Matera: Höhlen von Murgia Timone
© Elias Hassos

Früher landesweit verspottet, ist Matera in Süditalien heute ein Touristenmagnet. Vorläufiger Höhepunkt: die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019.

Bis er 27 wurde, wohnte Damiano Fontana in der Altstadt, in einer der Höhlenwohnungen, den Sassi. Bloß ein Loch, vor langer Zeit in den blanken Stein geschlagen. Ohne fließendes Wasser, ohne Strom und ohne Fenster. „Das Leben war traurig, wir teilten uns zu zehnt zwei kleine Zimmer“, erzählt er, „in dem einen schliefen die Frauen, in dem anderen die Männer, dazwischen Hühner, Ziegen, Schafe und Esel, und alles voller Insekten.“ Fontana, 88 Jahre alt, berichtet nicht aus dem Mittelalter, sondern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

An der Piazza del Sedile, wo die virtuos verschnörkelte Fassade des Musikkonservatoriums thront, zeigt sich Matera heute wie so viele Städtchen des Mezzogiorno, Italiens Süden: Touristen sitzen an Cafétischen, vor sich kleine Espressotassen, die Herbstsonne wärmt die Pflastersteine. Dies ist der modernere Teil der 60 000-Einwohner-­Stadt, der auf einem Hochplateau liegt. Passiert man jedoch die Häuserreihe, die den Platz umschließt, und dringt in die dahinter­liegenden Gassen vor, überwältigt einen die Altstadt mit frühzeitlichen Panoramen. Wie das Bühnenbild eines riesigen Amphitheaters öffnet sich ein Labyrinth aus engen Straßen und alten Steinhäusern – ein Tor in die Vergangenheit, von der Fontana erzählt.

Schon vor Tausenden von Jahren hielten sich Menschen in den natürlichen Felsgrotten dieser Region auf, später schlugen sie Höhlen in den porösen Kalkstein, um darin zu leben. Seither ist Matera kontinuierlich bewohnt, das macht sie zu einer der ältesten Städte der Welt. Im Mittelalter blühte Matera auf: Katholische Pilger aus Nordeuropa machten hier Station auf dem Weg nach Jerusalem, ebenso Händler mit Tuchen und Gewürzen aus Asien im Gepäck. Über die Jahrhunderte gerieten die Stadt und ihre Bewohner aber wieder in Vergessenheit.

Matera: Essen

Retaurants und Märkte bieten regionale Spezialitäten

© Elias Hassos
Matera: Markt
© Elias Hassos

 Signore Fontana ist 1,55 Meter klein. Er trägt eine schwarze Jacke über einem hellblauen Hemd und einer dunkelblauen Hose, sein Gesicht ist von Falten durchzogen. Er nimmt die rutschigen Steinstufen festen Schritts, er kennt sie seit seiner Kindheit. Und doch führen sie heute durch eine neue, eine andere Welt: Das Haus, in dem er bis 1956 gelebt hat, gehört nun Fremden, in der Grotte gegenüber hat, einst völlig undenkbar, eine Kunstgalerie eröffnet.

Von außen sieht die Galerie aus wie ein normales Haus, das dicht an den Felsen gebaut wurde: gemauerte Wände, grau-weiß verputzt. Tritt man ein, offenbart sich, warum Matera „die versteckte Stadt“ genannt wird: Vom vorderen Raum zieht sich eine Höhle 15 Meter tief in den hellgrauen Stein. Fontana nickt dem Besitzer zu, dann geht es auf Zeitreise. „Jetzt gibt es hier eine Belüftung, aber früher stand die Luft vor Feuchtigkeit“, sagt er, während es tiefer in die Höhle geht, „die Wände waren pechschwarz.“ Um ihn vor Ungeziefer zu schützen, wischte Mama Fontana die Haut ihres Jungen damals mit petroleumgetränkten Lappen ab. Auch außerhalb der Höhlen waren die hygienischen Zustände verheerend: Es gab keine Kanalisation, ihr Abwasser kippten die Bewohner über die Treppenstufen hinab auf die Straße.

Matera: Altstadt

Neues Leben: In der Altstadt von Matera glimmt elektrisches Licht

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Matera: Kalksteinfelsen

Gotteshaus im Nebel: Über der Stadt thront ein mächtiger Kalksteinfelsen, in den die Bewohner Materas im 12. Jahrhundert die Kirche Santa Maria de Idris gruben

© Elias Hassos

 Anfang der 1950er-Jahre hausten in den Sassi rund 15 000 Menschen, etwa die Hälfte der Stadtbewohner, als der Arzt, Maler und Schriftsteller Carlo Levi in seinem Bestseller „Christus kam nur bis Eboli“ die katastrophalen Lebensbedingungen der Einwohner beschrieb. So erlangte die Stadt traurige Berühmtheit als „vergogna d’Italia“, als „Schande Italiens“. Die Regierung, aufgeschreckt durch Levis Bericht, ordnete die Zwangsräumung der Altstadt und Umsiedlung der Bewohner an. Auch Damiano Fontana und seine Frau erhielten eine Neubauwohnung zugeteilt, dort leben sie noch heute. Nach der Zwangsräumung waren die Sassi das größte verlassene Stadtzentrum Europas. Erst in den späten 1980ern wurde das Gebiet nach und nach wiederbelebt: Einheimische begannen, einige der Höhlen zu renovieren. Sie verlegten Strom- und Wasserleitungen, bauten Küchen und Badezimmer ein. 1993 kam erste Anerkennung für die Mühen: Die Unesco nahm die Sassi von Matera in die Weltkulturerbe-Liste auf, es kamen sogar ein paar Touristen.

