Mission
 Zero Waste

  • TEXT HANNE HANSEN
  • FOTOS GULLIVER THEIS

Ein Hotel mit Ambitionen: Das Alila Seminyak möchte im Kampf gegen den Müll auf der Insel Bali keinen Abfall mehr produzieren.

Am besten, man streicht erst einmal mit der Hand über die hölzernen Wände und Bauteile im Hotel Alila Seminyak: Die dunklen, einheimischen Eisenhölzer strahlen etwas Besonderes aus; sie haben schon andere Leben hinter sich – als Eisenbahnschwellen, Telefonmasten oder Hauspfeiler. Der nächste Weg sollte auf die weitläufige Strandter­rasse des Restaurants Seasalt führen. Vielleicht nimmt man ­einen „La Mer“, serviert in einer muschelförmigen Keramikschale. Man schlürft ihn wie eine Auster, schmeckt einen perfekten Wodka Martini, in den sich überraschend eine Ahnung süß-salzigen Meeres mischt. Es ist das Aroma zerstoßener Austernschalen, die zwei Tage in Martini Bianco gezogen haben. In der Restaurantküche werden die Reste der edlen Meeresfrüchte nämlich nicht entsorgt, sondern offenbaren im Kleinen das anspruchsvolle Konzept des luxuriösen Strand­hotels: Zero Waste. Null Verschwendung. Das Alila produziert keinen Abfall mehr. Lebensmittel, Baumaterial, Wasser, Plastik, Papier oder Stoff – alles wird verbraucht, aufbereitet oder wiederverwertet.

Vertikales Grün verduns­tet Wasser und kühlt die Hauswände.

Vertikales Grün verduns­tet Wasser und kühlt die Hauswände

Alles im grünen Bereich: Stefan Zich leitet das Hotel Alila

 Wir sorgen dafür, dass unsere Gäste wenig Energie verbrauchen


 

 Das Resort im szenigen Küstenort Seminyak will auf ­diese Weise seinen Teil dazu beitragen, dass Bali dem Müll-­Kollaps entgeht. Die touristische Entwicklung der Insel verlief in den vergangenen Jahren so rasant, dass auch die Abfallmenge stark zunahm: Immer mehr kunststoffverpackte westliche Produkte kamen ins Ferienparadies. Und Trinkwasser gibt es auf Bali heute nur in Plastikflaschen. Entsorgt wird teilweise auf wilden Halden, Regen schwemmt den Müll ins Meer. Dort, wo es gute Hotels gibt, sehen Balis Strände zwar aus wie im Bilderbuch, doch draußen im Meer treibt Plastik  – viel Plastik. Private Initiativen versuchen, dem Einhalt zu gebieten. Und im Hotel Alila Seminyak geht man mit gutem Beispiel voran. Hotelmanager Stefan Zich, Österreicher mit internationaler Erfahrung, ist ein energiegeladener, positiv denkender Mensch. „Wir sind alle Teil des Problems“, sagt er. „Also sind wir auch Teil der Lösung.“

Blütenduft aus plastikfreien Opfer­schalen erfreut die Götter

Das „Green Team“ tagt im Garten

Gartenabfall wird geschreddert und kompostiert

 Das ist keine Floskel. So verfügt das Hotel zum Beispiel über eine eigene Abwasserkläranlage und einen Regenwassertank, aus dem der Garten bewässert wird, und arbeitet mit kleinen, regionalen Herstellern zusammen. Die Außenwände des Hotels sind nicht nur aus optischen Gründen mit üppigen Schlingpflanzen begrünt: Sie verdunsten Wasser, bewirken Abkühlung und entlasten so die Klimaanlagen. Nicht zu vergessen die Tonnen von Müll aus 175 Zimmern und den Restaurants, die täglich sorgfältig getrennt werden: Die Plastikverpackungen übernehmen zwei indonesische Firmen, die daraus Paletten und Bänke herstellen. Papier geht an Recyclingfirmen. Und die ­organischen Abfälle des Restaurants werden im Alila zu Dünger für die Grünanlagen kompostiert.

