Baku
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Das neue Dubai? Berühmte Architekten geben Aserbaidschans Hauptstadt Baku einen neuen und zugleich monumentalen Look.

Direkt am Ufer des Kaspischen Meeres ragen acht monumentale Betonmuscheln, deren Dach jeweils ein Blütenblatt bildet, in den Himmel. In ihrer Mitte streckt sich ein rund 70 Meter hoher Turm in die Höhe, geformt wie eine Knospe. Hier wird ein Restaurant einziehen, in der riesigen Halle darunter verbirgt sich ein rundes Becken, in dem Wassershows geplant sind: Vorführungen von Synchronschwimmerinnen zur Unterhaltung der Besucher, die ab Februar 2020 in die Deniz Mall mit ihren Dutzenden Nobelgeschäften fluten sollen. Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, wird damit um eine architektonische Sehenswürdigkeit reicher sein.

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Feuer und Wasser: Zwei der drei Flame Towers

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Das Heydar-­Aliyev-Kultur­zentrum, das den Wogen des Kas­pischen Meeres nachempfunden ist

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 Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 begann die mit rund 2,3 Millionen Einwohnern größte Stadt der Kaukasus-Region, sich neu zu erfinden, als Hotspot für internationale Show- und Sport-Events – und für auffällige Architektur. 2012 ging in Baku der European Song Contest (ESC) über die Bühne, 2015 folgten die European Games, 2017 die Islamischen Spiele und zuletzt im Mai das Finale der Fußball-Europa-League. Seit 2016 finden in Baku Formel-1-Rennen statt. Und im kommenden Juni werden im Nationalstadion von 2015 drei Gruppenspiele sowie das Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Zudem fließt ein Gutteil von Aserbaidschans üppigen Erdöl- und Erdgas-Einnahmen in spektakuläre Bauprojekte, entworfen von den renommiertesten Architekten der Welt, die der Hauptstadt ein neues, strahlendes Gesicht geben sollen. So zum Beispiel der Flughafen von Baku, der einer riesigen dreieckigen Drohne ähnelt und von dem Londoner Architektenbüro Arup konzipiert wurde, das einst Jørn Utzorns berühmten Opern-Entwurf von Sydney umsetzte. Oder die Konzerthalle Crystal für den ESC nach Plänen des Hamburger Büros Gerkan, Marg und Partner, das schon den Berliner Hauptbahnhof zeichnete. Und eben die eingangs erwähnte Deniz Mall, deren Form zwar der einer Blüte gleicht, für die sich die britischen Architekten von Chapman Taylor aber auch vom Staatswappen Aserbaidschans inspirieren ließen: einem achtzackigen Stern, aus dem eine Flamme emporsteigt. Schon jetzt zieht das Bauwerk Tausende Bakiner an, die abends die Uferpromenade entlang spazieren.

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Mag alt und neu: ­Architekt Elmir ­Huseynov schätzt die Entwürfe ausländischer ­Kollegen als „Schnellkurs in moderner Architektur“

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Georg Hämmerle von PPA Architects aus Wien

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 „Die architektonische Entwicklung soll die Lebensqualität der Einwohner steigern, aber mit neuen Wahrzeichen auch die touristische Attraktivität Bakus erhöhen“, fasst Ilgar Isbatov, der stellvertretende Vorsitzende des aserbaidschanischen Staatskomitees für Stadtplanung und Architektur, die Bemühungen der Stadt zusammen. Manche Besucher vergleichen Baku seiner wachsenden Zahl an modernen Bauten wegen bereits mit Dubai oder Singapur. „Das schmeichelt uns“, sagt Isbatov. „Wir wollen aber nicht blind kopieren, sondern einen eigenen Weg gehen und eine eigene Identität erschaffen.“

