Spontane Einlage: Musiker vor der Tin Roof Bar am Broadway
© Matthew Johnson

Der Klang von Freunden

  • TEXT JESSICA BRAUN
  • FOTOS MATTHEW JOHNSON

Der Weg nach Nashville? Folgen Sie einfach den Menschen mit den Gitarren. Ein Besuch in der „Music City“ im Süden der USA zeigt, dass es in der Hauptstadt von ­Tennessee viel mehr zu hören gibt als klassischen Country

 

ouvenirs: Konzerttickets vor der Country Music Hall of Fame and Museum

Souvenirs: Konzerttickets vor der Country Music Hall of Fame and Museum

© Matthew Johnson
Broadway in Downtown Nashville

Broadway in Downtown Nashville

© Matthew Johnson

 Groß ist der Parkplatz, und nur spärlich beleuchtet. Vor einer unscheinbaren Ladenzeile fern der Innenstadt warten rund hundert Leute auf Einlass. Die Luft knistert vor Spannung. Jeder weiß: Dieser Abend wird groß. Denn genau hier, zwischen Reinigung, Kindermode und Friseur, im legendären Bluebird Cafe, erklingt der echte Nashville-Sound. Der kleine Club mit dem Charme eines 1980er-Jahre-Bistros ist berühmt für seine Songwriter-Abende. Die Komponisten, die hier auftreten, sind die Schöpfer jener Hits, mit denen andere zu Stars werden. Es stehen Musiker auf der Bühne, die Songs für Jerry Lee Lewis oder Fleetwood Mac geschrieben, die mit Bob Dylan oder Aretha Franklin gejammt haben.

In Nashville hat fast jeder mit Musik zu tun, auf die eine oder andere Art. Mit rund 660 000 Einwohnern ist die Stadt nicht groß, die Musikszene aber schon. Gemessen an der Einwohnerzahl gibt es in der Branche mehr als doppelt so viele Jobs wie in Los Angeles oder New York. Von 1970 bis 2006 war Nashville die einzige US-Stadt, deren Musikbusiness kontinuierlich wuchs. Das zog und zieht Stars an: Jack White, Kings of Leon, The Black Keys, Justin Timberlake und Sheryl Crow sind in Nashville zu Hause. Dazu kommen Hunderte Musiker, deren Namen allenfalls in Fachkreisen bekannt sind. Sie sorgen dafür, dass man schon morgens in vielen Cafés und Bars Livemusik hören kann. Sie fahren Uber, um sich etwas dazuzuverdienen, stehen mit der Gitarre in der Hand in der Schlange von Open-Mic- und Songwriter-Events und hoffen auf ihren großen Moment. Sie sind es, die Nashville die inoffizielle Auszeichnung als „Welthauptstadt der Songwriter“ beschert haben.

In den Honky Tonks am Lower Broadway wird Tag und Nacht Livemusik gespielt

In den Honky Tonks am Lower Broadway wird Tag und Nacht Livemusik gespielt

© Matthew Johnson
auf dem Broadway weiß man nie genau, ob nicht gerade der nächste große Star an einem vorbeiläuft

Auf dem Broadway weiß man nie genau, ob nicht gerade der nächste große Star an einem vorbeiläuft

