Jens Görlich - © CGI: MO CGI GbR

Im neuen Kleid

  • INTERVIEW SEBASTIAN HANDKE

Nach 30 Jahren gibt sich Lufthansa wieder ein neues Erscheinungsbild. Ein Gespräch mit Designer Ronald Wild über die ­Zeit­losigkeit des Kranichs und die Schwierigkeit, ein u zu bilden

Herr Wild, was macht den Kranich als Ikone eigentlich so erfolgreich?

Er ist einfach ein schönes Bild: ein Vogel, grafisch reduziert, aber voller Anmut. Man sieht, dass er beim Zeichnen aus der Hand geflossen ist und nicht am Computer gestaltet wurde. Hinzu kommt, dass der Kranich von Otl Aicher 1962 in den Kreis gestellt wurde. Erst so wurde er zum Logo: die geometrische Grundform macht ihn gut erinnerbar.

Der Kranich ist ein Design-Klassiker. Dennoch gibt sich ­Lufthansa jetzt ein neues Erscheinungsbild …

Die Corporate Identity eines Traditionsunternehmens muss zeitlos sein. Sie muss aber, und das ist die Herausforderung, auch in die Zeit passen. Die Welt, unsere Gesellschaft, die Medien haben sich verändert – und natürlich auch Lufthansa. Deshalb modernisieren wir nicht nur das Erscheinungsbild, ­sondern die gesamte Marke.

Ein gewaltiger Aufwand. Warum gerade jetzt?

Weil der Kranich dieses Jahr 100. Geburtstag hat! Es war ­einfach ein perfekter Zeitpunkt, um zu schauen: Wie sieht ­Lufthansa aus? Nicht in den Design-Handbüchern, sondern da draußen an den Flughäfen. Es sind in dieser Zeit viele Varianten entstanden. Wie ein Haus, bei dem immer mal wieder ein Anbau dazukommt. Für sich genommen ist das alles hochwertig, aber es fehlte an Klarheit und Homogenität. Seit 30 Jahren haben wir Logo, Schrift und Farben nicht mehr verändert, jetzt führen wir die losen Enden wieder zusammen.

Welches sind die wichtigsten sichtbaren Veränderungen?

Der Kranich ist jetzt leichter und dynamischer. Das neue Blau ist die führende Farbe, ein edler Farbton mit viel Tiefe. Die Schrift bleibt zeitlos, funktional und gut lesbar, hat jetzt aber einen unverwechselbaren Charakter. Manche Veränderungen sind auffällig, andere etwas subtiler. Aber in der Gesamtschau, im Zusammenspiel der Designelemente, haben wir einen großen Sprung gemacht.

1 Das Seitenleitwerk wird durch den blauen Keil, der sich in einer Linie über den Rumpf des Flugzeugs zieht, optisch vergrößert. 2 Das neue Lufthansa Blau ist dunkler, tiefer und reicher als bisher, der Kontrast zum strahlenden Weiß hochwertig, klar und souverän. 3 Die einzigartige weiße Linie am Scheitel des Seitenleitwerks unterstützt die stromlinienförmige Gestalt des Flugzeugs. 4 Das Logo ist weiß und liegt nicht mehr auf einer gelben Fläche. Durch einen schlankeren Kreis tritt der Kranich stärker in den Vordergrund, er erhält mehr Luft und Raum. 5 Flügelunterseiten, Triebwerks­verkleidung und -aufhängung sowie Rumpfunterseite, bislang grau, werden weiß lackiert. Dank des durchgehend weißen Rumpfs wirkt das Flugzeug noch eleganter. 6 Die neue Schrift verkörpert die ­Design-DNA der Airline. Sie ist funk­tional anwendbar, klar und gut lesbar, wirkt reduziert und zeitlos.

