Jeder Flug ein Fest

  • TEXT HELGE TIMMERBERG

Winterzeit ist Reisezeit: Familientreffen mit Kerzenschein, Auswanderer kehren zu ihren Wurzeln zurück, Freunde kommen zusammen. Unser vielfliegender Autor erklärt, warum er auch jetzt am liebsten mit Lufthansa abhebt

© Jens Görlich

Für meinen ersten Flug musste ich den Konfirma­tionsanzug tragen, darauf hatte mein Vater bestanden. Passende Krawatte, blütenweißes Hemd, gewienerte Schuhe. Etwa 1000 Flüge später betrat ich nur noch im Jogginganzug die Maschine, denn das ist auch etwa 1000-mal bequemer. Aber für das erste Mal gebe ich meinem Vater recht. Das geht nur in einer dem Anlass gerechten, festlichen Garderobe. Das erste Mal gewinnt das Flugzeug an Geschwindigkeit, das erste Mal heben die Räder ab, und Hannover wird im Nullkommanix zu einer Legostadt. Das erste Mal war ich plötzlich über den Wolken. Unter mir eine geschlossene Zuckerwatte-Decke, mit verspielten Ausformungen, schneeweiß und blitzend, über mir Blau ohne Ende, Licht ohne Ende und Sicht ohne Ende. Zum ersten Mal flog ich durch den Himmel.

Von Hannover nach Berlin, Anfang der 1960er-Jahre. Das heißt: Propellermaschine. Die ruckelten und wackelten noch ein bisschen, wenn sich die Windverhältnisse änderten, auch Luft­löcher ignorierten sie noch nicht so geschmeidig wie die späteren Düsenjets, aber wie sehr ich mich auch mühe, in meinen Erinne­rungen irgendeine negative Emotion aufzuspüren, es kommt nichts hoch. Ich hatte nicht mehr Flugangst als ein Kätzchen in Abrahams Schoß. Zum ersten Mal 10000 Meter über der Erde, zum ersten Mal auch 10000 Meter über deren Problemen. Sie wurden alle klitzeklein, wenn nicht gar unsichtbar aus dieser Distanz.

Beim ersten Mal hatte ich nicht mehr Flugangst als ein Kätzchen in Abrahams Schoß

Bei radikalen Perspektivwechseln stellt sich für gewöhnlich ein Phänomen ein, das auch Extremsportler, Formel-1-Piloten, Kriegsreporter und andere Abenteurer kennen. Die Psychologie nennt es den „High Peak“. Der Moment, in dem unsere Aufmerksamkeit zu 100 Prozent in der Gegenwart gefriert. Aber man muss kein Bergsteiger werden, kein Drachenflieger, Rennfahrer oder Klippenspringer sein, um das zu erleben, denn der erste Flug ist High Peak genug. Draußen die Farben eines Sonnenuntergangs, drinnen der Catwalk der Flugbegleiterinnen. Und das Schönste: Beim Fliegen gibt es immer wieder ein erstes Mal. Das hört einfach nicht auf. Der erste Sichel-, der erste Halb-, der erste Vollmond über den Wolken bringt den High Peak ins Spiel zurück, genauso wie das erste Mal über dem Hochgebirge, wenn die Gipfel der Alpen, der Anden und des Himalaja zum Greifen nahe unter uns liegen. Oder das erste Mal über dem Meer und seinen Spielzeugschiffen, das erste Mal an Rios Zuckerhut vorbei, der erste Lande­anflug auf Hongkong, der so spektakulär ist, dass er mir auch beim zweiten, dritten und vierten Mal noch immer wie der erste vorgekommen ist.

