Skytalk: Alicia Vikander
Marc Hom/Trunk Archive

„Ich wusste, der Akzent muss weg!”

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Alicia Vikander gehört zu den Shooting-Stars in Hollywood. Im Interview spricht die Schwedin über Meeresforschung, die Liebe zum Actionfilm und peinlichste Momente.

Frau Vikander, hat es Sie ein wenig überrascht, wie schnell sich für Sie als Schwedin eine Weltkarriere ergeben hat?

Einerseits ja, denn es ist ja nicht die Regel, dass man als euro­päische Schauspielerin die Chance bekommt, an so vielen tollen US-Projekten mitzuwirken und sogar einen Oscar zu gewinnen. Da kann ich mich sehr glücklich schätzen. Andererseits hat sich die Filmindustrie in den letzten Jahren stark verändert. Es geht um Globalisierung, Ländergrenzen werden immer unwichtiger, und nach Talenten wird überall intensiv gesucht.

Ihr exzellentes Englisch dürfte dabei sehr geholfen haben …

Stimmt, Sprache ist am allerwichtigsten. Da bin ich 2012 bei meinem ersten englischsprachigen Film „Anna Karenina“ ins kalte Wasser gesprungen. Seitdem habe ich intensiv an meinem Akzent gearbeitet, es war verdammt schwer. Ich wusste, genau das ist der Knackpunkt: Wenn ich es schaffen würde, den Akzent loszuwerden, fand ich, müsste es auch mit einer Karriere außerhalb Schwedens klappen.

Mittlerweile bekommen viele Menschen gar nicht mehr mit, dass Sie keine Muttersprachlerin sind, oder?

Das ist das Ziel! 2014 spielte ich in „Testament of Youth“ eine Krankenschwester im Ersten Weltkrieg, eine Britin, die es wirklich gab – das war der Härtetest. Weil ich so lange nicht mehr in meiner Heimat gearbeitet habe und so selten bei meinen Eltern bin, habe ich manchmal das Gefühl, ich würde jetzt besser Englisch als Schwedisch sprechen. Es ist schon passiert, dass mich schwedische Journalisten interviewt haben und mir ein paar simple Ausdrücke nicht eingefallen sind. Total peinlich!

Alicia Vikander und James McAvoy in „Grenzenlos“

Alicia Vikander und James McAvoy in „Grenzenlos“

© action press

Sie sind nicht erst seit Ihrem Oscar-Gewinn für „The Danish Girl“ sehr gefragt. Was reizte Sie an einem eher kleinen Film wie dem Romantik-Thriller „Grenzenlos“?

Zunächst gefiel mir natürlich die Aussicht, mit Wim Wenders zu arbeiten. Er ist ein Regisseur, den ich schon seit meiner Jugend sehr bewundere. Und ich mochte das Buch. Ich fand die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wurde, ungewöhnlich und mutig. Zum Beispiel konnte ich im Drehbuch auf den ersten Blick gar keine eindeutige Chronologie erkennen.

Ging es Ihnen mehr um die Struktur als um die Geschichte?

Nein, das wäre übertrieben. Auch die Geschichte selbst hat mich begeistert. Und zwar nicht nur weil meine Figur den tiefsten Meeresgrund erforscht und man auch als Zuschauer begreift, dass es dort unten eine ganz eigene Welt zu entdecken gibt, von der wir überhaupt keine Ahnung haben. Sondern auch weil die beiden Protagonisten – also „meine“ Biomathematikerin und James McAvoys Geheimagent – wie Yin und Yang sind.

In welcher Hinsicht?

Sie ist fest in der Welt der Wissenschaft verankert, er in seinem religiösen Glauben. Ihre Wege kreuzen sich, aber ansonsten sind die beiden in völlig unterschiedliche Richtungen und auf total verschiedenen Pfaden unterwegs – wenn auch mit der gleichen Hingabe und Entschlossenheit. Darin lassen sich jede Menge Metaphern über unsere Welt entdecken, finde ich. In dieser Geschichte werden viele politische und gesellschaftliche Themen angeschnitten, die uns umtreiben.

Haben Sie als Vorbereitung auf diese Rolle auch wissenschaft­liche Recherchen betrieben?

Ich würde mich nicht als Expertin in Sachen Biomathematik oder Tiefseeforschung betrachten. Aber ich habe mich vor den Dreharbeiten mit Wissenschaftlern getroffen, um zumindest ein Gefühl für ihre Arbeit zu bekommen. Dass in 10 000 Meter Tiefe Tiere existieren, ist ungeheuer faszinierend. Und wir Menschen kommen dort einfach gar nicht vor. Die Erkenntnis, dass wir eben doch noch nicht jeden letzten Winkel der Erde erobert haben, finde ich sehr wichtig. Denn sie erinnert uns daran, dass nicht nur wir Menschen und andere Säugetiere wichtig sind, sondern jedes einzelne Lebewesen auf diesem Planeten. Dass es Wissenschaftler gibt, die sich um deren Schutz bemühen, ist wunderbar.

Verführerischer Android: Alicia Vikander in „Ex Machina“ (2014)

Verführerischer Android: Alicia Vikander in „Ex Machina“ (2014)

© action press

Ich hoffe sehr, dass wir Mutter Natur künftig besser schützen

Es ist offenbar, dass es um die Natur und unser Ökosystem nicht besonders gut steht. Spüren Sie Angst vor der Zukunft?

Ehrlich, ich sehe schwarz – und hoffe natürlich, dass ich mich irre. Meine große Sorge ist, dass die Menschen nichts an ihrem Lebensstil ändern, weil sie die Folgen für die Umwelt eben nicht unmittelbar sehen können. Weil diese eben erst in einigen Jahren zutage treten. Dass es tatsächlich Leute gibt, die den Klimawandel als Lüge abtun, ist erschreckend. Wobei es heutzutage, wo wir mit Nachrichten und Informationen zugeballert werden, natürlich auch ziemlich leicht ist, Erkenntnisse als falsch abzutun und zu ignorieren. Ich versuche, im Alltag möglichst Entscheidungen zu treffen, die unsere Zukunft nicht beeinträchtigen. Ich hoffe sehr, dass wir Mutter Natur künftig besser schützen.

Im Frühjahr waren Sie als Lara Croft im jüngsten „Tomb Raider“-­Film zu sehen. Der Gegensatz zur Biomathematikerin Danielle könnte kaum größer sein, oder?

Gerade deshalb hatte ich auch so große Lust auf „Tomb Raider“. So einen Film hatte ich noch nie gedreht, dabei schwärme ich für Action! Durch meine Mutter, die ja auch Schauspielerin ist, bin ich zwar mit Theater und reichlich europäischem Arthouse-Kino aufgewachsen, aber ich bin auch ein riesiger Fan von „Indiana ­Jones“. Und „Die Mumie“ mit Brendan Fraser habe ich als Elf­jährige mindestens dreimal im Kino gesehen.

Ist nun endlich die Zeit gekommen, da Actionheldinnen ganz normal sind?

Hoffentlich! Zu Beginn meiner internationalen Karriere kam 2012 „Die Tribute von Panem“ in die Kinos. Das war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich einen großen Actionfilm mit einer Frau in der Hauptrolle sah – und noch dazu wurde es ein Wahnsinnserfolg. „Wonder Woman“ im vergangenen Jahr hat das dann noch mal bestätigt. Das ist eine echte Wende, und es passiert ja nicht nur im Filmgeschäft, sondern in allen Branchen.