Denn während die modernen Städte am Arabischen Golf entstehen, wo zuvor nichts als Sand war, muss Baku die Balance zwischen Tradition und dem 21. Jahrhundert finden. Immerhin blickt die Stadt – früheste Ansiedlungen eingerechnet – auf Jahrtausende bewegter Geschichte zurück. Im 12. Jahrhundert wurde sie Zentrum des Königreichs von Shirvan –aus dieser Zeit stammen allein die jüngsten Elemente am gut 30 Meter hohen Jungfrauenturm in der Altstadt. Später prägten Perser, Türken und Russen das Bild der Stadt. Viele aktuelle Architekturen nehmen Bezug auf Aserbaidschans Kultur und Vergangenheit, so auch das 2014 eröffnete Teppichmuseum des österreichischen Architekten Franz Janz. Die Konstruktion erinnert an einen großen aufgerollten Teppich und beherbergt eine reiche Sammlung an historischen und modernen Teppichen –als zentraler Bestandteil des kulturellen Erbes des Landes.

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Badevergnügen am Stadtstrand: Baku liegt direkt am ­Kaspischen Meer

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 An den Zoroastriern, die in Zentralasien in vorchristlicher Zeit das Feuer als heilig ansahen, kamen auch die 2013 fertiggestellten Flame Towers nicht vorbei. Die drei stilisierten Flammen wurden nach Plänen des US-Architekturbüros HOK auf einem Hügel oberhalb der Deniz Mall errichtet und prägen die Skyline der Stadt: Bis zu knapp 182 Meter hohe Türme mit teuren Apartments, dem Fairmont Hotel und Niederlassungen von Unternehmen, darunter des italienischen Sportwagenbauers ­Lamborghini, der im Parterre des kleinsten Turms einen Ausstellungssalon unterhält.

Nachts leuchten die Türme in verschiedenen Farben, züngelnden Flammen gleich. Am Tag spiegeln sich die Minarette der benachbarten Moschee in ihrer blauen Glashaut. Jenseits der nahen Altstadt sind jedoch nur wenige Gebets­häuser zu sehen. „Baku war immer durch und durch säkular“, sagt Akhundov und zählt auf, was die Stadt in der islamischen Welt besonders mache: „Hier wurde 1901 die erste Schule für islamische Mädchen geöffnet, 1908 die erste muslimische Oper aufgeführt, 1940 das erste muslimische Ballett. Und schon 1918, während der ersten Republik, erhielten Frauen das Wahlrecht.“

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Aufgerollt: das Dach des Teppichmuseums

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Schnell, weit, hoch: der wachsende „Port Baku“-Komplex mit Büros, Apartments und Hotels

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 Die Metropole inszeniert sich als Ort, an dem sich Orient und Okzident begegnen: Rund 2000 Kilometer weiter westlich, in Istanbul, stößt Europa auf Asien; etwa 1400 Kilometer nördöstlich von Baku, an der Grenze zwischen Russland und Kasachstan, liegt der östlichste Zipfel des europäischen Kontinents. Baku, das ist ganz offiziell Vorderasien. Und eine Art liberales Klein-Istanbul. Die Stadt zelebriert gleichzeitig islamische Gepflogenheiten und westlichen Lebensstil. Sie will Besucher aus der arabischen und der westlichen Welt anziehen, mit exzellenter europäischer und asiatischer Küche, mit extravaganten Clubs und Bars. An der Uferpromenade sind gleichermaßen Frauen in Nikab wie im Minirock unterwegs.    

Die moderne Architektur kommt auch bei Einheimischen gut an. „Das sind alles großartige Bauwerke“, sagt der junge Architekt Elmir Huseynov. „Sie passen perfekt in die Landschaft und werten die Stadt auf.“ Draußen, vor seinem Studio in der Altstadt, schlendern Touristen durch verwinkelte Gassen, in denen es nach frisch gebackenem Brot und orientalischen Gewürzen duftet. Von fast überall sind die Flame Towers zu sehen  – ein beliebtes Fotomotiv. „Die ausländischen Projekte sind für uns wie ein Schnellkurs in moderner Architektur, die wir hier früher nie gelernt haben“, sagt der 38-Jährige. „Sie sind ein enormer Ansporn, sich mehr anzustrengen.“

