Steter Strom: der Mekong bei Luang Prabang im Norden von Laos
© Bart Verweij

Slow Flow

  • TEXT THILO MISCHKE

Eine Flusskreuzfahrt auf dem Mekong durch Laos hat nichts gemein mit den gigantischen Spektakeln auf den Ozeanen  – diese Reise lehrt Demut, Achtung vor der Fremde und Liebe zur Entschleunigung.

Anke Knaber ist ein wenig überrascht. „Ich hab’s mir ja wärmer vorgestellt in Laos“, sagt sie. Die 56-Jährige trägt Funktionskleidung, sie steht an der Reling eines kleinen Kreuzfahrtschiffs, den Blick in die kühle Nebligkeit eines laotischen Morgens gerichtet. Das Ufer zieht an Anke vorbei, oder umgekehrt. In der Hand hat Anke einen ­Becher mit heißem Kaffee, sie fröstelt dennoch. Anke macht Urlaub mit ihrem Mann Stefan, der etwas entfernt an einem Tisch sitzt und von seinen Lieblingsreiseorten erzählen will. „Afrika“, sagt er laut, „Afrika gefällt mir am meisten.“

Die Sonne wirft ihr Licht noch nicht in den Flusslauf, der sich wild durch dieses Land schneidet. Laos, ein Land, das noch so anders ist als alle anderen in Südostasien. Dieses Land, das keine Meeresküste hat und in das auch deshalb viel weniger Touristen kommen als zu den Nachbarn. Für das man ein Visum braucht, in dem der Kommunismus – oder was man hier dafür hält – noch ernst genommen wird. Die anliegenden Wirtschaftswunderländer Vietnam, Thailand, China haben nur wenig Einfluss. Laos schläft noch.

Anke, Stefan und ich sind hellwach, es ist sieben Uhr am Morgen, irgendwo zwischen Luang Prabang und der Hauptstadt Vientiane. Laos zu bereisen ist nicht einfach. Es gibt kein Eisenbahnnetz, die Busse fahren gefährlich schnell, 24-Stunden-Fahrten sind nicht selten. Vor allem Backpacker kommen nach Laos, feiern im südlichen Mekong auf den „4000 Islands“, einem Abschnitt des Flusses, so breit, dass Tausende Inseln Platz finden. Später, wenn sie wieder zu Hause sind, werden sie erzählen, dass Laos noch ursprünglich ist. Was sie meinen: touristisch unerschlossen. Ich war schon oft in Laos, bin mit dem Motorrad drei Wochen lang durch das Land gefahren, habe in Bussen gedöst und bin betrunken bei Vang Vieng auf Traktorreifen einen Fluss hinuntergetrieben. Aber noch nie war ich auf dem Mekong.

Der Fluss ist an vielen Stellen so breit, dass Reisende glauben könnten, sie wären am Meer. Auf den Kaffeeplantagen im Süden, nahe der Stadt Pakse, ist es am frühen Morgen noch so kalt, dass der Atem großwolkig dampft. Und dann natürlich der mächtige Norden, mit seinen Bergen und dem Urwald, den kleinen Städten dazwischen. Allen voran Luang Prabang, ein postkolo­niales Örtchen, von Touristen entdeckt, aber noch immer nicht überrannt. Immerhin.

In Laos ist die Zeit stehen geblieben, irgendwann Ende der Siebziger des vergangenen Jahrhunderts. Und vielleicht ist genau das die größte Sehenswürdigkeit dieses Landes. Hier wird Langsamkeit nicht entdeckt, sondern gelebt. Wer dieses Tempo verstehen will, sollte dabei den wichtigsten Reiseweg in diesem Land nutzen: den Mekong. Der Fluss, der Asien mit Nahrung versorgt, mit Leben. An dessen Ufer Menschen aufwachsen und sich Reisfelder ausdehnen.

Am frühen Abend versucht dieser junge Fischer sein Glück in einem Seitenarm des Flusses

Am frühen Abend versucht dieser junge Fischer sein Glück in einem Seitenarm des Flusses

© Christoph Lingg/Anzenberger

  Es ist ein wilder Fluss, ein ungestümer, besonders sein laotischer Abschnitt. Kaum begradigt, die scharfen Steine, die Bootsbäuche aufschneiden können, liegen noch immer mitten im Flussbett. Er ist ein Abenteuer, aber man kann ihn befahren. Normalerweise gibt es nur Tagesfahrten auf dem Mekong, von Stadt zu Stadt hangeln sich die Reisenden in den Süden oder Norden des Landes. Aber es gibt auch die Mekong Sun, ein Schiff, das in sechs Tagen die Hauptstadt des Landes mit Luang Prabang verbindet, betrieben von einem deutschen Reeder, Lernidee-Reisen. Das Unternehmen bietet ungewöhnliche Reisen durch Russland und Asien an, darunter nun auch eine Laos-Flusskreuzfahrt auf diesem hölzernen Schiff.

