© Bernd Jonkmanns

Back to the beats

  • TEXT ALF BURCHARDT
  • FOTOS BERND JONKMANNS

Auf Trinidad frischt eine neue Generation von Künstlern den Calypso auf – das Comeback der Volksmusik verhilft auch alten Helden zu neuem Ruhm.

Keshav Singh sitzt in seinem Studio auf der Insel Trinidad und schwelgt in großartigen Erinnerungen. Wie er –wip-pt, wie er tanzt, im vergangenen Jahr, auf der anderen Seite des Atlantiks. Was für ein Treffen beim Notting Hill Carnival in London 2017! Englische DJs und karibische Musiker standen auf der Ladefläche eines Trucks und pumpten ihre Beats gemeinsam in die feiernde Menge. Endlich waren die Experten für Partys, im Netz längst verbunden, einmal auf einer Bühne vereint. Singh schwärmt, als sei es gestern gewesen: „Es war ein Rave und eine Soca-Party zugleich.“

Sein Studio liegt im Osten von Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago – zwei Inseln, ein Staat. Gut 1,2 Millionen Einwohner, wenige Seemeilen vor der Küste Venezuelas. Urlauber landen auf dem kleinen Tobago, wo die Karibik noch aussieht wie auf Postkarten. Auf Trinidad, 25 Flugminuten entfernt, muss der Fremde nach den Stränden suchen. Hier brummt die Wirtschaft, so sehr, dass Trinidad und Tobago seit Kurzem nicht mehr als Land der Dritten Welt gilt.

 

  Ein kleiner, feiner Exportartikel der Karibik war schon immer seine Musik. In den 1980er- und 90er-Jahren begannen Musikfans aus der westlichen Welt, nach Klängen jenseits von Pop, Soul und Rock zu forschen. Abwechslung fanden sie auf den Inseln zwischen Nord- und Südamerika: Reggae auf Jamaika, Mambo auf Kuba, den Calypso auf Trinidad. Lebensfrohe Musik, befeuert von Bläsern und Steel Pans, früher alte Ölfässer, heute sorgfältig gefertigte Instrumente. „Gib einem Menschen hier ein Rhythmusinstrument, und er wird einen Calypso trommeln“, sagt Singh. Auch er wuchs mit der Musik auf, entdeckte später Dancehall und Hip-Hop, wandte sich dann dem Soca zu, dem jüngeren, ungestümen Bruder des Calypso. Früher träumte Singh von einer Karriere als Fußballprofi – und schaffte es immerhin bis in die Jugendnationalmannschaft. Die Spiele von Trinidad und Tobago bei der Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 aber erlebte er nur als Zuschauer.

Heute ist der erfolgreiche Musiker und Produzent Singh 35 Jahre alt und gilt als Erneuerer des Karibik- Sounds. Sein erfolgreichstes Projekt heißt „Jus Now“, da nennt er sich Lazabeam, sein Partner ist DJ Sam Interface aus Bristol. Mithilfe von Streamingdiensten gehen ihre Hits wie „Tun Up“ oder „Truck On D Road“ um die Welt. „Sam kommt von der britischen ‚Bass Music‘, er kann und kennt alles, was in den Clubs läuft. Ich liefere die Beats“, beschreibt Singh die Aufgabenverteilung, „zusammen sind wir Teil der internationalen Rave-Kultur.“

Am Mischpult klickt sich Singh durch die Samples der Firma Indigisounds, die in der Nähe seines Studios sitzt und unzählige Klänge, die Steel Pans irgend her-geben, aufgenommen und digitalisiert hat. „Unglaublich, was die alles zusammengestellt haben“, sagt Singh. Es läuft gerade der Song „Beat The Drum“ von Mansa Musa, einer Gruppe von Percussionisten, die in den Siebzigern viele Musiker der Insel begleitet hat. Singh soll die Nummer nun so trimmen, dass sie in Clubs rund um die Welt eingesetzt werden kann. Der überarbeitete Titel erscheint bei Cree Records, einem kleinen Label aus der Nähe von Bremen, das in aller Welt nach fast vergessenen Schätzen sucht, sie poliert und neu auf den Markt bringt. „Beat The Drum“ hat Merten Kaatz entdeckt, hauptberuflich Grafiker, im Herzen Musikenthusiast, inzwischen arbeitet er bei Cree mit. Als DJ legte er in Hamburger Clubs auf und sammelte Soul-, Reggae- und Ska-Platten.

