India Mahdavi in ihrem Studio in der Nähe des Musée d’Orsay in Paris

Leben in Farben

  • FOTOS ALEX CRÉTEY SYSTERMANS
  • INTERVIEW HEIKE BLÜMNER

Die Designerin India Mahdavi sammelt seit ihrer Kindheit Farbeindrücke. Aus ihnen entwirft sie Interieurs, die sie weltberühmt gemacht haben.

Ein Gespräch über satte Töne, Gastfreundschaft und fehlende Visionen

Die Architektin und Designerin India Mahdavi gehört zu den Superstars ihrer Zunft. Bekannter als sie selbst sind aber ihre Interieurs, die auf Instagram auf Heavy Rotation laufen: der fluffig-elegante Speiseraum in Marshmallow-Pink des Londoner Restaurants The Gallery at Sketch zum Beispiel. Oder die Innenausstattung der französischen Nobel-Konditorkette Ladurée in Genf, Tokio und Los Angeles. Oder zahlreiche ikonische Hotels wie das Claridge’s in London und das Monte-Carlo Beach in Monaco. Mit ihren überwältigenden Farbeffekten aus mono­chromen Flächen und in außergewöhnlichen Kombinationen hat Mahdavi vor 20 Jahren den Spaß und den Willen zur Inszenierung in das Interieurdesign zurückgebracht. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran und empfängt in orangefarbener Bluse auf einem lila Samtsofa sitzend in ihrem Pariser Atelier. In den verwinkelten Räumen herrscht reges Treiben: Am Abend wird Mahdavis erste Kollektion mit dem traditionsreichen Pariser Wandfarbenhersteller Mériguet-Carrère gelauncht. Wenn es nach dem Willen der Designerin geht, soll nun auch privat das bunte Zeitalter anbrechen.

Frau Mahdavi, Sie sind im Iran geboren, in den USA und Frankreich aufgewachsen und haben kurz in Deutschland gelebt. Welche farblichen Eindrücke haben Sie aus den jeweiligen Ländern mitgenommen?

Als ich in die USA zog, war ich noch klein, und damals, Mitte der 1960er-Jahre, war der Farbfernseher die große Erfindung. Schon morgens liefen dort Tex-Avery- und Walt-Disney-Cartoons in diesen poppigen Tönen. Für mich gibt es eine Verbindung zwischen diesen Farben und meinem Kindheitsglück. Von den USA zogen wir nach Heidelberg, und das war so, als hätte jemand den Kanal von Farbe auf Schwarz-Weiß gewechselt. Für meine Familie war das nicht das Richtige. Deshalb zogen wir nach Südfrankreich. Damit kam der Sonnenschein in mein Leben zurück und dazu die französische Kultur, die völlig anders war als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Als Kind musste ich das alles verarbeiten, und bei mir geschah das vor allem durch das Malen.

Ihr besonderer Sinn für Farben vermittelt sich auch über die Sprache. Ihre Wandfarben tragen Namen wie „Je rougis“ (ich erröte), „Voyage au bout de la nuit“ (Reise ans Ende der Nacht) oder „Subway“ (U-Bahn). Wie kommen Sie darauf?

Wenn ich mir Farben anschaue, habe ich stets eine Assoziation, die über das Unmittelbare hinausgeht. Ich mag es, wenn sie eine Persönlichkeit haben. Für mich sind Farben wie Menschen, und ich erwecke sie zum Leben – auch durch Sprache.

Gibt es schwierige Persönlichkeiten unter den Farben?

Die Schwierigkeit liegt darin, wie man sie miteinander kombiniert. Darum geht es mir. Denn Räume sind ja nicht leer. Möbel, Kunst, alles muss berücksichtigt werden, und Farbe ist nur ein Element von vielen. Das Ganze ist wie ein Kochrezept. Eine Zutat macht noch keinen Kuchen.

Viele Leute, die Farbe an die Wände ihrer Wohnung bringen wollen, haben Angst, Fehler zu machen. Was raten Sie?

Das ist in der Raumgestaltung wie in der Mode: Es ist einfacher, sich schwarz anzuziehen, als sich bunt zu kleiden. Dann muss nämlich darauf geachtet werden, dass alles gut zueinander passt. Deshalb habe ich meine Farben entwickelt. Sogar Weißtöne sind kompliziert. Da gibt es ein Weiß für den nach Norden ausgerichteten Raum und ein Weiß für den nach Süden ausgerichteten. Das Nordweiß ist weißer, im Südweiß ist ein Hauch Beige. Ein weiches Pink ist immer toll im Schlafzimmer.

Showroom: In der Pariser Rue Las Cases stellt die Designerin in mehreren Räumen ihre farbgewaltigen Interieurs aus

Showroom: In der Pariser Rue Las Cases stellt die Designerin in mehreren Räumen ihre farbgewaltigen Interieurs aus

Unabhängig von der Farbwahl wecken Ihre Interieurs stets Freude. Lässt sich gute Laune planen?

