieg. Exil, Rückkehr, Neubeginn. „In dieser Stadt wollte niemand eine Galerie eröffnen“, sagt Hadžifejzović und lässt seine Hand mit einer Espresso-Tasse über die Bilder zweier schwedischer Fotografen kreisen, „also hab ich es halt gemacht.“ Nun plant er neue Ausstellungen in Sarajevo, öffnet Türen und schafft Kontakte unter den Künstlern.

Sarajevo: Warten auf Nachwuchs: die renovierte Künstlerakademie

Warten auf Nachwuchs: die renovierte Künstlerakademie

© Anne Gabriel-Jürgens

  Ein paar Meter weiter betreibt Pierre Courtin in einer umgebauten Altbauwohnung die Galerie Duplex100m2. Drinnen Fisch­grätparkett und weiße Wände, aus den Fenstern fällt der Blick auf schmale Brücken, die sich über den ruhig dahinfließenden Mil­jacka spannen, dahinter die Fassaden der Gründerzeitbauten. Der 41-Jährige sagt, er sei der erste Europäer gewesen, der nach dem Krieg nach Sarajevo kam – und der blieb, statt wegzugehen wie viele andere junge Leute. „Am Anfang besuchten mich Journalisten und andere Künstler. Sie wollten wissen: Wer ist dieser Verrückte, der nach Sarajevo zieht?“, sagt Courtin. Er kam aus Paris. Als er an der Kunstakademie studierte, entwarf er einen Plan: Er wollte für sechs Monate eine Galerie auf zehn Qua­dratmetern in Sarajevo betreiben, in einer Stadt, die damals noch zerbombt war. Aus den sechs Monaten wurden 17 Jahre.

„Wir Künstler sind ein eigener Volksstamm“, meint Courtin. Auf etwa 300 Mitglieder schätzt er diesen Stamm, verschwindend klein im Vergleich zu dem in seiner alten Heimat. Aber er sieht einen großen Vorteil darin: „Die Stadt ist wie ein großes Dorf, nach drei Monaten kennst du jeden anderen Kreativen der Stadt. Die Wege sind kurz, es gibt weniger Stress, und das Interesse Europas an der Kunst aus Bosnien wächst jedes Jahr.“

Sarajevo: Harmonika-Klänge und Caffé Latte: ...

Harmonika-Klänge und Caffé Latte: ...

© Anne Gabriel-Jürgens
Straßenszene in Sarajevo

... Straßenszene in Sarajevo

© Anne Gabriel-Jürgens

  An diesem Abend eröffnet Courtin eine Ausstellung in der Duplex-Galerie. Er springt zwischen dem selbst gezimmerten Empfangstresen und den Besuchern hin und her, ein schmaler Mann mit zurückgekämmtem Haar, stets mit Zigarette in der Hand. Natürlich ist auch Hadžifejzović da. Wie ein Übervater thront er auf der Couch, unnahbar wirkt er nicht. In Sarajevo begegnen sich alle auf Augenhöhe. „Ob Bauarbeiter oder Professor, alle trinken ihren Kaffee zusammen. Gehst du allein in eine Bar, hast du 15 Minuten später drei neue Freunde“, sagt Courtin.

Wie Hadžifejzović schwärmt er vom Film Festival Sarajevo, das im August stattfindet. „80 000 Besucher! Die Bars und Hotels sind brechend voll, und ich komme sieben Tage lang kaum zum Schlafen“, sagt Courtin voller Vorfreude. Dann knüpfen alle in Sarajevo neue Kontakte, die Künstler verkaufen die meisten ihrer Arbeiten. Doch auch sonst ist Courtin optimistisch: „Es kommen immer mehr Europäer, neugierig auf die Stadt. Für sie ist im Grunde alles da, die Puzzleteile liegen komplett auf dem Tisch.“ Sarajevo hat den Krieg abgeschüttelt, und es gibt viele Enthusiasten, bereit, das Puzzle neu zusammenzusetzen.


Essen, Trinken, Kunst: ein Tag in Sarajevo

Illustration Cocktailglas

Gute Stube

Museum oder Omas Wohnzimmer? Die Bar Zlatna Ribica ist vollgestopft mit Plüschsofas und Skurrilitäten.

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Icon Essen

Gourmet-Tempel

Ziegelwände, Dielen und schwere Gardinen: Im The Four Rooms of Mrs. Safija speist man gut und gemütlich.

restoransarajevo.com

Dunkelkammer

Ein Stollen war der einzige Weg aus dem von Serben belagerten Stadtteil –
das Tunnelmuseum zeigt seine Geschichte.

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Galerie

Die moderne Sammlung im Ars Aevi, gegründet während des Kriegs, ist ein Symbol der Versöhnung.

arsaevi.org

Klassenzimmer

Von den Besten lernen: Für Besucher organisiert die Akademie der Künste regelmäßig Festivals und Ausstellungen.

alu.unsa.ba

Kinosaal

Das Filmfestival (10.–17. August 2018) zeichnet den besten Film aus Südost­europa mit dem „Herz von Sarajevo“ aus.

sff.ba


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