Rugby-Derby: Lansdowne (gestreifte Trikots) gegen Dublin (oben links)
© Fred Macgregor

Gälische Gaudi

  • TEXT FRANK HEIKE
  • FOTOS FRED MACGREGOR

Ein sportliches Wochenende in Dublin lässt Fans und Touristen jubeln – zu erleben sind rasante Spiele, unbekannt auf dem Festland, in Irland aber Spektakel für alle.

Ganz Dublin geht zum Hurling. So sieht es von hier oben, auf der Tribüne des Croke Park aus. Das drittgrößte Stadion Europas liegt in einem Wohngebiet. An drei Seiten stehen Wand an Wand zweigeschossige rote, gelbe Häuser mit handtuchschmalen Gärten. Die vierte Seite grenzt an den Kanal. Aus allen Richtungen strömen Menschen in Weiß und Blau oder Dunkelrot und Weiß zur Arena im Stadtteil Drumcondra. Die 82 000 Zuschauer kommen zu Fuß zu diesem riesigen Familienfest.

Zu Fuß? „Die Leute können nicht mit dem Auto ans Sta­dion fahren“, sagt J.J. Daly, „wir haben keine Parkplätze.“ Besonders seine amerikanischen Gäste staunen, dass großer Sport ohne noch viel größere Parkhäuser überhaupt denkbar ist. J.J. Daly arbeitet für die Gaelic Athletic Association (GAA). Er hat sich daran gewöhnt, dass auswärtigen Besuchern der Mund offen steht, wenn sie sehen, wie rau, ehrlich und nahbar die großen gälischen Spiele mehr als 130 Jahre lang geblieben sind: Hurling, eine harte, schnelle Mischung aus Base­ball und Rugby, und Gaelic Football, ein Mix aus Rugby und Fußball. Kein Stargehabe. Keine Prämien, zumindest offiziell, keine Schwalben. „Alle Spieler sind Amateure, sie arbeiten oder sind Studenten“, sagt Daly. Ein Wechsel ins Team einer anderen Grafschaft? Was für ein absurder Gedanke!

Conor Cooney (Galway; rechts) und Darragh Fives (Waterford) im Hurling-Finale

Conor Cooney (Galway; rechts) und Darragh Fives (Waterford) im Hurling-Finale

© Fred Macgregor
Die Fans aus Galway feiern ihr siegreiches Team bei der Ehrenrunde

Die Fans aus Galway feiern ihr siegreiches Team bei der Ehrenrunde

© Fred Macgregor

  Hurling ist ein wichtiges kulturelles Erbe, ist viel mehr als bloß Sport. 15 Spieler pro Team, 70 Minuten Spielzeit, das Feld ist rund anderthalbmal so groß wie ein Fußballplatz. Punkte bekommt, wer den Ball (sliotar; sprich: Schlitter) mit dem Stock (hurley) ins oder übers Tor schlägt. Vier Schritte mit dem sliotar in der Hand sind erlaubt, dann muss gepasst oder geschossen werden – wer mutig ist, rennt mit dem Ball vorn auf der abgerundeten Schlägerkante los, die wahnsinnigen Genies jonglieren ihn. Alle paar Sekunden krachen 100-Kilo-Männer ineinander. Schon in den Qualifikationsspielen der Grafschaften ist das ein traditionsreiches Spektakel voller zirkusreifer Kunststücke. Das GAA Hurling All-Ireland Senior Championship Final übertrifft alles. Zwölf Minuten vor Schluss wird Galways Conor Cooney, ein 24 Jahre alter Grundschullehrer, im Mittelfeld von zwei Spielern Waterfords bedrängt. Er wankt, holt aus und schlägt den Ball im Fallen aus 70 Metern zwischen die Stangen. Die Fans toben. Was für ein kraftvolles Kunststück! Es ist einer der entscheidenden Punkte auf dem Weg zum 26:23-Sieg.

Zwei Stunden nach dem Spiel ist Drumcondra ein helles Zentrum guter Laune. Sie entlädt sich in und vor den Pubs rund um Croke Park – im Quinn’s, im Big Tree und im James Gill’s Corner House. Die Fassade des Eckhauses ist mit Hurling- und Gaelic-Football-Motiven bemalt. Drinnen warten geduldig die Bierholer. Draußen stehen 150 fröhliche Fans in der Spät­sommersonne und trinken Guinness aus Plastikbechern, 5,40 Euro das Pint. Zerbrechliches ist im Freien verboten, wobei niemand wirkt, als wolle er sein Glas vor Freude oder aus Frust zerschmettern. Sehr langsam schieben sich ein paar SUV und viele Kleinwagen über die North Circular Road. Wer an der roten Ampel vor James Gill’s Corner House steht, lässt die Scheibe runter und winkt und ruft etwas her­über. ­Irischer Folk aus dem Autoradio weht vorbei. Dann biegt der Reisebus mit dem siegreichen Team aus Galway um die Ecke. Oh­ne verdunkelte Scheiben. Keine Polizeieskorte. Vorn beim Fahrer steht der funkelnde Liam-MacCarthy-Cup. Die Galway-Fans vor dem Pub reißen ihre Smartphones in die Höhe.