Die Urlauber im Hotel ahnen nichts von alldem. Auch nicht, wenn sie in ihren Badezimmern auf den Ozean blicken und im Duft von Sandelholz, Orange, Ingwer und Rosmarin schwelgen. Seife, Duschgel und Shampoo sind feine balinesische Biokosmetik, leere Plastikflaschen werden erneut befüllt. Zahnbürste und Rasierkit stecken in stylischen, recycelbaren Papiertütchen und präsentieren sich wie hübsche Geschenke in handgefertigten Kästchen aus einheimischen Hölzern. Dass die Klimaanlage automatisch sacht herunterfährt, sobald die bodentiefen Balkonfenster geöffnet werden, bleibt unbemerkt. „Niemand soll sich eingeschränkt fühlen“, sagt Zich. „Wir sorgen dafür, dass unsere Gäste möglichst wenig Müll produzieren und möglichst wenig Energie verbrauchen – das ist die elegantere Lösung.“

Noch ist nicht alles so, wie sich das Management des Hotels das wünscht. So liegen synthetische Wegwerfslipper auf den Zimmern. In Zichs Büro lagern schon neue Prototypen, rund 20 Paar Gästepantoffeln aus Jute, Kokos- oder Zuckerrohrfaser, Reisstroh, Baumwolle und recyceltem Gummi. Der Österreicher hat sie mit einem Kleiderfabrikanten entwickelt. „Wir arbeiten noch daran, dass unsere Öko-Slipper so schön und bequem wie die aus Kunstfaser sind.“ Teurer werden sie in jedem Fall, aber Zich ist etwas anderes wichtiger. „Letztlich“, sagt er, „kostet es nur Mühe und Bewusstsein, sich für die Umwelt einzusetzen.“

Vor der Lobby berauscht das Meer die Gäste

 Nur beiläufig erwähnt Zich, dass das Hotel neben anderen sozialen Projekten ein balinesisches Kinderhilfswerk unterstützt und sich für begabte, benachteiligte Schüler einsetzt. Seit Sommer vergangenen Jahres besuchen die ersten beiden Alila-­Stipendiaten eine Tourismusschule, absolvieren Praktika im Resort und sollen, wenn sie den Abschluss haben, vom Hotel eingestellt werden. Zichs Büro befindet sich in den Katakomben des Hotels, wie die Verwaltung und die Technik. In jeder freien Nische haben seine Mitarbeiter kleine hinduistische Altäre installiert, so, wie es auf Bali üblich ist. Täglich frische Opfergaben – Kunstwerke aus Blüten und süßen Leckereien auf Bananenblättern – sollen die Götter gewogen halten. Morgens brennen Räucherstäbchen, oft mit Jasminduft. Zich ist allergisch dagegen, freut sich aber trotzdem: „Früher lagen in Plastik verpackte Kekse auf den Altären. Die gibt es jetzt nicht mehr!“

Auch sonst bringt die 450-köpfige Belegschaft kein Plastik mehr mit zur Arbeit und Getränke nur noch in Thermos- oder Glasflaschen. Selbst im Privatleben denkt das Personal grün. In einer WhatsApp-Gruppe finden kleine Wettbewerbe statt: Wer postet als Erster, dass er mit der Tupperdose einkaufen geht? Dahinter steckt das „Green Team“ – zehn Hotelangestellte, die sich freiwillig einmal die Woche von einem externen Umwelt-
berater schulen lassen. Das „Green Team“ motiviert die Kollegen, sich auch in ihren Dorfgemeinschaften für Abfallsammlung und grünes Denken einzusetzen. Viele Mitarbeiter unterrichten in ihrer Freizeit nun Umweltschutz an den umliegenden Grundschulen. Ihre Schüler sind die erste balinesische Generation, die Mülltrennung so selbstverständlich lernen soll wie das ABC.

Abends dann, auf der Restaurantterrasse, wird frisch gebackenes Brot und handgeschöpftes balinesisches Meersalz serviert. Und während die Sonne spektakulär untergeht, blubbert in der Küche ein Sirup aus Ananasgrün und Ananasrinde. Für den nächsten „Zero Waste“-Drink.

alilahotels.com/seminyak

Baywatch: Der Blick aus dem Fenster des Alila schweift über üppige Gärten zu einem der schönsten Strände Balis


ZUM ZIEL

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