Einen echten Schub erfuhr die Stadt aber erst ein weiteres Jahrzehnt später. Hollywood, hier in Gestalt von Mel Gibson, eroberte Matera. In den Gassen wurde „Die Passion Christi“ gedreht, 2004 kam das Historienwerk in die Kinos. Über den exzentrischen Produzenten und seinen kontroversen Film wurde viel gestritten, und immer diente es der Matera-Werbung. So wurde die einst geschmähte Stadt wieder bekannt, diesmal sogar weit über Rom hinaus.

Heute sind die Sassi ein Open-Air-Museum mitten in der Stadt. Die Straßen sind gefegt und mit Pflanzen dekoriert, bunte Schilder weisen den Weg zur nächsten Unterkunft oder Trattoria. 1500 Menschen leben in renovierten Höhlenwohnungen, es gibt Ferienwohnungen und zahlreiche kleine Hotels. Trotz der wachsenden Zahl an Besuchern liegt meist eine tiefe Stille über den Gassen. Schwalben zischen durch die Luft, Katzen streichen um Häuserecken. Nur am frühen Abend wird es kurz laut: Dann hallen die Glocken der zahlreichen Kirchen von den Wänden des Steinlabyrinths wider.

Matera: Damiano Fontana

Damiano Fontana ist in Sassi aufgewachsen

© Elias Hassos
Matera: Gastronomen

Fröhliches Gastronomen-Duo: Arturo Fabiano und Monica Lascaro

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 Roberto Cristallo, 52, gehört zu jenen, die zum Aufschwung beigetragen haben. Er half damals seinen Eltern dabei, ihr Hostel zu eröffnen. „Es war die erste Möglichkeit für Besucher, in den Sassi zu übernachten“, erinnert er sich. Zwar ist das Haus nicht mehr in Familienbesitz, geblieben ist Cristallo aber die Freude am Gastgeberdasein. Mittlerweile betreibt er seine eigene Herberge, das L’Hotel in Pietra, eingerichtet in einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die neun Zimmer entsprechen der ursprünglichen, in den Stein geschlagenen Raumaufteilung. Cristallo sitzt an einem Holztisch in einem großen Raum mit gewölbter Decke, deren Bögen von zwei Säulen getragen werden. Einst war es das Hauptschiff der Kirche, nun liegt hier der Mittelpunkt seines Hotels mit Rezeption, Frühstücksraum und ein paar kunterbunten Sofas.

Matera: Weinkeller

Wein-Keller Enoteca dai Tosi

© Elias Hassos
Matera: Speisen

Gruß aus der Küche des L'Aturo

© Elias Hassos

 Auch Arturo Fabiano hat an der Zukunft Materas mitgewirkt. Er und seine Frau Monica Lascaro leben in den Sassi, er betreibt ein kleines Lokal an der Piazza del Sedile. „Vor 14 Jahren waren wir nur ein kleiner Kaufmannsladen, wir versorgten die Nachbarschaft mit Wurstwaren und Milch“, sagt der 47-Jährige, „jetzt haben wir unsere Verkaufsfläche auf zwei Regale reduziert und servieren regionale Spezialitäten.“ Das Angebot wird von Touristen und Einheimischen gut angenommen, die Tische vor dem L’Arturo füllen sich rasch, es ist noch nicht mal Mittag. Eine Kellnerin trägt zwei Weingläser und eine Platte an den Tisch, auf der sich Schinken und Salami, Mozzarella, Pecorino und Tomaten türmen. Dazu stellt sie einen Korb pane di matera, Hartweizenbrot mit braunschwarzer Kruste und gelber Krume. Ein englisches Paar sieht die lockende Pracht im Vorbeigehen, stoppt und sichert sich die letzten freien Plätze.

„Die Stadt verändert sich rasant“, sagt Fabiano. Seit 14 Jahren beobachtet er den Wandel durch sein Ladenfenster. Die Piazza ist wie gemacht dafür, sie bildet die Schnittstelle, hier treffen archaische Altstadt und moderner Stadtkern aufeinander. Sein Fazit: „Das Verlassen der Sassi hatte auch etwas Gutes, denn es hat dafür gesorgt, dass die Höhlenwohnungen bis heute so gut erhalten geblieben sind.“ Jetzt dienen sie, die alten Gemäuer, als Fundament für die Zukunft Materas.


 

Im Zeichen der Kultur

Matera: Trompete
© Cristóbal Schmal

 

 

19. & 20. Januar

Zum Auftakt des Kulturhauptstadt-Jahres ziehen Bands aus ganz Europa durch Matera und die Nachbargemeinden.

matera-basilicata2019.it

Matera: Blume
© Crtistóbal Schmal

März-Oktober

„Gardentopia“ heißt die grüne Mission, die durch verschiedene Community-Gärten der Stadt führt.

agoragri.it

Matera: Tanzen
© Cristóbal Schmal

Juni-September

Konzerte und Performances des Festivals Suoni del Futuro Remoto erkunden Materas akustische Geschichte.

onyxjazzclub.it

Matera: Feuerwerk
© Cristóbal Schmal

2. Juli

Mit Feuerwerk und Prozessionen word der Schutzpatronin Madonna della Bruna gehuldigt.

festadellabruna.it

Zum Ziel

Lufthansa fliegt im Januar bis zu dreimal wöchentlich von Frankfurt (FRA) nach Bari (BRI). Ihre Meilengutschrift können Sie per App errechnen: miles-and-more.com/app