Liebe Heimat – Meran
© Dirk Bruniecki

Sie verließen Meran, weil ihnen das Südtiroler Idyll unter Palmen nicht spannend genug erschien – jetzt kehren viele Kreative zurück.

Ein rechteckiger Siloturm mitten in einem Industriegebiet, dritte Etage. In der Küche klappt Harry Thaler plötzlich die Sperrholzplatte über der Messingspüle auf, da klafft ein riesiges Loch in der Wand.

„Schwindelfrei?“, fragt der Industriedesigner noch, als er schon schwungvoll über die Anrichte klettert, hinaus auf eine wacklige Feuerleiter, die zum Dach führt. In den Stockwerken darunter hat sich Thaler ein Büro mit Panoramafenstern, Betonwänden und gusseiserner Wendeltreppe eingerichtet, über sich hat er jetzt nur noch den kitschig blauen Himmel.

Die Szene könnte man sich gut in London, Berlin oder Amsterdam vorstellen, in Städten mit Industriebrachen und steigenden Gewerbemieten. Doch Thaler blickt nicht auf ein endloses Häusermeer, sondern die Südtiroler Alpen. Auf Bäume, Wiesen und die bloß ein paar Kilometer entfernte Stadt seiner Kindheit: Meran. Gut 1000 Jahre alt, früher Hochburg der Tiroler, später Wallfahrtsstätte der Kurtouristen – und nun auch Sehnsuchtserfüllungsort für Exil-Meraner, die heimkehren.

Meran: Kirche

Blick auf Meran und die Kirche St. Nicolaus ...

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Meran: Designer

Designer Harry Thaler

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GOODBYE, LONDON!
Harry Thaler ist im Sommer 2017 zurückgekommen, nach zehn Jahren in der britischen Hauptstadt. Einst wollte er den geranienverzierten Balkonen seiner Heimat entkommen,
also schrieb er sich am renommierten Royal College of Art für Produktdesign ein. Noch während des Studiums entwarf er den Pressed Chair, „meine Rentenversicherung“, wie er scherzt, einen Stuhl aus dünnem Aluminium, der sich mittlerweile in elf Farben weltweit verkauft. Nach dem Diplom bezog er ein Atelier im Londoner Stadtteil Hackney, weil er fürchtete, ohne prestigeträchtige Adresse keine lukrativen Aufträge zu bekommen.

Inzwischen findet er seine Kunden in Kopenhagen, London oder München – obwohl seine Anschrift heute „Zone
Industriale“ lautet, in der Marktgemeinde Lana, am Rande Merans. Wieso er zurückgekehrt ist? Der 43-Jährige streicht über seinen Viertagebart. „Lebensqualität“, antwortet er knapp, und dass man weit weg von der Hektik der Großstädte trotzdem die Annehmlichkeiten einer Metropole haben könne – wenn auch überschaubarer:  „gute Restaurants, funktionierende Infrastruktur, interessante Geschäfte“. Innsbruck ist nur 155, Mailand 300 Kilometer entfernt. Und der nächste Handwerker stets ganz nah. Thaler hält Daumen und kleinen Finger an die Wange, als würde er telefonieren. „Wenn ich einen Tischler oder Schmied brauche, weiß ich sofort, wen ich anrufen kann.“ Rund um Meran haben sich viele kleine Manufakturen gehalten, oft Familienbetriebe, bei denen er sich auf fristgerechte und hochwertige Arbeit verlassen kann. In London, winkt Thaler lachend ab, sei es ihm nicht mal gelungen, einen ordentlichen Klempner zu finden.

