Swingtanzen Berlin

Swing

  • TEXT AILEEN TIEDEMANN
  • FOTOS JONAS HOLTHAUS
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Charleston, Lindy Hop, Balboa: In keiner anderen Stadt der Welt kann man die Liebe zu Tänzen einer längst vergangenen Ära so ausleben wie in Berlin

Sonntagsabends gehen die Uhren anders auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain. Normalerweise erschüttern hier auf dem alten Werksareal der Bahn Elektrobeats die Wände der Technoclubs, aber heute dringen aus einem der mit Graffiti übersäten Gebäude Trompeten- und Klarinettenklänge aus Uromas Zeiten. Zusammen mit der Swingtänzerin Claire Chen bin ich auf dem Weg zur Balboa-Nacht im Crack Bellmer. Am Eingang des Clubs sehen wir schon die ersten Besucher in ihre Tanzschuhe schlüpfen. Chen fallen lauter Bekannte um den Hals, denn die 35-Jährige kennt jeder in Berlin, der sich für Swingtänze wie Lindy Hop, Charleston oder eben Balboa interessiert. Die gebürtige Taiwanesin leitet eine eigene Agentur für Veranstaltungen im Stil der 1920er- bis 1940er-Jahre, ist Teil eines Tanztrios, gibt Tanzunterricht und hat schon mehrere Swingfestivals organisiert. Kurzum: Sie ist die perfekte Begleitung, wenn man mehr darüber erfahren möchte, warum die Tänze einer längst vergangenen Ära heute wieder so lebendig sind in Berlin.

Dame im Kostümverleih

Kein Pelz, sondern Marabu-Federn: Swingtänzerin Camille Boillét kleidet sich beim Kostümverleih Le Boudoir ein

Swing-Tänzer

Im Dandy-Look durch Friedrichshain: Für den brasilianischen Swingtänzer Felipe Braga ist Berlin der perfekte Ort zum Leben und Tanzen

 Silvester fangen die Zwanziger endlich auch offiziell wieder an

Helmut Hellmund, Kostümverleih Le Boudoir

 

„Es gibt keine andere Stadt in der Welt, in der man an jedem Tag in der Woche bis in die Morgenstunden zu Swingmusik tanzen kann“, erzählt Chen, als wir uns auf ein abgewetztes Ledersofa am Rande der Tanzfläche setzen. „Und dann auch noch zu richtig guter Livemusik! Das zieht Tänzer aus der ganzen Welt an.“ Prompt stellt sie mir Athanasios Papasilekas vor, einen 28-jährigen Zahnarzt, der aus Athen stammt. „Als Ausgleich zum Job gehe ich mindestens viermal in der Woche tanzen“, erzählt er. Seine Tanzpartnerin Alexandra Ramos Sousa, 25, Wahlberlinerin aus Portugal, schwärmt: „Lindy Hop und Balboa sind Tänze, bei denen es mal nicht darum geht, sexy zu sein, sondern einfach Spaß zu haben.“

Swing-Tänzerin
Swing-Tänzerin vor Spiegeln

 Auf der Bühne sorgen heute Jimbino Vegan and The Swing Barbarians für Schwung. „Höre ich diese Musik, fange ich sofort an, mit den Füßen zu wippen“, sagt Chens Freund Freddie Karlbom aus Schweden, der ebenfalls professioneller Tänzer ist. Chen und er haben sich beim Snowball, einem Swingfestival in Stockholm, kennengelernt. „Der frühe Jazz wurde fürs Tanzen erschaffen. Swing war der Pop der 1920er- bis späten 1930er-Jahre“, erklärt der 35-Jährige. Fast alle Besucher, die das Crack Bellmer betreten, zieht es sofort auf die Tanzfläche, ohne dass sie vorher einen Umweg über die Bar zu nehmen. Je voller es wird, desto mehr habe ich das Gefühl, von einer anderen Zeit verschluckt zu werden. Ganz ohne Lautsprecher füllt die Band mit ihren Blasinstrumenten jeden Winkel des Raums. Die fast 100 Jahre alten Hits von Count Basie oder Ella Fitzgerald – sie funktionieren noch immer. Vor mir tanzt ein Typ, der mit seinem perfekt gestutzten Schnurrbart aussieht, wie ich mir Mackie Messer aus Brechts „Dreigroschenoper“ vorstelle, der in Wirklichkeit aber wohl Malte oder Stefan heißt, mit einer Frau in einem geblümten Vintagekleid. Mittendrin wirbelt ein älterer Herr mit fliegendem Rauschebart in Shorts und Turnschuhen seine Tanzpartnerin herum. „Obwohl sich viele im Stil der Zeit kleiden, gibt’s keine Dresscodes bei den Tanzabenden“, erklärt Chen, die ihre Diplomarbeit im Studiengang Kulturmanagement über die Swingkultur geschrieben hat. „Schon die Swing Kids der Dreißiger hatten alle ihren eigenen Look und Tanzstil. Deshalb passen die alten Tänze auch so gut in unsere Zeit.“ Freddie tanzt derweil mit Chens Tanzkollegin Diana Birenyté aus Litauen, dann mit einem anderen Mann und später mit Chen. „Im Swing gehört es dazu, dass man nach einigen Songs den Partner wechselt“, sagt Chen. „Deshalb gilt er auch als Social Dance.“ Der 77-jährige Sergij Goryanoff, der im Nadelstreifenanzug neben uns sitzt, ergänzt: „Die jungen Leute mögen die Swingtänze heute wieder, weil sie so kommunikativ sind. Obwohl man gar nicht viel miteinander redet.“