Ja, ich kann das. Dazu kommt eine Prise kalkulierte Nostalgie, die sich auf die glücklichen Jahre meiner Kindheit bezieht.

Ich sehe auch Referenzen zum „Hollywood-Regency-Stil“, zum unbeschwerten Glamour aus der Blütezeit der Filmstudios.

Auf jeden Fall. Mein Stil ist kinematografisch und auf gewisse Weise sogar comichaft, stilisiert und vereinfacht. Es ist eine übertriebene Realität, in der jeder der Schauspieler seines eigenen Films sein kann.

Sie haben die Interieurs zahlreicher Hotels entworfen und damit auch eine neue Ära des Reisens eingeläutet.

Mir ging es darum, Gastfreundschaft neu zu erfinden, um den Austausch zwischen den lokalen Besonderheiten und dem Gast zu fördern. Das erste Hotel, das ich unter meinem eigenen Namen eingerichtet habe, war vor 20 Jahren das Townhouse Hotel in Miami. Es war eines der ersten schicken, aber günstigen Hotels, und es hatte viele witzige Elemente: Zum Beispiel war die Dachterrasse zu klein für einen Pool, deshalb stattete ich sie mit übergroßen roten Wasserbetten aus, die mit Sprinklern berieselt wurden. Es gab keinen Speisesaal, sondern eine Küche, in der die Gäste sich am Büfett bedienen konnten.

Klingt so, als hätten Sie das Millennial-Hotel erfunden.

Es war supermodern für diese Zeit. Und darauf folgten viele weitere Hotels. Ich möchte mit dem Interieur eine Geschichte erzählen und den Flair des Ortes übersetzen. In Miami war das Motto „Meer, Sex und Sonne“ gepaart mit einem Schuss Neu-England. Bei meinen Hotelprojekten habe ich außerdem darauf geachtet, mit lokalen Handwerkern zusammenzuarbeiten und eine kleine Boutique einzuplanen, in der kunsthandwerkliche Souvenirs und Objekte verkauft werden. Ich mag es, wenn Hotels kleine, kulturelle Zentren sind.

Am Eingang ihres Studios empfängt Mahdavi in lässiger Pose als 3-D-Figur

Am Eingang ihres Studios empfängt Mahdavi in lässiger Pose als 3-D-Figur

 Poppige, knallige Farben gehören zum Glück meiner Kindheit

India Mahdavi, Designerin

 

Heutzutage gehören derlei Designkonzepte in der ambitionierten Hotellerie zum guten Ton. Sie haben sich jedoch aus dem Geschäft etwas zurückgezogen.

Ich werde immer noch angefragt, aber früher wurde ich von Hoteliers mit einer starken Vision beauftragt, die wir gemeinsam weiterentwickelten. Heute steht die gesamte Architektur schon fest, und dann möchte man, dass ich die Dekoration mache. Die Hotelbranche hat sich zu einer Industrie entwickelt. Oft geht es nur noch um schnell und günstig.

Ihr Stil ist inzwischen oft kopiert worden.

Ja, das ist ein Problem. Aber in Frankreich heißt es: „Kein Erfolg ohne Kopie.“ Es ist ärgerlich, aber man muss einfach weiter­­machen.

Einer von Mahdavis Showrooms

Einer von Mahdavis Showrooms

Worauf achten Sie bei der Gestaltung von Privathäusern?

Sie sind wie Porträts. Ich muss verstehen, wer die Bewohner sind, wie sie leben wollen. Dann höre ich auf das Gebäude – auch das hat viel zu erzählen. Es ist wie eine Gleichung, die am Ende aufgehen muss.

Gibt es in Ihrem Haus etwas, das Sie bisher nirgendwo anders realisieren konnten?

Meine Wohnung in Paris beherbergt vor allem Sedimente meines Lebens. Es gibt in dem Sinn keine Dekoration. Aber soeben habe ich mir ein Haus in Arles gekauft. Hier werde ich versuchen, meine Arbeit noch mal anders auszudrücken. Was mich interessiert, ist der Rhythmus des Raumes. Gestalter wie ich sind in der Regel empfänglicher für solche Energien. Man ­reagiert extremer auf positive wie negative Schwingungen.

Welche Räume sind für Sie problematisch?

Flughäfen zum Beispiel. Da wäre bei vielen noch ein gestalterisches Upgrade möglich – nicht nur für die VIPs.

Was würde das Wohlgefühl der Reisenden denn verbessern?

Die Materialien und Farben, die an Flughäfen genutzt werden, sind äußerst unpersönlich. Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle habe ich das Restaurant „I love Paris by Guy Martin“ entworfen, und da wurde mir erst einmal klar, mit wie vielen Regulierungen man es vor Ort zu tun hat. Aber es ist machbar.

Was empfehlen Sie für gute Schwingungen auf Reisen?

Meine Decke „Every day, everywhere“. Sie ist aus nepalesischem Kaschmir, und es gibt sie in verschiedenen Farben. Vor allem aber kann man sich richtig gut in sie einkuscheln.