Alpenluft am Bosporus

Düfte haben eine ganz besondere Wirkung. Sie lassen Bilder vor unserem geistigen Auge entstehen und rufen Erinnerungen hervor: Ein Hauch von Sonnencreme in der Luft kann dafür sorgen, dass wir Sommerwärme auf unserer Haut spüren, und der Duft von Rosen trägt uns in Gedanken auf eine Gartenbank, wo wir früher so gern auf dem Schoß des Großvaters gesessen haben.

Gerüche sind einzigartig, emotional und bewegend. Sie können uns in eine andere Welt versetzen. Oder auch in ein anderes Land. „Ich habe mich für Aromen entschieden, die an Schweizer Alpenluft und reines Gletscherwasser erinnern“, sagt Brigitte Schulthess. Die Biologin und Duft-Expertin hat für die Schweizer Hotelgruppe Swissôtel einen speziellen Duft entwickelt: einen Heimatduft, der in allen Häusern und Resorts – von Amsterdam bis Istanbul – für unverwechselbare Alpen-Atmosphäre sorgt.

Seine Essenzen stammen – selbstverständlich – direkt aus der Schweiz, wo im Kanton Bern neun engagierte Bauern Kräuter und Hölzer anbauen, um daraus ätherische Öle zu gewinnen, ein bisher einzigartiges Projekt für die Hotelindustrie. Die Idee dazu hatten die Männer, als sie eines Abends in der Sauna saßen und über die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft sprachen. Man könnte neben Ackerbau und Schweinemast doch mal etwas Neues wagen, so ihre Überlegung. Der duftende Aufguss in der Sauna brachte sie dazu, es mit Kräutern zu versuchen. Und warum nicht gleich selber destillieren und ätherische Öle herstellen? Sie träumten von blühenden Landschaften mit duftenden Lavendelfeldern und Kräuterbeeten, von einer Provence der Schweiz.

Zehn ätherische Öle gibt es inzwischen von „Suissessences“: von stimulierender Zitronenmelisse über erfrischende Minze bis zu stärkendem Muskatellersalbei. Jedes kann bis zu 100 Duftnoten enthalten.

Unter dem Namen „Pürovel“ werden die ätherischen Ölmischungen für Seifen, Shampoos, Duschgels und Lotionen in den Zimmern und Spas der Schweizer Hotelgruppe Swissôtel verwendet.

Also informierten sie sich über den Anbau von Zitronenmelisse, Schafgarbe, Ysop und Muskatellersalbei, und damit begannen sie dann 2005. Zusätzlich schafften sie sich eine kleine Destillationsanlage an und lernten Schritt für Schritt, damit umzugehen. Ihre kleine, lokale Firma nannten sie „Suissessences“.

„Als ich davon hörte, war ich sehr überrascht“, sagt Brigitte Schulthess, die Suissessences von Anfang an unterstützt hat und bis heute die ätherischen Ölmischungen zusammenstellt. „Ätherisches Öl aus der Schweiz, das hatte es bis dahin nicht gegeben.“ Die ökonomischen und klimatischen Bedingungen sprechen eigentlich dagegen. „Die Rohstoffe in der Schweiz sind beschränkt“, erklärt Schulthess, „wir haben keine typischen Duftpflanzen wie Rosen und Zitrusfrüchte.“ Im alpinen Klima wachsen Nadelhölzer wie Fichte, Douglasie und Weiß-Tanne, dazu Muskatellersalbei, Rosen- und Zitronenmelisse. Im Zentrum stehen daher frische, leichte, klare und eher herbe Düfte. „Sie verkörpern die Bodenständigkeit, Sauberkeit und Naturverbundenheit der Schweiz“, so Schulthess. Besonders in asiatischen und arabischen Ländern findet dieser Duft großen Anklang. Wenn in den Häusern von Swissôtel in Singapur oder Istanbul ein leichter Hauch von Alpenluft und Holzchalet zu spüren ist, wenn die Shampoos nach Bergkräutern riechen, fasziniert das die Gäste, die sonst eher von schweren und blumigen Gerüchen umgeben sind.

Frische, leichte, klare und eher herbe Düfte verkörpern die Bodenständigkeit, Sauberkeit und Naturverbundenheit der Schweiz

Brigitte Schulthess, Biologin und Duft-Expertin

Bereits 2010 wurde Swissôtel auf die innovative Bauerngenossenschaft aufmerksam, es entstand eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Dabei wirken die ätherischen Ölmischungen von Suissessences nicht nur im Raumduft. Unter dem Namen „Pürovel“, der aus dem Romanischen frei übersetzt „Ruhiger, fließender Bergbach“ bedeutet, werden sie auch für Seifen, Shampoos, Duschgels und Lotionen in den Zimmern verwendet. Und auch im Spa entspannen die Gäste bei einer Signature-Massage mithilfe der Kräuter und Hölzer aus dem alpinen Schweizer Garten. Dabei sind alle Produkte den Jahreszeiten und ihren Eigenschaften zugeordnet: Frühling steht für Erneuerung, Sommer für Aktivität, Herbst für Erholung, und Winter für Ruhe.

Der 28-jährige Christoph Hess, Mitglied der Schweizer Bauerngenossenschaft „Suissessences“, kümmert sich um die Destillation der ätherische Öle.

Mit großer Sorgfalt verfolgen die neun Schweizer Bauern nun schon seit über zehn Jahren ihr Projekt. Unkraut bekämpfen sie nicht mit Herbiziden, sondern entfernen es per Hand. Die Pflanzen werden vorsichtig bei Vollblüte geerntet, wenn die Aromadichte am höchsten ist, und kommen dann zu Genossenschaftsmitglied Christoph Hess, der sich um die Destillation kümmert. Erst kürzlich hat der 28-Jährige – sanftes Lächeln, kräftige Hände – den Hof seines Vaters übernommen. Hess senior gehörte zu jener Saunarunde, die Suissessences ins Leben rief – der Junior teilt nun die Begeisterung für das innovative Unternehmen. Suissessences sieht er als Beispiel dafür, wie Bauern ihre Zukunft positiv und innovativ gestalten: „Es fasziniert mich, dass wir ätherische Öle aus der Schweiz und auf biologischer Basis herstellen – es ist der richtige Weg: zurück zur Natur.“