Schub auf dem Weg nach oben

  • TEXT AILEEN TIEDEMANN
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Für die Flugbegleiter von Lufthansa brechen neue Zeiten an: Erstmals eröffnet eine staatlich anerkannte Fortbildung ihnen zusätzliche Karrierechancen

Was macht eine gute Ansage an Bord aus?“, fragt Stimmcoach Jana Schmidt die Teilnehmer ihres Seminars. „Man muss fühlen, was man sagt“, findet Matthias May, seit drei Jahren Flugbegleiter bei Lufthansa. „Nur dann bekommt man die Aufmerksamkeit der Passagiere. Ich lege immer viel Wert darauf, dass meine Stimme meine positive Grundeinstellung transportiert.“

Fachlicher Austausch: Heike Weidmann von der IHK Frankfurt, Fliegerreferentin Christine Finder-Ott, Gruppenleiter Matthias Heine und Flugbegleiter Matthias May von Lufthansa (v.l.)

 Der 22-jährige Frankfurter will Purser werden – so heißen die Kabinenchefs in der Sprache der Luftfahrt. Deshalb absolviert er die Weiterbildung Fachberater für Servicemanagement (SMP), die 2017 eingeführt wurde und Flugbegleitern und Flugbegleiterinnen nicht nur erstmals zu einem anerkannten Berufsabschluss verhilft, sondern ihnen neben besseren Aufstiegschancen in ihrer Branche auch den Einstieg in andere Dienstleistungsberufe erleichtert. Die Weiterbildung setzt sich aus zwei Teilen zusammen: In einem durchschnittlich sieben bis elf Monate dauernden Fern- oder Präsenzstudium bereiten sich die Teilnehmer auf eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer Frankfurt vor. Getestet werden sie in Konfliktmanagement, Kommunikation und Mitarbeiterführung, aber auch auf betriebswirtschaftliche Expertise kommt es an. Wer bestanden hat, nimmt an der achttägigen internen Qualifizierung im Lufthansa Aviation Training Center teil, wo sich alles um die Anforderungen an Bord dreht. „Ein Schwerpunkt in der internen Qualifikation ist das Rollenverständnis der zukünftigen SMP-Kollegen an Bord. Dazu zählt, handlungssicher zu werden und seine persönlichen Werkzeuge kennenzulernen – wie zum Beispiel die eigene Stimme“ so Andrea Hentes, Gruppenleiterin Training und Entwicklung Lufthansa Kabine.

Beim heutigen Ansagentraining geht es weiter: Die Teilnehmer üben, mit einem Weinkorken zwischen den Zähnen zu sprechen, damit ihre Aussprache klarer und verständlicher wird. Coach Jana Schmidt, 36, ausgebildete Musicaldarstellerin und selbst elf Jahre Flugbegleiterin, erklärt: „Frei gesprochene Ansagen sind die besten. Und schaut die Passagiere beim Reden an – dann hören sie euch auch zu.“

Matthias May feilt beim Ansagentraining an seiner Aussprache

Seminar-Szenen: Käse- und Weinschulung für die First Class

 Doch welche Vorteile hat der neue Abschluss eigentlich für die Airline? „Das hohe Serviceniveau an Bord erhöht sich durch fortgebildete Mitarbeiter natürlich noch weiter“, sagt Matthias Heine, Gruppenleiter Einsatz- und Geschäftsbedingungen Kabine bei Lufthansa und maßgeblich an der Entwicklung der Weiterbildung beteiligt. „Je mehr Kommunikationskompetenzen ein Flugbegleiter hat, desto besser wird er in Konfliktsituationen reagieren.“ Heike Weidmann, stellvertretende Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung an der IHK Frankfurt, benennt ein zentrales Motiv aus Sicht der Wirtschaft: „Bislang galten Mitglieder des Kabinenpersonals ja nur als ‚angelernt‘. Uns liegt vor allem daran, den Beruf des Flugbegleiters stärker im Berufsbildungssystem zu verankern.“