1 Das Seitenleitwerk wird durch den blauen Keil, der sich in einer Linie über den Rumpf des Flugzeugs zieht, optisch vergrößert.
2
Das neue Lufthansa Blau ist dunkler, tiefer und reicher als bisher, der Kontrast zum strahlenden Weiß hochwertig, klar und souverän.
3
Die einzigartige weiße Linie am Scheitel des Seitenleitwerks unterstützt die stromlinienförmige Gestalt des Flugzeugs.
4
Das Logo ist weiß und liegt nicht mehr auf einer gelben Fläche. Durch einen schlankeren Kreis tritt der Kranich stärker in den Vordergrund, er erhält mehr Luft und Raum.
5
Flügelunterseiten, Triebwerks­verkleidung und -aufhängung sowie Rumpfunterseite, bislang grau, werden weiß lackiert. Dank des durchgehend weißen Rumpfs wirkt das Flugzeug noch eleganter.
6
Die neue Schrift verkörpert die ­Design-DNA der Airline. Sie ist funk­tional anwendbar, klar und gut lesbar, wirkt reduziert und zeitlos.

Jens Görlich - © CGI: MO CGI GbR

Eine der langwierigsten Entwicklungen war die neue Hausschrift. Worauf kommt es da an?

Sie muss zu Lufthansa passen. Zwischendurch gab es eine Va­riante des u ohne Sporn, in die waren wir ein bisschen verliebt. Aber als wir dann „Menu“ und „Honolulu“ buchstabierten, haben wir erkannt: Es hat einfach nicht genug Halt. Außerdem muss die Schrift überall funktionieren – vom Flug­zeug-Logo bis zu kleinen Angaben auf der Bordkarte. Das ist schwieriger, als man denkt. Die Wirkung von Schrift im Gesamtbild ist subtil, aber wichtig. Sie ist nicht der Star der Band.

Der Kranich wäre also der Star?

Ja, der geht schon mehr nach vorne … (lacht). Aber eigentlich gibt es keinen Solisten, es ist wie ein sehr gut eingespieltes Ensemble.

Das sogenannte Spiegelei, also der Kranich auf gelbem Grund, sucht man vergebens …

Es war keine leichte Entscheidung. Am Ende haben wir sie mit viel Bedacht getroffen: Ein gutes Design verlangt nach einer Leitfarbe, und das neue, eigens entwickelte Blau bringt das Premiumverständnis von Lufthansa perfekt zum Ausdruck. Das Gelb wird zwar quantitativ zurückgenommen, aber qualitativ aufgewertet: Es bleibt unsere Herzensfarbe.

Das neue gelbe "Welcome Panel" begrüßt künftig Fluggäste an der ersten Tür links. Verschiedene Blautöne wurden auf auf ein Test-Leitwerk aufgetragen, um die Wirkung der Farbe unter realen Bedingungen zu begutachten

Das neue gelbe "Welcome Panel" begrüßt künftig Fluggäste an der ersten Tür links. Verschiedene Blautöne wurden auf auf ein Test-Leitwerk aufgetragen, um die Wirkung der Farbe unter realen Bedingungen zu begutachten

Wie lange wird es dauern, bis alle Flugzeuge im neuen Kleid fliegen?

Das wird einige Jahre dauern, jedes Flugzeug wird erst dann lackiert, wenn aus technischen Gründen Zeit dafür ist. Alleine in der Kabine gibt es hunderte Artikel! Die Kleiderbügel zum Beispiel – da bleibt das alte Logo einfach drauf. Erst wenn sie kaputtgehen, werden sie durch neue Bügel ersetzt. Auch wirtschaftlich möchten wir so verantwortungsvoll wie möglich vorgehen.

Ihr Team hat mehrere Jahre um das neue Erscheinungsbild gerungen. Was war am schwierigsten?

Das Loslassen! Mir gelang das über den Faktor Zeit. Ich habe Entwürfe mit nach Hause genommen, in der Küche aufgehängt und in aller Ruhe auf mich wirken lassen. Das neue Design wird manchen zunächst radikal erscheinen, anderen geht es vielleicht nicht weit genug. Aber wir haben es für alle gemacht, die mit ganzem Herzen Lufthanseat sind.


Der Diplom-Designer Ronald Wild, 43, wurde in Ulm geboren. Er arbeitete als Kommunikationsdesigner in diversen Agenturen und ist seit 2001 im Lufthansa Corporate Design und Brand Management tätig. Wild war in dieser Zeit an vielen Weiterentwicklungen des Corporate Design beteiligt, unter anderem an der strategischen Weiterentwicklung des Lufthansa Erscheinungsbildes und der Konzeption der Lufthansa Designleitbilder, außerdem  Lounges, Kabinen, Sitze und diverse Flugzeuglackierungen.