Skytalk: Klar, laut und stark
© Katharina Poblotzki

Klar, laut und stark

  • FOTOS KATHARINA POBLOTZKI
  • INTERVIEW THILO KOMMA-PÖLLATH

Ashley Bouder, 35, Primaballerina des New York City Ballet, ist eine weltberühmte Tänzerin, wortstarke Feministin – und für ihr Metier sehr meinungsfreudig. Ein Gespräch über Gleichberechtigung, Mobbing und Mutterschaft im Spitzen-Tanz.

Ms. Bouder, wer Sie noch nie hat tanzen sehen – wie würden Sie ihm Ihren Stil beschreiben?

Athletisch, kraftvoll, autark. Auf der Bühne war ich schon immer sehr selbstbewusst, da weiß ich genau, was ich will. Und ich war schon als Kind so. Die ersten Bewegungen im Ballettunterricht fühlten sich für mich von Beginn an völlig normal und natürlich an. Mein erster Ballettlehrer hat zu mir gesagt: Eines Tages wirst du eine Primaballerina. Ich weiß nicht, ob er das ernst gemeint hat, aber ich habe ihm das einfach mal geglaubt … (grinst)

Sie kommen aus Pennsylvania und haben mit sechs Jahren im Jugendballett begonnen. Ist das nicht zu früh?

Stimmt, in meinen Ballettklassen war ich meist zwei, drei Jahre jünger als die anderen. Da wird man als kleines Mädchen ziemlich herumgeschubst. Auch als ich mit 17 nach New York zum City Ballet kam und sehr schnell Hauptrollen tanzen durfte, ist mir das passiert. Wenn ich so zurückblicke, bin ich in meiner Karriere ziemlich häufig gemobbt worden. Einmal wurden mir während einer Vorstellung meine Spitzenschuhe für den zweiten Akt geklaut. Ich musste mir von einer Ensembletänzerin welche leihen. Kann man sich das vorstellen?

Womöglich sind Sie deshalb nicht nur eine berühmte Primaballerina, sondern auch eine bekennende Aktivistin. Es ist in der Welt der Künste oder im Spitzensport sehr selten, dass sich jemand politisch so stark positioniert – warum Sie?

In der Schule hatte ich Politik als Hauptfach, das erklärt es vielleicht. Es hat mich immer sehr interessiert, was um mich herum, in meiner Welt, meinem Land, meiner Stadt, in meinem Beruf, passiert. Und dass ich mich einmischen will, wenn es in meiner Macht steht. Ich will stark, laut und klar sein und nicht alles hilflos über mich ergehen lassen. Gerade in Zeiten von #MeToo und #TimesUp hat das Ballett die Chance, sich zu erneuern und auf die Bühne einer modernen Gesellschaft zu springen. Es wäre dringend nötig.

Skytalk: Klar, laut und stark

Abgehoben: Ashley Bouder zeigt den Grand jeté in Perfektion

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Das Motto Ihres Instagram-Accounts lautet: „Ballerina. ­Feministin. Gleichstellungaktivistin“.

Je stärker ich über die Geschlechterfrage und Gleichberechtigung nachdachte, desto stärker sind mir all die Ungleichheiten im Ballett aufgefallen. Dabei geht es mir nicht nur um mich selbst. In meiner Karriere habe ich viel Glück gehabt, zugleich fühlte ich mich als Frau zurückgesetzt. Gerade was meine Führungsrolle in der Welt der Kunst betraf, die vor allem von Männern regiert wird. Auch deshalb habe ich das Ashley Bouder Project gegründet: Ich möchte eines Tages Direktorin einer großen, namhaften Ballettkompanie werden können und nicht von oben herab wie das kleine naive Ding geschurigelt werden, dem man einen Klaps auf die Schulter gibt und mit verstellter Stimme sagt: „Liebling, das ist aber toll. Das willst du wirklich werden?“ Dieser Ton, wenn man mich nicht ernst nimmt, der geht mir wirklich unter die Haut.

Was fordern Sie?

Es geht mir um Gleichberechtigung, mehr nicht. Die Leute denken immer, Frauen wollten die Welt neu aufteilen oder gleich die Männer auffressen. Unsinn! Lasst uns Frauen aufs gleiche Level stellen. Gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung, gleiche Chancen. Da sind wir noch lange nicht. Kennen Sie Osiel Gouneo?

Sie meinen den Ersten Solisten des Bayerischen Staats­balletts in München. Warum fragen Sie?

Im April haben wir in München gemeinsam getanzt, den zweiten Akt des Balletts „Jewels“ von George Balanchine. Kein klassisches Mann-beschützt-Frau-Pas-de-Deux, sondern Ausdruckstanz zweier starker, unabhängiger Charaktere, interpretiert von einem fantastischen dunkelhäutigen Tänzer aus Kuba und einer amerikanischen Feministin. Das ist zeitgemäßes Ballett.

Werden Sie genauso bezahlt wie Ihre männlichen Kollegen?

Ich will es hoffen, aber ich weiß es nicht. Über Geld spricht im Ballett niemand. Tänzer verdienen jedenfalls nicht das Gleiche wie Sportstars, das gehört zur Ungleichheit dazu.

Sie beschreiben das Ballett als letzte nonverbale Kunstform, in der von den Künstlern erwartet wird, schön zu tanzen und ansonsten den Mund zu halten. Ist es so schlimm?

