Gefangen im falschen Film

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA
 

Downtown Los Angeles: Ich kam von einem Vortrag über Meditation und hatte Glück. Ich sah ein freies Taxi. Es stand in der zweiten Reihe vor einer Kreuzung, an der sich der Feierabendverkehr in allen Richtungen staute. Ist im Stau zu stehen besser als zu gehen? Ja, wenn man den Weg nicht kennt und in die falsche Richtung rennt. Außerdem würde die Ampel sicher bald grün. Darüber hinaus schien jeder entspannt zu sein. Auch die Bürgersteige waren voll, aber ich war der Einzige, der sich beeilte. Alle anderen standen herum, plauderten, putzten die Sonnenbrillen – Polizisten und Passanten, alle machten halblang. Nach einem Parcours durch den stehenden Verkehr war ich bei dem Taxi. Ich öffnete die Tür, schwang mich auf den Sitz, nannte die Adresse. Der Fahrer, ein schlanker, sympathischer Kerl um die 40, schaute mich erschrocken an. „This is not a real taxi, Sir“, sagte er, „this is a movie set.“

Ich liebe Amerika. Ich liebe L.A. Und offensichtlich hatte die Security versagt, die Trenner der Welten. Also raus – doch kaum war ich auf dem Bürgersteig, hörte ich jemand durch ein Megafon „Action!“ schreien, und auf der Straße brach die Hölle los.

Klassische Verfolgungsjagd. Hupkonzert, Blechschäden. Ein grüner Chevy mähte sich durch den nun wieder fließenden Verkehr auf die Kreuzung zu, um im Schleudergang nach rechts abzubiegen. Dabei war auch mein Taxi kurz im Weg. Das nennt man Glück. Man stelle sich vor, der Statisten-Taxifahrer in seinem Statisten-Taxi hätte mich für einen Statisten-Fahrgast gehalten und neben sich sitzen lassen. Und auch sonst nichts gesagt. Dann könnte man mich im Kino sehen. Und mich dafür bewundern, wie authentisch ich dabei Adrenalin verschütte.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com