Alte Turnhalle

Von Duke Ellington bis Ella Fitzgerald: Zweimal im Monat heißt es in der historischen Turnhalle in Friedrichshain: Beine schwingen zu Live-Jazz aus der Swing-Ära.
dieturnhalle.de

Ballhaus Berlin

Im Ballhaus in Mitte funktionieren sogar noch die Tischtelefone. Bei Partys und Varieté-Shows wird so wild gefeiert wie in den Zwanzigern.
ballhaus-berlin.de

Villa Neukölln

Anton Wunderlich & The Time Rag Department spielen jeden Donnerstag in der Villa Neukölln mit Posaune, Trompete und Banjo zum Swingtanz auf.
villaneukoelln.de


Service und Tipps

Service und Tipps zur Destination bietet der digitale Lufthansa Travel Guide unter lh-travelguide.com

 Auch am nächsten Tag bleibt das Jahr 2019 vor der Tür. Chen und ich treffen uns mit ihrer französischen Tanzpartnerin Camille Boillét, 26, beim Kostümverleih Le Boudoir. Die beiden wollen Kostüme für anstehende Auftritte anprobieren. Betreiber Helmut Hellmund, 47, der mit seinem seidenen Krawattenschal aussieht, als sei er gerade einer Zeitkapsel entstiegen, reicht ihnen Capes aus weißen Marabufedern und mit Perlen bestickte Kleider. Im Hintergrund singt Zarah Leander „Davon geht die Welt nicht unter“.

Les Belles Magnifiques: Camille, Diana und Claire bei der Langen Nacht der Museen

Social Dance statt soziale Medien: Balboa-Nacht im Crack Bellmer

 Hellmund streicht zärtlich über einen schwarzen Anzug aus den Dreißigern. Den habe ein Kunde im Schrank seines verstorbenen Großvaters gefunden und vorbeigebracht. „Die Leute überlassen mir ständig solche Raritäten. Sie wissen, dass die alten Sachen bei mir weiterleben dürfen.“ Und vor allem, dass sie regelmäßig zum Tanzen ausgeführt werden: Viele der Kunden vom Le Boudoir sind Besucher der Bohème-Sauvage-Partys im Stil der Zwanziger, die seit 13 Jahren regelmäßig in Berlin stattfinden. Es kleiden sich bei mir aber auch ganze Hochzeitsgesellschaften ein“, sagt Hellmund. Wie er sich die Sehnsucht nach diesem Jahrzehnt erklärt? „Damals herrschte in Berlin eine große Liberalität. Es wurde ausgelassen gefeiert. Das Miteinander stand im Mittelpunkt, das Gemeinschaftserlebnis. Danach sehnen sich die Menschen heute wieder. Sie genießen es, sich gegenseitig zum Tanzen aufzufordern.“

Mit hüpfendem Schritt und pomadeglänzendem Haar betritt der brasilianische Lindy-Hop-Tänzer Felipe Braga den Laden. Er ist erst vor ein paar Wochen nach Berlin gezogen und – natürlich – bereits ein Freund von Chen. Bisher ist der 28-Jährige als Tänzer, Lehrer und Juror weltweit von einem Swingdance-Festival zum nächsten getingelt, in Berlin will er nun sesshaft werden. „Es gibt hier noch genügend Freiräume für Musiker und Tänzer, unkompliziert und für wenig Geld Partys zu organisieren“, erzählt Braga. „Die Swingkultur wird hier wirklich gelebt.“ Im Herbst müsse er zu einem Tanzwettbewerb in Korea, wo die Lindy-Hop-Community weltweit am größten sei. „Dort geht es den Leuten jedoch vor allem um den perfekten Tanzstil, in Berlin hingegen ums Feiern und Spaßhaben.“

