Street Art in Athen
© Paulina Hildesheim

Die Stadt als Leinwand

  • TEXT AILEEN TIEDEMANN
  • FOTOS PAULINA HILDESHEIM
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Viel mehr als Antike, wenn’s um Kunst geht: Street-Art-Künstler haben Athen in eine Freiluft-Galerie verwandelt, ein neues Museum der Moderne gibt es auch.

Während der Rushhour bekommt Leonardo da Vincis Abendmahl an der Pireos Street besonders viel Aufmerksamkeit. Es erstreckt sich direkt neben der Fahrbahn auf 100 Meter Länge an der Wand eines alten Straßenbahndepots, in dem kürzlich eine Ausstellung zu Ehren des Renaissance-Künstlers stattfand. Gleich daneben folgen die Augen der Mona Lisa dem vorbeirauschenden Verkehr. Beide Werke stammen von INO, Griechenlands bekanntestem Graffiti-Künstler, den keiner kennt, obwohl seine großformatigen Murals außer in seiner Heimatstadt Athen auch anderswo Bauten schmücken: Zyperns Parlamentsgebäude in Nikosia etwa, Fassaden in Reykjavík und Miami. Doch es existiert von INO kein einziges Foto im Netz – deshalb schenkt ihm auch niemand Beachtung, als wir abends durch die Straßen des Ausgehviertels Gazi laufen. Allein die Farbkleckse auf seinem Jogginganzug könnten Eingeweihten verraten, wer er ist. Es tue aber nichts zur Sache, wie er aussieht, findet der Mittdreißiger mit den raspelkurzen Haaren und dem sanften Augenaufschlag, obwohl seine Zeiten als illegaler Sprayer zehn, 15 Jahre zurückliegen. Es werte Kunst aber ab, meint er, wenn man die eigene Persönlichkeit in den Vordergrund stelle.

Künstler inkognito: Niemand weiß, wie INO aussieht, aber seine Murals sind allgegenwärtig

 Das „Abendmahl“ ist nicht nur das neueste Werk von INO, sondern auch sein bislang aufwendigstes. Genau 117 Stunden habe er gebraucht, um es mit einem Farbroller an einer Teleskopstange aufzutragen. Er deutet auf die Schwielen an seinen Händen und erzählt, dass er sich für seine Kunst mit Krafttraining fit hält. Er habe sogar einen Kletterkurs absolviert, damit er sich an Häuserwänden abseilen könne. Wozu dieser Aufwand, warum malt er nicht einfach auf Leinwände? Weil er einer größeren Öffentlichkeit etwas mitzuteilen habe, so INO, seine Werke hätten immer einen tieferen Sinn. Deshalb fehle in seiner Version des Abendmahls Jesus in der Mitte. Was das bedeutet, könne jeder für sich selbst interpretieren.

„Die Finanzkrise hat die Kreativität in Athens Straßen explodieren lassen“, sagt der Grafiker und frühere Sprayer Nikos Tongas vom Tourenanbieter Alternative Athens, der uns am nächsten Tag auf einem Street-Art-Rundgang durch die griechische Hauptstadt führt. „In schwierigen Zeiten ist das Bedürfnis der Menschen besonders groß, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen“, sagt der 37-Jährige. „Kunst bekommt dann eine ganz andere Dringlichkeit. Und dass die Polizei nicht groß kontrolliert, hat zusätzliche kreative Freiräume geschaffen.“ Das Ausgehviertel Psyri gleicht deshalb heute einer riesigen Open-Air-Galerie. Wir folgen Tongas in seinem roten Karohemd über holprige Bürgersteige durch Gassen voller Straßencafés und entdecken in allen Ecken und Winkeln des verkehrsberuhigten Viertels Street-Art: über der Einfahrt eines Parkhauses, auf der Fassade eines halb verfallenen neoklassizistischen Wohnhauses, auf der Rückseite eines Gebäudes über der Platia Iroon. Von dort blicken drei surreal verzerrte Gesichter auf das Treiben auf dem Platz. Das Trio stammt von Alexandros Vasmoulakis, einem der Pioniere der Athener Street-Art-Szene, der inzwischen in Museen weltweit ausstellt. Der grau wirkende Platz wird durch Vasmoulakis’ Werk spürbar belebt.