Hurling-Referee im Kittel

Hurling-Referee im Kittel

© Fred Macgregor
Camogie-Nachwuchs

Camogie-Nachwuchs

© Fred Macgregor
Kapitän Ian Prendiville

Kapitän Ian Prendiville

© Fred Macgregor

Das kulturelle Erbe der Iren drückt sich in diesen auf dem Festland unbekannten Sportarten aus, die hier fast jeder spielt

  Eine Reise nach Dublin ist eine wirksame Medizin für alle, die Heilung von den Auswüchsen des modernen Profisports suchen. An jedem Wochenende feiern sich Hurling und Gaelic Football mit großen Matches. Dabei fallen die Sportler durch Leidenschaft und Können auf, nicht weil sie fehlendes Charisma mit Tätowierungen, Autos und Frisuren ausgleichen wollen. Wer sich Zeit nimmt, um den lokalen Sport aufzuspüren, taucht in fremde Welten ein. Das kulturelle Erbe der Iren drückt sich in diesen auf dem Festland weitgehend unbekannten Sportarten aus, die hier fast jedes Kind spielt. Allein rund 100 GAA-Clubs gibt es in Dublin.

„Hurling war schon immer da“, sagt der 21 Jahre alte ­Student Aron Shanagher, der im Stadtteil Stillorgan bei einer Kleinfeldvariante mit sieben Aktiven anzutreffen ist. „Ich spiele es mit meinen Freunden aus der Grafschaft, seit ich fünf Jahre alt bin.“ Es ist ein sonniger Morgen, im Vereins­heim gibt es ­Kaffee und Waffeln und Babytrikots in den Farben der besten Hurling-­Teams. Alte Iren in Windjacken studieren das Programmheft. Für 10 Euro Eintritt bekommen sie einen ganzen Vormittag guten Sport geboten.

Irland hat auch Sportarten importiert, Rugby und Fußball zum Beispiel kamen aus England. An Popularität sind sie der gälischen Konkurrenz klar unterlegen. Es ist kein Problem für Sporttouristen, an Tickets für die Freitagspartien der League of Ireland zu kommen. Es gibt Kleinode wie Bohemians Dublin, einer der ältesten Fußballvereine der Welt im Besitz der Mitglieder, zu Hause im Dalymount Park. Doch das klingt besser, als es ist. Wer am Tag danach die Irish Times oder den Irish Independent aufschlägt, findet nur sehr knappe Fußball-Spielberichte – während acht Seiten für das Hurling-Finale reserviert sind. „Die Iren mögen Fußball, aber im Herzen tragen sie die Gaelic Games“, sagte Cormac O’Donnchú, der uns Helme mit Drahtgitter aufsetzt, den Hurley und einen Eimer voller Sliotar in die Hand drückt. Cormac arrangiert mit seiner Frau Georgina auf dem Gelände der GAA im Norden Dublins Erlebnistouren in die Welt des gälischen Sports. Selbst wenn man seine berufsbedingte Begeisterung abzieht, reißt er einen mit. Gerade hat eine Gruppe junger Österreicherinnen versucht, den Sliotar zu treffen. Es ist viel schwerer, als man von der Tribüne aus denkt. Die besten Spieler schlagen ihn mehr als 70 Meter weit. Wir probieren Passen und Schießen mit dem Football. Dann „Handball“ mit Liam: Nur der Name klingt vertraut, der so benannte Sport ist hier aber wie Squash ohne Schläger, der Ball wird mit der Hand­innenfläche gespielt; europäischen Handball kennt in Irland kein Mensch.