Ein Forscher und Entdecker aus Germany: Musikproduzent Merten Kaatz im Plattenladen "The Burg" in Port of Spain

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Freetown Collective im Straßenkonzert

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  In einem Plattenladen stieß Kaatz dabei auf ein gebrauchtes Exemplar der Funk-Nummer „Wajang Woman“, 1977 eingespielt von der Band Embryo. Der Titel war als Single längst vergriffen, wie er bald feststellte. „Ich hoffte, einige Menschen würden sich freuen, wenn der Song wieder erhältlich wäre“, sagt Kaatz. Er begann mit der Spurensuche und fand den Sohn des verstorbenen Bandleaders Richard „Nappy“ Mayers. Der schickte ihm gleich noch mehr Musik seines Vaters, Kaatz stellte daraus das Album „Music Man“ zusammen. Als er nach ei-nem Jobwechsel zwei Monate freihatte, reiste Kaatz zum ersten Mal nach Trinidad. Es wurde eine Zeit der Erweckungen und der Entdeckungen. Der Betreiber eines kleinen TV-Senders erzählte ihm vom verstorbenen Freund Lancelot Lane, einem Pionier des Rapso – ein Mix aus Soca, Calypso und Hip-Hop –, der nie die verdiente Anerkennung erfahren habe. Ein Fall für Cree -Records: 2017 erschien „Blow Way“, ein Sampler mit -Lanes besten Nummern.

Das Cover gestaltete der schottische Maler Peter Doig, der mal in seiner ersten Heimat, mal auf Trinidad lebt. Seine Bilder erzielen weltweit Millionenpreise, doch für die Gestaltung der Plattenhülle wollte der Musikfan kein Geld. Doig fragte Kaatz, warum er nicht auch auf die Insel ziehe, seine Musik sei doch schon da, und als Gra-fiker könne er schließlich überall arbeiten. Kaatz musste nicht lange nachdenken: „Die Freundlichkeit der Menschen hier hat entschieden.“ Heute wohnt er im Ortsteil St. Ann’s am Hang der Northern Range, einer Hügelkette, die Port of Spain nach Norden abschirmt. Schaut er vom Rechner auf, hat er einen weiten Blick über die Stadt und das Meer. Hier reinigt er Musikdateien und sucht nach neuen Projekten für Cree Records. Seine Faustregel: „Wenn ich sehe, dass bei der Musikbörse Discogs 500, 600 Leute nach einer Platte suchen, kann ich davon ausgehen, dass von einer Neuauflage 1000 Stück weggehen.“

Ein kleiner Hit gelang Cree Records mit der Wiederveröffentlichung der Funk-Nummer „Let’s Party Tonight“ von Leston Paul. Die läuft mittlerweile auch in den Clubs von München, London und New York, erzählt Kaatz. Die „Schlüsselplatte“ aber sei die Neuauflage von „Dat Kinda Thing“ gewesen, mit der der Pianist -Clive Zanda 1975 Calypso und Jazz mischte. Lange Zeit war das Album nicht mehr aufzutreiben gewesen. „Für die Wiederveröffentlichung loben uns jetzt Leute, die Einfluss haben“, sagt Kaatz, „solche Anerkennung hilft sehr bei neuen Projekten.“

Die jungen Leute kriegt man heute eher über den Rhythmus als über den Verstand (Clive Zanda, Calypso-Jazz-Musiker)

Trommelbauer

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Clive Zanda begründete den Calypso-Jazz …

Clive Zanda begründete den Calypso-Jazz …

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… der Maler Peter Doig entwarf das Cover für "Blow Way", das posthum erschienene Album des Rapso-Musikers Lancelot Layne

… der Maler Peter Doig entwarf das Cover für "Blow Way", das posthum erschienene Album des Rapso-Musikers Lancelot Layne

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  Kaatz holt mit dem Wagen Clive Zanda ab, einen freundlichen Herrn von 79 Jahren, der im Westen der Stadt wohnt. Er soll einen Vortrag an der Musikhochschule halten, seine Ansichten und seine Musik sind noch gefragt. Als Teenager entdeckte Zanda den Jazz, doch zunächst schickten die Eltern ihn für ein Architekturstudium nach London. Nach seiner Rückkehr machte er weiter Musik, mal im Trio, mal mit Big Band. Als Kaatz sich bei ihm meldete, war Zanda überrascht, dass sich einer im fernen Deutschland für Kompositionen interessierte, die er lange schon hinter sich gelassen hatte. „Altes Zeug“, sagt er und lacht, „ich habe mich doch weiterentwickelt.“ Seine neue Band plant Zanda wieder als Trio, dafür sucht er einen Saxofonisten. Und eine Steel Pan soll dabei sein, denn „man kriegt die jungen Leute heute eher über den Rhythmus als über den Verstand“.

