Wiedergeburt einer Ikone
© Max-Touhey

Der ehemalige TWA-Terminal am New Yorker John F. Kennedy Inter­national Airport wurde nach Totalrenovierung als Hotel-Lounge er­­öffnet – es ist nicht das erste Flughafengebäude, das sich in anderer ­Nutzung neu erfindet.

Schon bei seiner Eröffnung 1962 galt der Bau eigentlich als überholt – für die rasant steigenden Passagierzahlen des noch jungen Jet-Zeitalters war er nicht groß genug. Ästhetisch aber war der Terminal der Trans World Airlines (TWA) am New York International Airport ein Versprechen auf die Zukunft: Wie kaum ein anderes Gebäude verkörpert dieses Architekturjuwel den Pioniergeist der frühen Sechziger. US-Präsident John F. Kennedy lebte noch, der technische Fortschritt elektrisierte die Menschen, der Massentourismus erlebte eine erste unschuldige Blüte. Und die schwungvolle, optimistische Architektur des Terminals, dessen Silhouette der eines fliegenden Raubvogels nachempfunden ist, wurde auf Anhieb zu einem Symbol dieses Zeitgeistes.

Der damalige Besitzer von TWA, der Business-Tycoon und Filmproduzent Howard Hughes, war vom Fliegen und der Geschwindigkeit regelrecht besessen. Hughes hatte in Hollywood gelernt, dass es nicht reicht, eine gute Idee zu haben – man muss sie auch mit großen Gesten in die Realität umsetzen. Deshalb engagierte er den in Finnland geborenen Architekten und Designer Eero Saarinen – er war Hughes als Schöpfer des „Gateway Arch“, eines schwindelerregend hohen Betonbogens in St. Louis aufgefallen. Im Mai 1962, wenige Monate nach dem Tod des Architekten und eineinhalb Jahre vor der Benennung des Flughafens nach Kennedy, wurde Saarinens Terminal 5 eröffnet.

Wiedergeburt einer Ikone
© Max-Touhey
Wiedergeburt einer Ikone
© Max-Touhey
Wiedergeburt einer Ikone

Nostalgie: Der TWA-Terminal wurde sehr
behutsam saniert – wie dieses Bild der Sunken Lounge von 1962 zeigt

© Balthazar Korab
Wiedergeburt einer Ikone

Unübersehbar: die Ähnlichkeit mit der Silhouette eines Vogels

© Max-Touhey

 Seit 1994 steht der Bau unter Denkmalschutz. Als die TWA 2001 vom Markt verschwand, wurde er stillgelegt. Genutzt wurde er seither allenfalls als Filmkulisse, etwa für Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“. Jetzt wurde der Terminal vom Architekturbüro Beyer Blinder Belle detailgetreu saniert und behutsam in die Lobby des neuen TWA Hotels verwandelt. Es ist damit keineswegs die einzige Umnutzung ikonischer Flughafenbauten. Das Gebäude des Berliner Flughafens Tempelhof wartet zwar seit dessen Schließung 2008 auf ein trag­fähiges Konzept für die neoklassizistische Architektur von Ernst Sagebiel. Doch immerhin wird das Tempelhofer Feld, auf dem ehemals die Flugzeuge starteten und landeten, als eine der weltgrößten innerstädtischen Freiflächen rege genutzt. Hongkongs alter Flughafen Kai Tak – berüchtigt für halsbrecherische Landemanöver mit scharfer Rechtskurve über Kowloon sowie tropische Winde auf der Landebahn – wurde 2013 nach Plänen des Architekten Norman Foster als Kreuzfahrtterminal neu eröffnet. Und in Austin befindet sich am Fuß des schattenspendenden Browning Hangar auf dem stillgelegten Mueller Airport ein Park.

