Die Geduldsprobe: Warten in Tokio

Die Geduldsprobe

  • TEXT THILO MISCHKE
  • ILLUSTRATION ALEXANDER WELLS

Im Stau, an der Kasse, am Flughafen – viele macht das Warten nervös, manchen schier wahnsinnig. Unser Autor sieht das völlig anders: Für ihn gehört es zu den schönsten Dingen der Welt

Was habe ich es gehasst! Vor der Passkontrolle, nach einem langen Flug, die Haare frisiert von der Müdigkeit und dem Fett der Haut. Der Geruch des vor mir Stehenden in der Nase. Die Nähe zu Menschen, die ich nicht kenne und niemals kennenlernen wollte. Das Nagen auf der Unterlippe als einzige Beschäftigung. Ich war ein unangenehmer Mensch, wenn ich auf der Stelle stehen musste – am Gate, an der Kasse, vor dem Club. War einer, der sich vordrängelt, mit doofen Ausreden: „Meine Mutti, da vorne“, sagte ich und zeigte auf irgendeine mittelalte Frau. Einer, der ungeduldig mit der Zunge schnalzt, in der festen Annahme, dieses Tun und das nervöse Tippeln meines Fußes könnten die Zeit beschleunigen. Konnten sie nie. Nein, die Minuten vergingen noch langsamer, noch träger. Ich war ein echter Warteschlangen-Kotzbrocken. Und Menschen, die mit mir warteten, begannen sich zu schämen.

Aber ich habe gelernt. Eher zufällig, in Japan. Dem Land des Wartens. Dem Reich des Zeitvertreibs, der Geduld und der Zuversicht. In Tokio, meiner liebsten Stadt, habe ich mich angestellt. An einem heißen Sommertag, in eine Schlange eingereiht, bestimmt 100 Menschen lang. Ich wusste nicht, wofür sie anstanden, und ich wusste auch nicht, wie lange es dauern würde. Ich wusste nur: Wenn die Schlange so lang ist, dann muss es am Ende etwas Gutes geben. „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der wartet“, sagt Leo Tolstoi.

Zwei Stunden und siebenundvierzig Minuten stand ich an, geduldig, in Reih und Glied mit den anderen. „O-namae wa?“, habe ich gefragt, das Einzige, woran ich mich aus meinem Studium dieser Sprache noch erinnern konnte: „Wie heißt du?“ Und dann habe ich mich unterhalten. Ohne etwas zu verstehen. Das war schön. Ich habe neue Menschen kennengelernt und die Überlegenheit eines Klappstuhls erkannt. Japaner sind klug, sie haben fast immer einen einbeinigen Klappstuhl dabei.

Die Geduldsprobe: Warten am Flughafen

  Für alles im Leben haben wir Zahlen. Mehr als 24 Jahre schlafen wir, sagen die Statistiken. Zwölf Jahre sehen wir fern, zwei Jahre sitzen wir im Auto, sechs Monate auf dem Klo. Auch das Warten wurde vermessen: 156 Stunden pro Jahr warten wir vor dem Computer, auf Ladebalken, Neustart und Installation. 38 Stunden pro Jahr stecken wir in Staus. Sechs Stunden stehen wir an Supermarktkassen, fast sieben Stunden sitzen wir in Wartezimmern. Von Ampeln, U-Bahnen und Kunden-Hotlines ganz zu schweigen.

Besonders warteintensiv wird es, wenn man reist. 2017 habe ich bereits 150 000 Kilometer mit dem Flugzeug zurückgelegt, über 120 Stunden bin ich geflogen. Nach Somalia, nach Nordkorea, über Mexiko in die USA. Ich war auf jedem Kontinent, habe mich durch die Welt gewartet. Darauf, dass ein Flugzeug landet, dass es startet, dass es Essen gibt, dass ich den Film gucken oder auf die Toilette gehen kann. Früher hat es mich wahnsinnig gemacht. Heute macht es mich glücklich.