Kaatz’ Auto wühlt sich geduldig von West nach Ost durch den dichten Verkehr, den die gerade mal knapp 40 000 Einwohner von Port of Spain verursachen. Nach einer guten Stunde sind die Gewerbegebiete links und rechts der Hauptstraße verschwunden, die Landschaft ist grün. Kaatz hält vor einem hellen Holzhaus in Sangre Grande, einem kleinen Ort nicht weit von den Traumstränden der Ostküste. Ein hagerer Mann mit Rasta–Mähne kommt zur Gartenpforte: Emrold Phillip, auf -Trinidad bekannt als „Valentino“, ein Name, den ihm einst Calypso-Superstar Lord Kitchener gab. „Ich hatte mir eigentlich ,The Mighty Robin‘ ausgesucht“, sagt Valentino, „aber einem Kitchener widerspricht man nicht.“ Der 77-Jährige tritt nur noch selten auf, doch Kaatz hat einen Song von ihm für einen Sampler ausgesucht, und heute sollen Fotos für das Cover ausgesucht werden.

Der Norden von Trinidad bietet eine Fülle paradiesischer Ansichten

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Ich kann nur sechs Akkorde, drei Dur und drei Moll – das genügt vollkommen (Valentino, Calypso-Musiker)

  Valentino führt den Besucher in ein sparsam möbliertes Wohnzimmer, die Fensterluken sind gegen die Nachmittagssonne geschlossen, durch die Spalte fällt dennoch genug Licht. Am Sofa lehnt eine billige akus-tische Gitarre. Der Hausherr sagt: „Ich kann nur sechs Akkorde, drei Dur und drei Moll.“ Das genüge vollkommen, so könne er sich auf seine Verse konzentrieren. Ein Buch auf dem Beistelltisch versammelt auf eng bedruckten Seiten die Texte seiner mehr als 140 Songs. Weil er die Politik kommentierte und von den Nöten seiner Landsleute sang, bekam Valentino den Beinamen „The People’s Calypsonian“. Er gilt als Meister des Extempo, der Improvisation mit Worten. „Calypso funktioniert wie eine Tageszeitung“, sagt Valentino; „als das erste Flugzeug auf Trinidad landete, wurde es in einer Calypso-Nummer besungen.“ Was heute anders sei als in seiner Jugend? Früher habe man noch Stühle in die Musikzelte gestellt, sagt der Veteran, das Publikum achtete noch auf die Texte. Wie Clive Zanda klagt auch Valentino über die jungen Leute: Sie brächten nicht mehr die Geduld auf, länger zuzuhören, sie wollten nur noch tanzen. „Unsere eigene Musik ist dabei in Vergessenheit geraten, es wird Zeit, dass wir da wieder rauskommen.“

Lou Lyons ist Sänger und Gitarrist, er will mit seiner Musik runter von den Inseln, hinaus in die Welt. Der 34-Jährige ist mit den Songs der großen Calypso-Musiker wie Lord Kitchener, Mighty Sparrow und Valentino aufgewachsen, heute kann er mit den Klängen von damals nicht mehr viel anfangen: „Das ist für mich wie Kricket – etwas für alte Leute, die nichts mehr ent-decken wollen.“ Lyons schätzt den Folk vieler Singer- Songwriter, aber er mag auch, wenn die Musik losstürmt: beim Soca, bei Reggae und Dancehall. Seine eigene Musik ist variabel, mal sehr laut, dann zart. Mit seinem Partner Muhammad Muwakil, einem ebenfalls 34 Jahre alten Gitarristen, betreibt er das Projekt Freetown Collective. Wenn die beiden mit drei Chorsängerinnen auf einer Bühne stehen, streicheln sie aus ihren Instrumenten sanften Folk und Blues, als Duo lassen sie es krachen. Gesucht wird die Kooperation mit interna-tio-nalen Dancefloor-Teams: Den Text zu „Believer“ sangen sie auf Trinidad ein, dann schickten sie ihn an das US-Trio Major Lazer, das die Beats drunterschraubte.

Freetown Collective sind stolz auf Konzerte auf St. Lucia und in Schottland, Keshav Singh ist längst ein Weltreisender in Sachen Musik. Mit Jus Now tritt er in Europa und in der Karibik auf, auch in Indien, der Heimat seiner Vorfahren. „Unsere Musik entwickelt sich dabei ständig weiter“, sagt Singh, es sei spannend, überall auf der Welt neue Ideen zu entdecken. „Auf Trinidad setze ich mich dann ins Studio und verarbeite, was mir gefällt. Anschließend geht meine Musik wieder auf Reisen: Weltmusik, die nach Karibik klingt.“


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.