Die Swingbop’ers spielen Jazz wie vor 100 Jahren

 Lindy Hop sei ein sehr freier Tanz und passe deshalb gut ins heutige Nachtleben. „Er wurde in den späten Zwanzigern im Savoy Ballroom in Harlem in New York geboren. Dem ersten Tanzclub, in dem Weiße und Schwarze zusammen tanzten. Frauen durften schon damals Männer auffordern und andersherum und jeder mal führen.“ Das Comeback des Paartanzes erklärt er sich so: „Die Leute wollen sich wieder nah sein. Beim Tanzen kannst du dich nicht verstellen, denn deine Körpersprache verrät alles über dich. Der legendäre Tänzer Frankie Manning aus New York hat es mal perfekt zusammengefasst: ‚Lindy Hop zu tanzen bedeutet, für drei Minuten in die Person verliebt zu sein, die man in den Armen hält.‘“

Abends treten Claire, Diana und Camille als Les Belles Magnifiques im Rahmen der Langen Nacht der Museen im Berliner Kulturforum auf. In der Ferne leuchten die Bürotürme am Potsdamer Platz, während die Besucher einer Marching-Band Richtung Museum folgen. Sie wollen sich von dem Tanztrio die Grundschritte des Charleston beibringen lassen. Kurz darauf betreten Chen und ihre Kolleginnen in silbernen Paillettenkleidern und mit Federschmuck im Haar das Foyer und bringen die Leute trotz der etwas unterkühlten Museumsatmosphäre zum Tanzen. Step, Kick, Step, in die Knie gehen, Drehung – und schon grooven alle gemeinsam zurück in die Weimarer Republik.

  „Claire hat uns vor ein paar Jahren auf die Idee gebracht, für Tänzer zu spielen“, erzählt Daniel Duspiwa von der Marching-Band Swingbop’ers nach dem Auftritt. „Das bringt uns mittlerweile am meisten Spaß, weil wir dabei spüren, wie sich unsere Energie auf die Tänzer überträgt.“ Während seines Jazz-Studiums in Paris habe ihm sein Lehrer empfohlen, nach Berlin zu gehen, um mehr über den Swing zu lernen. „Im Studium ging es eher um den experimentellen Jazz, der ab den Vierzigern populär wurde. Nicht aber um den frühen Jazz, der so schön tanzbar ist und in Berlin bis heute zelebriert wird.“ Banjo-Spieler Johannes Krause ergänzt: „Ich habe früher in einer Punkband gespielt, aber ich mag die klaren Rhythmen der Swingmusik. Swing hatte in seiner Anfangsphase auch eine rebellische Attitüde. Schon Count Basie hat in den Dreißigern gerappt!“

800 Ballsäle und Kneipen mit Tanzlizenz gab es in den Zwanzigern in Berlin. Das Ballhaus Berlin und Clärchens Ballhaus haben bis heute überlebt. Letzteres wird zwar ab Januar renoviert und fürs Erste geschlossen – trotzdem sind die Swing Kids von heute nicht zu stoppen:
Wie vor 100 Jahren ist Berlin immer noch eine Weltstadt, in der Swing Menschen aus allen Teilen der Erde zusammenbringt. Was hatte Hellmund vom Kostümverleih Le Boudoir noch gleich gesagt? „In diesem Jahr freue ich mich besonders auf Silvester. Denn dann fangen die Zwanziger endlich wieder an.“

Zurück in die 1920er – Jahre


FILMREIFES INTERIEUR

Im Hotel Zoo stieg schon Marlene Dietrich ab. Dank Filmset-Designerin Dayna Lee erstrahlt das Haus im eleganten Retrolook.
hotelzoo.de

SWING ENTERTAINMENT

Tänzer und Musiker für Partys und Events im Stil der 1920er bis 1940er vermittelt die Tänzerin Claire Chen.
claire.berlin

ZEITREISE DURCH BERLIN

Die Stadtführungen von Arne Krasting führen zu Originalschauplätzen der 1920er-Jahre-Serie „Babylon Berlin“.
zeit-reisen.de

EINMAL IN DIE ZEITMASCHINE

Beim Kostümverleih Le Boudoir in Friedrichshain gibt es 1920er-Kleidung zum Ausleihen und Kaufen.
boheme-sauvage.com