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Schwungvoll: Das Heydar-Aliyev-Kulturzentrum mit Nationalmuseum und Bibliothek, entworfen von Star-Architektin Zaha Hadid

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 Bakus markantestes Bauwerk aber ist das 2012 fertiggestellte, futuristische Heydar-Aliyev-Kulturzentrum. Der riesige weiße Komplex, mit dem der autokratisch regierende Präsident Ilham Aliyev seinem Vater und Amtsvorgänger ein Denkmal setzte, wurde von der britisch-irakischen Architektin Zaha ­Hadid entworfen, seine geschwungene Form soll den Wellen des größten Binnenmeeres der Welt nachempfunden sein, die in Baku an den Strand schwappen. Die helle Fassade aus Beton und Kunststoff reflektiert das Licht und wird so zur Installation –und zur beliebten Location für Selfies und Hochzeitsfotos.

Doch trotz der vielen spektakulären Bauten gibt es noch immer genug Raum für neue Projekte – oder er wird geschaffen. So lässt die Stadt in einem früheren Industriegebiet nahe des Zentrums, das bei den Einheimischen wegen massiver Verschmutzung einst „Schwarze Stadt“ hieß, die „Weiße Stadt“ („White City“) hochziehen. Wo jetzt schicke Apartmenthäuser nach Plänen des britischen Architektenbüros Atkins entstehen, wurde über 100 Jahre lang Öl gefördert, gelagert und transportiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferte Baku die Hälfte des weltweiten Bedarfs. Damals entstanden die sagenhaften Vermögen der Familien Nobel und Rothschild; Ölbarone bezogen in Baku neugotische Paläste nach Plänen europäischer Architekten. An diese glorreiche Zeit will die Stadt nach fast 70 Jahren sowjetischer Eintönigkeit auch mit dem „White City“-Projekt anknüpfen: Hier sollen auf einer Fläche größer als Monaco annähernd 130 000 Menschen leben und arbeiten. Die ersten Bewohner sind bereits eingezogen. 

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1 Crystal Hall

2 Deniz Mall

3 Flame Towers

4 Altstadt mit Jungfrauenturm

5 Hafen-Baku-Komplex

6 Heydar Aliyev Center

7 Weisse-Stadt-Projekt

 Um von Bakus Bau-Boom zu profitieren, eröffnen immer mehr internationale Architekturbüros Niederlassungen am Kaspischen Meer, wie etwa PPA-Architects aus Wien. „Der Bedarf an anspruchsvoller Architektur in Baku ist riesig“, sagt der geschäftsführende Direktor Georg Hämmerle. Sein Unternehmen hat gerade die Pläne für einen Apartment-Komplex mit rund 15 000 Quadratmeter Baufläche erstellt, die Arbeiten sollen bald beginnen. Hämmerle, der viele Jahre in den Emiraten arbeitete, ist zufrieden: „In Europa gibt es kaum Plätze, wo man in diesem Maßstab noch bauen kann.“ Und die Aussichten für Baukünstler bleiben gut: Die Regierung erwägt, sich um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2032 zu bewerben. Bis Ende 2020 soll das Frankfurter Architektenbüro AS+P einen neuen General-Entwicklungsplan vorlegen.

Baku-Quartett


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ÜBERNACHTEN

Marmor im Bad, Altstadt und Kaspisches Meer vor der Tür: Im Hotel Four Seasons wohnt man gediegen im Beaux-Arts-Stil.
fourseasons.com

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1001 NACHT

Monumental residierten die persischen Herrscher im 15. Jahrhundert – im Pa­last der Shirvanschahs in der Altstadt.
icherisheher.gov.az

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KÜNSTLERISCHE FREIHEIT

Yarat, das Zentrum für Gegenwartskunst, präsentiert Filme, Kunst und avantgardistisches Theater.
yarat.az

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KÜCHE ASERBAIDSCHANS

Altstadtflair und die Düfte des Orients: das Restaurant Qaynana serviert etwa Pilav mit Lamm und Granatapfel.
facebook.com/qaynanarestaurant


ZUM ZIEL

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