Meran: Gastgarten

Gastgarten in der Schlosswirtschaft Forst

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Meran: Designer

... auch Designer Dimitri Panagiotopoulos kam hierher zurück

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ADE, METZINGEN!
Ganz ähnliche Erfahrungen hat Dimitri Panagiotopoulos gemacht. Der 42-jährige Modedesigner hat lange im Ausland gelebt, in England bei Vivienne Westwood gearbeitet, in Hamburg bei Jil Sander und in Metzingen bei Hugo Boss, wo er die insularen Verrücktheiten seiner früheren Arbeitgeberin vermisste. Also wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit, „zu Hause“ in Meran, wo er sein eigenes Label gründete: Dimitri. Unweit des Flusses Passer, am Sandplatz, wo er schon als Kind entlaglief, an der einen Hand den griechischen Vater, and der anderen die italienische Mutter. Schon damals dachte er: Hier will ich mal wohnen. Genau dort, Hausnummer 2, hat er seinen Showroom, in einem pastellfarbenen Altbau mit Schnörkelerker. Die wichtigsten Produzenten für sein Metier findet er in der Region. Stoffe bezieht er aus Como, Schuhe aus Florenz, sein Schneideratelier liegt neben dem Raum mit den figurbetonten Abendkleidern, etwa aus fließender rosa Organza-Seide.

Zu Beginn dachten alle, er sei irgend so ein russischer Exilant, der fern der Heimat seine Träume von festlichen Roben für die Damen auslebt. Davon waren selbst die angereisten Millionäre aus Moskau überzeugt, die im mondänen Hotel Palace ziemlich viel Geld dafür ausgeben, wenig zu essen und mit viel Detoxprogrammen in Form zu kommen. Die sich kaum Kalorien, aber dafür ein paar Kleider gönnen. So ist er zur Lokalgröße geworden. Seine Mode zeigt er auch bei Schauen in Berlin und Wien, treue Kunden beliefert er via Internet. In Meran verdient Panagiotopoulos das Geld für ein ersehntes Reisejahr: „Kapstadt, Dubai, Mykonos“, das sind die ersten Ziele.

Wie Thaler ist er einst aus Südtirol weggezogen, weil das Nachtleben der Metropolen lockte, die Anonymität, die Inspiration. Wie Thaler ist er zurückgekehrt, weil sich die Versprechungen eines Tages aufgebraucht hatten. Manche Menschen benötigen permanenten Trubel, um kreativ zu sein, Panagiotopoulos und Thaler bevorzugen übersichtliche Strukturen. In Meran ist es nicht zu laut, nicht zu nervenaufreibend, die Stadt lässt Freiraum zum Denken und Schöpfen. In Zeiten der Globalisierung, da Meetings über Skype anberaumt und Ideen über Instagram ausgetauscht werden, ist Kreativität ja ohnehin nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden.

Liebe Heimat – Meran
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CIAO, FLORENZ
Meran ist auch deshalb so attraktiv, weil sich hier zwei kulturelle Temperamente überlappen. Deutsch-österreichische Effizienz und Pünktlichkeit treffen auf italienische Sinnesfreude mit Gespür für Design und Stil. Auch die Straßen sind zweisprachig: Feldweg und Via dei Campi, Sandplatz und Piazza della Rena. Ein belebender Kulturmix, der auch Tyler Brûlé gefällt, Medienunternehmer mit Hauptwohnsitz in London. Magazin-Gründungen wie Wallpaper und Monocle ließen den Kanadier zu einer Geschmacksinstanz für Vielreisende aufsteigen. Dabei betont Brûlé stets seine Vorliebe für übersichtliche Städte, besonders gern in Alpennähe. In Zürich bezog der 50-jährige vor ein paar Monaten ein Büro, in Bad Gastein macht er Urlaub. In Meran hat er ein Monocle-Shop eröffnet, der einzige von sechs, der in einer Kleinstadt liegt.