Brücken über die Liffey: Ha’Penny Bridge, Millenium Bridge, Grattan Bridge

Brücken über die Liffey: Ha’Penny Bridge, Millenium Bridge, Grattan Bridge

© David Soanes/Getty Images

  Von den traditionellen gälischen Sportarten zum Rugby sind es an diesem Abend 20 Autominuten. In der höchsten Amateurliga spielt Lansdowne gegen Dublin, ein Derby auf dem Gelände des University College im Süden der Stadt. Freier Eintritt, 100 Zuschauer, Kunstrasen, Flutlicht. „Wie stehts?“, fragen wir, zu spät gekommen, nach zehn Minuten, „10:3?“ – „Nein, 10:6“, ruft eine Frau in Daunenjacke. „Good tackle, lad“, ruft sie aufs Spielfeld und meint Lansdownes Kapitän Ian Prendiville. Er ist 27 Jahre alt und der Star des Teams. Er hat Rugby am Clongowes Wood College gelernt, einem just dafür berühmten Ort in der Provinz Leinster. Für ganz oben hat es nicht gereicht, er arbeitet jetzt als Buchhalter. Prendiville ist klein und massig. Es dampft aus seinem bunt gestreiften Trikot. Er entschuldigt sich, dass er zwischen den Sätzen nach Luft ringt. Er sagt: „Rugby ist ein Kontaktsport und ein Teamsport. Du machst alles, was du tust, für deine Kameraden. Hier findet jeder seinen Platz – das schätze ich so am Rugby.“ Wie alle Sportler, die uns begegnen, kommt Prendiville von den Gaelic Games. Er hat Football gespielt, und er liebt Hurling, diese irischste aller Sportarten: „Ich bin vom Körper her nicht gemacht für Hurling. Aber ich mag es, weil es aus der Kultur des Kampfes rivalisierender Stämme kommt – keiner will den Ball hergeben.“ Hurling wurde schon als „Vorspiel“ der Schlacht von Moytura erwähnt, die sich nach der altirischen Mythologie vor rund 3500 Jahren ereignet haben soll. Damals besiegten angeblich die Túatha Dé Danann die Firbolg erst im Spiel, dann
im Kampf. Dass englische Besatzer immer wieder versuchten, das Spiel zu verbieten, hat der Beliebtheit gewiss auch nicht geschadet.

Hurling ist Volkssport. Auf einer Wiese am Motorway Richtung Belfast spielt die Zukunft. Der Sliotar ploppt auf den Hurley, wenn Ellie, Lizzie, Eva und Natasha den Ball denn tref­fen. St. Jude’s gegen Na Fianna, wieder ein Derby, Mädchen, U 12. Sie spielen Camogie, die Frauen-Variante des Hurlings. Es gibt wenige Tore, dafür Tränen wegen blauer Daumen und abgebrochener Fingernägel. Die zwölfjährige Ellie Jenkins streckt die Finger ihrer rechten Hand und ballt sie zur Faust: „Es ist nichts gebrochen“, also weiter in den Kampf. Ellie spielt Camogie, seit sie drei Jahre alt ist. Meist am Samstag, am Sonntag dann Gaelic Football. Auch Hockey und Fußball hat sie ausprobiert – offenbar treibt kein irisches Kind nur einen Sport. Ellie ist voller Vorfreude auf das Camogie-Finale kommende Woche in Croke Park: „Da will ich auch mal spielen.“

Freudentränen beim Team Galway nach dem Sieg im Hurling-Finale

Freudentränen beim Team Galway nach dem Sieg im Hurling-Finale

© Fred Macgregor
Party nach dem Match: Fans vor James Gill’s ­Corner House

Party nach dem Match: Fans vor James Gill’s ­Corner House

© Fred Macgregor

  Ein anderes Spielfeld gleich nebenan haben sich ein paar Senioren gesichert, zwei Veteranen-Teams rennen, rackern, schnaufen und schimpfen beim Gaelic Football. Die Wucht und Präzision, mit der die Oldies den schweren Ball zwischen die Torstangen treten, lässt jahrelanges Training erahnen. Die Mitspieler reißen jubelnd die Arme hoch. Darauf ein Guinness, oder auch zwei, später.


Dublin-Tipps vor und nach dem Match

Bei Hunger

Auch spät gibt’s bei der Dublin Pizza Company (Aungier Street) noch Krosses to go.

dublinpizzacompany.ie

Bei Durst

Sheehan’s (Chatham Street) ist ein klassischer Pub – mit Kontaktgarantie.

sheehanspub.com

Bei Sockensucht

Avoca Handweavers offeriert tolle Mitbringsel – bunte Socken in der Suffolk Street.

avoca.com

Bei Müdigkeit

O’Callaghan Mont Clare: ehrwürdiges Haus, guter Service, exzellente Lage.

montclarehotel.ie


Zum Ziel

Lufthansa fliegt im September viermal täglich von Frankfurt (FRA) und zweimal täglich von München (MUC) nach Dublin (DUB).
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