1000-mal? 5000-mal? Bin ich 10000-mal geflogen? Irgendwann habe ich zu zählen aufgehört, und vielleicht habe ich auch nie damit angefangen. In den 1960er-Jahren flog ich nur dieses eine Mal, in den Siebzigern zog es an, ab den Achtzigern wurde Fliegen für mich so normal wie U-Bahn-Fahren. Es käme also einem Wunder gleich, käme dieser Text ohne negative Impressio­nen aus. Muss er aber, denn mir fällt keine ein. Was mir einfällt, sind Selbstverständlichkeiten. Natürlich macht es niemandem Spaß, zehn Stunden zu sitzen. Nicht jeder Fremde neben mir war durchgehend spaßig. Und ich nicht durchgehend spaßig für ihn. Das ist normal, und wer darüber klagen will, bleibt am besten für immer und durchgehend zu Hause. Darüber hinaus kann man die temporäre unangenehme Nachbarschaft in Flugzeugen auch kollegial angehen. Wir sind beide Opfer des Zufalls, und Opfer sollten sich solidarisieren. Auch solidarisierte ich mich sofort mit Afrika, wenn es in der Business Class (!) von Ethiopian Airlines nur staubige Kekse zu essen gab. Oder ausschließlich Rum zu trinken wie bei der kubanischen Fluglinie Cubana. Und als auf einem 2200 Meter hoch gelegenen, direkt an den Abgrund grenzenden Rollfeld die zweimotorige Propellermaschine der nepalesischen Shangri-La Air während des Starts nicht genug Fahrt aufnehmen konnte und sich deshalb wie ein Drachen­flieger zunächst in die Tiefe stürzte, um genug Schwung zu kriegen, habe ich auch nicht gemeckert, sondern mich mit meiner Abenteuer­lust solidarisch erklärt sowie mit den fabelhaften Piloten.

© Ulrich C. Beinert

Für den Umgang mit dem Rest der Crew gilt das ­alte Flieger­sprichwort: „Wie du es in die Stewardess hineinrufst, so schallt es auch wieder heraus.“ Für die Stewards gilt ­dasselbe. Sollte trotzdem etwas substanziell anderes als „gern“ oder „sehr gern“ oder „sehr, sehr gern“ zurückschallen, ist das auch kein Beinbruch. Man muss sie ja nicht heiraten. Bei Lufthansa ist mir das sowieso noch nie passiert. Ich sage das nicht, weil ich schleimen will, sondern weil es die erfreuliche Wahrheit ist. Ich würde das auch in jedem Magazin schreiben, auf dem nicht „Lufthansa“ steht. Egal wie abgebrannt, erschöpft oder mit den Nerven am Ende ich aus irgendeinem Dschungel, irgendeiner Wüste oder irgendeiner wüsten Stadt kam, war ich sofort auf dem Weg der Besserung, sobald ich einer Lufthansa Flugbegleiterin gegenüberstand. Ihr Lächeln wirkt nicht wie angemalt und ist trotzdem von Dauer, ihre Freundlichkeit ist aufrichtig professio­nell und deshalb nicht verlogen, ihre Hilfsbereitschaft ist kompetent. Ich denke, das ist nicht nur eine Frage des Charakters, sondern sicher auch der Ausbildung. Seid weder devot noch arrogant, weder flirty noch cool, weder Häschen noch ­Drache. Seid die dezenten Engel über den Wolken, und tragt die Uniform mit lässiger Eleganz.

Mein Loblied könnte hier zur Dauerschleife werden, aber eine Frage ist noch offen. War früher alles besser? War Fliegen schöner als heute, aufregender, romantischer? Ich bin immer für Romantik zu haben, solange sie nicht wehzutun beginnt. Waren wir früher schneller am Ziel? Ganz sicher nicht. Flogen wir früher bequemer. Nee. Sicherer? Noch mal nee. Billiger? Haha! Exklusiver? Ja. Wer früher einen Flughafen betrat, wusste, dass alle wissen, dass er zu den oberen Zehntausend gehört. Heute weiß das keiner mehr. Heute fliegen alle. Gerechtigkeit über den Wolken führt zu Gedränge am Boden. Aber mehr zu meckern gibt es über unsere unromantischen Zeiten deswegen nicht: Das Fliegen wird einfach immer nur besser.

Und sollte die Lufthansa noch zu meinen Lebzeiten auch den Mond in ihr Streckennetz aufnehmen, freue ich mich jetzt schon wie ein Kind auf das erste Mal.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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