Brûlé hat sich in Meran sogar eine Wohnung gekauft, Harry Thaler hat sie eingerichtet. Die Stadt wundert sich. Was will er bloß hier? Wohl dasselbe wie Thaler. Der findet es toll, dass man so rasch auf einen Berg kommt. Dass man fünf Minuten zum hervorragenden Restaurant braucht. Dass man nicht im Stau steckt, sich nicht in die U-Bahn quetschen muss, dass man frei atmen kann. Etwa auf der Terrasse des Restaurants Meteo am Ufer der Passer: unten rauschendes Wasser, oben saftiges Hirschgulasch. Oder bei Luis Haller im Schlosswirt Forst. Draußen rustikales Ambiente, innen moderne Kulinarik, Kohlrabi-Tortelli und Trüffel-Risotto. Auch Haller ist, klar, ein Heimkehrer: Nach Mailand, Toskana und dem Sternelokal Vendôme in Bergisch Gladbach kocht er seit ein paar Jahren wieder in Meran.

Meran: Kleiderkunst

Kleiderkunst im Atelier Dimitri

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Meran: Frau

Große Welt in kleiner Stadt: Linda Egger führt den "Monocle-Shop" in Meran

© Dirk Bruniecki

  Linda Egger verließ Meran schon Ende der 1980er-Jahre, um in Florenz Kunst zu studieren. Zehn Jahre später war sie wieder da und begann, in einer zeitgenössischen Galerie Kunst zu verkaufen. Heute managt sie – kurze graue Haare, weißes Shirt, hochgekrempelter Hosensaum – den Monocle-Shop, verkauft japanische Taschen, französische Socken und Südtiroler Glas. Der Weg dorthin führt vom Atelier Dimitri in der Unterstadt, dem mittelalterlichen Zentrum mit den Laubengängen, hinauf ins Viertel Obermais. Die Via Cavour immer bergan, wo es ein bisschen wie Beverly Hills en miniature aussieht: gewundene Straßen, diskrete Toreinfahrten, dahinter ockerfarbene Paläste. Ein schöner Spaziergang von 20 Minuten, auch vorbei am Denkmal für Kaiserin Elisabeth (Sisi), die im späten 19. Jahrhundert zur Sommerfrische nach Meran kam und die Stadt damit aus einem jahrhundertelangen Murmeltierschlaf weckte.

Wie einst die Kaiserin alle Adeligen nach Meran gezogen hat, pilgern nun viele Designliebhaber zu Linda Egger. „Ich frage mich oft, wie es wohl ist, am Meer zu leben“, kokettiert sie für einen Moment mit dem augenfälligsten „Manko“ der Stadt, „aber dann denke ich an das gute Leben in Meran“, ergänzt Egger. Jeden Abend fährt sie 20 Minuten zu „einem Berg“, sie verrät nicht, welcher das ist. Sie schätzt das milde und sonnige Klima, dem Meran auch die exotischen Gärten von Schloss Trautmannsdorf verdankt, „das finde ich gar nicht soooo schlecht.“ Sie zwinkert einem zu, drückt einen an sich. Momentaner Gefühlszustand? „Glücklich!“

Glücklich durch Meran

Meran: Icon "Gebettet"
© Cristóbal Schmal

GEBETTET

Im Landhaus Ottmanngut übernachten, am Tag im Garten unter Zitronenbäumen dösen.

ottmanngut.it

Meran: Icon "Getafelt"
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GETAFELT

Essen auf dem Bauernhof: Familie Obertegger kocht gern mit Produkten vom eigenen Hof.

unterweiherhof.com

Meran: Icon "Gehört"
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GEHÖRT

Am liebsten tritt Popsängerin Tracy Merano in den Clubs ihrer Heimatstadt auf.

tracymerano.com

Meran: Icon "Gelaufen"
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GELAUFEN

Kanäle heißen hier Waale – die elf „Waalwege“ in Meran lassen sich herrlich zu Fuß erschließen.

visitmeran.it

ZUM ZIEL

Im März fliegt Lufthansa bis zu sechsmal täglich von Frankfurt (FRA) und bis zu fünfmal täglich von München (MUC) nach Mailand (MXP). Austrian Airlines fliegt bis zu fünfmal täglich von Frankfurt (FRA) nach Innsbruck (INN). Ihre Meilengutschrift errechnen sie per App: Download unter miles-and-more.com/app