In der traditionellen Welt des Balletts funktioniert das Patriarchat noch. Die allermeisten Kompanien werden von Männern geführt, die Choreografen sind meist Männer, die Musik, zu der wir tanzen – ist von Männern. Die Stereotypen, die in der Gesellschaft allmählich aufbrechen: Im Ballett sind sie noch intakt. Es ist doch ziemlich schockierend, dass ich seit 20 Jahren beim City Ballet bin und noch nie zur Musik einer Komponistin getanzt habe. Im gesamten Repertoire gibt es nur zwei Musik­stücke, die von Frauen geschrieben wurden, und wir tanzen sie nicht mehr, weil die Choreografie nicht sehr anspruchsvoll ist. Im Grunde haben wir nichts.

Skytalk: Klar, laut und stark

Auf Instagram gepostet: Kunst und Kind, Athletik und Ausdruck - Ashley Bouders Leben hat viele Facetten

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Auf der Bühne Prinzessin, im Leben Feministin, das schließt sich nicht aus

Ashley Bouder, Balletttänzerin

Haben Sie auch deshalb Ihr eigenes Projekt gegründet?

Wenn ich zu neuer Musik von Frauen tanzen will, dann muss ich es selbst auf die Beine stellen. Ohne uns oder etwa die Virginia B. Toulmin Foundation, die Geld gibt, bekommen Frauen keine Kompositionsaufträge, wir kennen oft nicht einmal ihre Musik. Meine eigenen Choreografien werde ich sicher nicht mehr zur Musik eines männlichen Komponisten machen. Der braucht uns nicht, die Frauen brauchen uns.

Peter Martins, der langjährige Chef des New York City Ballet, trat 2018 nach Belästigungsvorwürfen zurück. Als Choreograf arbeitet er immer noch am Haus und hat Sie Anfang des ­Jahres nach fast zehn Jahren als Erstbesetzung bei „Dorn­röschen“ gestrichen. Schlägt das System zurück?

Das kann man eine Vergeltungsmaßnahme nennen. Der Versuch, eine selbstbewusste Frau und Tänzerin kleinzukriegen. Und das passiert immer wieder. Ich bin sicher einigen Leuten mächtig auf die Füße gestiegen …

Haben Sie gar keine Angst um Ihre Karriere?

Mit solchen Leuten möchte ich gar nicht arbeiten. Ich bin schon so lange auf der Bühne, ich habe keine Angst mehr davor, wenn mich jemand bestrafen will. Ich kann das, was ich gesagt habe, eh nicht mehr zurücknehmen. Das mag naiv sein, aber ich denke, wenn ich den Finger in die Wunde lege, wenn ich solche Dinge öffentlich mache, dann werden sie aufhören. Ich fühle einfach zu stark, dass sich die Dinge ändern müssen.

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Am Boden: Bouder nach Auftritt mit einem Regenerationssystem für die Beine

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Wie reagieren Ihre Tänzerkolleginnen?

Gerade die jungen, die in mir eine Art Mentorin sehen, sind sehr dankbar. Die Jungen sollen sehen: Wenn ich als Primaballerina, die auf der ganzen Welt auftritt, keine Angst haben muss, dann können sie dasselbe tun. Aber es gibt immer noch erstaunlich viele Tänzerinnen, die kein Problem mit dem patriarchalen System haben. Die sehen nur sich und ihre Karriere und wollen keine Veränderung. Für so viel Borniertheit fehlt mir jedes Verständnis.

Und lassen sich die Strukturen verändern?

Es bricht was auf, das merkt man. Es gibt Bemühungen, Choreografinnen ans Haus zu holen, auch Initiativen zu Themen wie Diversität und Geschlechtergerechtigkeit. Das ist ein Anfang, um aber Gleichberechtigung herzustellen braucht es mehr. Nur ein Beispiel: Ich übe im Studio, ein Choreograph bittet mich um eine bestimmte Hebung und ich sage, das ist zu gefährlich, das will ich nicht machen. Er ist frustriert und aufgebracht. Wie soll ein Mann auch wissen, was in Spitzenschuhen möglich ist und was nicht? Dafür bräuchte es ein größeres Wissen über die Mechanik des menschlichen Körpers. Es wäre wunderbar, wenn wir Tänzer ein größeres Mitspracherecht bei den Proben hätten.

Dass Spitzentänzerinnen heute nicht mehr auf Mutterschaft verzichten müssen, das hat sich im Vergleich zu früher geändert. Sie haben vor drei Jahren ihre Tochter Violet Storm bekommen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich poste viel über mein Leben als Mutter und als Tänzerin, und die Botschaft ist: Du kannst beides sein – eine aufmerksame Mutter, die für ihr Kind da ist, und eine Balletttänzerin auf Topniveau. Körper und Geist schaffen das, du hast nur ein kleines bisschen weniger Schlaf (lacht). Die Geburt hat mich noch entschlossener gemacht, mich für die Belange der Frauen einzusetzen. Ich möchte nicht, dass meine Tochter dieselben Erfahrungen machen muss wie ich. Sie soll ihre Ambitionen und Gefühle nicht hinten anstellen müssen, nur weil Männer es so wollen – egal, ob in der Ballettwelt oder im wirklichen Leben.

Das Sprachrohr einer stummen Kunst zu sein, muss anstrengend sein.

Im Gegenteil, es gibt mir Energie. Es gibt mir einen guten Grund zu tanzen. Ich bin Feministin, aber ich liebe Tutus, Tiaras und das Glitzern – das heißt aber nicht, dass sich jemand um mich kümmern oder mir die Tür aufhalten muss. Ich verdiene mein eigenes Geld, in meiner Ehe bin ich gleichberechtigt. Auf der Bühne Prinzessin, im Leben Feministin, das schließt sich nicht aus. Ich bin eben eine moderne Prinzessin.