Mona Lisas Augen hat Street Artist INO gemalt

 „Gut gemachte Street-Art kann eine Gegend aufwerten – und das hat inzwischen auch die Politik begriffen“, sagt Tongas. Er macht uns auf eine Plakette aufmerksam, die hochoffiziell bezeugt, dass das Wandbild darüber von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben wurde. Ein paar Straßen weiter hat das Designhotel Heart of Athens vor einiger Zeit Künstler damit beauftragt, eine ganze Gasse zu bemalen, damit sie ihre Düsternis verliert. Mittlerweile ist die Nika Louka der Selfie-Hotspot des Viertels. „Weil es in Athen immer weniger Graffiti, aber immer mehr Wandgemälde von ausgebildeten Künstlern gibt, akzeptieren auch mehr und mehr Menschen Street-Art“, sagt Tongas. „Alexandros Vasmoulakis und INO haben beide an der Athens School of Fine Arts studiert.“ Und weil es so viele kreative Freiheiten in der Stadt gebe, würden die Stilrichtungen immer vielfältiger werden. „Graffiti kommen hier längst nicht mehr nur aus der Dose“, so Tongas. Im Viertel Metaxourgio rückt er Sperrmüll von einer Wand weg, um ein Bild von Stelios Faitakis freizulegen. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein byzantinisches Kirchengemälde, auf den zweiten offenbart es Straßenszenen aus der Gegenwart. Einzigartig sind auch die „Calligraffiti“ des Athener Grafiker-Duos Blaqk. Inspiriert von arabischer Kalligrafie, tragen sie ihre Werke mit dem Pinsel auf Häuserwände auf. „Vor zehn Jahren war Berlin Europas Street-Art-Hauptstadt – heute ist es Athen“, resümiert Tongas am Schluss unseres kleinen Kunstspaziergangs. „Gleich nach den Akropolis- und Food-Touren sind es die Graffiti-Walks, die bei uns am besten gebucht sind.“

Denker unterm Dach: Das Wandbild des Künstlers INO in Metaxourgio zeigt einen Urvater der Demokratie: Solon, den Gesetzmacher

Athens Bürgermeister Kostas Bakoyannis

 Was sagt denn eigentlich Athens Bürgermeister dazu, dass seine Stadt immer bunter wird?

 Athen sollte nicht nur auf seine Vergangenheit, sondern auch auf seine dynamische Gegenwart stolz sein

Kostas Bakoyannis, Bürgermeister von Athen

Kostas Bakoyannis von der Partei Nea Dimokratia empfängt uns im Rathaus in Jeans und Turnschuhen und mit federndem Obama-Gang. Der 41-Jährige, der erst seit Ende August 2019 im Amt ist, kommt am Konferenztisch in seinem Büro gleich zur Sache: „Man muss zwischen Tagging und Street-Art unterscheiden“, sagt er. „Gegen Tagging, das ja meist nur Kritzelei auf Hauswänden ist, gehen wir vor. Street-Art aber unterstützen wir.“ Seit der Finanzkrise sei die Kunstszene in Athen stark gewachsen. Vor allem junge Leute wollten sich ausdrücken. „Und das fördern wir, denn ich finde, dass Athen nicht nur auf seine glorreiche Vergangenheit stolz sein sollte, sondern auch auf seine dynamische Gegenwart.“ Aber beeinträchtigt es nicht die Meinungsfreiheit, wenn die Stadt reguliert, wie und wo welche Bilder entstehen? „Natürlich besteht die Gefahr, dass einem Raum der Sauerstoff genommen wird, wenn sich die Regierung in Kunst einmischt“, sagt der Bürgermeister. „Deswegen fordern wir von den Künstlern ganz explizit, sich kritisch zu äußern. Athen ist schließlich der Geburtsort der Demokratie. Kunst im öffentlichen Raum gibt Menschen die Möglichkeit, sich neu in ihre Stadt zu verlieben und sie sich wieder anzueignen. Und es gibt hier so viele großartige Künstler. Mein Job als Bürgermeister ist es sicherzustellen, dass sie die nötige Aufmerksamkeit bekommen.“

Blick von der Akropolis

Athen klassisch und modern: Blick von der Akropolis

Mural "Woman in a fish"

In Psyri hat sich der Künstler RUIN mit seinem Werk „Woman in a fish“ über einem Parkhaus verewigt

Goulandris-Museum

Ob Street-Art oder Werke von Picasso & Co. im neuen Goulandris-Museum: Athens Bürgermeister Kostas Bakoyannis ist für alle Kunstformen offen

 Bakoyannis weiß aber nicht nur die Kreativität der Szene zu schätzen, er betont auch die Bedeutung des etablierten Kunstbetriebs für seine Stadt. Erst im Oktober vergangenen Jahres ist Athen mit dem Museum der Basil & Elise Goulandris Foundation um eine Attraktion reicher geworden. Es beherbergt eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen der Welt, aufgebaut von einem Reeder und seiner Frau. In dem Museum in einem vierstöckigen neoklassizistischen Stadthaus im Stadtteil Pangrati sind die ganz Großen der klassischen Moderne vertreten: Gemälde von Pablo Picasso und Vincent van Gogh befinden sich hier in bester Gesellschaft mit Skulpturen von Auguste Rodin, Alberto Giacometti und Edgar Degas. Wie einflussreich die Gönner des Museums einst waren, erkennt man schon an der Kasse: Dort hängt ein Porträt von Elise Goulandris, gemalt von Marc Chagall. Im zweiten Stock ist ein Selbstbildnis von Cézanne zu sehen, das ihr Mann einst auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Er starb 1994, seine Frau im Jahr 2000, der Stiftung hinterließen sie Meisterwerke im Wert von geschätzt 2,7 Milliarden Euro. Zu den berühmtesten zählen van Goghs „Olivenernte“ und Claude Monets „Kathedrale von Rouen“. Das vermögende Ehepaar investierte aber auch in zeitgenössische griechische Kunst; Malern wie Tassos Mantzavinos oder Maria Filopoulou ist das vierte Stockwerk des Museums gewidmet.