© Matthew Johnson

  Die Stimmung im Bluebird Cafe ist intim, wie bei einer Jam-Session im Proberaum. Hier ein ganzes Set zu spielen ist der Traum jedes Newcomers. Das Niveau ist hoch. Eine Minute räumt Geschäftsführerin Erika Wollam Nichols jedem Kandidaten beim Vorsingen ein. Zu hart? Wollam Nichols, eine Frau mit Ponyfrisur und der Ruhe eines routinierten Roadies, schüttelt den Kopf. „So lange braucht ein Radio­hörer im Schnitt, um zu entscheiden, ob er ein Stück mag oder den Sender wechselt.“ Zwei, die hier entdeckt wurden, sind Taylor Swift und Keith Urban. Heute Abend geht es aber nicht um neue Talente, sondern um alte Könner. Ein Gitarrist mit Hut steht im schummrigen Licht auf der Bühne, man könnte ihn auch vom heimischen Sofa her kennen. Colin Linden ist ein Bandmitglied in der TV-Serie „Nashville“ und zudem musikalischer Berater der Show. Die Serie läuft in der sechsten Staffel mit internationalem Erfolg, das Bluebird Cafe kommt regelmäßig darin vor. „Na, fühlt ihr euch auch alle, als wärt ihr in einer ‚Nashville‘-Folge gelandet?“, ruft Linden ins Publikum. „Da drüben sitzt die Frau, die uns alle erfunden hat.“ Am Nachbartisch nickt die platinblonde Drehbuchautorin Callie Khouri freundlich in die Runde. 1992 gewann sie für „Thelma & Louise“ einen Oscar, heute ist sie das Mastermind von „Nashville“. Seit die Serie läuft, warten an manchen Abenden 300 Menschen auf einen der 100 Plätze im Bluebird Cafe. Dass die Stadt gerade einen Tourismus-Boom erlebt, ist auch ihrem frischen Fernsehruhm zu verdanken.

Die Serie dreht sich natürlich um Country-Musik, für die ist Nashville berühmt. Downtown steht ihr Schrein, die Country Music Hall of Fame mit angeschlossenem Museum. Entlang des Lower Broadway klingt sie aus den offenen Fenstern der Honkytonks, urigen Bars mit Live-Musik, die oft schon mittags überfüllt sind. Doch die Musik in Nashville ist vielschichtiger: eine Mischung aus Punkrock, Americana, Indie, Pop und Blues. Abseits des Honky Tonk Highway existiert eine eigenständige Szene. Ihre Player sind Songschreiber, Musiker, Produzenten und Booker, die sich dank der kurzen Wege in der Stadt gut kennen. Ihre Viertel sind Melrose, 12 South und das trendige East Nashville auf der anderen Seite des Cumberland River.

Blick auf Downtown Nashville

Blick auf Downtown Nashville

© Matthew Johnson
Erst Buchhalterin, jetzt Musikerin: Tanya Montana Coe

Erst Buchhalterin, jetzt Musikerin: Tanya Montana Coe

© Matthew Johnson

 Morgens im hippiehaften Bistro Graze, East Nashville. Auftritt Tanya Montana Coe: dramatische rotblonde Mähne, Cowboyboots und eine Bluse, die bei jeder Bewegung anders glitzert. Die Sängerin, „born and raised in Nashville“, gehört zu jenen Menschen, auf die immer ein Scheinwerfer gerichtet zu sein scheint, selbst wenn sie nur zum Brunch verabredet sind. In der Country-Szene hat sich die Frau mit der geschmeidig-­rauen Stimme schon früh einen Namen gemacht. Sie war noch ein Teenager, als ihr Vater, der Musiker David Allan Coe, einen Song für sie schrieb: „Tanya Montana“. Selbst wollte sie mit der Musikwelt aber zunächst nichts zu tun haben. „Wenn man einen Großteil seiner Kindheit in Backstage-Bereichen verbringt, verliert das Showbusiness seinen Reiz“, erklärt Coe beim Smoothie. Erst mit Anfang zwanzig lernte sie die ersten Gitarren­akkorde, damals arbeitete sie noch als Buchhalterin. Doch im Büro wurde es ihr auf Dauer zu eng. „Meine Freunde machten alle etwas Kreatives, das war ansteckend.“

