Im Skytalk-Interview: Benicio Del Toro
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„Hauptsache dein Ego kocht nicht über”

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Mit dem Drogenthriller »Sicario 2« festigt Benicio Del Toro sein Image als harter Hund. Doch der Puerto Ricaner hat nicht vergessen, wie er für diesen Status kämpfen musste.

Mr. Del Toro, das Thema der Drogenkriminalität durchzieht Ihre Karriere wie ein roter Faden. Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit diesem schwierigen Thema?

Es ist nicht so, dass ich oder meine Familie direkt davon betroffen wären. Ich behaupte aber, dass die dauerhafte Präsenz dieses Problems ein Zeichen dafür ist, dass es zu den großen Dramen unserer Zeit zählt. Vielleicht ist es sogar der wichtigste internationale Konflikt unserer Generation.

Das erklärt aber noch nicht, warum Sie – von „Traffic“ über „Escobar“ bis hin zu den „Sicario“-Filmen – in praktisch allen großen Drogenthrillern mitspielen.

Ich bin einfach ein Kind dieser Generation, und natürlich spielt auch meine hispanische Herkunft eine Rolle. Das Wichtigste dabei ist für mich aber, dass meine Rollen in diesen Filmen so komplett verschieden waren. Ich habe Ermittler ebenso wie eiskalte Killer gespielt, den Drogenboss wie den Kleinkonsumenten. Es gibt wohl keinen Aspekt des Drogenkriegs, den ich nicht kenne. Ich verstehe alle diese Männer, jeden einzelnen, jeden auf seine Weise.

Der hoch gelobte Thriller „Sicario“ von 2015 mit Ihnen in der Hauptrolle war die Verfilmung eines Romans, der gar keine Fortsetzung hat. Waren Sie erstaunt, als Sie erfuhren, dass die Story im Kino weitergesponnen wird?

Nicht nur erstaunt, auch etwas besorgt. „Sicario“ war etwas Besonderes, so etwas dreht man nicht alle Tage. Der Anspruch an eine Fortsetzung war also hoch – und ich entsprechend skeptisch. Andererseits hatte ich Vertrauen in Taylor Sheridan, den Drehbuchautor. Als sein Skript fertig war, lösten sich meine Zweifel endgültig in Luft auf. Denn mehr noch als im ersten Film fand ich hier Szenen, bei denen mir echt der Atem stockte.

Was reizte Sie an dieser Rolle des zwielichtigen Agenten Ale­jan­dro Gillick, der tief in das organisierte Verbrechen im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA verstrickt ist?

Ich finde es immer am spannendsten, Figuren zu spielen, die wenig mit mir selbst zu tun haben. Das trifft hier definitiv zu, denn ich habe noch niemanden umgebracht und auch ganz sicher nicht vor, es zu tun. Außerdem hat mich die Schweigsamkeit dieses Mannes interessiert, so etwas ist für einen Schauspieler immer attraktiv. Vielleicht liegt es mir auch ein bisschen im Blut, Ordnungshüter zu spielen: Mein Großvater väterlicherseits und einige seiner Brüder waren Polizisten. An „Sicario 2“ gefiel mir aber auch, dass Gillick ein paar Facetten zeigt, die der erste Film nicht offenbart hat.

Es ist schon auffällig, wie oft Sie als Schurke oder fragwürdige Figur besetzt werden. Fühlen Sie sich nicht festgelegt?

Nein, kein bisschen. Ich habe wirklich nicht das Gefühl, dass sich meine Figuren über einen Kamm scheren lassen, selbst wenn das häufig nicht die sympathischsten Kerle sind. Und selbst wenn! Das Entscheidende bei der Arbeit ist für mich sowieso, dass ich von großartigen, talentierten Menschen umgeben bin.

Leidenschaftlicher Revolutionär: Del Toro in der Titelrolle von "Che" (2008)

Leidenschaftlicher Revolutionär: Del Toro in der Titelrolle von "Che" (2008)

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Das klingt so bescheiden. Dabei heißt es doch, Schauspieler seien nichts ohne eine ordentliche Portion Ego …

… was ja auch nicht verkehrt ist. Es darf nur nicht zu viel sein. Wenn dein Ego überkocht, brennt alles an und wird ungenießbar. Wobei man Ego auch nicht mit Selbstbewusstsein verwechseln sollte. Denn das ist für einen Schauspieler unerlässlich.

Daran dürfte es einem Oscar-Preisträger wie Ihnen nicht mangeln. Aber woher haben Sie dieses Selbstbewusstsein früher bezogen, als junger, aufstrebender Schauspieler?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich es wohl eine Weile aus meiner Dummheit geschöpft, oder sagen wir: aus meiner Ignoranz. Über vieles gar nicht nachzudenken kann Wunder wirken. Und manche Hürde ist viel leichter zu nehmen, wenn man gar nicht merkt, dass es sie überhaupt gibt.

Als Latino startet Mann Hollywood automatisch aus der letzten Reihe

Spielen Sie auf Ihre Herkunft an? Sie stammen aus Puerto Rico, und Latinos stehen in Hollywood die Türen bekanntlich nicht gerade sperrangelweit offen …

Das kann man wohl sagen. Aber ich bin natürlich nicht der erste Latino, der sich in Hollywood durchgebissen hat, außerdem haben mich auf diesem Weg viele Menschen unterstützt. Doch man muss auch nichts beschönigen: Meine Herkunft war in diesem Job ein Nachteil. Als Latino startet man in Hollywood automatisch aus der letzten Reihe.

Hat der Erfolg das irgendwann ausgeglichen?

Klar ist es mit den Jahren leichter geworden. Ich habe viele faszinierende Figuren spielen dürfen, von denen längst nicht alle Latinos waren. Und das ist es ja, worum es jenseits von Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht geht: komplexe, interessante Rollen. Aber es ist für Latinos auch heute noch schwer, ich muss noch immer gegen Klischees ankämpfen, selbst wenn sich Hollywood langsam öffnet, was das betrifft.

Als Puerto Ricaner sind Sie seit Geburt US-Bürger. War der Umzug in die Vereinigten Staaten dennoch ein Kulturschock für Sie?

Absolut! Ich kam mit 13 Jahren nach Pennsylvania. Meine Mutter war ein paar Jahre zuvor gestorben, mein Vater steckte mich ins Internat, aber ich sprach kaum Englisch. Um mich mitzuteilen, blieb mir nur der Sport – Basketball wurde zu meiner Sprache. Später kam die Musik dazu, dann die Malerei.

Und schließlich die Schauspielerei?

Genau. Die eignet sich am besten, Emotionen auszudrücken. Mein Vater war trotzdem wenig begeistert, als ich ihm meinen Berufswunsch offenbarte. Schön und gut, dass ich dafür aufs College ging, aber ihm erschien das alles viel zu vage. Wer Jura studiert, wird Anwalt; wer Medizin studiert, wird Arzt. Aber wenn man Schauspielerei studiert, ist der Weg auf jeden Fall weniger deutlich vorgezeichnet. Damals fand ich diese Befürchtungen grausam eng­stirnig. Ich muss aber gestehen: Seit ich selbst Vater bin, kann ich sie mehr und mehr nachvollziehen.

Auf der Flucht: Del Toro mit Isabela Monet in "Sicario 2"

Auf der Flucht: Del Toro mit Isabela Monet in "Sicario 2"

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