Kennt jede bemalte Wand der Stadt: Street-Art-Experte Nikos Tongas führt Touristen zu den besten Murals in Athen

Perfekte Komposition: Street-Art-Künstler INO hat sein Wandbild „Freedom for Sale“ in Gazi genau auf die Form des Gebäudes abgestimmt

 Wir verlassen Athens jüngste Kunst-Schatztruhe und steuern den Ort an, an dem Kunst von morgen entsteht: die Athens School of Fine Arts. Die staatliche Kunsthochschule residiert in einer ehemaligen Baumwollspinnerei am Stadtrand und war einer der wichtigsten Ausstellungsorte während der gemeinsamen documenta 2017 in Kassel und Athen. Wir wollen mit dem Direktor Nikolaos Tranos sprechen, der als Street-Art-Fan gilt. Der 62-Jährige mit dem grau melierten Haarknoten empfängt uns in einem Büro voller abstrakter Skulpturen – und redet auch gleich Klartext, als wir auf das Goulandris-Museum zu sprechen kommen. „Ich finde es gut, dass in Athen jetzt auch Meisterwerke von Picasso oder van Gogh zu sehen sind – aber die Auswahl an zeitgenössischer griechischer Kunst repräsentiert nur den Geschmack der Sammler und hat nichts mit der Realität zu tun“, kritisiert Tranos.

Street-Art-Fan: Nikolaos Tranos, Direktor der Athens School of Fine Arts

Die Wände der Kunsthochschule sind mit Graffiti-Kunst übersät

 Der Hochschulchef selbst bezeichnet sich als „Archäologen der Gegenwart“. Um sich ein Bild von der gegenwärtigen Ästhetik Athens zu machen, hat Tranos für ein Kunstprojekt fünf Jahre lang mit dem Kugelschreiber mehr als 200 Graffiti in den Straßen Athens abgezeichnet. Mit all den Kriegerstatuen und Dichterköpfen, die in vielen Städten noch heute herumstünden, könne er dagegen nichts anfangen. „Die verraten doch nichts darüber, was die Leute zu sagen haben“, findet er. „Straßenkunst aber ist Wahrheit, deshalb müssen wir sie bewahren.“ Wie wichtig es für die Stadt sei, dass gerade der künstlerische Nachwuchs sich in ihren Straßen verwirklichen kann, hat der Direktor der Kunsthochschule dem neuen Bürgermeister natürlich auch schon nahegebracht. „Als Kostas Bakoyannis zehn Tage im Amt war, haben wir uns getroffen“, erzählt Tranos. „Und ich habe ihm gesagt: Die Street-Art brauchst du nicht zu bekämpfen, die bringt Touristen in die Stadt. Deswegen haben wir auch über mögliche Kooperationen mit der Hochschule für mehr Murals im öffentlichen Raum gesprochen.“ Taggings hält Tranos übrigens für genauso relevant wie Street-Art. „Mich interessieren vor allem die schnell hingesprühten Graffiti, die keinem Konzept folgen, sondern unmittelbar der Seele entspringen.“ Man dürfe die Kunst der Straße deshalb auch nicht akademisieren, gar zum Lehrinhalt machen, wenn sie frisch bleiben solle. Und selbstverständlich habe er seinen Studenten auch untersagt, das Hochschulgebäude zu bemalen. Trotzdem sind Wände, Gänge, Spinde, ist sogar die Kantine mit Graffiti übersät – und Tranos’ Schmunzeln lässt erahnen, dass genau das sein Ziel war.

Schlafen, essen, entdecken:
Tipps für den Athen-Trip


NEUE SICHTWEISEN

Wer den Guides von Alternative Athens folgt, sieht die Stadt aus anderen Blickwinkeln.

alternativeathens.com

NEUE GESCHMÄCKER

Das Restaurant im Hotel Ergon House ist wie ein Marktplatz angelegt. Es werden Spezialitäten wie Zucchini-Bällchen oder gegrillter Oktopus serviert.

house.ergonfoods.com

NEUES HOTEL

Boutiquehotel im Gassengewirr der Plaka. Tipp: Zimmer mit Akropolis-Blick buchen.

urbanframehotel.com

NEUES ENTDECKEN

Discover Greece, das Online-Portal der gemeinnützige Organisation Marketing Greece, gibt Griechenland-Tipps.

discovergreece.com


ZUM ZIEL

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SERVICE & TIPPS

Service und Tipps zur Destination bietet der digitale Lufthansa Travel Guide unter lh-travelguide.com