Mit einer Freundin eröffnete sie „Goodbuy Girls“, eine Vintage-Boutique mit coolen Westernstiefeln und Show-Kleidern, damit stylten sie befreundete Künstler für Musikvideos. Zur wöchentlichen ­Shopping-Happy-Hour ihrer Boutique luden sie wechselnde Musikerinnen ein. Eine sagte: „Tanya, spiel du auch was.“ Die Reaktionen auf ihren ersten Auftritt überraschten Coe: „Der Applaus hat mich umgehauen.“ Als der Mann einer Bekannten anbot, ihr Debütalbum zu produzieren, überlegte sie nicht lang. Drei Jahre feilte sie am Sound, der unbedingt anders sein sollte als der ihres Vaters, „etwas Eigenes, nicht das, was alle erwarten“. 2015 erschien ihr Album „Silver Bullet“, ein echtes Nash­ville-Produkt, das Ergebnis von Talent und Freundschaft – und live am besten hier zu hören. Auf große Tour gehen wolle sie nicht, sagt Coe, das habe sie schon als Kind genervt. Nur in den Clubs in Nashville fühlt sich die Sängerin (aktuelle Single: „Electric Blue“) wirklich heimisch.

 

Ich habe den Großteil meiner Kindheit im Backstage-Bereich verbracht

Tanya Montana Coe, Indie-Country-Musikerin

BNA

,
In der Vintage-Boutique Goodbuy Girls statten sich Musiker für ihr nächstes Video aus

In der Vintage-Boutique Goodbuy Girls statten sich Musiker für ihr nächstes Video aus

© Matthew Johnson
Jess Rice, Mitarbeiterin bei Third Man Records

Jess Rice, Mitarbeiterin bei Third Man Records

© Matthew Johnson
Die Auswahl im Plattenladen Vinyl Tap ist legendär

Die Auswahl im Plattenladen Vinyl Tap ist legendär

© Matthew Johnson

 Newcomer wie sie finden in Nashville die perfekte Infrastruktur: legendäre Plattenstudios, altehrwürdige Druckereien wie Hatch Show Print und das größte Plattenpresswerk Nordamerikas, United Record Pressing. Es gibt unzählige hervorragende Musiker, die darauf warten, für Studioaufnahmen gebucht zu werden. Kann sein, dass der Typ, der im Café das Sandwich belegt, ein besserer Schlagzeuger ist als jener, der eben noch im Radio zu hören war. Auch die Lage hilft: Wer von Nashville aus tourt, erreicht per Tagesreise fast die Hälfte der US-Bevölkerung, heißt es. Und es gibt Künstler, deren Erfolg auf alle abstrahlt. Mit seinem Vinyl-Vergnügungspark „Third Man Records“ – Label, Konzertbühne und Plattenladen – hat der White-Stripes-Gründer Jack White nicht nur die Indie-Szene der Stadt belebt. White, der schon Musikerinnen wie die Country-Legende Loretta Lynn und die Nashville-Entdeckung Margo Price produzierte, veröffentlicht auf seinem Label auch Blues, Jazz, Folk und Gospel. Konzerte, die in seinem Club „The Blue Room“ stattfinden, werden direkt in Vinyl gepresst.

„Als Father John Misty dort spielte, haben sie den Gig live mitgeschnitten, und ein Gast durfte die frisch gepresste Platte mit nach Hause nehmen“, schwärmt Heather Lose bei einem Bier im Vinyl Tap, einem Plattenladen mit angeschlossener Bar. Lose, herzliches Lachen und rot gelockte Haare, ist eine der Gründerinnen des Radiosenders WXNA. Der von Enthusiasten betriebene Sender will eine Frequenz für alle Sparten sein. Musiker lieben ihn dafür, er gilt als bester Sender der Stadt. Lose ist eine klassische Nashvillian: Tochter eines Bassisten (und mit einem verheiratet), musikverrückt, als Art-Direktorin und Fotografin mit der Musikszene verbandelt. Vor dem Studium ging sie nach Los Angeles und arbeitete bei einem Plattenlabel. Was zog sie zurück? „In L.A., wo die Häuser so viel größer sind als man selbst, fühlt man sich automatisch kleiner.“ Hier in Nashville finde jeder seine kreative Nische. Es gibt Jobs, die Künstler arbeiten als Partner, nicht Konkurrenten.

Nachtwächter: Santa vor seinem Wohnwagen

Nachtwächter: Santa vor seinem Wohnwagen ...