Shareenah Rupp, 25, wollte ursprünglich nur ein, zwei Jahre als Flugbegleiterin arbeiten, um nach ihrem Politik- und Jurastudium „die Welt zu sehen“. Die neuen Fortbildungsmöglichkeiten bestärkten sie jedoch, weiter an Bord zu bleiben: „So kann ich mein Wissen vertiefen und auch als Purser oder in der First Class arbeiten. Und wenn ich mal nicht mehr fliegen will, stehen mir viele neue Jobs am Boden offen.“

Etwa im Training neuer Mitarbeiter oder bei der Entwicklung neuer Kabinenkonzepte. Schließlich kennt niemand die Abläufe an Bord besser als das Kabinenpersonal selbst. Auch in dieser Hinsicht ist die Fortbildung sinnvoll: Je vielschichtiger das Wissen der Flugbegleiter ist, desto mehr können sie später weitergeben. Ziel ist es deshalb auch, ihre betriebswirtschaftlichen Kompetenzen und ihre Organisations- und Führungsqualitäten zu stärken. „Als Purser möchte ich Motivator für meine Kollegen sein“, sagt May. „Die Passagiere merken ja, ob die Stimmung innerhalb der Crew gut ist. Das funktioniert aber nur, wenn man schon beim Briefing vor dem Flug eine positive Energie erzeugt. Und das ist schon deshalb notwendig, weil sich die Teams immer neu zusammensetzen.“

Vielseitigkeit in Person: Flugbegleiterin Shareenah Rupp bildet sich zur Fachberaterin für Servicemanagement weiter

 Der nächste Programmpunkt an diesem Schulungstag ist eine Käse- und Weinschulung für die First Class. Während draußen Flugzeuge landen und starten, erläutert Kursleiter Jürgen Henze die Weine und Käse-sorten, die sich für den Verzehr an Bord besonders eignen: „Sie sollten einen kräftigen Geschmack haben, denn in der trockeneren Luft an Bord kann der Mensch nicht so gut schmecken.“ Er empfiehlt deutschen Spätburgunder und spanischen Chardonnay und erklärt dann, wie man Schimmelkäse und Brie professionell serviert. „In der First fühlt man sich, als arbeite man in einem Spitzenrestaurant“, sagt die Flugbegleiterin Alexandra Montagner, 53, die sich für die Fortbildung zur Servicemanagerin entschieden hat, weil sie die Arbeit in der ersten Klasse besonders schätzt. „Ich bin nach einer längeren Pause mit 50 Jahren wieder in den Job als Flugbegleiterin eingestiegen“, erzählt sie. „An der First Class gefällt mir das eigenverantwortliche Arbeiten, weil man meist im Zweierteam agiert“, so Montagner. „Außerdem lernt man die Gäste besser kennen und kann gezielter auf persönliche Wünsche eingehen.“

Lufthansa Personalvorstand Bettina Volkens fasst zusammen: „Die Qualifizierung zum SMP ist ein Beitrag zur Beschäftigungsfähigkeit unserer fliegenden Kolleginnen und Kollegen.“ Und tatsächlich: Für das neue Bildungsangebot interessieren sich mittlerweile auch Unternehmen aus dem Gesundheits- und Fitness-Sektor und der Verkehrs- und Logistikbranche.

Geschaffen wurde der IHK-geprüfte Abschluss aber auch, um der komplexen Tätigkeit der Flugbegleiter mehr Anerkennung zu zollen. Schließlich werden sie in ihrem Job täglich mit neuen Situationen und anderen Passagieren konfrontiert. „Wir treffen auf die unterschiedlichsten Menschen, und darauf wollen wir bestmöglich vorbereitet sein“, so May. „Denn das ist ja gerade das Schöne an diesem Beruf: Man fliegt um die Welt und wird immer offener für andere Länder und Kulturen.“