Warum ich reise, ist rasch erklärt: Ich will etwas erfahren, etwas wissen ohne Auswendiglernen. Die Vermessung der Welt habe ich nicht mit einem Atlas vorgenommen, sondern mit Flugmeilen. Länder, Wälder und Flussnamen konnte ich mir merken, weil ich sie besucht, nicht weil ich über sie gelesen habe. Reise ich mit Gleichaltrigen oder gar Jüngeren, lerne ich meist nichts. Dann trinke ich Alkohol und vergesse das meiste. Ich reise lieber mit älteren Menschen, am liebsten zwei Generationen älter als ich. Sie sind selten geizig, sie können von einem Leben erzählen, das ich noch nicht kenne, sie haben Erfahrungen. So lerne ich fremde Länder kennen, fremde Menschen und meine mögliche Zukunft.

Die Mekong Sun: knapp 40 Meter lang, insgesamt 14 Kabinen in drei Kategorien, verteilt auf zwei Decks. Es wirkt nicht wie ein Kreuzfahrtschiff, es erinnert eher an die Ausflugsdampfer in europäischen Großstädten. Als ich das Schiff zum ersten Mal sehe, in Vientiane, am unbefestigten Ufer des Mekong, bin ich berührt. Ein hölzernes Haus auf dem Wasser, Teak und Mahagoni, kein seelenloses stählernes Monster. An Bord wird es geradezu heimelig: der Geruch von Wachs und Hausschuhen, die getragen werden müssen, damit der Boden nicht so rasch zerkratzt wird. Es fühlt sich an wie ein Ausflug ins alte Indochina, das der 1920er-Jahre, wie George Orwell in Burma, nur ohne Gin und ohne Malaria.

Die Reisegruppe besteht aus drei Familien aus Indien und Frankreich, dem Paar aus Deutschland, einer Clique aus England und mir, insgesamt 20 Passagiere. Natürlich habe ich meine Zweifel an dieser Form des Reisens. 20 Jahre lang bin ich mit dem Rucksack um die Welt gereist, ich mache das immer noch. Es hat den Vorteil der Unabhängigkeit: jeden Tag, jede Minute entscheiden zu können, was ich unternehme, mit wem ich spreche, was ich erlebe. Eine Flusskreuzfahrt ist das Gegenteil: Mir werden Erlebnisse vorgeführt, ich kann mir die Gesprächspartner kaum aussuchen. So ist diese Fahrt auch ein Debüt, ein Experiment.

Meine Generation will immer das Maximum an Erfahrungen, sie will Abenteuer, aber keine Tischordnung. Und doch fällt mir die Anpassung erstaunlich leicht. Am ersten Abend wird die Sitzordnung mitgeteilt, diskutiert wird sie nicht. Zwei große Tische. Die Franzosen und Inder an einem Tisch, Deutsche und Engländern am anderen. Es wird heftig geradebrecht. „Um God’s Will“, sagt Stefan, als die Engländer von ihren Reiseerlebnissen erzählen, von launigen Missgeschicken. Anke und Stefan berichten von Touren durch Namibia und Südafrika, Äthiopien und Ruanda. Großer Erfahrungsabgleich. Weil sich ein so kleines Schiff anfühlt wie ein Zuhause, werden die Gespräche schnell vertraulich. Alle reden, dazu essen wir Laab Gai, laotischen Hühnchensalat.

Jeden Abend muss das Schiff an einer Sandbank anlegen. Zu gefährlich wäre die nächtliche Fahrt – die Mekong Sun ­könnte kentern, und ­keiner merkt’s.