© Matthew Johnson
wo regelmäßig Jam-Ses­sions stattfinden

... wo regelmäßig Jam-Ses­sions stattfinden

© Matthew Johnson
Werbewand in East ­Nashville für das Country-­Museum mit der Legende ­Loretta Lynn

Werbewand in East ­Nashville für das Country-­Museum mit der Legende ­Loretta Lynn

© Matthew Johnson

 Am Sonntagabend zeigt die Hausband in Santa’s Pub, wie großes Miteinander klingt. Santa, ein Mann mit weißem Bart und groß wie eine Nordmanntanne, begrüßt jeden neuen Gast persönlich vor seinem mit Nikolaus-Graffiti besprühten Wohnwagen. Als er in Rente ging, kaufte er die Klitsche, um etwas zu tun zu haben. Die Gäste rennen ihm die Tür ein, es liegt am Zwei-Dollar-Dosenbier und den wilden Karaoke-Partys an Werktagen. Aber auch daran, dass Santa und seine Frau Angelina jeden behandeln wie den Lieblingsenkel auf Wochenendbesuch. Drinnen könnte man sofort das Remake von „Urban Cowboy“ drehen. Zigarettenrauch dämpft das Licht, kein Durchkommen zur Bar. Weil es keine Tanzfläche gibt, wirbeln bärtige Kerle in Holzfällerhemden ihre cowboybehüteten Tanzpartnerinnen im Two-Step zwischen den Tischen herum. Quick, quick, slow, slow. Ein Wunder, dass dabei kein Bier umfällt. Acht Musiker drängen sich auf und um die winzige Bühne. Der Kontrabass von Band-­Gründer Carter Brallier kratzt fast an der niedrigen Decke. Die „Ice Cold Pickers“ spielen jeden Sonntagabend. Eintritt frei, Trinkgeld gern gesehen. Sie sind mehr Clique als Band: Nash­villes jüngste und beste Studiomusiker und Solokünstler, atemberaubend begabt, gnadenlos charmant. Bei Santa treffen sie sich, um ihren musikalischen Helden die Ehre zu erweisen. Die ersten Songs bestreiten sie zu acht, dann holen sie Leute aus dem Publikum dazu: befreundete Sängerinnen, Songschreiber auf Durchreise, Gitarristen, bis fast jeder mal dran war. Die ­kleine Bar birst vor Talent, die Augen tränen. Ist nun der Rauch schuld oder die sanfte Stimme von Ben Haggard, dem Sohn der Country-Legende Merle? Egal. Am Ende geht es nur um große Songs. Und um einen Sound, der Generation um Generation überdauert. Um Zeilen, die noch nachhallen, wenn längst alle Bierdosen eingesammelt sind und der Boden gefegt ist. Hier in Nashville werden diese Songs geschrieben.

Feine Sachen: Die regionalen Gerichte im Butcher & Bee sind zum Teilen gedacht

Feine Sachen: Die regionalen Gerichte im Butcher & Bee sind zum Teilen gedacht

© Matthew Johnson
auf der Cumberland River Pedestrian Bridge gönnt man sich etwas Ruhe – natürlich mit Cowboyhut

Auf der Cumberland River Pedestrian Bridge gönnt man sich etwas Ruhe – natürlich mit Cowboyhut

© Matthew Johnson

Hier spielt die Musik: Nashville-Highlights

Ankommen

Von Künstlern gestaltete Zimmer und wechselnde Ausstellungen gibt es im 21c.

21cmuseumhotels.com

buntes treiben

The Idea Hatchery ist eine kleine Shopping-Meile lokaler Designer.

theideahatchery.net

Showroom

Von Elvis bis Johnny Cash – Designer Manuel hat schon etliche Stars eingekleidet.

manuelcouture.com

Rock’N’ROLL

Im Club The 5 Spot gibt es Livemusik, gute Drinks und Nachos – mehr braucht keiner.

the5spot.club

 


Zum Ziel

Lufthansa fliegt bis zu zweimal täglich von Frankfurt (FRA) und täglich von München (MUC) nach Chicago (ORD). Weiter geht es mit United Airlines nach Nashville (BNA). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App: Download unter
miles-and-more.com/app