Denn wir bekommen das Warten nicht nur umsonst, es ist auch die letzte Freiheit des Menschen. Ein Raum, in den wir uns völlig auf uns selbst zurückziehen können, den wir zu eigenen Bedingungen gestalten. Wir müssen uns erst in eine Schlange einreihen, um uns frei zu fühlen. Seltsam, nicht wahr?

Ich habe festgestellt, dass das Warten im Flugzeug die beste Betätigung der Neuzeit ist. Wenn ich mich umschaue und die Menschen sehe, die auf ihren Laptops tippen, weiß ich: Sie sind noch Warte-Anfänger, sie versuchen, sich mit Arbeit von sich selbst abzulenken. Aber das ist Quatsch. Hier muss nichts geschafft werden, denn wir schaffen ja bereits etwas Besonderes: Ohne dass wir etwas dafür tun müssen, überwinden wir unglaubliche Distanzen – da kann der Quartalsbericht warten. Warten ist Meditation. Man muss lernen, die Unruhe auszuhalten, die nach den ersten zehn Minuten einsetzt, und die schreckliche Leere nach 30 Minuten. „Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen“, sagt Friedrich Nietzsche. Aber Nietzsche hat sich auch mal geirrt. Die Leere kann sehr wohl therapeutisch sein: Das Nichtstun, die Langeweile, der Stillstand, sie lassen den Gedanken endlich freien Lauf.

Die Geduldsprobe: Warten an der Bushaltestelle

  Vor fast jedem Start nehme ich mir vor, ein bestimmtes Thema zu zerdenken. Manchmal denke ich über Multiversen nach, die Möglichkeit unendlich verschiedener Universen. Manchmal darüber, was meine Oma gerade macht. Oder ich denke mich in die Lebenswelt meiner Sitznachbarn hinein, nehme die Indizien ihres Aussehens und Auftretens und baue daraus ein Leben. Warum ist die Gürtelschnalle des Mannes neben mir mit mächtigen Colts verziert? Wieso trägt die Geschäftsfrau da drüben Socken von „Hello Kitty“? Seit ich aufgehört habe, mir die Zeit mit Serien und Filmen zu vertreiben, habe ich die Tür zu einem fast vergessenen Vergnügungspark wieder aufgestoßen, die rostigen Tore der Gewohnheit geöffnet und meine Fantasie wiederentdeckt. Das alles klingt vielleicht nach blödem Hippie-Mist. Aber ich bin kein Träumer, kein Quatschkopf, ich stehe mit beiden Beinen in der Wirklichkeit. Und doch habe ich das Gefühl, etwas Verlorenes wiedergefunden zu haben.

In der Kindheit war Warten mehr als Zeitvertreib; es war hibbelige Vorfreude 

Als Kind, da wartete ich viel. Im Winter hoffte ich auf den Sommer, auf kurze Hosen und darauf, mit dem Klapprad durch Felder zu fahren. Im Sommer wartete ich auf den Winter, um mit meinem Schlitten zu rodeln. Die Abenteuer, sie gab es immer erst morgen. Am nächsten Tag, im nächsten Monat. Warten, das war mehr, als Zeit zu vertreiben. Es war hibbelige Vorfreude. Und auch als Erwachsene sollten wir damit aufhören, diese Zeit vermeintlich sinnvoll zu nutzen. Lassen wir uns gehen. Zählen wir Blätter an den Bäumen vor dem Fenster. Träumen wir uns weg, an Orte, die wir noch bereisen wollen. Denken wir an den Winter, denken wir an den Sommer. Immer wenn wir warten.

All das habe ich gelernt, als ich an diesem heißen Tag in Tokio in der Schlange stand. Zweistundensiebenundvierzig. Am Ende schwieg ich, wurde ruhig, erholt. Weil ich nichts verpassen konnte, nichts erledigen musste. Meine einzige Aufgabe: Ausharren. Erst kurz bevor mein Warten endete, wusste ich, wofür ich eigentlich angestanden hatte: Crêpes, serviert von Frauen in märchenhaften Kostümen. Ich habe nicht mal gekichert. Und teilte mir mit dem Japaner hinter mir, der alle halbe Stunde seinen Klappstuhl angeboten hatte, einen Crêpe mit Vanilleeis. Es war der beste meines Lebens.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.