Fußball nach Feierabend: Kunststücke mit Ball am Ufer

Fußball nach Feierabend: Kunststücke mit Ball am Ufer

© Christoph Lingg/Anzenberger

  Die Chilischoten röten die Lippen, die Sonne versinkt im Urwald, die Dieselmotoren des Schiffs verstummen. Es wird kühl, Funktionsjacken werden ausgepackt und angezogen. Jeden Abend muss das Schiff an einer Sandbank anlegen. Zu wild, zu gefährlich wäre es, nachts mit der Mekong Sun zu fahren. In der Dunkelheit könnten wir kentern, und keiner merkt’s.

Anke und Stefan erzählen vom Leben in der DDR, von Optimismus und Aufbruch nach dem Fall der Mauer, und im aufgeregten Gesicht von Stefan erkenne ich die Entschlossenheit des Träumens. Den großen Traum vom freien Reisen, den sie sich jetzt erfüllen, der Ingenieur und die Lehrerin. Es sind Menschen, die man auf Schiffen wie der Mekong Sun trifft, nicht an Hotelbars oder
in Hostels. Es braucht die erzwungene Nähe eines gemeinsamen Abendbrots, um solche Menschen aus einer anderen Generation besser kennenzulernen.

Jeden Tag gibt es eine Exkursion, jeden Tag reisen wir rund 100 Kilometer. Im kleinen Städtchen Xanam­khan erfahre ich die Macht der Gruppe. Ein Tempel wird besichtigt, der französische Großvater, der zu unserer Reisegruppe gehört, fotografiert umständlich mit seinem iPad die farbenfrohen Wandmalereien, die Engländer rauchen, obwohl sie das nicht sollten, Anke und Stefan gucken genervt. Viele Menschen, viele Bedürfnisse, der Reiseleiter versucht zu vermitteln. Tom Kobold, 21 Jahre alt, kam als Rucksackreisender nach Laos – und wollte bleiben. Auf der Mekong Sun führt er nun Passagiere durch das Land. Selbstbewusst hält er Vorträge über die Geschichte des Landes, erklärt Essen und Bräuche, beruhigt Touristen in Tempeln. „Wir können noch auf einen Markt gehen“, sagt er und lotst uns alle weiter. Auf dem Markt entsteht aber sofort neue Ungeduld, rasch wird deutlich: Die Ermatteten wollen zurück aufs Schiff. Diese hölzernen Kabinen mit kleinen Duschen, mit Euro-Steckern, mit Bodenfenstern, die das Gefühl geben, man würde im Urwald schlafen, üben eine starke Anziehung aus. Ein Nest für Touristen, das durch den Mekong treibt.

Es ist eine Reise, bei der niemand die Tage rückwärts zählt. Wir verlieren einfach den Anschluss an die Welt. Das Internet in Laos ist schlecht, der Kontakt nach außen ist abgerissen. Eine Kreuzfahrt mit so wenig Teilnehmern ähnelt einem Familienausflug. Stille Absprachen, freundliches Kopfnicken, mildes Verständnis. Auf anderen, großen Kreuzfahrten werden die Passagiere zum Geldausgeben animiert. Auf der Mekong Sun sollen sie sich ausruhen. Sie liegen, schlafen und besichtigen. Es passiert nichts, das ist wohl das größte Versprechen dieser Reise. Ich staune. Ich wollte nie tatenlos sein, als Kind habe ich meine dösenden Eltern aus dem Strandkorb gestoßen: „Beschäftigt mich!“ Nun sitze ich auf einem Schiffsdeck, bin ganz ruhig. Mir fehlt nichts.

Am letzten Tag, kurz bevor wir Luang Prabang erreichen, passieren wir eine gigantische Schleuse. Alle Passagiere stehen an Deck, viele fotografieren. Hochhausgroße Betonstelen, in den Fluss gerammt, Stahltore, die das Wasser zurückhalten und diesen gewaltigen Fluss absenken. Dann wieder: Erholung. Die letzten Kilometer vor Luang Prabang sitzen wir auf dem Oberdeck und trinken Kaffee. Wir sind uns einig, dass nicht viel passiert ist. Aber genau das wollten die meisten. So haben wir, ohne dass es zu ahnen oder planen gewesen wäre, den Kern dieses Landes verstanden. Hier vergeht die Zeit langsamer. Wer Laos bereisen will, muss die Langsamkeit schätzen lernen.

Die Mekong Sun hat für die Nacht an einer Sandbank

Die Mekong Sun hat für die Nacht an einer Sandbank ...

© Frank Heuer/laif
... beim Dorf Pakbeng festgemacht

... beim Dorf Pakbeng festgemacht

© Frank Heuer/laif

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Mai 2018