Wiedergeburt einer Ikone

Leichtbau: Schwebende Stege und Treppen führen zu den Cafés und Bars der Lounge

© David Mitchel
Wiedergeburt einer Ikone

Saarinens Womb Chair

© David Mitchel

 Geht es aber um die Neuerfindung eines legendären Airport-Gebäudes, schlägt das TWA Hotel in ästhetischer Hinsicht jedes andere Projekt. Bis ins Detail wird die Ambition sichtbar, den Geist einer prägenden Design- und Luftfahrt-Ära ins Heute zu überführen. Unter dem Flügeldach öffnet sich großzügig die Halle mit ihren geschwungen Formen – es gibt im gesamten Gebäude keine geraden Linien, kaum einen rechten Winkel. Weiß- und Grautöne treffen auf ein satt-dunkles Chili-Rot, das die Hausfarbe der TWA zitiert. Die Fensterfront gab früher den Blick auf die Startbahn frei. 1965 sahen kreischende Fans von hier die Beatles aus einer TWA-Maschine steigen, heute steht dort eine Lockheed Constellation, umfunktioniert zu einer Bar. Bei deren Gestaltung arbeitete das Hotel mit Lufthansa zusammen, denn das legendäre Propellerflugzeug ist eng mit der Geschichte von Lufthansa verknüpft: 1957 übernahm die Airline die ersten „Connies“ – und es waren Maschinen dieses Typs, auf denen Lufthansa zwischen Deutschland und New York seinen „Senator“-Dienst in der First Class einführte. Lufthansa wird im TWA Hotel außerdem einen ihr gewidmeten Konferenzraum erhalten. In der Lobby gibt der Concierge in Pilotenmontur Auskunft, an den Check-in-Schaltern werden die Gäste von Mitarbeiterinnen in nostalgischen Stewardessen-Uniformen empfangen. Im Halbrund der zentralen Sunken Lounge, möbliert mit Saarinens „Tulip“-Hockern und „Pedestal Tables“, werden Cocktail-Klassiker der Sechziger serviert. Für das Essen im Café Paris ließt sich Sternekoch Jean-Georges Vongerichten von den Speisekarten der TWA Royal Ambassador First Class inspirieren.

Die mit Walnussholz vertäfelten Hotelzimmer befinden sich übrigens nicht im Terminal, sondern in zwei neuen, siebenstöckigen Anbauten – schallisoliert und stilgerecht eingerichtet mit „Womb Chair“, Wählscheiben-Telefon und Martini-Bar. Ach ja, der Zimmerpreis? Ist durchaus erschwinglich – die Übernachtung kostet ab 249 Dollar (etwa 220 Euro). Das Hotel bietet sogar ein Angebot für Aufenthalte von wenigen Stunden. Wer sich nur kurz frisch machen will, sollte Saarinens Terminal auf jeden Fall aufs Dach steigen: Vom Infinity-Pool hat man eine spektakuläre Aussicht auf eine Startbahn.

Wiedergeburt einer Ikone
© action press

KAI TAK AIRPORT
HongKong


Der wegen des schwierigen Anflugs berüchtigte Flughafen wurde 1998 stillgelegt. Star-Architekt Norman
Foster entwarf den 2013 eröffneten Cruise Terminal mit einem Park auf dem Dach. Von hier aus hat man einen spektakulären Blick auf die Stadt.

 

Wiedergeburt einer Ikone
© Larry D. Moore

BROWNING HANGAR
Austin, Texas


Teile des stillgelegten Mueller Airport wurden in einen Park mit Joggingpfad, Open-Air-Bühne und einem
kleinen See umgewandelt. An heißen Tagen spendet der Browning Hangar Schatten für Boule-Spieler und
Food Trucks.

 

Wiedergeburt einer Ikone
© Michael Reitz

TEMPELHOF
Berlin


Areal und Gebäude des Flughafens werden seit seiner Schließung 2008 für Veranstaltungen wie das Lollapalooza Festival 2015 genutzt. Das Tempelhofer Feld – eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt – ist bei Berlinern und Touristen gleicher­maßen beliebt.